Sozialismus in 300 Meter Tiefe

Zehn Jahre Tower Colliery Im walisischen Kohlerevier gibt es noch eine Zeche. Sie wird von den Bergarbeitern verwaltet, die ihren Job behielten, weil sie etwas riskierten

Die Zeche liegt hoch am Berg, und wäre sie nicht in einer Mulde versteckt, würde sie das Tal dominieren. Vier Kilometer von Hirwaun entfernt, dem nächsten Ort, steht der Förderturm, um ihn herum haben sich ein paar Baracken gruppiert - die Umkleideräume, die Kantine und das kleine Verwaltungsgebäude. Hier sitzt manchmal der Direktor der Zeche, der Genossenschaftsvorsitzende, der eine Idee verkörpert, die einst viele für völlig utopisch hielten. Tyrone O´Sullivan, ein bulliger Typ, Anfang 60, seit 45 Jahren Bergmann, fuhr mit 15 zum ersten Mal in den Berg und war über 20 Jahre lang Gewerkschaftsvorsitzender von Tower Colliery - der Zeche, der er nun vorsteht.

O´Sullivan hat alle Streiks der vergangenen Jahrzehnte mitgemacht und versteht sich als Sozialist. "Wir zeigen, dass der Sozialismus funktioniert, dass Arbeiter die Betriebe übernehmen und davon leben können, denn ein Unternehmen, in dem die Belegschaft die Manager kontrolliert, ist immer effizienter als eine Firma, in der die Bosse alles einsacken - das Wissen steckt in denen, die einfahren, und nicht im Direktorium."

Uns geht es nicht um den Gewinn von heute, sondern um die Jobs von morgen

Das sind nicht nur große Sprüche, wie die Zahlen zeigen, die O´Sullivan auf den Tisch legt: Seit Tower Colliery im Besitz der Belegschaft ist, stieg die Fördermenge von 450.000 auf 650.000 Tonnen Kohle im Jahr und die Zahl der Genossenschaftsmitglieder von 239 auf 320. Der Umsatz liegt bei umgerechnet 42 Millionen Euro, und die Arbeiter erhalten für walisische Verhältnisse einen Traumlohn: im Schnitt 45.000 Euro im Jahr. "Wir könnten mehr verkaufen", sagt O´Sullivan, "wir sind international wettbewerbsfähig, der Bedarf ist groß, und wir exportieren bereits nach Belgien, Frankreich und Irland."

Warum fördern Sie dann nicht mehr, Mister O´Sullivan? "Weil wir langfristig denken und nicht auf kurzfristige Profite aus sind. Jede Zeche hat mit ihren Kohleadern eine begrenzte Lebensdauer. Uns geht es nicht um den Gewinn von heute, sondern um die Jobs von morgen."

So haben O´Sullivan und andere um ihn herum auch früher schon gedacht. 1984/85, beim großen Kampf der Bergarbeiter gegen das Diktat der Zechenschließungen von Margret Thatcher, blieben die Beschäftigten der damals staatlichen Tower Colliery länger im Streik als alle anderen. Sie widersetzten sich bis Anfang 1994, als die Regierung die Stilllegung der Zeche bekannt gab und hinhaltender Protest ein hoffnungsloses Unterfangen schien. 1985, nach dem Ende der großen Streiks, hatte es in Südwales, einer der ältesten Bergbauregionen der Welt, noch 22.000 Bergleute und 27 Zechen gegeben - 1994 hielten nur noch die traditionell militanten Kumpel der Tower Colliery durch.

Sie trugen den Kampf um ihre Jobs ins ganze Land, reisten in die Großstädte, organisierten Kundgebungen und zogen unter dem Motto "Save our Jobs!" in einem langen Marsch von Hirwaun nach London, während die Bergarbeiterfrauen mit einem tagelangen Sit-In die Sohle besetzt hielten. Mehrmals lehnte die Belegschaft die ihnen angebotene Abfindung ab, bis die Regierung im April 1994 mit einem Junktim aufwartete: Entweder der Jobverzicht und eine Entschädigung von 26.000 Euro werden sofort akzeptiert oder es gibt eine allgemeine Kündigung mit einer weitaus geringeren Abfindung - die Entscheidung der Mehrheit von Tower Colliery war klar.

Aber nicht alle wollten die Niederlage damals einfach so hinnehmen - schon gar nicht Tyrone O´Sullivan, dessen Vater 1963 bei einer Explosion in der Zeche umgekommen war. So tauchte spät nachts in einer Kneipenrunde die Idee auf: "Die Tories wollen die Mine an Private verhökern - warum kaufen wir uns die Zeche nicht einfach zurück?" Ja, warum eigentlich nicht? Eine Vollversammlung der gerade entlassenen Bergleute war schnell einberufen. Fast alle erklärten sich bereit, einen Teil ihrer Abfindung in eine mögliche Übernahme zu stecken. Doch um als seriöse Unternehmer auftreten zu können, wurde eine anerkannte Beratungsfirma gebraucht, die in der Lage war, einen detaillierten Finanzplan vorzulegen. "Da habe ich wohl die klügste Entscheidung meines Lebens getroffen", erinnert sich O´Sullivan. Er überzeugte seine Kollegen, sich ausgerechnet an jenes Unternehmen zu wenden, das den Konservativen recht nahe stand und die Thatcher-Regierung während der Streiks 1984/85 und bei der Beschlagnahme von Gewerkschaftsgeldern beraten hatte: Price Waterhouse - wenn die Regierung jemandem traut, dann denen, argumentierte O´Sullivan.

Irgendwann dachten alle: Kriegen die ihre Zeche nicht zurück, gibt es einen Aufstand

Der Consulting-Konzern akzeptierte den Auftrag und ließ sich sogar auf einen Deal ein: Sollte die Übernahme scheitern, würde man sich mit 40.000 Euro Honorar zufrieden geben. "Im Erfolgsfall haben wir ihnen jedoch den anderthalbfachen Satz ihrer Gebühren versprochen: knapp 450.000 Euro statt der veranschlagten 300.000", erzählt O´Sullivan. "Nach ein paar Wochen wünschten sich die Tory-Freunde noch mehr einen Erfolg als wir."

Auch von anderer Seite erhielten die Genossenschafter Hilfe. Der frühere Chef der staatlichen Kohlebetriebe von Wales entwickelte einen Förderplan, andere Ex-Manager vermittelten Kontakte zu Banken und Kohlekraftwerken. Potenzielle Abnehmer fanden sich schnell: In Tower Colliery wird Anthrazit gefördert, eine schwefelarme Kohle von hohem Brennwert. Ein Stahlunternehmen unterzeichnete einen Fünfjahresvertrag, ein Stromkonzern der inzwischen ebenfalls privatisierten Elektrizitätsindustrie orderte Kohle für drei Jahre, Stadtverwaltungen zeigten sich interessiert. Innerhalb weniger Wochen kamen Vorverträge im Wert von umgerechnet 28 Millionen Euro zustande, mit denen die Behauptung der regierenden Konservativen widerlegt wurde, für britische Kohle gebe es keinen Markt mehr.

Da aber selbst ausgefeilteste Gutachten oftmals nicht reichen, um ein unorthodoxes Vorhaben auf den Weg zu bringen, organisierten die Bergleute von Tower landauf, landab zahllose Veranstaltungen, bis alle wussten, worum es ging. "Die veranstalteten einen Riesenwirbel", beschreibt Huw Beynon, Direktor der School of Social Science an der Universität von Cardiff und wohl der beste Kenner der britischen Kohleindustrie, den damaligen Ausbruch aus Duldsamkeit und Apathie - "und irgendwann dachten alle: Kriegen die ihre Zeche nicht zurück, gibt es einen Aufstand."

Dazu kam es nicht. Im Oktober gab die Regierung dem Tower-Kollektiv den Vorzug vor zwölf anderen Bewerbern, die sich gleichfalls für die Zeche interessiert hatten. Am 23. Dezember 1994 unterschrieb O´Sullivan den Vertrag, 24 Stunden später gehörte die Zeche den Bergarbeitern, am 2. Januar 1995 zog eine große Menge höchst erfreut von Hirwaun zur Grube hinauf - die Kumpel, die jetzt Genossenschafter waren, ihre Frauen, die acht Monate zuvor den Schacht besetzt hatten, die Kantinenbelegschaft, die Leute aus den umliegenden Tälern, die unter dem unaufhörlichen Zechensterben gelitten hatten. Vorneweg das Banner der Bergarbeitergewerkschaft NUM, kurz dahinter die Brass-Band der Zeche mit der Internationale und Britanniens Arbeiterhymne The Red Flag. Sie feierten den kleinen Sieg im Meer der Niederlagen.

Und erfolgreich ist das Projekt bis heute geblieben. Trotz der hohen Löhne erzielt die Genossenschaft einen Gewinn von derzeit mehr als vier Millionen Euro im Jahr. Ein Teil der Rücklagen wird für Investitionen verwandt, worüber die vierteljährlich tagende Versammlung der Genossenschafter entscheidet. So entstand beispielsweise eine neue Fabrikationsanlage für Briketts, für die je nach Kundenspezifikation ein bestimmter Anteil von Biomasse (etwa Sägemehl) der Kohle beigemischt wird (zwölf neue Arbeitsplätze sind dadurch entstanden). Tower gilt außerdem als sicherste Zeche in Britannien - bis heute kam es zu keinem nennenswerten Unfall. Schon die Gewerkschaftsvertretung sorgt dafür, dass sich daran nichts ändert.

Und doch ist die Existenz der Grube gefährdet. Augenblicklich liefert die Genossenschaft eine halbe Million Tonnen, also fünf Sechstel ihrer Jahresförderung, an das alte Kohlekraftwerk von Aberthaw. "Viel hängt davon ab, ob es denen gelingt, die Kohleverbrennung so zu modernisieren, dass der Kohlendioxid-Ausstoß Kyoto-gerecht ausfällt", meint O´Sullivan. Pläne für eine Umrüstung seien vorhanden. Auf die, hofft er, könne die britische Stromwirtschaft angesichts ihrer Abhängigkeit von der Kohle (vgl. Kasten) kaum verzichten.

Ein anderes Problem sind die nur noch begrenzten Vorkommen. Der Schacht der 200 Jahre alten Tower Colliery reicht 300 Meter tief, der Hauptstollen musste jedoch sieben Kilometer weit in rund 800 Meter Tiefe getrieben werden. "Die nächsten fünf Jahre sind gesichert. Wenn wir genug Geld für Investitionen auftreiben können, reicht es sogar für weitere acht."

Und dann? "Wir werden sehen", lacht O´Sullivan, "zur Zeit planen wir einen Öko-Park auf unserem Gelände, der schafft vielleicht neue Arbeitsplätze. Und wenn nicht, haben wir zumindest vielen gezeigt, was möglich ist. In den letzten Jahren haben uns mehrere Belegschaften konsultiert, darunter Bergarbeiter aus Südafrika, Indien, der Ukraine. Vielleicht setzen die unser Modell fort."


Britanniens Kohlebergbau hätte eine Zukunft, wenn es ihn noch gäbe

Tower Colliery, die letzte Kohlezeche in Wales, ist seit der Stilllegung der letzten Zeche von Selby Ende Oktober nur noch eine von neun Gruben in Britannien überhaupt. Vor 20 Jahren, nach Ende des großen Bergarbeiterstreiks, hatte es im Land noch knapp 180 Bergwerke und rund 170.000 Kumpel gegeben - heute zählt die einst mächtige Bergarbeitergewerkschaft NUM noch 2.000 aktive Mitglieder. Die Gesamtfördermenge im Untertagebau sank in diesem Zeitraum von über 100 Millionen auf rund 16 Millionen Tonnen Kohle im Jahr. "Für britische Kohle gibt es keinen Markt mehr", so hatte die konservative Regierung in den achtziger Jahren ihr Zechenschließungsprogramm begründet.

Doch das hat sich geändert. In den vergangenen Jahren sind die Marktpreise kontinuierlich nach oben geklettert. Eine Tonne Kohle bringt den Produzenten heute umgerechnet 65 Euro, doppelt so viel wie vor fünf Jahren. Gründe für diesen Preisanstieg liegen im Verhalten Chinas, das angesichts des Eigenbedarfs keine Kohle mehr exportiert, und in den enorm gestiegenen Frachtkosten. In Großbritannien wird seit Jahren auf billige Importkohle aus Australien, Südafrika, Polen, Kolumbien und den USA gesetzt. Fast die gesamten Einfuhren und 55 Prozent der im Land geförderten Kohle dienen der Stromerzeugung, denn knapp ein Drittel der Elektroenergie wird aus Kohle gewonnen - 40 Prozent aus Gas, 23 Prozent aus nuklearem Brennstoff. Der britische Kohlebergbau hätte eine Zukunft, wenn es ihn noch gäbe.

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00:00 07.01.2005

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