Spiel des Jahres

A–Z Trotz VR-Brillen und „Candy Crush“ steht Deutschland weiter auf das klassische Würfeln, Juxen und Trumpfen
Spiel des Jahres
Beim Spiel des Lebens kann man schon mal hinfallen

Foto: Vincet Tullo / NYT / Redux / Laif

Das „Spiel des Jahres“ wurde gekürt, es ist ein Ratespiel und heißt „Just One“. Was Spiel und Liebe verbindet und wann diese an jenem zerbrechen kann, weiß unser Wochenlexikon

A

Autonome Die letzte Schlacht gewinnen wir: Am besten funktioniert Provopoli: Wem gehört die Stadt? mit guter alter 68er-Mucke. Denn hier würfelt man Autonome in Bewegung gegen das System. Team Rot hat die Aufgabe, die emanzipatorische Idee in Wort und Tat zu verbreiten und Grünstadt in Utopia zu verwandeln. Team Blau hält an den Verhältnissen fest und verteidigt sie mit Polizeiknüppel, Knast und Zwang.

Ereigniskarten und diverse Szenarien schaffen Abwechslung. Mal müssen Flyer verteilt und öffentliche Orte besetzt werden. Mal bedarf es des Barrikadenbaus, und auch die Mollis brennen nicht schlecht. Der Spielfluss gestaltet sich manchmal zäh, aber Rom wurde auch nicht an einem Tag geplündert. Der Staat hielt das 1972 veröffentlichte Spiel für derart gefährlich, dass es auf dem Index landete. Dabei sollte Provopoli nur das krasse Ausbeuterspiel Monopoly karikieren. Team Blau verfolgt halt eigene, strenge Spielregeln. Tobias Prüwer

D

Dominion Diese Spielerunde ist fiktiv. Aber schlecht ausgedacht. Denn: Ihre Mitglieder wohnen in drei Städten. Und ihre Sucht ist das tolle Karten-Aufbauspiel Dominion. Wie sollten die das allmontäglich (Ritual) zocken, wenn einer in Berlin, einer in Lübeck und einer in, sagen wir, Bad Oldesloe wohnt? Die müssten das ja nachprogrammiert haben, die Onlineversion wäre sogar besser – kein Mischen, kein Zählen! –, nebenher quatschten die dabei per Skype und stellten sich bei jedem Knistern vor, dass bei der NSA jetzt Schichtwechsel sei. Und dass die sich seit Jahren fragt, was da WIRKLICH vorgeht an diesen Montagen. Denn dass drei Erwachsene nur ein Spiel spielen, glaubt ja keine Sau. Daher behaupte ich auch nicht, dass das eine wahre Geschichte ist – zumal wir ja nie eine Lizenz erworben haben, Dominion nachzubauen, das beste Dominion der Welt. Klaus Ungerer

E

Erfolg Entgegen allen digitalen Dystopien sind klassische Gesellschaftsspiele in Deutschland ungebrochen beliebt. Der Branchenverbund Spieleverlage e. V. meldete für das Jahr 2018 ein Wachstum von neun Prozent. Insgesamt wurden in Deutschland im vergangenen Jahr rund 50 Millionen Spiele und Puzzles verkauft, die Bundesbürger geben so viel Geld für Gesellschaftsspiele aus wie keine andere Nation. Am beliebtesten seien „Brett- und Aktionsspiele“. Deutsche Spiele sind sogar im Ausland begehrt und würden mehr und mehr exportiert. Und: keine erfolgreiche Branche ohne Messen. Auf der Berliner Brettspiel Con stellten Ende Juli 70 Verlage ihre Brett- und Rollenspiele (Pen & Paper) vor.

Mehrfach wurde den Spielen ein baldiges Ende prophezeit. Stattdessen überlebten sie Radio, Fernsehen, Computer und Konsolen und offenbar auch Smartphones und Virtual Reality. An einer soziologischen Erklärung für den deutschen Spiele-Boom ist die Branche nicht interessiert. In einem Zeitungsinterview sagte Michael Hopf, damals Vertriebschef bei Haba, nur trocken: „Mit einem Spiel wird das Leben trainiert.“ Konstantin Nowotny

G

Geheimnis Im Spiel Privacy geht es darum, Thesen vorzulesen, sie anonym zu beantworten und zu schätzen, wie viele Mitspieler bejahen oder verneinen, etwa: „Ich hatte schon einmal Sex zu dritt“ oder „Ich finde die Frisur meines linken Sitznachbarn hässlich“. Vollkommen zu Recht stehen in der Anleitung mehrere Warnhinweise. Etwa sollten es Familien lieber gar nicht spielen und Pärchen nicht nebeneinandersitzen. Da steht auch, das Spiel ende, wenn irgendwer ein Spielfeld umrunde. Privacy-Kenner wissen: Es kann viel eher vorbei sein. Zum Beispiel, wenn eine Beziehung, eine Freundschaft und damit der ganze Abend zerbricht (Stimmungskiller). Eingeschränkt empfehlenswert. KN

K

Kindheit Prägend für unser Familienleben in den 70er Jahren waren die Spielabende. Schon damals fragmentierten außer- und innerhäusliche Aktivitäten (Knabenchor, Ballsport, Gitarrenunterricht und die leidigen Hausaufgaben) die Freizeit, sodass sie vom Fluidum des Besonderen umweht waren. Hase & Igel, Cluedo und Masterpiece waren die Hits. Dazu Kartenspiele, die mein spielfreudiger Ziehvater in grenzenloser Viefalt aufblätterte (Uno). In der Rückschau konstituierte sich dabei die Art, wie wir uns bis heute als Familie verstehen. Nun ist jeder meiner Aufenthalte daheim mit einer Runde verbunden, kehrt der Zauber für einen Augenblick zurück. Marc Ottiker

L

Lana Video Games, die 2011 erschienene erste Single des zweiten Lana-Del-Rey-Albums Born To Die, ist ein langsames, meditatives Monster. Gerade mal mit 61 Beats pro Minute kriecht es voran. Und erzählt die Geschichte einer jugendlichen Liebe: „Ein Junge. Ich glaube, wir kamen zusammen, weil wir beide Außenseiter waren … Es war etwas Himmlisches an diesem Leben – wir gingen zur Arbeit, und er spielte seine Videospiele – aber vielleicht war das auch einfach zu normal.“

Das Video, eine von ihr mit dem Smartphone geschnittene Collage aus alten Filmszenen und Skateboard-Videos, ist kunstvoll und eigenwillig. Video Games fand jeder toll, sogar Jochen Distelmeyer. Die Größe eines Songs besteht vielleicht darin, frei interpretierbar zu bleiben. „Swinging in the backyard / Pull up in your fast car / Whistling my name / Open up a beer / And you say get over here / And play a video game.”Marc Peschke

P

Pen & Paper „Tekeli-li!“, „Tekeli-li!“: Das warnende Geräusch kam zu spät. Allein der Anblick der Protoplasmawesen raubte meiner Heldin den Verstand. Was macht auch eine Opernsängerin am Südpol? Angelehnt an eine Geschichte von H. P. Lovecraft unternahm ich mit ihr ein Pen-&-Paper-Abenteuer. Für diese Rollenspiele braucht man nur Stift und Papier für Notizen. Und vier-, zehn- und zwanzigseitige Würfel für ein gute Portion Zufall.

In einer Mischung aus Gesellschaftsspiel, Geschichtenerzählen und Stegreiftheater entstehen gemeinsam zu erlebende Episoden, die ein Meister inszeniert. Die können in einer Tolkien-Welt stattfinden, oder, wie in meinem Fall, in den 1920ern. „Da, hinter dem Eisaufwurf regt sich etwas, macht mal eine Wahrnehmungsprobe“, beschreibt der Meister die Umgebung für uns Gefährten. Hätte ich diese Probe mal nicht bestanden. Von Wahnsinn ergriffen, flüchtet meine Figur ins ewige Eis. Für immer – zum Glück nur in der Fantasie. TP

R

Ritual Bereits seit einigen Jahren trifft sich am Mittwochabend in der aus ein paar meiner Beiträge wohlbekannten Eckkneipe, in der ich auch jetzt diese Zeilen schreibe, eine Gruppe von unbeugsamen Spielleuten. Der erlauchte Kreis öffnete sich mir eher jassaffinem Schweizer (nein nicht Jazz; Jassen ist der Schweizer Kartenspiel), und so wurde mir eine ernsthafte Skat-Sozialisation zuteil. Angesichts der Komplexität des Spiels keine Selbstverständlichkeit. Mitunter wandelt sich der Kreis der Duellanten in einen der Disputanten (Zoff). In der schicht- und bildungsübergreifenden Runde kommt es eben auch zu lebhaftem Meinungsaustausch. Spielfreude und Tagesgeschehen wetteifern mittlerweile jede Woche um die Vorherrschaft am Tisch. MO

S

Stimmungskiller Endlich Feierabend! Der Tag war lang und verregnet. Meine Laune könnte besser sein und ich bin müde. Aber das kann es ja nicht gewesen sein. Ich will noch unter Leute kommen. Bei ein paar Drinks den Alltag vergessen, mich mit Kumpels austauschen, vielleicht jemanden kennenlernen. Ab in die Kneipe! Eine alte Freundin ist da. Das kühle Bier erfrischt und erheitert mich, und dass meine Sachen schon jetzt riechen wie ein Aschenbecher, ist zu verkraften. Aber gerade hat jemand einen Satz Spielkarten auf den Tisch geklatscht. Schlagartig erlöschen fünf Unterhaltungen. Er mischt, gibt aus. Es wird angesagt, ausgespielt. Nach der Runde regt sich einer über sein schlechtes Blatt auf. Es wird wieder gemischt. Ich geh dann jetzt mal pennen. Josa Zeitlinger

U

Uno Aktuell erschien bei Hanser Berlin Wie später ihre Kinder von Nicolas Mathieu über eine Gruppe Jugendlicher im Frankreich der 90er Jahre. Der Roman begleitet sie zwischen Badesee, Reihenhaus und Durchschnittlichkeit. Es weckt in mir als Kind der 80er Erinnerungen daran, als ich noch Langeweile hatte (Kindheit) – besonders im Sommer. Man zog ernsthaft das Uno-Kartenspiel hervor. Die Karten klebten auf dem mit Cola besudelten Tisch und in oft unerwarteten Momenten rief jemand laut „Uno!“ in die sternenklare Nacht. Vom Atlantik wehte derweil ein heißer Wind aus Afrika herüber, das Shirt klebte am Körper und die Brandung rauschte – das war alles Uno-mal. Jan C. Behmann

V

Versagensangst Jeder kennt diese Sorte Mensch, die nicht verlieren kann, die das Spiel ernster nimmt als das Leben und bei Würfelpech, schlechtem Blatt und fiesen Finten flucht, wütet oder weint. Manch einer kann den Verlust gar nicht eingestehen, verlangt sofortige Regeleinsicht oder schiebt das Umglück auf die vermeintliche Boshaftigkeit der anderen. Die Psychologie kennt viele Thesen über schlechte Verlierer. Sie treibt eine Versagensangst, sie fürchten sich vor Hohn, machen ihren Selbstwert vom Vergleich mit anderen abhängig. Insbesondere Kindern, die ihren Selbstwert noch ermitteln, fällt Verlieren daher schwer; für sie ist das Spiel eine bitterernste Probe.

Gewinnertypen hassen Würfeln. Wer gewohnt ist, über sein Schicksal bestimmen zu können, fühlt sich bei Spielen mit hohem Glücksanteil ausgeliefert. Einen Sieg gönnen zu können, ist eine erhebliche Persönlichkeitsstärke, ein Eingeständnis menschlicher Schwäche oder Machtlosigkeit in einer Welt, die sehr häufig genau das Gegenteil verlangt. KN

Z

Zoff Wie viele Punkte man dafür wohl beim Scrabble-Spielen bekommt? Neulich entspann sich ebensolcher Zoff, als meine Familie sich über das „Scrabble“-Board beugte. „RNA“ hatte ich gelegt, aber keiner wollte das anerkennen. Dabei steht es doch im Duden! „Abkürzung gilt nicht!“, sagte der Mann. Der Sohn pflichtete bei. Letzterer ist überhaupt der Garant für Zoff überm Brett (Geheimnis).

Die bekannte Mensch-ärgere-dich-nicht-Regel, wonach das individuelle Startfeld frei zu machen ist, bevor die anderen Figuren auf dem Feld laufen dürfen, ignoriert er getrost. Skandal! Beim Monopoly gewinnt er mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit, weil er selbst seine Großmutter, die ihm eben noch treuherzig eine Straße überließ, mit der Brutalität eines Miethais auf die Straße setzt. Da hast du’s. Trau keinem Kapitalisten unter 1,60m! Marlen Hobrack

06:00 04.08.2019
Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten Abobreaker Artikel 3NOP ObenUnten

Kommentare 1