Späte Suche nach den braunen Wurzeln

Verfassungsschutz Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm das Bundesamt für Verfassungsschutz hochrangige Nazis in seinen Dienst. Erst jetzt lässt die Behörde ihre Geschichte aufarbeiten

Am 26. Februar 1942 schickt SS-Obersturmbannführer Kurt Lischka aus Paris ein Fernschreiben an Adolf Eichmann im Reichssicherheitshauptamt betreffs „Abschub von Juden und Jungkommunisten nach dem Osten“. Lischka mahnt, „im Interesse der Stärkung der deutschen Autorität im besetzten Gebiet“ sei ein schneller „Abschub“ der zwei Monate zuvor verhafteten 1.000 Juden „dringend erforderlich“. Nicht nur werde seine Dienststelle in Paris mit „Eingaben für die Befreiung dieser Juden belästigt“. Der noch nicht erfolgte „Abschub“ werde zudem auf französischer Seite „als deutsche Schwäche ausgelegt“.

Lischkas Intervention in Berlin hat Erfolg. Eichmann sagt zu, die inhaftierten Juden noch im März in die Konzentrationslager im Osten zu deportieren. Danach läuft das wahnwitzige Treiben reibungslos – auch dank Lischka, der als Verwaltungschef in der Pariser Gestapozentrale bis zu seinem Rückruf nach Berlin 1943 die Deportation von insgesamt 76.000 Juden organisiert. Erst 35 Jahre nach Kriegsende zieht die deutsche Justiz Lischka dafür zur Verantwortung. 1980 wird er zu zehn Jahren Haft verurteilt. Bis dahin lebt Lischka unbehelligt in der Bundesrepublik und ist dem neuen Deutschland sogar zu Diensten – als zeitweiliger Mitarbeiter des 1950 gegründeten Bundesamtes für Verfassungsschutz (BfV).

Lischka ist bei weitem nicht der einzige NS-Täter, der seine „Fachkompetenz“ aus dem Dritten Reich in den neuen deutschen Inlandsgeheimdienst einbringen konnte. Erforscht worden sind diese braunen Wurzeln bislang aber nicht. Das wird sich nun ändern: Mehr als sechs Jahrzehnte nach seiner Gründung nimmt nun auch das BfV eine kritische Neubewertung seiner Anfangsjahre in Angriff.

Ohne Beeinflussung

Die Historiker Constantin Goschler und Michael Wala, beide Professoren am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum, werden in den nächsten Jahren die Akten des BfV durchforsten, um die braunen Wurzeln des Dienstes bloßzulegen. Insbesondere geht es um die Frage, welche Rolle und welchen Einfluss frühere Nazis und Kriegsverbrecher in der Behörde ausübten. In dem am 7. November 1950 in Köln gebildeten BfV arbeiteten – zum Teil in leitenden Positionen – bis in die sechziger und siebziger Jahre hinein frühere Mitarbeiter von SS, Gestapo und NS-Geheimdiensten, von denen einige an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein sollen.

Goschler und Wala konzentrieren ihre Forschung auf die Jahre 1950 bis 1975. Heinz Fromm, Präsident des BfV, hat versprochen, dass das Historikerprojekt „in keiner Weise von uns beeinflusst werden“ solle. Und auch Goschler betont die Unabhängigkeit der Forscher: Die Arbeit der Historiker erfolge weder unter Anleitung noch unter Kontrolle des Dienstes. Man habe ungehinderten Zugang zu allen Quellen. Allerdings beachteten die Forscher hierbei Sicherheitsinteressen ehemaliger Mitarbeiter: „Listen von Klarnamen werden wir nicht veröffentlichen“, stellt Goschler klar.

Auch andere Sicherheitsbehörden des Bundes haben in jüngster Zeit ihren jahrzehntelangen erbitterten Widerstand gegen eine unabhängige Aufarbeitung ihrer Anfangsjahre aufgegeben. Den Anfang machte 2007 das Bundeskriminalamt, das in mehreren Kolloquien über die personelle Kontinuität des Hauses mit früheren NS-Behörden diskutierte. Danach wurde der Historiker Patrick Wagner von der Universität Halle mit einem Forschungsprojekt zur Gründungsgeschichte des Amtes beauftragt. Seit diesem Jahr lässt auch der Bundesnachrichtendienst eine vierköpfige Historikerkommission in seine Archive schauen. Die Forscher sollen in den kommenden Jahren die Geschichte des BND und seines Vorläufers „Organisation Gehlen“ zwischen 1945 und 1968 aufarbeiten.

Unter falschem Namen

Nun also auch das BfV, das sich so lange dagegen gesträubt hatte, seine Anfangsjahre einer kritischen Prüfung zu unterziehen. Dabei gab es schon Ende der 60er Jahre Berichte in westdeutschen Medien, dass frühere Nazis ihre Beamtenkarriere beim Verfassungsschutz fortsetzen konnten, obgleich sie direkt oder mittelbar an Gräueltaten des Hitler-Regimes beteiligt waren. Lanciert hatte diese Erkenntnisse häufig die ostdeutsche Stasi, die in DDR-Archiven lagernde Personalakten des NS-Regimes ausgewertet hatte.

Diese Unterlagen – von denen viele noch heute im Archiv der Stasi-Unterlagenbehörde aufzufinden sind – belegen, dass eine Reihe ehemaliger Nazis sogar Spitzenposten im Kölner Bundesamt bekleideten. Zum Beispiel Hubert Schrübbers, der von 1955 bis 1972 das BfV als Präsident leitete. Vor 1945 war Schrübbers nach Aktenlage als Staatsanwalt in Hamm an Vorgängen gegen Gegner des Naziregimes beteiligt gewesen. Sein Vize im BfV, Albert Radke, war laut NS-Akten als Oberst im Amt Ausland/Abwehr des Oberkommandos der Wehrmacht tätig gewesen. Gustav Halswick, der bei Schrübbers das Amt eines Sonderbeauftragten des BfV-Präsidenten bekleidete, wurde laut MfS-Unterlagen vorgeworfen, vor 1945 als SS-Obersturmbannführer an Kriegsverbrechen in Polen und der Sowjetunion beteiligt gewesen zu sein.

Auch Richard Gercken, der in Schrübbers Amtszeit die Spionageabwehr im Verfassungsschutzamt leitete, kam den NS-Akten zufolge aus der SS: Vor 1945 war er als SS-Hauptsturmführer in der Gestapo unter anderem in den Niederlanden eingesetzt. Sein Abteilungsleiterkollege Wilhelm Ludwig, der die Geheimschutzstelle im BfV leitete, diente demnach als Sturmbannführer in der 87. SS-Standarte in Innsbruck. SS-Hauptsturmführer Erich Wenger, von der Gestapo an der deutschen Botschaft in Paris eingesetzt, brachte es im BfV zum Leiter Beschaffung in der Spionageabwehr. Der 1974 als Kriegsverbrecher verurteilte Gustav Barschdorf war bis in die 60er-Jahre hinein ebenfalls im Kölner Bundesamt tätig.

"Besser jetzt als gar nicht"

Einige hochrangige BfV-Mitarbeiter arbeiteten in den ersten Jahren unter falschem Namen mit, weil sie fürchteten, wegen Kriegsverbrechen verfolgt zu werden. So etwa Kurt Marschner alias Fischer, der als SS-Sturmbannführer im Vernichtungslager Auschwitz eingesetzt war. Auch Karl-Heinz Siemens, vorher SS-Obersturmführer in der für viele Kriegsverbrechen verantwortlichen Leibstandarte Adolf Hitler, war zunächst als Dr. Kaiser in der Bundesrepublik untergetaucht und wurde später Oberregierungsrat in der für Linksradikalismus zuständigen Abteilung III des BfV.

Alfred Wurbs schließlich konnte laut MfS-Akten mit Wissen der Bundesregierung unter seinem Decknamen im BfV arbeiten, bevor er ab 1956 mit richtigem Namen Gruppenleiter in der Geheimschutzabteilung des Bundesamts wurde. Vor 1945 war Wurbs Angehöriger der Waffen-SS-Division „Prinz Eugen“ auf dem Balkan.

BfV-Präsident Fromm sagt, er sei froh, dass die Historiker sich des dunklen Kapitels seines Dienstes annähmen. Dass dies erst jetzt geschehe, bedauere er. „Aber wir können die Zeit nicht zurückdrehen“, sagt Fromm. „Besser wir tun es jetzt als gar nicht mehr.“

Andreas Förster schreibt als freier Journalist vor allem über Sicherheitsbehörden

12:40 15.11.2011

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