Spatzen und Bäume

Odyssee Peter Handkes "Gestern unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990" handeln vom Gehen, Sehen und Schreiben

Ein Schriftsteller verlässt seinen Wohn- und Arbeitsort Salzburg, reist über zweieinhalb Jahre ohne festen Wohnsitz, ohne feste Reiseroute quer durch die Welt und findet am Ende eine neue Bleibe in Paris. Unterwegs schreibt er sein Theaterstück Das Spiel vom Fragen, den Versuch über die Müdigkeit, das Filmbuch Die Abwesenheit, den Versuch über die Musikbox und die Übersetzung von Shakespeares A Winter´s Tale. Und er notiert seine Reiseerfahrungen: "Spatz auf dem Zebrastreifen, wie dunkel erscheinen deine Füße vor dem hellen Untergrund!" (Leon, Kastilien 2. April 1988). "Die zwei einzelnen Bäume in der lichten Landschaft der Königin von Saba (Piero della Francesca): ›Das sind, das waren einmal Bäume!‹" (Perugia 9. April 1989). "Blick, dem Flechtkopf eines Kindes folgend, wird geflochtener Blick." (Cerdagne 16. Februar 1989).

Drei Stationen einer Weltreise, drei Aufzeichnungen eines Schriftstellers, die Bilder evozieren, sich zu Bildern in Beziehung setzen, zu ihnen sprechen und selber zum Bild werden, sich mit ihm verschmelzen. Wieder einmal geht es um die Stunde der wahren Empfindung und die Bilder, die beim Schreiben diese bewahren. Es geht aber auch um die fortwährende Suche dieser Wahrnehmungsmomente. Deshalb ist Peter Handke unterwegs.

Im Unscheinbarsten wie im Größten öffnet sich im Moment eine ganze Welt. Hier führen die Aufzeichnungen zum Gegenwartsbild von Tier und Zivilisation, von der Jahrhunderte alten Hintergrundlandschaft eines Portraits in das Jetzt und zugleich zurück in die Vergangenheit. Zuletzt verwandelt sich der Blick des Betrachters für einen Moment in sein Gegenüber, dabei in die nahe Zukunft reichend. Alle drei Aufzeichnungen sind Ausdruck subjektiver Wahrnehmung und Augenblicke einer persönlichen Geschichte. Was James Joyce als Epiphanie in die Literatur eingeführt hat, entwickelt und erlebt Peter Handke als erotischen Blick.

1975 in seinem literarischen Filmdrehbuch Falsche Bewegung sagt der angehende Schriftsteller Wilhelm: "Plötzlich fällt mir etwas auf, was ich immer übersehen habe. Ich sehe es dann aber nicht nur, sondern kriege gleichzeitig ein Gefühl dafür ... Was ich sehe, ist dann nicht mehr nur ein Objekt der Beobachtung, sondern auch ein ganz inniger Teil von mir selber ... Etwas Einzelnes wird zum Zeichen für das Ganze." Doch wird in Gestern unterwegs das Plötzliche der Wahrnehmung eingefangen in der frischen Erinnerung der Niederschrift. Am folgenden Tag oder einen weiteren Tag später hält Handke das Gesehene als Erlebtes fest und folgt seinem poetischen Verfahren: "Die Erinnerung bringt die (Dinge der) Gegenwart näher (Verb für die Erinnerung)." London, Dez. 1988.

Im Lauf der Zeit erkundet der Schriftsteller neue dichterische Wege, die den Ort, die Zeit und den Reisenden leicht und innig verbinden. Bereits in seinen Aufzeichnungen Am Felsen-fenster morgens (1998), an die Gestern unterwegs unmittelbar anschließt, findet Handke immer wieder neue Verben, die Mensch und Tier, Baum und Wind, Angst und Hoffnung erweiternd umschreiben und so als Spiegel der Reise erscheinen. Reisen heißt für Leser und Schriftsteller auch, Wörter erleben, als Rückwege und Zeugen der Welt.

"Was ist das für ein Verb für die Wiesenblumen - die Margeriten, die Glockenblumen, den Goldklee, die Kornblumen -: sie "verhalten" (das Friedensheer der Wiesen-Blumen)", oder "Verb für die Ruhe: "füllt aus"", oder "Verb für die Ferne: ›ruft auf‹" oder "Verb für die Trauer: sie holt mich ein, ›von der Trauer eingeholt‹" und "Verb für das ›Jetzt‹: es umrundet (selbst die Figuren der nächtlich geparkten Autos)"

Eine weitere Methode zeigt bereits seit der Geschichte des Bleistifts (1982) die Verbindung und Eingebundenheit in das Poetische direkt an: "›Und‹: Trauer und Geduld" oder "›Und‹: Das Geräusch eines beginnenden Regens und das Geräusch eines lachenden Kindes" oder "›Und‹: Nichtweiterwissen und Fröhlichkeit ( ›Fröhlich wusste er nicht weiter‹; siehe ›fruchtbares Verirren‹)".

Die neuen Wege und Besetzungen der Zeitwörter und die neuen Zusammenführungen der Hauptwörter haben durchaus raumzeitliche Koordinaten. Hier in den Beispielen die Zeitwörter: "daheim" Juni 1989, London Dez. 1988, Barcelona Febr. 1989, Paris Mai 1989, Amsterdam(?) Febr. 1989; die Hauptwörter: Toulouse Febr. 1989; Paris 1988, Kioto April(?) 1989. Die raumzeitlichen Koordinaten sind auch Spuren der Reise. Sie zeigen eine mögliche, andere Route durch die Welt der Aufzeichnungen an.

Von Handkes erstem Journal Das Gewicht der Welt aus dem Jahr 1977 an sind seine Aufzeichnungen in ihrer Offenheit verfügbar. Nie folgt ein abschließender Punkt einer Gegenwartssequenz. Selten steht ein vielleicht noch weiter öffnendes Fragezeichen da: "Was ist das Mystische? Ich und der Baum? Der Baum und ich? Der Baum wo ich?" Tokyo, Febr. 1988. Und ganz selten ein die Offenheit bekräftigendes Ausrufezeichen.

Am 26. Mai 1988 schreibt Handke in Monfalcone: "Und immer noch, wie damals vielleicht mit siebzehn, möchte ich die Seiten eines zu schreibenden Buches füllen mit nichts als Wind und zwischen die Seiten treibenden Schneeflocken", und Anfang Mai 1990 in Paris: "Nein, keine Kleidung, die ›wappnet‹ (wie Wim W. erzählt in seinem Film über Yamamoto), sondern eine Kleidung, die verletzt; die öffnet; ernst und ruhig werden lässt; vor allem durchlässig macht; eine durchlässig machende Kleidung".

Das Buch als Ort der Erzählbarkeit der Stille der Natur und das Buch als durchlässig machende Kleidung: Genau in dieser Spannung, in diesem Zwischenraum bewegen sich, gehen Handkes Aufzeichnungen, offen und für jeden erreichbar. Sie zeigen sich als Momente einer Gegenwart ohne Ziel. Aus kurzer Distanz festgehalten leben die Wahrnehmungsbilder mit dem Nachzittern des vergangenen Augenblicks, mit dem Nachzittern der schriftlichen Wiederholung gleichberechtigt nebeneinander. Dennoch, oder gerade deshalb, lässt sich Gestern unterwegs auch als ein Epos, als Odyssee lesen, die einem Eintrag von Handkes Phantasien der Wiederholung folgt: "Die Dinge zusammenbringen und auseinander halten - Epik". Am 6. Dezember 1989 notiert Handke in Soria: "Der epische Blick: selbst der Zahnstocher zwischen den Lippen eines Passanten erscheint ihm erzählenswert".

Das Gehen stellt dabei, wie das Sehen und das Schreiben, die Verbindung zwischen dem Schriftsteller und der Welt her. Für Peter Handke ist es zum poetischen Imperativ geworden: "Im Gehen: Es (es) gestaltet sich (ohne mich). Und das ist die schaffende Phantasie: Gehender, umgeben vom Schein der Phantasie" St. Moritz im August 1989 und dazu gleich die Gegenbewegung: "Das Gehen muß vielleicht nicht täglich sein? Das Stehen in der Sonne ist auch ›etwas‹ (Vitòria)" (Anfang Dez.1989).

Gestern unterwegs ist ein Epos dieser Blicke: von den Geschichten der Baumrinden und den unterschiedlichen Formen der Neonröhren in den Kafeneons Griechenlands, von der Jukebox und ihren Liedern quer über die Kontinente, von Spatzen und Sternbildern, von Hunden und Bahnhöfen, von den Wegen aus den Zentren an die Ränder, von Einsamkeit und Liebe, von Kindheit und Nicht-mehr-Kind-Sein, von der Schönheit und ihrer Zerstörung. Dazu bringt Handkes Dienstreise im Auftrag der Poesie Reflexe auf fast sein gesamtes Werk. Auch sein Projekt des unbehausten Schreibens findet hier seinen Ausgang. Das ist nicht nur sinnbildlich zu verstehen. Beim Schreiben hält sich der Schriftsteller in der Natur, Draußen auf.

Hin und wieder, wenn auch am Rande, wird die Wirklichkeit der Zeitgeschichte in Handkes Welt- und Selbstreise eingespielt: Im Nennen der Todestage von Schriftstellern und Filmemachern wie Thomas Bernhard, Jan Skácel und John Cassavetes, bei den Grabbesuchen von René Char und François Truffaut und in Zeitungsberichten über den drohenden Krieg in Jugoslawien: "›Los linderos‹, die Grenzwege, die Schwellen: ›Yugoslavia a los linderos de una guerra civil‹ (Name der Tageszeitung von Linares: ›Ideal‹; neben der Redaktion die ›Ideal Bar‹)" im März 1989 oder über das Massaker am Tiananmenplatz im gleichen Jahr "›Viele Pekinger Studenten schrieben ihr Testament, bevor sie sich zum Protest auf den Tiananmenplatz aufmachten‹; könnte ich die Zeitungen doch so lesen als ob sie zur Melodie der Welt gehörten! (Ein paar mal ist mir das gelungen)". Aber auch beim Zitieren der Zeitungsnachrichten bleibt Peter Handke Schriftsteller und bezieht den Bericht mit ein in seine eigene Wahrnehmung und Geschichte.

Im Januar 2005 beendet Peter Handke seine Reiseerzählung Die Tablas von Daimiel. Noch einmal geht es dem Schriftsteller um das ehemalige Jugoslawien. Er nennt seine Reiseerzählung einen "Umwegzeugenbericht zum Prozess gegen Slobodan Milos?evic´" und entscheidet sich, nicht als Zeuge vor dem Haager Kriegstribunal aufzutreten, aber für seine erprobten, poetischen Mittel. Als Schriftsteller, als Umwegzeuge vertraut Peter Handke der "Versöhnungsspur der Literatur" und sieht dabei die Schriftsteller Ivo Andric und Ismaïl Kadaré als Vorgänger und Begleiter. So sind es weniger seine Argumente als vielmehr seine poetischen Bilder und Annäherungen, die das Versöhnungsangebot offen halten.

Am Ende der Erzählung steht eine vergebliche Reise zu den teichartigen Wasserstellen des Flusses Guadiana in der spanischen Mancha, wo - laut einer Broschüre für Abseitstouristen - durch den ausgehöhlten Kalkuntergrund das Wasser rhythmisch aufsteigt und verschwindet. Als der Taxifahrer den Schriftsteller an das gewünschte Ziel bringt, ist dieses wortwörtlich dem Erdboden gleichgemacht. Auch der Fluss ist nicht mehr auszumachen. Die Reiseerzählung ist gerade wegen ihrer Einseitigkeit eine melancholische Parabel über das Verschwinden und das Vernichten, über die Trauer, den Zorn und das Nichtverstehen. Genau hier aber beginnt und beginnt immer wieder das Reich der Poesie. Und das der Politik? In Handkes Falscher Bewegung heißt es einmal im Gespräch: "Wenn nur beide, das Poetische und das Politische, eins sein könnten. - Das wäre das Ende der Sehnsucht und das Ende der Welt."

Peter Handke: Gestern unterwegs, Aufzeichnungen November 1987 bis Juli 1990.Verlag Jung und Jung, Salzburg 2005, 553 S., 25 EUR

Peter Handke: Die Tablas von Daimiel. Literaturen, Heft 7/8 2005, Reinhardtstr.29,
10117 Berlin, 9,90 EUR


Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

Kommentare