Sebastian Dörfler
Ausgabe 1914 | 13.05.2014 | 06:00 33

Sparkurs gleich Crashkurs

Hegemonial Erst wenn wir nicht mehr an die Austerität glauben, werden wir aus der Krise finden, sagt der britische Soziologe Richard Seymour

Sparkurs gleich Crashkurs

Bild: Eric Thayer / Getty

Es ist das sechste Krisenjahr und Richard Seymour, Soziologe an der London School of Economics, ist ziemlich „fucked off“. Nicht einmal darüber, dass von einer linken Alternative immer noch nichts zu sehen ist. Vor allem darüber, dass die meisten noch nicht einmal verstanden haben, was unter dem Label „Austerität“ derzeit in immer mehr Ländern vor sich geht. Was tun, fragt sich Seymour schon eine ganze Weile auf seinem Blog leninology.com, der eine wichtige Adresse für die neue Linke in England ist. Der Weg aus der Bedeutungslosigkeit hin zu einer zielführenden Beschreibung der Wirklichkeit führt (auch) für ihn über Antonio Gramsci.

Mit dem Begriff der „Hegemonie“ hatte der italienische Kommunist einen Weg gefunden, die Führung einer bestimmten Klasse nicht einfach aus den ökonomischen Verhältnissen abzuleiten. Entscheidend ist für Gramsci, ob und wie es einer gesellschaftlichen Gruppe gelingt, bestimmte Denkmuster und Verhaltensweisen im Alltagsleben zu etablieren. Das Ganze funktioniert nur, wenn die Menschen mitmachen.

Breites Bündnis

Analog will Seymour nun in seinem neuen Buch Against Austerity. How We Can Fix the Crisis They Made zeigen, wer es wie geschafft hat, dass wir die aktuelle Krise als eine der zu hohen Staatsschulden interpretieren, und meinen, dass gespart werden muss, um sie zu lösen – und zwar vor allem auf Kosten der sozial Schwachen. Natürlich ist Seymour nicht der einzige Theoretiker, der die staatliche Sparpolitik hart anklagt. In den Blättern für deutsche und internationale Politik kann man von Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman gerade ein feuriges Pamphlet mit dem Titel „Wir sparen uns zu Tode“ lesen. Krugman bezieht sich auf John Maynard Keynes, der schon vor rund 30 Jahren das Bonmot geprägt hat, dass „der Aufschwung, nicht der Abschwung,“ der richtige Zeitpunkt sei, um zu sparen. Auch Seymour macht schnell klar, dass „Austerität,“ gar kein neues Teufelszeug ist. Sondern ein lange erprobter Krisenmodus des Neoliberalismus. Letzterer beschreibt nicht etwa den „Rückzug des Staats“, oder einen neuen „Marktradikalismus“, wie immer wieder zu lesen ist. Sondern einen organisierten gesamtgesellschaftlichen Umbau, wie er in den 70er Jahren begann.

Bis dahin waren Profite über das Wachstum nationaler Großindustrien, steigende Löhne und den damit verbundenen Massenkonsum sichergestellt. Mit zunehmender internationaler Konkurrenz kam dieses Modell an seine Grenzen. Einer breiten Koalition aus Wissenschaft, Wirtschaft, Banken und Politik gelang es (schon damals), die Krise als eine der zu hohen Staatsausgaben und überzogenen Gewerkschaftsansprüche darzustellen. Auch im Europäischen Einigungsprozess setzten sich entsprechende Maßnahmen durch: Öffentliche Ausgaben und Löhne wurden gekürzt, nicht mehr die Binnennachfrage, sondern der Exportmarkt wurde entscheidend. Massenkonsum und Wachstum basierten so seit Mitte der neunziger Jahre zunehmend auf Schulden.

Klare und populäre Forderung

Die Ungleichheit wuchs weiter, denn für die Kollateralschäden haftete stets die Allgemeinheit. „Austerität“ ist somit kein sozial neutraler Sparkurs, sondern die verschärfte Akkumulationsstrategie der führenden Klasse. Seymour zeichnet diese Strategie im New York der 70er Jahre nach, skizziert sie durch die Thatcher- und Reagan-Jahre und kommt schließlich im Jahr 2011 in Wisconsin an. Der dortige Gouverneur Scott Walker wollte die Defizite seines Staates mit Ausgaben- und Lohnkürzungen und gleichzeitigen Steuersenkungen für die Wirtschaft „lösen“, und dabei das Recht auf Lohnverhandlungen der Gewerkschaften gleich mit abschaffen.

Bis zu 100.000 Menschen gingen gegen seine Pläne auf die Straße und besetzten das Kapitol. Einem breiten Bündnis aus Gewerkschaften bis hin zu militanten Linken gelang es so, die Austeritätspolitik erstmals kollektiv in Frage zu stellen.

Allerdings unterstützten die Gewerkschaften und viele Aktivisten bald nicht mehr die Proteste, sondern setzten unter dem Motto „We are Wisconsin“ auf Neuwahlen. So gaben sie Republikanern, Tea Party, Tabaklobby und konservativen Medien wieder Luft zum Atmen, anstatt mit weiteren Streiks und zivilem Ungehorsam diese Koalition zu spalten. Walker gewann. Doch Wisconsin markiert den Beginn eines Protestzyklus, der gegen die Sparprogramme auf direkte Demokratie setzt und schließlich in die Occupy-Bewegung mündete.

Aus diesen gescheiterten Protesten zu lernen, heißt für Seymour vor allem, die Organisationsfrage neu zu stellen. Er hofft nun auf eine breite Bewegung aus Parteien, Gewerkschaften, Prekären und militanten Gruppen, die im Zweifel eher auf zivilen Ungehorsam und Community-Organizing setzt als auf den parlamentarischen Prozess. Sie müsste die Reste des Wohlfahrtsstaats verteidigen, gleichzeitig aber ein offensives, linkes Projekt aufbauen.

Und das gelingt nur, wenn sich die Linken dem gängigen Austeritäts-Argument (ungefähr: „Wir können Schulden nicht mit Schulden bekämpfen. Also müssen wir sparen und Anreize für neue Investitionen und Wachstum schaffen.“) stellen und ihm eine eigene Antwort entgegensetzen, die lieber an das schlechte Neue als an das gute Alte anknüpft, wie Seymour Bertolt Brecht zitiert.

Auf die Frage, wie all die Ausgaben finanzierbar seien, die Linke immer fordern, sollten diese also nicht bei „Schulden machen“ oder „Reiche besteuern“ stehen bleiben, sondern gleich einen Schritt weiter gehen und auf die Verstaatlichung der Banken setzen. Das sei eine klare und populäre Forderung, die klar mache, wo die Schuldigen sitzen.

Spätestens hier zeigt sich jedoch, dass das schlechte Neue manchmal nur das noch schlechtere Alte ist. „Wir sind die 99 Prozent“ und „Schuld ist die Fed-Bank“ hört man gerade vor allem auf den dubiosen Montagsdemonstrationen. Die besuchen zwar immer mehr Menschen, aber will ein linkes Projekt an diesen simplen Verstand andocken, oder müsste der Bruch vielleicht nicht noch viel grundlegender ausfallen?

Against Austerity. How We Can Fix the Crisis They Made Richard Seymour Pluto Press, 2014, 208 S., 17 €

 

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 19/14.

Kommentare (33)

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Ehemaliger Nutzer 14.05.2014 | 08:44

Irgendwo muss man ja anfangen.

Und die Forderung, Banken zu verstaatlichen, halte ich nicht für die Schlechteste. Ich halte sie für ein gute Parole, dem Privatisierungswahngebilden, die von mächtigen Stiftungen und interessengesteuerten Vereinigungen mit ihrer Fähigkeit zum Brainwashing herbeigevoodot werden, in die Parade zu fahren.

Baken verstaatlichen wäre einfach mal wieder was Rationales, was Reelles und nicht so ein Klamauk, der von Ökonomieschulen über die letzten Jahrzehnte veranstaltet wird.

Mühlenkamper 14.05.2014 | 20:11

Wichtiger wäre, bei den Banken das erforderliche Eigenkapital auf 25% heraufzusetzen (Forderung von Martin Hellwig vom MPI). Aber nicht einmal das gelingt. Die Bankenregulierung ist komplett gescheitert und nicht mal die Finanzmarkttransaktionssteuer ist gekommen. Die Hoffnung auf eine Massenbewegung wirkt seltsam aus der Zeit gefallen mit einer Linken bei 9 % und einer SPD mit einem Gabriel an der Spitze. Die Frage ist vielmehr: Wohin kann man noch fliehen, wenn die Mächte der Finsternis sich am Ende sogar noch militärisch austoben?

JR's China Blog 14.05.2014 | 20:36

Ich schlage vor, wir fangen mit vier Abenden zu je 90 Minuten an der Volkshochschule für alle Interessierten an.

Thema: Geldwirtschaft.

Die Teilnehmer erhalten ein Zertifikat und dürfen für den Rest ihres Lebens die Hälfte Ihrer Haushaltsabgabe an ARD & ZDF einbehalten.

Im Ernst: das wäre ein Anfang.

Der Ruf nach einer Verstaatlichung beruht doch vor allem auf der (irrigen) Vorstellung, der Staat mache es besser als die Privatwirtschaft. Jetzt mal ehrlich: was macht zum Beispiel Sigmar Gabriel oder Wolfgang Schäuble - um nur mal zwei abschreckende Beispiele zu nennen - zu im Sinne des öffentlichen Wohls besseren Sachwaltern der Geldwirtschaft als zum Beispiel Josef Ackermann oder Jürgen Fitschen?

Ein Staat, der den Willen zur Verstaatlichung aufbringt, schafft es genauso gut, für gescheite Gesetze und Verordnungen zu sorgen. Mit besseren Ergebnissen als bei einer Verstaatlichung. Es ist ja nicht so, dass Banker nix können.

In China sind Banken zwar autonomer als früher, aber nach wie vor staatlich. Ergebnis: eine Schattenbankwirtschaft, die vermutlich weltweit ihresgleichen sucht - und staatliche Banken, die ziemlich absurde Projekte finanzieren müssen, weil irgendwelche Provinzfürsten das so wollen.

iDog 14.05.2014 | 22:30

"nehmen wir doch als "staatlich" als Metapher für Gemeinwohlverpflichtung und für "öffentlich kontrolliert".

da bin ich dabei: Ich denke private Geschäftsbanken sind nicht kontrollierbar - unter eigentlich keinen Umständen. Auch unter wesentlich regulierteren Verhältnissen führen Sie zu aus demokrartischem Blickwinkel logischerweise ungewollter Finanzmacht, zu unkontrollierbarem politsichen Einfluss und zu Machtmissbrauch. Geldschöpfung und Zinspolitik gehört in die Hände demokratischer Kontrolle. Erst dann kann soziale Politik möglich werden.

Kleinteilige, dezentrale Geldpolitik hat erhebliche Vorteile vor großen Währungsräumen, da sie den möglichen, politischen Herrschaftsraum über den Hebel Finanzpolitik einschränkt und den lokalen/regionalen Wohlstand fördert, und nicht den einer monopolorientierten Finanzwirtschaft und deren Aktionäre.

Ich sehen das im Moment praktisch am Eusko, der Währung des französischen Baskenlandes, die man zur Sicherung der lokalen Ökonomie vor einem Eurocrash eingerichtet hat. Der Eusko ist eine genossenschaftliche Währung. Sie ist für mich noch nicht das non plus ultra, aber besser als der Euro allemal.

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Ehemaliger Nutzer 14.05.2014 | 23:34

Jetzt mal ehrlich: was macht zum Beispiel Sigmar Gabriel oder Wolfgang Schäuble - um nur mal zwei abschreckende Beispiele zu nennen - zu im Sinne des öffentlichen Wohls besseren Sachwaltern der Geldwirtschaft als zum Beispiel Josef Ackermann oder Jürgen Fitschen?

Ja, was? Oder anders herum gefragt, was macht zum Beispiel Josef Ackermann oder Jürgen Fitschen - um nur mal zwei abschreckende Beispiele zu nennen - zu im Sinne des öffentlichen Wohls besseren Sachwaltern der Geldwirtschaft als zum Beispiel Sigmar Gabriel oder Wolfgang Schäuble, außer das Ackermann und Fitchen den ca. 10fach höheren Jahresverdienst erzielen.Wenn Ackermann mit der üblichen Beam,tenpension und Fitschen sich mit einem Gehalt nach der üblichen Beamtenbesoldung (von der man auch ein sehr gutes Leben führ zufrieden gäben, wäre ich -unter Umständen- bereit, von meiner Forderung nach Verstaatlichung der Deutschen Bank zurückzutreten. :)

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Ehemaliger Nutzer 14.05.2014 | 23:51

Ich schlage vor, wir fangen mit vier Abenden zu je 90 Minuten an der Volkshochschule für alle Interessierten an.

Thema: Geldwirtschaft.

Sie haben Recht mit ihrem Vorschlag. Als Ort dieser Kurse würde ich die Kirchengemeinden vorschlagen, bewegen wir uns doch im Raum der Transzendenz, des Glaubens, des Hoffens, des Vertrauens und der Schuld(en).

Ein Staat, der den Willen zur Verstaatlichung aufbringt, schafft es genauso gut, für gescheite Gesetze und Verordnungen zu sorgen.

Auch da gebe ich Ihnen absolut Recht. Deswegen ist es die vordringliche Aufgabe, den "Staat" zu dem Willen zu verhelfen, die Banken zu verstaatlichen, damit er für für gescheite Gesetze und Verordnungen genügend Ideen einsammelt.

Ich stelle also nach wie vor die Forderung nach Verstaatlcihung der Banken (und so wie so der Energieversorger).

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Ehemaliger Nutzer 15.05.2014 | 08:25

dass mich die Vorstellung, eine Verstaatlichung könne eine Initialzündung zu etwas Besserem sein, unter sonst gleichen Bedingungen nicht teile.

Diese Vorstellung teile ich ebenso wenig.

Ein erster Schritt könnte ja der sein, dass die Bankberatervorsitzenden, die ihren Kunden zu Steuerschlupflöchern verhalfen, ganz automatisch die gleiche Zeit im Knast zubringen müssen, wie diese, nach dem sie aufgeflogen sind.

Wäre doch mal eine Idee?

tlacuache 15.05.2014 | 09:03

..."Ein erster Schritt könnte ja der sein, dass die Bankberatervorsitzenden, die ihren Kunden zu Steuerschlupflöchern verhalfen, ganz automatisch die gleiche Zeit im Knast zubringen müssen, wie diese, nach dem sie aufgeflogen sind.

Wäre doch mal eine Idee?"...

Gute Idee, leider juristisch nicht Wasserdicht, der Bankberater sagte ja nur "Ich habe da so eine Idee, aber legal ist das nicht", er ist also seiner Aufklärungspflicht nachgekommen, später am Abend (Im Puff) sagte der Bankberater dann seinem Kunden noch "Ich kann Ihnen da aber ein Gesamtpaket vermitteln".

Nun, jetzt hast du den Salat, jetzt erkläre mal einem Richter der "Beraterverträge mit Banken hat" dass diese Hinweise nicht ganz Astrein waren bzw. eigentlich strafrechtlich verfolgt werden müssten, nebenbei sind die Staatsanwaltschaften ja auch noch "Weisungsgebunden", d.h., der Innenminister des Landes sass zufaelligerweise im Nebenzimmer, im Puff meine ich...

Wie das im Detail funktioniert habe ich mal mit den Ratingagenturen aufgefisselt, aber da war ich noch jung und hatte den Nerv auf 3 Tage Recherche...

Gruss

iDog 15.05.2014 | 11:35

Es ist völliger Wahnsinn zu glauben es / irgendwas im Bereich der Geldwirtschaft könnte besser werden, wenn man alles beim alten belässt. Da hilft im Moment leider auch keine Volkshochschule. Da wäre wohl eher die Grundschule gefragt. Nur warum wird da nicht die Geldwirtschaft als tragendes Element unserer Gesellschaft behandelt? Diese Frage konnte mir noch niemand befriedigend beantworten - zumal zB. das neue Testeament ja auch behandelt wird, ohne das dies irgend jemanden auch nur ein Jota schlauer macht. Wir fragen uns also zu recht warum dieses Theama auf dem Lehrplan fehlt und wer dafür verantwortlich ist und zu machen ist.

Meine Vermutung : Wenn die Geldwirtschaft allgemein verstanden würden, gäbe es längst keine privaten Geschäftsbanken mehr.

JR's China Blog 15.05.2014 | 12:28

Das mit der Gleichzeitigkeit kriegen Sie nicht hin, Hardob. Muss schon noch jeder Straftat einzeln beurteilt werden.

Ich finde es ziemlich ärgerlich, dass beim Stichwort Bank sofort die Fußnägel hochklappen. Einen Kommunalbankberater habe ich vor ein paar Jahren seufzen hören, dass es ziemlich schwierig sei klug zu bleiben, wenn Kunden (sogenannte "kleine Leute") ständig mit den Mondraten ankämen, die ihnen bei Commerz- oder Deutscher Bank angeboten worden seien, umd damit Druck bei ihrer "Hausbank" zu machen.

Wer Beschiss nachfragt, wird ihn bekommen.

tlacuache 15.05.2014 | 13:26

Ist ja schön, wenn die "Grossbanken X oder Y" den Takt vorgeben, sich nicht strafbar machen weil sie eine Nummer zu Gross fuer den Richter sind und der "Kommunalbankberater" den "kleine Leuten" noch ein besseres Angebot machen muss.

..."Muss schon noch jeder Straftat einzeln beurteilt werden"...

Ich finde auch, die Hochglanzbroschüren sollten bei einer Auflage von 50 000+ in jedem Einzelfall geprüft werden, ob da einer etwa in den Briefkasten gegriffen hat.

Waren wir bei Steuerfluchtmöglichkeiten oder Anlegermöglichkeiten 24.9%+ ?

Na ja, nicht so wichtig.

"Josef Ackermann verteidigt 25-Prozent-Ziel"

Mai 2009 wohlgemerkt, 8 Monate nach Lehman Crash...

WiWo Mai 2012:

..."Schrottpapiere: Banken brauchen 566 Milliarden Dollar zur Absicherung"...

..."Während dies manchen Banken als Nachteil im Wettbewerb sehen, profitieren andere von ihrem Status als „too big to fail“"...

Schon Scheisse ein Kommunalberater zu sein, es ist verständlich das sich ihm die Fußnägel hochklappen.

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Ehemaliger Nutzer 16.05.2014 | 21:45

Ich gebe zu bedenken: politische Entscheidungen folgen letzthin eher dem "wirklichen Leben", als umgekehrt.

Da mag was dran sein. Und ich nutze meine Verbrauchermacht, so gut es irgend geht. Ein Unternehmen, das seine Arbeiter schlecht behandelt, hat es bei mir schwer. Schwer habe ich es freilich auch, noch Angebote von Unternehmen zu finden, die ihre Arbeiter nicht schlecht behandeln. Mein Geld trage ich zur kommunalen Sparkasse, zahle dort redliche 9% für den Dispo und kriege knapp 1% auf meine spärlichen Spareinlagen. Weitere Angebote gucke ich mir nicht einmal von meiner Sparkasse an.

Jetzt abert die Banken: Die wurden von der Leine gelassen. Ob hinter dieser Entfesselung wirlich ein verbreiteter Verbraucherwunsch stand, glaub ich eigentlich nicht. Eher war es die Forderung einiger Weniger, gut Betuchter, die sich ein Perpetuum Mobile permanenten Vermögenszuwachses durch die Politik basteln lassen wollten und basteln ließen mit der nachgeschobenen gesetzlichen Zusatzversicherung, diese Zuwächse von jedem Risiko zu befreien, -Risiken sollen der Allgemeinheit zur Last fallen, Steuerlast sowieso nur in homöopathischer Dosis und schon haben wir ein Paradies für Reiche; Karibik, Jachten, bestes Wetter, schönste Frauen und was das Herz des Großfirmenerben so begehrt. Unddie Macht, die Macht ist auch eine nicht zu verachtende Beigabe. Die Macht, Parlament zu zwingen, Regierungen zu zwngen, Gesellschaften zu zwingen, sich "marktkonform" zu verhalten. Was nichts anderes heißt, als die paradiesischen Zustände bis in alle Ewigkeit zu verlängern. Die Kerhrseite der Medaille heißt, Kürzungen im Gesundheitswesen, Erhöhung der Säuglingssterblichkeit, Rentenkürzung, Verminderung der Lebenserwartung, Senkung der Gehälter im Bildungsbereich, Verdummung der "Massen". Damit die noch leicht daran glauben, dies alles sei ohne Alternative.

Eine Alternatve braucht es aber. Sonst hängt sich das System auf, um einen Begriff aus der EDV zu gebrauchen. Und hat sich das System aufgehängt, dann wird aufgehängt. Das sollte eigentlich zu verhindern sein. Wenn es gelänge, die Baken wieder einzufangen, wäre schon mal ein erster Schritt getan. Aber wie lassensich diese wildgewordenen, am Cäsarenwahn Erkrankten einfangen? Welche Regelung würden sie akzeptieren, von der sie nicht wissen, wie sie diese sofort unterlaufen können um ungerührt ihren fiesen Geschäften weiter nachgehen zu können. Welche?

Keine!

Also hartes Brot: Verstaatlichung des Bankensektors.

JR's China Blog 17.05.2014 | 00:07

Also hartes Brot: Verstaatlichung des Bankensektors.

Bread impossible - wenn ein Staat einer "Privatbank" keine sinnvollen Vorschriften machen kann, kann er sie schon mal überhaupt nicht verstaatlichen.

Und JR redete in einem Gleichnis, um Hardob die Ironie der Verstaatlichungswahnidee zu verdolmetschen:

"Ich kann dich zwar nicht zwingen, deinen Strafzettel zu bezahlen", sprach die arme Politesse zum milliardenschweren Parksünder. "Aber ich kann dich zwingen, mich zu heiraten. Mit Gütergemeinschaft."

tlacuache 17.05.2014 | 05:46

..."Schwer habe ich es freilich auch, noch Angebote von Unternehmen zu finden, die ihre Arbeiter nicht schlecht behandeln"...

Da sind wir bei den 0.01% - Unternehmen, 99.9% der Unternehmen sind im gegenwärtigen Globalisierungszirkus nicht lebensfähig wenn sie ihre Arbeitnehmer "gut" behandeln, da geht es unter anderem darum, dass sich globalisierte Firmen immer die Rosinen rauspicken können um den Regierungen die 45er Magnun "Es sind Arbeitsplätze bedroht" an die Schläfe halten zu können, besonders schön konnte man es bei GM, ääh, Opel Rüsselsheim sehen, wie die "starken" Regierungen Obama - Merkel gegenüber dem Global - Verschiebern verhalten haben.

Ich vergass, die "starke" US - Regierung hat gerade GM zu "ungeheuerlichen" 35 Millionen Dollar Strafzahlung verdonnert, wegen defekter Zündschlösser mit Todesfolgen, ich sage Millionen, nicht Milliarden...

Man kann da durchaus mal beim weissem Haus anklopfen und sagen "Du, ihr könnt uns ja mal zurner Milliardenstrafe verdonnern, aber ich weiss nicht, ob ich dann das eine oder andere Werk daheim zumachen muss und in Kina oofmache"...

Es ist alles so peinlich...

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Ehemaliger Nutzer 17.05.2014 | 20:37

Ein Staat, der Banken verstaatlichen muss, um bestimmte Regeln durchzusetzen, anstatt Regeln zu entwickeln und durchzusetzen? Da hakt's.

sagt ja nichts anderes aus als das Gleichnis mit der armen Politesse.

Es stellt sich da wie dort die Machtfrage.

Der Staat hat sich zur armen Politesse gemacht, der es nur noch möglich ist, den "kleinen" Parksündern die Knöllchen draufzudrücken.

Die Frage ist, wie wird die arme Politesse so attraktiv, dass der milliardenschwere Parksünder sich, sei es aus Liebe, sei es aus Respekt ihr ergibt oder wie erreicht sie eine Stärke, dass er scih gewzungen sieht, sich an die allgemeinen Gesetze im Sinne des gesellschafltichen Gemeinwohls zu halten.

Die Politesse attraktiv zu machen oder sie zu stärken (ohne dass sie danach übergriffig wird), ist eine gewaltige gesellschaftliche Aufgabe. Die anzugehen, braucht es zündende Ideen.

Und da finde ich, die Forderung nach Verstaatlichung des Bankensektors und des Energiesektors, wäre so eine ... zündende .... Idee,

und gebe Seymor recht.

JR's China Blog 19.05.2014 | 06:46

Seymour will mit Hilfe einer Verstaatlichungsforderung einen bisher passiven Bevölkerungsanteil mobilisieren - und genau das funktioniert nicht und steht außerdem im Widerspruch zu seiner Vorstellung, eine breite Bewegung zu schaffen. Jedenfalls in Deutschland.

Denn wer sind denn die Gewerkschafter? Das sind Leute, die sich den monatlichen Beitrag leisten. Bei der Vorstellung, Banken könnten verstaatlicht werden, kriegen die meisten Facharbeiter Ausschlag.

Und der vorletzte und letzte Absatz dieses Artikels deuten ebenfalls an, warum ein Großteil der Öffentlichkeit für das Argument nicht zu haben sein wird. "Wo die Schuldigen sitzen" ist eine Formulierung im Artikel von der ich nicht weiß, inwiefern und wie genau sie Seymour wiedergibt. Aber es ist genau das Argument, von dem ab es in die Hose geht.

Solche Vorbehalte sind kein Duckmäusertum, wie von manchen Montagsdemonstranten gerne unterstellt wird: das ist ein ausgesprochen konstruktives Misstrauen gegen die möglichen Machthaber von morgen.

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Ehemaliger Nutzer 19.05.2014 | 13:05

Ich gebe Ihnen Recht. Dörfler schwächelt ganz ordentlich nach hinten hinaus in seinem Artikel. Die Montagsdemos auch nur zu erwähnen im Zusammenhang mit dem Thema, zeigt wie verwirrt irgendwie Linke im Moment sein können.

Es geht um mehr öffentliche Kontrolle eines Wirtschaftswzweigs, der in der Lage ist, durch einsame Hinterzimmerentscheidungen ganze Gesellschaften an den Abgrund zu führen. Das ist nicht gut, das spüren auch viele Facharbeiter. Das Unbehagen über die unkon trollierte Macht der Banken ist weit verbreitet. Politiker(innen), die sich hinstellen und die Alternativlosigkeit ihres NIchtstuns verkünden, wirken auch nicht mehr so glaubwürdig wie vielleicht noch 2008, als sie versprachen, die Macht der Banken wenigsten zukünftig einzudämmen. Eingedämmert sind aber sie. Sie tun nichts oder viel zu wenig, sie überlassen Entscheidungen den wirtschaftlichen Machtzentralen und schleifen die Demokratie, von der sie mit Macht und Vertantwortung verliehen bekamen, zu Glump. Da wird es Zeit von links zu kommen, Mit der Foderung nach staatlich-gesellsfchaflticher Kontrolle des Großbankensektors und sollte der sich zu arg sträuben, dann ist Verstaatlichung eine Option.

Dass "am Tag danach", möglichen neuen Machthabern mit ausgesprochen konstruktivem Misstrauen gegenüber zu treten ist, versteht sich von selbst.

knattertom 19.05.2014 | 15:06

"Und das gelingt nur, wenn sich die Linken dem gängigen Austeritäts-Argument (ungefähr: „Wir können Schulden nicht mit Schulden bekämpfen. Also müssen wir sparen und Anreize für neue Investitionen und Wachstum schaffen.“) stellen und ihm eine eigene Antwort entgegensetzen, die lieber an das schlechte Neue als an das gute Alte anknüpft, wie Seymour Bertolt Brecht zitiert.

Auf die Frage, wie all die Ausgaben finanzierbar seien, die Linke immer fordern, sollten diese also nicht bei „Schulden machen“ oder „Reiche besteuern“ stehen bleiben, sondern gleich einen Schritt weiter gehen und auf die Verstaatlichung der Banken setzen. Das sei eine klare und populäre Forderung, die klar mache, wo die Schuldigen sitzen."

Die "Schuldigen", das ist ein Duktus, um ausnahmsweise mal mit den Worten der Kanzlerin zu sprechen, der nicht zielführend ist.

Denn wenn jemand schuldig ist, gehört er bestraft!

Von daher ist diese Wortwahl, und vor allem auch ein möglicherweise damit einhergehender Wille zur Vergeltung, m.m.N. abzulehnen.

Letztlich ist es unser aller Schuld, das wir unser Wirtschaft- und Finanzsystem zu einem Selbstbedienungsladen für eine kleine elitäre Gruppe verkommen haben lassen.

Diese Fehlentwicklung zu korrigieren, ist das eine, aber Schuldzuweisung lenken von dem grundsätzlich progressiven und positiven Ansatz ab.

Im übrigen sind die Banken zwar die Sachverwalter, das wären sie als staatliche Institute aber auch, und zwar Sachverwalter einer vollkommen ungerechten Verteilung von Grund und Boden.