Speiseeis

A–Z Der Verband der italienischen Speiseeishersteller widmet jedes Jahr einem Land eine Kreation. 2018 ist Deutschland dran, die neue Kugel heißt: German Black Forest

A

Altersfreigabe Ich bin ja nicht so die Zuckerschnute. Die Schlangen vor den hippen Eisläden im Prenzlauer Berg führen mich selbst im Hochsommer nicht in Versuchung. Es sei denn, es ist Alkohol im Spiel. Schon als Kind fand ich den Schwedeneisbecher mit Apfelmus und Eierlikör, den es auch in der DDR gab, äußerst verführerisch. Ich durfte heimlich naschen.

Mittlerweile gibt’s zu meiner großen Freude eine Riesenauswahl an Tipsy Scoops, beschwipsten Kugeln (Dolce Vita, Zutaten). Früher trank man Frozen Daiquiri nur in dunklen, schattigen Bars. Heute gibt’s die gefrorenen Cocktails, auch in der trendigen Geschmacksrichtung Moscow Mule, tagsüber auf die Hand. Coole (sic!) Start-ups rund ums Thema heißen „SUCKIT – das Eis das knallt“ oder „Schleckdruff Frozen Drinks“ und geben sich mehr oder wenig schlüpfrig. Naheliegende Wortspiele inklusive. Prost! Elke Allenstein

B

Bum Bum Fünfundvierzig Turniersiege, sechs Mal Grand Slam, drei Mal Wimbledon, bis heute jüngster Gewinner dieses ältesten Tennisturniers der Welt, zwölf Wochen Nummer eins der Weltrangliste – müsste es nicht längst ein Boris-Becker-Denkmal geben? Bis jetzt nicht, stattdessen kursieren Gerüchte über die mutmaßliche Pleite der Legende (Ruß).

Kopf hoch, Boris, es wird wieder Sommer! Das heißt zwar nicht, dass der einstige Profi wieder auf den Platz zurückkehrt, aber ein Comeback im Kleinen feiert Becker trotzdem jede Saison – und zwar in fast jeder Supermarkt-Tiefkühltruhe. 1985, als Becker mit 23 Jahren überraschend sein erstes Wimbledon gewann, brachte der Hersteller Schöller in Anlehnung an Beckers Medienspitznamen Bum-Bum-Boris das „Bum Bum“-Eis auf den Markt, in Form eines Tennisschlägers und mit Kaugummi-Stiel. Letzterer verliert seinen quietschsüßen Geschmack bis heute mindestens so schnell, wie Becker in seinen besten Zeiten einen Satz gewann. Konstantin Nowotny

D

Dolce Vita Frühlingserwachen mit 17, Anfang der 1980er in der BRD: Ich fand zwar viele Mädchen, die ausgezeichnet küssten, aber wenig köstliches Speiseeis. Solche Leckerei aß ich zuerst in Rom, trotz italienischer Eisbuden auch hier. Es war das feine Eis von Giolitti, nahe dem Pantheon, und ein Jahr später dann das von Berthillon. Der Gelatiere residiert in Paris auf der Île Saint-Louis. Allein der Gang über die Seine-Brücke von der Île de la Cité war ein Genuss. Und wo bekommt man schon Walderdbeer-Eis?

Bei Giolitti sah ich 1983 zum ersten Mal in meinem Leben 30 verschiedene Eissorten, während die in der BRD der frühen Kohl-Ära überschaubar waren: Vanille, Schoko, Erdbeere und ganz verwegen: Banane. Im fernen Italien: bunte Farben, unaussprechliche Namen, Exotisches wie Tiramisu, Schokoladeneis schwarz wie Ebenholz. Und eine junge Begleitung – süß wie la dolce vita. Unsere erste Projektwoche im Ausland. Antike, Renaissance, Referate: Wir schleckten Eissorten, die heute selbstverständlich sind, die aber für den Schüler damals nach Italien und Verheißung schmeckten. Da störte hinterher auch ihr süßer, klebriger Eis-Kuss (Altersfreigabe) nicht, den ich an jenem Tag ergatterte. Ohne Trevi-Brunnen-Szene. Lars Hartmann

G

Großmutter Die Sommer meiner Kindheit waren von einem Kleinbus geprägt, der wöchentlich in der Straße hielt. Meine Großmutter behauptete, dass das M auf dem Bus für meinen Vornamen stehe. Ich leitete daraus ab, dass er allein in meinem Namen vorfuhr, sich im Grunde die gesamte Kette, für die das M stand, in meinem Besitz befand. Trotzdem bekam ich die sehnlichst erwartete Rakete nur für 50 Rappen (Pfennige). Das Eis wurde vom Fahrer aus einer Holzkiste mit einem Deckel geholt, während er das winzige Geldstück in das Metallfach seiner portablen Kasse steckte.

Der untere Teil der Rakete aus dieser Kiste schmeckte mehr nach echter Orange. Die Schokoladenschicht oben mochte ich nicht, deshalb spuckte ich den ganzen Spitz wie Kautabak in den Gully. Das letzte Stück Wassereis behielt ich so lang wie möglich auf meiner Zunge. Mit dem Holzstiel gewann ich eine Zigarre dazu, die den ganzen restlichen Tag im Mundwinkel hing,während wir mit unseren Colts aus kurzen Ästen Banken überfielen oder uns duellierten. Marc Ottiker

Güte Cremeeis unterscheidet sich von Eiscreme vor allem durch mindestens 270 Gramm Vollei pro Kilo, enthält außerdem mindestens 50 Prozent Milch, während Eiscreme nur zehn Prozent Milchfett enthalten muss, Fruchteiscreme sogar nur acht. Die darf wiederum nicht verwechselt werden mit Fruchteis, das zu mindestens 20 Prozent aus Früchten besteht; bei Fruchteiscreme reicht wahrnehmbarer Fruchtgeschmack. Milcheis (Zutaten) hingegen besteht zu mindestens 70 Prozent aus Milch, Wassereis enthält maximal drei Prozent Fett. Na Hauptsache, es schmeckt. Sophie Elmenthaler

I

Iran Was für Proust die Madeleine war, das bedeutete für mich als Neunjährigen Eis. Im Juni 1990 war ich zum ersten Mal in Berlin. Vater, Großvater (Großmutter) und ich kamen in die Stadt, um die Mauer zu bestaunen – und mit Hammer und anderem Gerät selbst mit Hand anzulegen, um sie „niederzuklopfen“.

An einem dieser Tage gingen wir in ein uns von Landsleuten empfohlenes iranisches Restaurant in der Kantstraße, das es längst nicht mehr gibt. Zum Nachtisch gab es iranisches Eis mit Pistazien und Safran, was ich hierzulande noch nicht gesehen hatte. Und im Moment des Probierens dieses lang nicht mehr gekosteten Eises kamen sie hoch: Erinnerungen, Bilder, Empfindungen aus unserer Zeit in der Heimat. Behrang Samsami

M

Mokka-Milch-Eisbar „In der Mokka-Milch-Eisbar, da ist es geschehn“, rockte einst die Beatgruppe Team 4 unter Thomas Natschinski. In dem – an den Beatles orientierten – Popsong wird zwar kein Eis konsumiert, aber eine Partnerschaft angebahnt: „Als sie bei einem Honigflip saß und mich mit großen Augen maß ...“

Die real existierende Großeisdiele in der Berliner Karl-Marx-Allee erhielt mit dem Lied ihre höheren Kultweihen. Der pavillonartige Bau entstand schon in den 1960er Jahren im Rahmen eines Gesamtensembles mit dem Kino International und dem – ebenfalls sehr beliebten – Café Moskau auf der anderen Seite. Eisbecher oder Eiskaffee genoss man in angemessen kühlem Ambiente. Gemütlich war es nicht, aber die „Mokke“ war – nicht erst seit der gesanglichen Huldigung – ein beliebter Treffpunkt junger Leute. Es lief aber nicht nur die Eismaschine, auch die Überwachungsmaschine wurde dort heftig tätig (Iran). Es gab zu viele unangepasste Gäste, die das Café bevölkerten. Entsprechende Beobachtungsberichte kamen – nach 1990 – an die Öffentlichkeit. Nach 1990 schmolz das Interesse am ehemaligen Eiscafé. 1996 zerstörte ein durch einen Kabelschaden verursachter Brand die Inneneinrichtung. Auch der Dachstuhl wurde in Mitleidenschaft gezogen. Heute bewirtschaftet eine andere Eisdielen-Kette das denkmalgeschützte Haus. Magda Geisler

P

Pfennige Nuss, Banan, Schogglad, Zitron: Mühelos purzelte das in regionalem Idiom aus dem Kindermund, Schlange stehend vor dem ersten Eiscafé (Mokka-Milch-Eisbar) der Stadt. Zehn Pfennige kostete die Kugel Mitte der 1960er Jahre, aber selbst arme Leute konnten ihren Kindern das ab und zu gönnen. Die Tüte war eigentlich viel zu groß für ein „Hämpfel“ wie mich, aber sie wog wohl das schlechte Gewissen meiner Mutter auf, wenn sie mich wieder einmal hatte warten lassen müssen bei den Nonnen im katholischen Kindergarten, nach dem für uns so ungeliebten Mittagsschlaf. Dann schmolzen die vier heißen Zehnerle in der Hand in köstlich-kühles und nie vergessenes Eis-Aroma. Ulrike Baureithel

R

Revue Bereits vor rund 5.000 Jahren kühlten Chinesen Getränke mit Natureis. In der Antike ließen sich indische, griechische und römische Herrscher Eis aus den Bergen heranschaffen, für die Zubereitung von „Sorbet“ zum schnellen Verzehr und verfeinert mit Früchten, Honig und Ingwer. Nach dem Untergang der Antike verschwand das Eis, bis Marco Polo es in China wiederentdeckte. Zur Popularisierung des Sorbets trug Ludwig XIV. bei. Um 1672 erlaubte er den Verkauf von wie Staatsgeheimnisse gehüteten Eisrezepten. Rollten vorher bei Verrat die Köpfe, füllte sich nun die Steuerkasse des klammen Königs.

Die Deutschen begeisterten sich erst Ende des 18. Jahrhunderts für Speiseeis, wovon Goethes Anekdote in Dichtung und Wahrheit handelt. Als dem Zehnjährigen eine Eisbombe geschenkt wurde, soll das seine Mutter so entsetzt haben, dass sie, zur Betrübnis des Sohnes, das Gefrorene im Ausguss versenkte. Um 1759 glaubte Aja von Goethe noch, wie viele Mediziner, Eis schade wegen der Kälte dem Magen. Die industrielle Herstellung heutigen Speiseeises in der Waffel, im Becher, am Stiel verdankt sich billigem Zucker Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der neuen Kältetechnik Carl von Lindes. Dass die studierte Chemikerin Margaret Thatcher (Bum Bum) das Softeis mitentwickelt habe, ist allerdings ein Mythos. Den nutzen Linke laut The New Yorker als Metapher für Thatchers Politik: viel Luft, geringe Qualität, steigender Profit. Helena Neumann

Ruß „Schwarz, schwarz, schwarz sind alle meine Kleider“, singt mein Zweijähriger seit Kurzem mit Elan, wenn sich seine neue Lieblingseissorte beim Verzehr über seine Klamotten verteilt. „Schwarze Zitrone mit Buttermilch“ heißt der Spaß in Berlin-Steglitz. Etwas kreativer sind da die NRWler unterwegs, die in alter Kohletradition die Sorte „Grubengold“ verkaufen.

Der Name hält, was er verspricht, das Eis ist tatsächlich rußschwarz und kommt wahlweise auch noch in einer schwarzen Waffel daher. Aktivkohle wird für die Färbung verwendet. Diese entsteht unter anderem durch das Verbrennen von Kokosnüssen und hilft dem Körper sogar beim Entgiften. Ein gefundenes Fressen für alle Superfood-Jünger: Schwarz ist das neue Gold (Altersfreigabe) der Eisläden. Madeleine Richter

Z

Zutaten Es klingt nach Zahnpasta und Erkältungsbad: Seit einigen Jahren geht der Trend in Richtung Kräutereis. Fenchel, Salbei-Thymian, Erdbeer-Basilikum werden zumeist als Fruchtsorbet gereicht, überraschend ist die Süße mit pikanter Note, das Ganze in einer bunten Waffel.

Hier ist Können gefragt. Bei privaten Anbietern kann man entsprechende Kurse absolvieren. In Bologna existiert sogar eine Eishochschule: Die Gelato University führt vom Eis am Stiel bis zur Eisbombe ins Handwerk ein. Den dualen Ausbildungsberuf „Fachkraft Speiseeis“ kann man seit 2014 an deutschen Berufsschulen erlernen. Dort paukt man im Herbst und Winter, in den warmen Monaten steht man in den Eisdielen. Nur dass diese längst nicht mehr solch verheißungsvolle Namen wie Portofino (Dolce Vita) tragen. Auch die Pinguin-Bar steht auf verlorenem Posten. Es muss schon „Manufaktur“ heißen, „handmade organic“ draufstehen haben oder von der Eisprinzessin sein. Solange es schmeckt, kann man über den Benamsungs-Bullshit locker hinwegsehen. Die Zutaten für den kalten Genuss müssen aber gar nicht exotisch sein, wie der berühmte Schwedeneisbecher beweist. Tobias Prüwer

06:00 03.06.2018

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