Späte Scheidung nicht ausgeschlossen

Alltag Immer mehr Frauen im Rentenalter trennen sich von ihren Männern. Nach 40 Jahren Ehe ist das oft ein Befreiungsschlag

Für früh um neun schon haben wir uns bei ihr zuhause verabredet. Aber neun Uhr ist nicht früh für Inge Meinert. Wer ein Arbeitspensum hatte wie sie ein Leben lang, der ist es gewohnt, morgens schnell aus dem Bett zu sein. Drei Kinder hat sie groß gezogen, einen Pfarrhaushalt geführt, als Lehrerin hatte sie eine Halbtagsstelle. Für alle hatte sie ein offenes Ohr: "Nicht verzagen, Inge fragen" war ihr Motto. Und sie bewältigte alles perfekt. Immer war der Kuchen für das Gemeindetreffen schon gebacken, die Haushaltsarbeit schon erledigt.

Auch jetzt, als sie mich in ihr schmales Arbeitszimmer führt, stehen Tee und Kekse schon auf dem Tischchen für uns bereit. Wir waren uns zufällig bei einer Veranstaltung begegnet, und sie hatte beiläufig erwähnt, sie sei seit einem Jahr geschieden. Sie? Eine über siebzigjährige alte Dame? Gut, wie eine "alte Dame" wirkt sie absolut nicht, so mobil und engagiert wie sie ist. Aber trotzdem: Scheidung mit Siebzig? Irgendwie hatte ich gedacht, dass das in dem Alter nicht mehr vorkommt. Oder jedenfalls nicht nach jahrzehntelanger Ehe, in der man jeden möglichen Streit schon hinter sich hat, seinen Lebenspartner bis in den letzten Winkel hinein kennt und einen keine Macke des anderen mehr überraschen kann.

Ja, meint Inge Meinert, das habe sie auch gedacht, dass sie den Menschen kennt, mit dem sie vierzig Jahre gemeinsam verbracht hat. Aber ihr Mann hat ihr bewiesen, dass es immer noch Überraschungen geben kann. Inge Meinerts Überraschung war 23 Jahre jünger als sie. "Ich fiel aus allen Wolken und fühlte mich auf der Erde zerschmettert." Nichts hatte für sie darauf hingedeutet, dass ihr Mann sich unzufrieden in der Ehe fühlte. "Wir hatten uns ja auch gerade die Wohnung hier gekauft, um gemeinsam alt zu werden." Nach einem Urlaub auf Kreta hatte sie sich noch wie eine junge Braut gefühlt und ihn, der etwas länger dort geblieben war, mit Rosen vom Flughafen abgeholt. Da hatte er ihr von der anderen berichtet, die habe einen schöneren Körper und einen beweglicheren. Kein künstliches Hüftgelenk. "Und mit ihr kann ich die Probleme, die mein Mannsein betreffen, ganz anders besprechen" hatte er noch gesagt, der Herr Pfarrer.

Männer!, denke ich und bin erstaunt, wie nett Inge Meinert immer noch von ihrem Ex-Mann spricht. Wie kann er ihr so etwas nach vier gemeinsamen Jahrzehnten unter die Nase reiben und sich mit einer, die seine Tochter sein könnte, davonmachen? Männer!, denke ich.

Für Inge Meinert spielen solche Gedanken keine Rolle. Sie hat auch an Trennung nicht sofort gedacht. Auch damals nicht, als ihr Mann das erste Mal eine andere hatte. Ein halbes Jahr dauerte das, dann hatten sie beide sich wieder zusammengerauft. "Ich stamme aus einer geschiedenen Ehe. Ich war 15 Jahre alt, als mein Vater meine Mutter mit fünf Kindern hat sitzen lassen, wie das damals so schön hieß." Das hat sich so tief in ihre Seele eingegraben, dass ihr nie der Gedanken kam, irgendeine Krise dürfe mehr als etwas nur Oberflächliches bedeuten. Sie war sich sicher, sie und ihr Mann würden jede Klippe nehmen.

Aber diesmal hatte sie keine Chance mehr. Bis ihr das klar war, dauerte es seine Zeit. Ein halbes Jahr wartete sie die Dreiecksgeschichte ab, dann bat sie ihren Mann, auszuziehen, nach einem weiteren Jahr reichte sie die Scheidung ein. "Ich hatte einen Todestraum und wusste plötzlich, ich muss meine Ehe begraben, einsehen, dass sie gestorben ist. Das hat mich befreit, hat mir geholfen, meine Situation zu akzeptieren. Aus! Schluss! Gestorben! Das war natürlich furchtbar hart. Aber mit dieser Erkenntnis bin ich zu meiner Anwältin gegangen."

Scheidung im Rentenalter, so ungewöhnlich ist das nicht. Um 40 Prozent, so verrät das Statistische Bundesamt, hat sich die allgemeine Scheidungsrate in den letzten sieben Jahren erhöht, aber um erstaunliche 70 Prozent stieg die Zahl der Scheidungen bei älteren Paaren. Ob das gleichermaßen für Neue wie für Alte Bundesländer gilt, lässt sich nicht mehr ermitteln. Zumindest für die Behörde wächst zusammen, was zusammen gehört. Vergleiche mit Vorjahren lassen sich nicht mehr anstellen, seit 1995 liefert Berlin seine Zahlen nur noch für Gesamt-Berlin. So lässt sich nur festhalten, dass in Deutschland 1998 rund 3.600 Frauen über Sechzig geschieden wurden.

Scheidung war für die Generation der heute 60-, 70-, 80-Jährigen lange Zeit ein Makel, Trennung bedeutete vor allem für die Frauen soziale Ausgrenzung und finanzielle Not. Heiraten, Kinder kriegen und gemeinsam alt werden, das gehörte einfach dazu zum Leben. Auch wenn man sich auseinandergelebt hatte, blieb man beieinander, hatte ja gemeinsam etwas geschaffen, die Kinder groß gezogen, vielleicht ein Haus gebaut.

Hildegard Reichel (*) ist groß geworden in dem Bewusstsein, dass der Mann das Sagen in der Familie hat. Daran hat sie sich 36 Jahre gehalten. In ihrer kleinen, gemütlichen Wohnung führt sie jetzt die Regie, und fast ein ganzes Zimmer ist reserviert für ihren Zeichentisch. Vor einigen Wochen hatte sie mit ihren Bildern die erste Ausstellung. Den Beruf als Grafikerin musste Reichel bei der Geburt ihres ersten Kindes aufgeben. Oft sind die Kinder im Leben der Frauen die Ursache für eine schleichend zunehmende Isolation und den Verlust der Eigenständigkeit. "Ich bin ja wenig mit anderen Menschen zusammen gekommen. Ich sollte zu Hause bei den Kindern bleiben. ›Die Frau gehört an den Herd‹, so bin ich erzogen worden. Ich habe einfach nicht darüber nachgedacht. Und als die Kinder kamen, war genug Arbeit da, ich hatte ja nicht nur die Kinder, sondern auch den Mann zu versorgen."

Die Schwierigkeiten, die ältere Paare umtreiben, entstehen nicht erst im Alter. In den dreißig, vierzig Jahren des Zusammenlebens haben die Partner sich mit all ihren Schattenseiten kennen gelernt. Und ertragen. "Was fehlte, war auf jeden Fall der Respekt voreinander. Und Höflichkeit. Und Zuhören", erzählt Reichel, "den anderen anhören und nicht gleich abwinken: ›Ach, das ist alles Quatsch, was du sagst!‹, das fehlte bei uns. Wenn es um unsere Beziehung ging, war das Tabu für meinen Mann." Am Ende hat Hildegard Reichel es aufgegeben, ihren Mann zum Reden bewegen zu wollen. Aber es fiel ihr immer deutlicher auf, dass andere Paare netter miteinander umgehen.

Auch sie klingt nicht verbittert, obwohl die Jahre ihrer Ehe eine Tortur gewesen sein müssen. "Ich bin zu Vielem gezwungen worden, selbst zum Sex. Und das war sehr schlimm für mich. Ich hasse ihn nicht, ich will nur nichts mehr mit ihm zu tun haben." So umschreibt sie taktvoll Vergewaltigung und Unterdrückung in der Ehe. Der Faden der Beziehung zwischen den beiden war offenbar schon vor Jahren abgerissen. Der Kinder wegen ist sie geblieben, und dann noch länger, weil es schwer ist, aus dem gewohnten Trott auszusteigen, weil die Schritte in ein Leben als Single erst mal neu gelernt werden müssen. Diese Zeit, sagt Hildegard Reichel, brauchte sie zum Lernen. Zum Lernen, so zu leben wie sie es jetzt tut. Ohne Mann, nach eigenen Regeln.

"Ich habe furchtbar viel verpasst in den Jahren meiner Ehe"

Wie kommt es, frage ich mich, dass man den Menschen, den man vor Jahrzehnten einmal hinreißend und zum Verlieben fand, im anderen plötzlich nicht mehr wiederfindet? Manchmal sind es die Kleinigkeiten, die entzweien. Was einmal witzig war oder sogar charmant, kann irgendwann so auf die Nerven gehen, dass es die Liebe tötet.

Manchmal, so erzählen die Mitarbeiter von Ehe-Beratungsstellen, verstärken sich Probleme wie Alkoholmissbrauch oder Gewalttätigkeit in der Ehe durch die veränderte Situation im Ruhestand. Die Rente ist nicht nur eine Zeit, in der man die Früchte des Lebens erntet und den Lebensabend genießt. Die Fehler und Versäumnisse, die man in der Beziehung gemacht hat, rächen sich. "Von Partnerschaft im eigentlichen Sinne kann häufig bei diesen Alt-Ehen nicht die Rede sein." Gertraud Skowronnek, selbst eine Geschiedene, hat vor 15 Jahren in Berlin die Selbsthilfegruppe FORTE mitgegründet. Frauen in Trennung und Scheidung können hier Unterstützung finden. Auch an sie wenden sich in den letzten Jahren vermehrt ältere Frauen.

Häufig, erzählt sie, ist es die Sexualität, die Männer veranlasst, aus der langjährigen Ehe auszubrechen. "Die wollen ganz einfach die Situation wieder: ›Hallo, die Betten brennen.‹" Dabei macht Gertraud Skowronnek den Eindruck, als könne sie keine diesbezügliche Geschichte mehr aus der Fassung bringen. Es muss nicht immer Fremdgehen sein, sagt sie. Männer auf Rente haben plötzlich viel Zeit. "Das sieht zum Beispiel so aus, dass der Mann sich rund um die Uhr Pornos reinpfeift. Die Frau sagt dann, das kann ich nicht mehr ertragen. Ich gehe raus oder ins Schlafzimmer, lese ein Buch. Aber darüber ist er auch nicht entzückt, weil er meint, vielleicht könnte sich ja was ergeben, wenn ich mitgucke. Aber ich will das nicht." Schlimm findet sie, dass viele der alten Frauen durch die Scheidung gezwungen sind, Sozialhilfe zu beantragen. Das kann dann auch ein Grund sein zu bleiben, weil die Frauen sich schämen oder Angst haben, dass ihre Kinder zur Kasse gebeten werden.

Die Untreue eines Ehepartners, Anlass für Ärger in der Beziehung, ist selten der wahre Konfliktgrund. Nur lässt der sich schwer erforschen, geschweige denn beheben, wenn man mit den Jahren das Reden miteinander verlernt hat. Meist sind es die Männer, die ihr Ungenügen über eine Affäre regeln, meist sind es die Frauen, die nach langer Kränkung die Scheidung einreichen - oft gegen den Willen des Mannes. Was denn die Männer nun eigentlich tatsächlich bewegt, das behalten sie lieber für sich. Selten bis nie führt ihr Weg sie in Beratungsstellen, sie wollen kein Gespräch und gehen oft bald wieder neue Beziehungen ein, weil sie es kaum gelernt haben, alleine zurecht zu kommen. Im Gegensatz zu den Frauen. "Ich guck schon manchmal, und dann denk ich, das ist ein netter Kerl, ist ja schön, dass es auch aufgeschlossene und zugewandte Männer gibt", sagt Inge Meinert. "Aber was soll ich denn noch mit einem Mann, wenn ich mir selbst genug bin?" Auch Hildegard Reichel ist da eindeutig. "Ich bin gern allein, ich brauche keinen Mann. Ich brauche auch niemanden hier in meiner Wohnung, mit dem ich irgendetwas teilen müsste." Der Preis scheint zu hoch, der Preis nämlich, ein Stück der neugewonnen Freiheit wieder aufzugeben. Die Frage nach einem neuen Mann, sagt Inge Meinert, findet sie einfach dumm.

Die Rente ist ein Einschnitt besonderer Art. Obwohl gerade im Alter eine Trennung viel Mut erfordert, ist es zugleich die letzte Chance für Veränderungen, denn Zeit zum Warten hat man nicht mehr. Scheiden tut weh, aber das Ergebnis kann wunderbar sein. "Ich habe furchtbar viel verpasst in den Jahren meiner Ehe. Ich hätte wer weiß wie viel anders machen können. Okay, ganz klar. Das ist auch die tiefe Wunde, die viele Frauen in ihrer Seele tragen. Aber jetzt ist für mich die Chance da, zu tun, was sich für mich noch neu eröffnet. Ich entdecke Lebensqualitäten, auf die ich vorher überhaupt gar nicht gekommen bin." Inge Meinert lacht und schenkt mir noch eine Tasse Tee ein. "Ich habe wirklich ein neues Leben angefangen, ich kann es manchmal gar nicht fassen, es ist wirklich wahr."

(*) Name geändert

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00:00 27.07.2001

Ausgabe 42/2021

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