Spiel mir das Leid vom Tod

Kino Michael Hanekes neuer Film heißt "Liebe". Dabei handelt er vom Tod. Und ist darin untypisch für den Regisseur, der so häufig nach den Ursachen der Gewalt gesucht hat

Der Zuschauer, der vor 20 Jahren nach Bennys Video, Michael Hanekes ersten großen Beitrag zum Genre „Aufreger-Filme“, einigermaßen verstört das Kino verließ, hätte wohl nichts für unwahrscheinlicher gehalten, als dass dieser Regisseur einmal einen Film wie Liebe drehte. Und schon gar nicht mit dem Titel!

Tatsächlich ist der Titel vielleicht das Missverständlichste an Liebe. Der Film handelt von Liebe, er zeigt ein altes Liebespaar, er stellt dar und reflektiert, was Liebe bedeuten kann, wozu die Liebe den Menschen befähigt und wozu nicht. Aber im Zentrum steht etwas anderes – düster, beklemmend und verstörend, wie es sich eben für Haneke gehört: der Tod. Und es hat eine eigene Größe, um nicht zu sagen ein gewisses Pathos, einen Film Liebe zu nennen, in dem man die Handlungen der Protagonisten ausreichend mit „sie sterben“ beschreiben kann.

Letztgesagtes stellt übrigens keinen Spoiler dar: Liebe gehört zu jener raren Sorte Film, die man Bild für Bild nacherzählen kann, ohne dass man dabei etwas verraten würde, geschweige denn spoilen, verderben. Man muss hier selbst sehen, um zu begreifen – und der Prozess des Sehens macht das Filmerlebnis aus, nicht der Plot. Handlungstechnisch, wenn man das so sagen will, legt Haneke die Karten zu Beginn auf den Tisch. Da bricht die Pariser Feuerwehr eine Altbauwohnung auf, im Wohnzimmer steht das Fenster weit offen, im Schlafzimmer, dessen Türen noch einmal extra abgedichtet sind, entdecken sie die blumenbedeckte Leiche einer Frau. Als Zuschauer teilt man das Gefühl von Schock, Peinlichkeit und Scham, das man den Männern in ihrer schweren Kleidung anzumerken glaubt. Man ist mit Gewalt eingedrungen in einen Ort, an dem etwas sehr Intimes geschehen ist.

Nicht mehr flott

Der Film erzählt vom Davor: Man sieht Anne (Emmanuelle Riva) und Georges (Jean-Louis Trintignant) im Konzert sitzen und dann nach Hause kommen. Zwei alte Leute, die noch gut auf den Beinen sind, die aber schon die Umständlichkeit ihrer 80 Jahre prägt; nichts geht mehr flott. Schon bald nach dem Konzertabend erleidet Anne ihren ersten Schlaganfall in Form einer geistigen Abwesenheit am Frühstückstisch. Eben noch haben sie sich in Ehepaarvertrautheit unterhalten, als Anne auf einmal nicht mehr antwortet, nur noch starr vor sich hinschaut. Und Georges erlebt in Kurzform, was unerbittlich und unausweichlich auf ihn zukommen wird: Er wird Anne verlieren, den geliebten Menschen. Mehr noch, die vertraute Gefährtin wird sich ihm entziehen und entfremden, erst durch Hinfälligkeit und Krankheit und dann durch den Tod.

Es sind völlig undramatische Bilder, in denen Haneke von Annes und Georges Weg in den Tod erzählt. Alles spielt sich in der Wohnung ab, die ihr langes Leben als Musiker und Musiklehrer widerspiegelt. Die Außenwelt tritt nur in Form von kurzen Besuchen der Tochter (Isabelle Huppert) oder eines ehemaligen Schülers in Erscheinung. Auf das, was sich zwischen Anne und Georges ereignet – von der 85-jährigen Riva und dem 81-jährigen Trintignant in wunderbar plausiblem „Kleinmut“ dargestellt –, haben diese Gespräche keinen Einfluss.

So klar, so undramatisch und ungekünstelt wie hier hat man das Thema Sterben selten im Kino verhandelt gesehen. Und so beklemmend es ist, sich damit auseinandersetzen zu müssen, so befreiend wirkt gleichzeitig, dass Haneke damit einerseits sehr respektvoll, andererseits aber auch völlig unerschrocken und angstfrei umgeht.

11:18 19.09.2012
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