Spaß am Krach

Ein Aufstörer Am 20. September wäre der Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich 100 Jahre alt geworden

Im Jahre 1966 porträtiert Alexander Mitscherlich in der Fernsehsendung Report den CDU-Politiker Rainer Barzel als "vorzüglichen Exponenten, ... der alles mit sicherer Hand in den Geleisen hält, in denen es laufen soll", als "Mensch der kommenden Angestelltenkultur", der "nicht Opposition machen", sondern "befördert werden will". Eigenständige Gedanken - "geistige Probierhandlungen" - kann Mitscherlich bei Barzel nicht entdecken. Das Interview löst einen mehrwöchigen Skandal aus. Weil Mitscherlich auch lebensgeschichtliche Daten des Porträtierten streift, wirft die CDU ihm vor, sich über die Regeln der ärztlichen Kunst hinweg zu einer "Ferndiagnose" verstiegen zu haben. Der Bayern-Kurier sieht die Grenze zwischen "Wissenschaft und Scharlatanerie" überschritten: Mitscherlich habe Barzel vor einem Millionenpublikum auf die Couch gezerrt. In Die Unfähigkeit zu trauern liegt ein Jahr später gleichsam die gesamte deutsche Nation auf derselben.

Psychoanalytische Selbsterkenntnis

Da ist es naheliegend, auch Mitscherlichs Leben posthum durch die psychoanalytische Brille zu betrachten: Die Eltern des Einzelkindes sind einander bis zu offener Aggression entfremdet. So prägt vor allem deren zerrüttete Ehe seine "ziemlich unglückliche Kindheit". Der Gedanke an eine Trennung stürzt den Jungen dennoch in "ratlose Angst". Später ist Mitscherlich drei Mal verheiratet, hat mit drei Frauen sieben Kinder. Ob und wie er, der sich anhaltend mit Themen der Väterlichkeit und Vaterlosigkeit auseinandersetzt, selbst die Vaterrolle ausfüllt, darüber ließe sich trefflich spekulieren. Doch im Unterschied zu CDU und Bayern-Kurier hätte Mitscherlich gegen eine solche Betrachtung wohl nichts einzuwenden gehabt, ist doch die Psychoanalyse für ihn zeitlebens Erkenntnismittel auf der "Suche nach der Wahrheit über uns selbst". Selbstverständlich nimmt er sich selbst dabei nicht aus: "Würde ich mein eigenes Leben nach Zeichen sexueller Untaten durchforschen, so käme ich ganz gewiss nicht mit jener Qualifikation davon, die nach dem Zweiten Weltkrieg Anwendung fand, nämlich ›nicht betroffen‹.

Das erste Mal setzt Mitscherlich sich zwischen alle Stühle, als er 1947 im Auftrag der Westdeutschen Ärztekammern als Sachverständiger beim Nürnberger Ärzteprozess anwesend ist. Sein Bericht Das Diktat der Menschenverachtung (zusammen mit Fred Mielke) ist dreißig Jahre lang die wichtigste deutsche Veröffentlichung zur Medizin im Nationalsozialismus und zieht eine zum Teil jahrelange, auch vor Gericht ausgefochtene Kontroverse mit hochrangigen Vertretern der Schulmedizin nach sich. Während Mitscherlich auf einer "zeitgenössische[n] Mithaftung" der Ärzteschaft besteht, pochen die Ärztekammern darauf, dass lediglich 300 bis 400 von etwa 90.000 in Deutschland arbeitenden Ärzten unmittelbar an den Verbrechen beteiligt gewesen seien.

Mitscherlich bringen diese Erfahrungen dazu, sich von einer naturwissenschaftlich orientierten Medizin abzusetzen. Das Dilemma dieser Medizin besteht für ihn darin, dass sie den Menschen zum Objekt macht, kranke Organe anstelle kranker Subjekte behandelt. Mit Viktor von Weizsäckers Schriften zur Psychopathologie und Sigmund Freuds Lehre vom Unbewussten im Gepäck, streitet er in Heidelberg jahrelang für eine psychosomatisch und psychotherapeutisch eingestellte Klinik. Dabei muss er auch die Widerstände der psychiatrischen Ordinarien überwinden. Wie wenig die Psychoanalyse - im Unterschied zu den USA - nach dem Krieg in Deutschland bekannt ist, belegt Mitscherlich zufolge eine Fakultätssitzung: Als er dort den Begriff "Über-Ich" erwähnte, sei ein Kollege in schallendes Gelächter ausgebrochen, weil er ihn für eine spontane lustige Wortbildung hielt.

Auf gleicher Augenhöhe

Ab 1950 wird die Heidelberger Klinik unter Mitscherlichs Leitung zur Keimzelle der Psychosomatik und Psychoanalyse in Deutschland. Die herkömmliche Medizin beschränkt sich auf die Erforschung materieller Krankheitszusammenhänge - folgerichtig weiß der Arzt mehr als der Kranke. "Kehrt man dieses Verhältnis wieder um, mit der Annahme, dass der Sprechende mehr weiß als der Hörende - und in der Krankheit ›spricht‹ der Mensch -, dann bedeutet dies nicht weniger als einen Stilwandel in der Heilkunde im Sinn einer Solidarität, in der die Forschung wieder beiden obliegt, Arzt und Krankem", schreibt Mitscherlich 1948. Demnach hat jede Krankheit einen verborgenen lebensgeschichtlichen Sinn, den Arzt und Patient nur gemeinsam in symmetrischer Kommunikation entziffern können.

Die modernen Sozialwissenschaften sind vielfach von der Psychoanalyse inspiriert. Dabei ist das Verhältnis zwischen beiden nicht spannungsfrei - auf der einen Seite Freud, dem zufolge Soziologie "nichts anderes sein kann als angewandte Psychologie", auf der anderen Seite eine zunehmend empirisch ausgerichtete Soziologie, die Freuds Annahme nicht teilt. Zwischen diesen Polen sucht der Sozialpsychologe Mitscherlich sich zu verorten, wenn er die empirische Sozialforschung wegen geringer oder fehlender Beachtung der Tiefendimension kritisiert; andererseits ist er sich darüber im Klaren, dass die Übertragung individualpsychologischer Erkenntnisse auf die gesellschaftliche Ebene methodologische Schwierigkeiten birgt: "Eine Wahnkrankheit als Einzelfall (...) wird nicht dadurch zum Massenwahn, dass sie statt einmal millionenfach auftritt." Doch gerade weil er nicht Soziologe ist, kann Mitscherlich unterschiedliche und teilweise widersprüchliche Ansätze zusammenführen: Anthropologie und Psychoanalyse, Medizin und Soziologie, konservativen Kulturpessimismus und emanzipatorische Gesellschaftskritik. Seit Anfang der fünfziger Jahre ist Mitscherlich Max Horkheimer und Theodor W. Adorno sowie dem Frankfurter Institut für Sozialforschung freundschaftlich verbunden.

Mit Der Weg in die vaterlose Gesellschaft gelingt Mitscherlich 1963 ein großer Wurf. Neben Helmut Schelskys skeptischer Generation (1957) wird die "vaterlose Gesellschaft" das entscheidende Stichwort in der Selbstbeschreibung der Bundesrepublik.

Väter und Führer

Bereits 1919 sprach der Psychoanalytiker Paul Federn von der "vaterlosen Gesellschaft" und sah in der Abschaffung der Vatergläubigkeit einen Ausweg aus den Katastrophen der Geschichte. Mitscherlich zufolge führt der Verlust väterlicher Autorität, etwa durch wachsende Arbeitsteilung, zu einem gesellschaftlichen Vakuum. Während Federn väterliche Autorität in der Zukunft durch eine "Brudersolidarität" abgelöst sah, bleibt Mitscherlich skeptisch. Er folgt Freud und Gustave Le Bon ("Psychologie der Massen", 1895) und zeigt die Gefahren auf, die aus einem Verlust des Vaterbildes in der "Massengesellschaft" resultieren. Diesen Gefahren - Vereinnahmung durch neue Väter und "Führer" - kann die Gesellschaft ihm zufolge nur durch größtmögliche Emanzipation ihrer Individuen begegnen. Erst in jüngster Zeit hat Mischa Brumlik auf die ganz reale Vaterlosigkeit durch moralische Desavouierung und die Dezimierung der Vätergeneration in beiden Weltkriegen hingewiesen.

In Die Unfähigkeit zu trauern deuten Mitscherlich und seine Frau Margarete Mitscherlich-Nielsen die Bereitschaft der meisten Deutschen, den NS-Staat zu unterstützen, psychologisch als "Verliebtheit in den Führer". Nach 1945 wird das Scheitern des geliebten Führers nicht betrauert, sondern durch "Ungeschehenmachen im Wirtschaftswunder" abgewehrt. So können die Deutschen in den fünfziger Jahren den Nationalsozialismus wie eine "Infektionskrankheit in Kinderjahren" betrachten. Dabei dient die Verleugnung der Realität vor allem dem "Schutz ... des Selbstgefühls vor schroffen Entwertungen". 1992 unterzieht der Psychoanalytiker Tilmann Moser das Buch der Mitscherlichs einer kritischen Revision. Für ihn ist offensichtlich, dass die Psychoanalyse nach dem Krieg nicht darauf vorbereitet war, "den versteinerten Tätern in ihrer Opfer- und Rechtfertigungsidentität einen Raum für Veränderung zu bieten". Ein moralischer Furor, wie er ihn auch bei den Mitscherlichs konstatiert, kann ihm zufolge hier nur scheitern.

Im Interview anlässlich ihres 90. Geburtstages sagte Margarete Mitscherlich-Nielsen, ihrem Mann habe es durchaus Spaß gemacht, gelegentlich Krach zu haben. 1969 erhielt Alexander Mitscherlich den Friedenspreis des deutschen Buchhandels. In seiner Rede Über hergestellte Dummheit plädiert er dafür, "für das Martialische in sich selbst hellhöriger" zu werden. Dabei ist er sich des Widerspruchs bewusst: "Das Martialische ist offensichtlich zuweilen unvermeidlich, aber es bringt zugleich ständig die Gefahr hervor, das Ziel selbst zu werden, statt ein mögliches Mittel zu bleiben."

Zum Weiterlesen:

Martin Dehli Leben als Konflikt. Zur Biographie Alexander Mitscherlichs. Göttingen 2007.

Tobias Freimüller Alexander Mitscherlich. Göttingen 2007.

Hans-Martin Lohmann Alexander Mitscherlich. Hamburg 1987.

Sibylle Drews (Hrsg.): Freud in der Gegenwart - Alexander Mitscherlichs Gesellschaftskritik. Frankfurt a.M. 2006.

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