Spiel-Figuren

A–Z Jahrzehntelang galt Barbie als Inbegriff eines krankhaften Frauenbilds – jetzt kommt eine kurvige Version der Puppe auf den Markt. Ein pädagogischer Durchbruch?
Redaktion | Ausgabe 06/2016

A

Avatar Was für ein Versprechen! Der Avatar überführt die klassische Spielfigur ins Digitale (➝ Dino). Man kann in einen zweiten, dritten, x-ten selbstgestalteten Körper schlüpfen und sich in virtuellen Welten ausprobieren. Gerade in Computer-Rollenspielen und Online-3-D-Infrastrukturen wie Second Life verheißt das die Freiheit kaum begrenzter Möglichkeiten. Interessanterweise agieren die Nutzer mit ihrem Stellvertreter aber gar nicht so unbefangen.

Viele verhalten sich so, wie sie glauben, dass es andere Nutzer von ihrer Figur erwarten. Die geringe Körpergröße des Avatars kann etwa zu verstärkter Zurückhaltung führen. Avatare mit klar zuordenbarem Geschlecht werden zudem als vertrauenswürdiger beurteilt. Und auch ein digitaler Geschlechtertausch scheint für viele undenkbar. Diese Orientierung am Äußeren der Online-Repräsentation nennt die Wissenschaft Proteus-Effekt. Auch im Second Life gilt also: body matters. Tobias Prüwer

B

Big Jim, Big Jack und Big Josh: Was heute wie der Cast eines Pornofilms klingt, waren in den 70ern Plastikfiguren, die durch Druck auf eine Taste am Rücken den rechten Arm herabschnellen lassen konnten und deren Gummi-Bizeps man durch Beugen des Armes anschwellen ließ. Zum Spielkonzept ist damit fast schon alles gesagt: Es gab passende Kleidung und Ausrüstung im Zubehör, die den kompletten Interessenbereich des angehenden Abenteurers abdeckten, also etwa für Bergsteiger, Taucher, Geheimagenten und Soldaten (➝ Militär). Die Zielgruppe dachte altersbedingt bei „Mädchen“ immer noch das Wort „igitt“ mit, daher gab es im gesamten Big-Jim-Kosmos keine einzige Frau. Mit Beginn der Pubertät wurde es schwierig: Jim war einen Kopf kleiner als Barbie, deshalb kamen gemeinsame Wochenenden im rosafarbenen Camper nicht in Frage. Uwe Buckesfeld

C

Curvy Barbie Langes blondes Haar, helle Haut und schlanke Figur – das verbinden Generationen mit der wohl bekanntesten Plastikpuppe der Welt: Barbie. Diese gibt es seit knapp 60 Jahren, wobei sich ihr Erscheinungsbild mit den passenden Outfits immer wieder verändert hat. Denn dem Hersteller Mattel war es seit jeher wichtig, sich am Zeitgeist zu orientieren. Die erste Barbie gab es deshalb nicht nur in Blond, sondern auch in Brünett. Die Hautfarbe wurde aber erst in den 80ern variiert: nicht mehr nur hellhäutig, sondern auch andere Ausführungen.

Doch nun geht es der Barbie an die Substanz. Die US-Firma hat sich die fortwährende Kritik an der ikonischen Puppe nämlich zu Herzen genommen und verkauft sie nun in drei Variationen: groß, klein und kurvig (➝ Gallier). Das entspräche dem amerikanischen Schönheitsideal im 21. Jahrhundert, so der Puppenproduzent. Außerdem gibt es neue Haar- und Hauttöne. Aber eine Sache darf bei alledem nicht fehlen: die Schminke. Steht Dauerfreund Ken darauf heute wirklich noch? Oder steckt dahinter nicht viel mehr die millionenschwere Kosmetikindustrie? Katharina Finke

D

Dino Die neue Wunderpuppe ist nicht aus Plüsch, sondern aus Gummi (➝  Lidl) und knapp 30 Zentimeter hoch. Zum Kuscheln ist sie nicht da, sondern zum Reden. Der kleine Dinosaurier CogniToy ist eine sprechende Puppe. Sie lernt mit dem Kleinkind, erste Worte und Sätze zu formen. Sie kann das, weil sie online geht. Immer wenn der Sprachschatz von CogniToy (200.000 Phrasen) für das Kind nicht ausreicht, fragt der Dino bei IBM Watson, dem Superhirn des Computergiganten, nach. Und die Eltern? Sie können sich mühelos auf dem Laufenden halten, wie sich ihr Kind im Gespräch mit dem Dino entwickelt. Denn CogniToy hört nicht nur zu, er filmt das Kind auch. Wenn man so will, ist er für die Kinder so etwas wie der erste echte Cyborg – ein Mischwesen aus Mensch, pardon, Dino und künstlicher Intelligenz. Christian Füller

G

Gallier Ein Witz über Asterix und Obelix handelt vom Essen (➝  Jo-Jo-Effekt): „Bitte zwei Wildschweine“, sagt Asterix. „Für mich auch zwei“, ergänzt Obelix. Die beiden Gallier treten immer im Doppelpack auf, sind aber ganz unterschiedlich. Klein und sportlich versus groß und dick. Während Asterix stets kluge Pläne ausheckt, ist Obelix vor allem für das Essen (und das Verprügeln von Römern) zuständig. Heimlich jedoch bewundert er Asterix für seine Intelligenz. Damit passt Obelix ins soziale Klischee: Dick und doof gehörten irgendwie zusammen. Felix Werdermann

J

Jo-Jo-Effekt Auch etablierte Zeichentrickfiguren sind nicht unantastbar. In den vergangenen Jahren durchlebten gleich mehrere Exemplare eine traurige Entwicklung: Sie magerten ab. Zum Beispiel die Biene Maja. Seit den 70er Jahren summte sie pummelig und genau richtig durch die ZDF-Serie. 2013 tauchte Maja mit Wespentaille statt Bienenspeck auf. Der Ärger war groß, von Schlankheitswahn war die Rede.

Und wer sich ein bisschen mit Foucault (➝ Kriminalität) befasst hat, mag darin ein Paradebeispiel für Biopolitik sehen, jene Machtform, die sich nicht auf das Individuum, sondern auf die Bevölkerung in ihrer Gesamtheit bezieht und deren Lebensformen, ja sogar deren biologische Prozesse zu beeinflussen sucht. Zum Beispiel durch magere Zeichentrick-Vorbilder. Denn auch der Kobold Pumuckl, früher mit einer Plauze ausgestattet, die der von Meister Eder Konkurrenz machte, wurde letztes Jahr verschlankt. Zumindest bei ihm konnte man sich aber auf den Jo-Jo-Effekt verlassen. Er bekommt nach lauten Protesten sein Bäuchlein zurück. Benjamin Knödler

K

Kriminalität Die Popkultur ist von einer Ästhetik der Devianz geprägt, in fiktionalen Kinderwelten ist es kaum anders. Die Faszination, die Piraten, Gangster und Banditen ausstrahlen, liegt im Nimbus ihrer Unangepasstheit. Und die muss sofort erkennbar sein, sonst bleibt das Identifikationspotenzial (➝  Curvy Barbie) aus. Deshalb pflegen Rocker, Hools und Rapper einen besonderen Körperkult, der oft unbewusst der Tätertypentheorie des 19. Jahrhunderts folgt. Demnach sei kriminelles Verhalten an wirren Blicken, angewachsenen Ohren oder bestimmter Kleidung erkennbar. In Plastik gegossene Entsprechungen davon zeigen sich im Playmobil-Universum. Bösewichter sind hier stets männlich, tragen schwarzes Leder, haben zusammengekniffene Augen, buschige Brauen, Bärte und sind tätowiert. Tobias Prüwer

L

Lara Croft Die Frau kann einem leidtun. Da führt sie mit Tomb Raider eine der erfolgreichsten Computerspiel-Reihen aller Zeiten an und wird trotzdem nur auf eins reduziert: ihre Brüste. Mit jedem Spiel schienen die Entwickler eine Körbchengröße draufzulegen, bis die arme Lara wie eine groteske Urwaldbarbie durch alte Ruinen hüpfte. Für die einen unterwandert sie das stereotype Frauenbild (➝ Queer), wenn sie männlich-konnotierte Landschaften wie Wüsten und Grüfte bezwingt, für andere ist sie bloße Projektionsfläche verzweifelter Männerfantasien. Zu ihrem Recht kam die Actionheldin erst mit dem Reboot 2013. Ab da wurde nicht nur an ihrer unnatürlichen Körper-, sondern auch an ihrer Charakterentwicklung gearbeitet. Und Lara bewies, dass gute Computerspiele nicht sexistisch sein müssen. Simon Schaffhöfer

Lidl Andere setzen auf Sticker, Lidl auf Stikeez. Die winzigen, unbeirrbar hässlichen Gummimonster mit Saugnapf wirkten zunächst wie ein ironischer Kommentar (➝ Zeichentrickfamilie) zum Wettstreit der Supermarktketten um die umsatzförderlichste Dreingabe für Kinder. Aber sie wurden zum Renner – inklusive PR-Desaster, als die erste Charge lange vor dem offiziellen Aktionsende vergriffen war. „Gehen wir zu Lidl, bitte!“, quengelt, sobald es wieder Stikeez gibt, selbst der Schnöselnachwuchs, dem die Eltern, „Discounter“ als Bäh-Wort beizubringen versucht haben. Aber auch jenseits der Ladenkasse entfaltet diese Bonsaiparodie des Konzepts Actionfigur erstaunliches Potenzial. Bei uns haben die Stikeez zum Beispiel die klassischen Mensch-ärgere-dich-nicht-Kegelchen bei Brettspielen komplett entmachtet. Michael Ebmeyer

M

Militär Ob Star Wars, Tribute von Panem oder Game of Thrones: Martialisch-Militärisches läuft in Form von Actionfiguren (➝ Big Jim) im Kinderzimmer en masse auf. Bei so übertriebenen Charakteren wie G.I. Joe konnte man noch aufs Abstraktionsvermögen des Nachwuchses hoffen. Krasser wirken hingegen Spielzeug-Militaria, die Authentizität verheißen. Modellbau-Firmen wie Revell offerieren etliche Kriegszenarien, beispielsweise das für Kinder ab fünf Jahren empfohlene Set „Deutsche Panzergrenadiere 1944 WWII“. Um historische Bildung und Aufklärung geht es bei diesem Miniatur-Militarismus nicht. Das zeigt etwa die Beschreibung zum Afrikakorps, einer „modern ausgerüsteten Truppe“, die „die zumeist zahlenmäßig überlegenen Briten bis nach Ägypten hinein zurückdrängen konnte. Nach der Schlacht von El Alamein mussten die erschöpften (...) Verbände jedoch den Rückzug antreten.“ „Build your Dream“, heißt es bei Revell. Hier klingt es wie ein Schlachtruf. Tobias Prüwer

Q

Queer Ein schwuler Batman, lesbische Wonder Women oder eine Spider-Transe? Warum nicht? Denn wenn die Welt sich wandelt, verändert sich auch das Universum der Comicfiguren, da diese entsprechend angepasst werden (➝ Lara Croft). Nachdem Obama sich für die Ehe von Gleichgeschlechtlichen ausgesprochen hatte, outeten sich auch Figuren von großen Superhelden-Schmieden, wie Green Lantern von DC Comics. Und fast zeitgleich mit der Legalisierung der Ehe für alle kam heraus, dass Marvel-Held Iceman von den X-Men schwul ist. Alles Zeichen für zunehmende Liberalität in der Szene. Doch wirklich durchgesetzt hat sich die wohl erst, wenn Genderfragen auch bei den populärsten Figuren keine Rolle mehr spielen. Einen ersten Schritt auf diesem Weg macht das Schwule Museum in Berlin. Denn es widmet sich dem Thema mit seiner Ausstellung SuperQueeroes, die noch bis 26. Juni läuft. Katharina Finke

Z

Zeichentrickfamilie Rein optisch scheint bei den Simpsons vieles realitätsfern (➝  Avatar). Welche Menschen sind schon überwiegend knallgelb oder haben derart seltsame Schnauzen? Trotzdem sind Homer, Marge und Co. unwahrscheinlicherweise zu globalen Identifikationsfiguren avanciert. Das liegt wohl auch daran, dass das optisch Unrealistische den Blick für den sozialen Realismus der Umwelt schärft. Denn die Simpsons leben in einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, die allzu bekannt scheint. In der gleichermaßen tristen wie liebenswürdigen Stadt Springfield geht man zur monotonen Arbeit, stopft süchtig machendes Fastfood in sich hinein und hängt vor dem Fernseher – und behauptet sich mit einer Prise Wahnsinn dennoch irgendwie. Manchmal funktioniert Gesellschaftskritik eben besonders gut in Gelb. Benjamin Knödler

06:00 24.02.2016

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