Späte Wiedergutmachung

ERSTE DEUTSCHE RETROSPEKTIVE Der Impressionist Camille Pissarro in der Stuttgarter Staatsgalerie

Er war zeitlebens erfolg- und mittellos, bei seinen Malerkollegen jedoch höchst angesehen. Die Pariser Salons wollten von ihm nichts wissen, die Reichen nichts kaufen, die Kritiker schmähten ihn als Schmierfinken, weil er sich auf schillernde Farbeindrücke und grünwuchernde Landschaften einließ und weil das Unscheinbare, Banale, Alltägliche ihn mehr interessierte als Bibelthemen oder repräsentative Portraits reicher Damen.

Dennoch: Camille Pissarro, 1830 auf der Antillen-Insel Saint Thomas geboren, hat als führender Kopf der Impressionisten Kunstgeschichte geschrieben. Seltsam nur, dass die von dem Kurator Christoph Becker zusammengestellte große Retrospektive der Stuttgarter Staatsgalerie die allererste in Deutschland ist. Das liegt daran, dass die Nazis Pissarros Bilder aus den deutschen Museen entfernten, weil der Maler Jude war; es entstand eine sogenannte Rezeptionslücke (auch so einer dieser beschwichtigenden Wissenschaftsbegriffe), die durch Monets Seerosen und andere Klassiker zugepflastert wurde - nun können wir besichtigen, was wir verpasst haben: ein Lebenswerk.

Die Ausstellung zeigt 60 Ölbilder, 30 Zeichnungen und Gouachen, von 1856 bis zum Todesjahr 1903, quer durch Pissarros Stilentwicklungen, von den ersten, noch traditionell-naturalistischen Landschaftsbildern zur impressionistischen "Sensation"; über die pointillistische Periode bis zu der großartigen Spätphase mit den im Nebel stehenden Brücken in Rouen und den in eine taubenblaue, regnerische Nacht fliehenden, laternenbeleuchteten Pariser Boulevards.

Stadtbilder sind eher selten; Pissarro ist ein Mann der Landschaft, in der sich der Mensch verliert, wo Wolken wie Licht streuende Beleuchtungskörper auftreten, das Wasser sanft flirrt, wo Astwerk, Bäume und sich bauschendes Gras die Hauptakteure sind. Manchmal ragt die Industrialisierung in die Arbeiten, Fabriken, Schlote, Häfen, aber immer wirkt auch das wie in Watte gepackt, in dieses milchige Licht der französischen Provinz, das eine träge Ruhe ausstrahlt. Pissarro ist der Gegenpol zu den großen Projekten des 19. Jahrhunderts, zu Kapitalisierung und Sozialrevolution. Politisch ist er dem Anarchisten Kropotkin zugetan, in Pissarros Malerei jedoch ist der Mensch klein, demütig, in einem Übermaß an sanfter Natur aufgehoben. Vielleicht macht das ja auch den Reiz dieser Stuttgarter Ausstellung aus, die so ziemlich alles konterkariert, was in unserer heutigen Computergesellschaft verlangt wird.

Wo Pissarro Menschen malt, zeigt er sie beim Wollzupfen oder Geschirrspülen; Bäuerinnen und Dienstmägde oder von der Feldarbeit Rastende, hingegeben an Sinnes eindrücke wie warme Luft, leichte Brisen, trübes oder leuchtendes Licht. Nur einmal, in der Frühphase, steht ein vornehmes Paar unter einem blühenden Apfelbaum, die beiden scheinen die wunderbare Leichtigkeit des Nachmittags aber gar nicht zu bemerken. Dann wieder das Schattenspiel von Astwerk, Gärten stehen im Saft, seltsamerweise können auch Kohlfelder schön sein, wenn Pissarro sie in flirrendes Grün taucht.

Als die Deutschen 1870 auf Paris marschieren, flieht der Maler nach London und entdeckt dort nicht nur Parks und Gärten, sondern auch die englischen Landschaftsmaler. Zurück im kleinen Pontoise, widmet er sich ganz der Darstellung des Augenblicks, des mit der Tageszeit wechselnden Lichts, der Atmosphäre. Er malt den Blick in die Ebene nach einem Gewitter - das ist eine Demonstration abgedämpfter Spektralfarben des Regenbogens, die sich auf die Landschaft niederschlagen, Weite, Licht, flacher Horizont. Ein anderes Bild zieht das Blattwerk der Bäume wie eine Gardine vor den Blick auf ein Dorf; der großformatige Wald von L'Hermitage mit seinen wuchernden Laubbäumen und einem einsamen Schläfer wirkt wie eine beruhigende Paraphrase auf Rimbauds eher zynischen Dormeur du Val. Später dann das Malen mit ungemischten Farben, punktförmig aufgetragen, das Erzeugen eines Flimmerns der Landschaft ist auch Erkunden des Wahrnehmungsprozesses.

Das Schöne an der Stuttgarter Ausstellung ist, dass sie Pissarro in Zusammenhänge stellt. Das Ausgangsbild der Schau, Pissarros (von der Staatsgalerie schon um 1900 erworbener) Gärtner in sommerlicher Nachmittagssonne, hängt gar nicht in der Retrospektive, sondern einen Stock höher, in den Stuttgarter ständigen Sammlungen. Dort ist es umgeben von Corot und Courbet; Pissarros spätere pointillistische Tupfer hängen neben dem Hauptvertreter dieser Richtung, Paul Signac; Pissarros Zeichnungen von Häusern im Winter und seine Aquarelle von Geflügelmärkten - er hatte eine Schwäche für Märkte - sind umgeben von Renoir, Cézanne, von Monets riesigen tieflila Seerosen oder seinen staubheißen Sommerfeldern.

Die für mich wichtigsten Pissarro-Bilder sind die unscheinbaren; Bäume an einem Ackerweg, die leise im Frühnebel versinken, ebenso wie Mensch und Pferdewagen, eine graue Morgenstimmung aus dem Jahr 1873. Oder die überschwemmten Felder, die Pissarro unter dem Einfluss von Sisley im selben Jahr nach einem Hochwasser bei Pontoise malte, blasses Brachland, überflogen von Vogelschwärmen. Vielleicht ist diese Stimmung nur dem nachvollziehbar, der einmal eine Weile in der französischen Provinz gelebt hat.

Camille Pissarro war ein bescheidener Mann. Auf seinem letzten Selbstportrait 1903 sieht er aus wie ein weiser Rabbi. Er war für die meisten Impressionisten Lehrer, später dann aber auch Lernender: Als alter Mann hat er sich noch auf den Pointillismus eingelassen. Pissarro zeigt uns etwas, das wir weitgehend verloren haben: die Landschaft als Rückzugspunkt. Die Ausstellung macht Lust, dorthin zu fahren.

Staatsgalerie Stuttgart: Camille Pissarro, bis 1. Mai 2000. Täglich 11 - 20 Uhr, außer montags. Katalogpreis: 39,- DM.

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00:00 07.01.2000

Ausgabe 41/2021

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