Sozialpartner oder Gegenmacht?

Kommentar Noch nie war die IG Metall so einsam wie heute

Wenn man nur auf die Prozente schaut - 1,2 oder 4,0 -, erscheint die aktuelle Schärfe der Tarifauseinandersetzung in der Metall- und Elektroindustrie auf den ersten Blick unverständlich. Aber es geht nicht nur um Lohnprozente, sondern um die Ausdehnung der Arbeitszeit und eine weitere Zurückdrängung der Gewerkschaften. Die Arbeitgeber wollen die 40-Stunden-Woche wieder als Norm für das Monatsentgelt einführen. Das ist kein spitzfindiger Unterschied. Es geht um richtig viel Geld - über 14 Prozent weniger, wenn nach der Arbeitgeberforderung die Arbeitszeit unbezahlt auf 40 Wochenstunden verlängert wird. Es geht darum, ob die IG Metall einmal erkämpfte Standards noch halten kann gegen die geballte Macht von Kapital, Parteien und Medien.

Noch nie waren die Gewerkschaften so einsam wie heute. Die Industrie hier zu Lande ist Exportweltmeister. Geworden ist sie das auch durch die Sozialpartnerschaft, die spezielle deutsche Form des Interessenausgleichs zwischen Kapital und Arbeit. Sie hat es dem Kapital ermöglicht, ständig die Produktivität zu steigern und gleichzeitig die Lohnstückkosten im Verhältnis zur internationalen Konkurrenz zu senken. Der Preis, den das Kapital dafür gezahlt hat: die Akzeptanz der Gestaltungsmacht der Arbeitnehmerorganisationen in den industriellen Beziehungen; flächendeckende Tarifverträge, die Standards setzen und einen Niedriglohnsektor verhindert haben. Für die Beschäftigten bedeutete dies einen bescheidenen Anteil am gesellschaftlichen Reichtum - auch wenn aus der gerechten Umverteilung nie etwas geworden ist.

Die Trendwende kam 1995. Seither sinken die Reallöhne und mit ihnen die Kaufkraft. Der Anteil der Einkommen aus unselbstständiger Arbeit am Sozialprodukt nimmt von Jahr zu Jahr ab - und das für jeden persönlich fühlbar: Wenn eine Aushilfe vor über 20 Jahren bei der Post schon 13 DM die Stunde für das Austragen von Briefen bekam, können Studenten in München inzwischen froh sein, wenn sie sechs Euro die Stunde verdienen. Und aus den neuen Bundesländern wird von Stundenlöhnen im Handel berichtet, die Forderungen nach einem gesetzlichen Mindestlohn auf die Tagesordnung setzen.

Für das Kapital ist die Sozialpartnerschaft in ihrer bestehenden Form überflüssig und teuer. Einfache wie qualifizierte Arbeitskräfte gibt es in Europa wie in Asien im Sonderangebot. Zugeständnisse an die Belegschaften in Deutschland und die IG Metall erscheinen den Metall-Arbeitgebern in der jetzigen Tarifrunde daher unnötig. Die fehlende Binnennachfrage interessiert sie nicht, denn die Welt ist ihr Markt.

Für die IG Metall wie für die anderen Gewerkschaften ist es eine schmerzliche, bittere Erfahrung, nicht mehr wie bisher gebraucht zu werden. War man einst akzeptierter Partner von Kapital und Politik, ist jetzt eine Neubestimmung angesagt: weniger Ordnungsfaktor sein, sondern mehr Gegenmacht.


00:00 06.02.2004

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