Spiele und Spionage

Zwiesprache verletzter Seelen John Le Carré und die Metamorphosen eines Genres

Wenn ein Autor seine Romane dem Kino überantwortet, fügen sie sich dort in ein neues Bezugssystem. Die Motive beginnen, ihr eigenes Leben jenseits der Suggestivkraft seines Stils zu führen. Als Justin Quayle (Ralph Fiennes), ein Diplomat im Dienst des britischen Außenministeriums, zu Beginn von Der ewige Gärtner einen Vortrag beendet, werden hinter ihm die Jalousien hochgefahren. Die großen Fenster geben einen majestätischen Blick frei auf London, die Metropole erschließt sich dem Zuschauer für einen Moment in all ihrer historischen Pracht.

Das Russland Haus und Der Schneider von Panama, zwei Le Carré-Verfilmungen aus den neunziger Jahren, gewährten dem Zuschauer beinahe identische Ausblicke. Sie führen ihn in die Zentren der Macht, deren Fassaden man niemals von Außen sieht, deren Aussicht auf die Themse und das britische Parlament aber stets zelebriert werden. Diese Bilder sind nicht ohne Ironie. Die repräsentative Inbesitznahme der Stadt kündet von dem auch nach Ende des Kalten Krieges existierenden Einfluss der Geheimdienste. An der Transparenz, die die Einstellungen suggerieren, kann ihnen indes auch heute noch nicht gelegen sein.

Als Der ewige Gärtner im letzten Herbst in Venedig Premiere feierte, markierte er ein weitgehend unbeachtetes Jubiläum: Seit präzis vier Jahrzehnten zählt der Romancier John Le Carré zu den verlässlichsten Stofflieferanten Hollywoods. Sein Oeuvre stellt das Paradoxon dar, einerseits ein uneingelöstes kommerzielles Versprechen zu sein - sämtliche Kinoadaptionen seiner Bücher waren bei ihrer Erstauswertung Misserfolge - und zugleich die ungebrochene Anziehungskraft des Spionageromans zu bestätigen. Die Popularität dieses Genres in England war schon zu Zeiten des Kalten Krieges Anlass zu spöttischer Spekulation: als Spielfeld einer post-kolonialen Selbstüberschätzung und des Verkennens der eigenen geopolitischen Bedeutung. Was außer trotzigen, demütigenden Nachgefechten könnten die Geheimagenten ihrer Majestät heute noch bestreiten?

Das Kino hat für diese hermetisch englische Perspektive stets ein Korrektiv gefunden. Die Regisseure früherer Verfilmungen sind Amerikaner (darunter Martin Ritt und Sidney Lumet), Australier (Fred Schepisi) oder Iren (John Boorman). Von dem Brasilianer Fernando Mereilles hat sich Le Carré, der bei Der ewige Gärtner auch als Co-Produzent fungiert, eine noch radikalere Blickverschiebung versprochen. Die fahrig ziellose Handkamera macht erst gar keine Anstalten, der britischen Wesenart je nahe zu kommen. Die Fremdheit, die diesem Blick zueigen ist, erstreckt sich freilich auch auf den afrikanischen Kontinent, von dessen Ausbeutung er erzählen will.

Durch den mysteriösen Tod seiner Frau Tessa (Rachel Weisz) kommt Quayle einer Verschwörung auf die Spur, an der hochrangige Beamte des Ministeriums und ein Pharmakonzern beteiligt sind, der in Afrika illegal Medikamente testet. Die Intrige ist, wie stets bei diesem Autor, Vorwand für eine filigrane Charakterstudie (Fiennes wird bereits als Oscar-Kandidat gehandelt): Quayle ist ein direkter, seltsam unzeitgemäßer Nachfolger jener masochistischen, schuldgeplagten Helden, die Le Carré in den sechziger Jahren als unglamourösen Gegenentwurf zu James Bond anlegte.

Der Spionagethriller spaltete sich damals in zwei Tendenzen auf. Die eine übersteigert das parodistische Element, das in den Bondfilmen bereits angelegt war. Le Carré hingegen steht für eine Schule, die das Genre als Folie für atmosphärische Zeitbilder des Kalten Kriegs nutzt. Er bringt die für britische Thrillerautoren schon fast obligatorische lebensgeschichtliche Beglaubigung der Fiktion mit: Wie Graham Greene und Ian Fleming hat er im Geheimdienst gearbeitet, während des Zweiten Weltkriegs und dem verdeckten, der ihm folgte.

Le Carrés Romane gewähren Innenansichten eines nüchternen Alltagsgeschäfts, in dem das Warten zu den Hauptbeschäftigungen gehört. Auf einer keineswegs untergeordneten Ebene sind sie tragikomische Studien der Bürokratie. Sie führen einen Apparat vor, der sich unablässig mit sich selbst beschäftigt. Rivalitäten und Kompetenzstreitigkeiten schildert Le Carré nicht nur als institutionelles Minenfeld. Sie sind in dem sich unweigerlich bestätigenden Argwohn begründet, die Frontlinie könnte durch die eigenen Reihen gehen.

Le Carrés großes Verdienst als Thrillerautor besteht darin, das Spionagehandwerk in eine existenzielle Erfahrung der Desillusionierung übertragen zu haben. Seine Geheimagenten geraten ihm zu Sinnbildern des modernen Individuums, das auf keine religiösen oder ideologischen Gewissheiten zurückgreifen kann. Die Filme der sechziger Jahre verharren auch visuell in dem engen Gefühlsspektrum einer Depression.

Seit Rudyard Kiplings Abenteuerroman Kim wird die Spionage in England gern als "the great game" bezeichnet. Dieses Versprechen von Nonchalance lösen die Le-Carré-Verfilmungen nur halbwegs ein. Der Zuschauer wird zwar Zeuge minutiös geschilderter geheimdienstlicher Operationen und hat das Privileg, in einschlägige Techniken eingeweiht zu werden. Aber das Spielerische gewinnt nie eine unverbindliche Leichtigkeit. Le Carrés besondere Spezialiät sind Verhöre, die sein bevorzugter Protagonist George Smiley einmal "die Zwiesprache verletzter Seelen" nennt.

Dennoch besitzt die Spielmetapher ihre Gültigkeit. Strategie, Figurenaustellung und die Erwartung des nächsten gegnerischen Zuges geben wie bei einer Schachpartie die Dramaturgie der Szenarien vor. Die Duplizität des Spionagehandwerks - für jede Operation gibt es ein Täuschungsmanöver - besitzt in den Le-Carré-Adaptionen eine innere Verwandtschaft zum Schauspiel. Das Tribunal am Ende von Der Spion, der aus der Kälte kam (1965) fungiert als Bühne, auf der ein Darsteller um jeden Preis in seiner Rolle bestätigt werden muss. Die Heldin in Die Libelle (1984) ist eine vom Mossad rekrutierte Schauspielerin (Diane Keaton), die hingebungsvoller in ihre Rolle hineinfindet, als es ihren Spielleitern lieb sein kann: Sie verliebt sich und wird zu einer glühenden Anhängerin der palästinensischen Sache.

Zum sportlichen Charakter des Gewerbes gehört die Ebenbürtigkeit der Gegner. Siege und Niederlagen sind befristet, keine der gegnerischen Mannschaften hat ein Interesse daran, aus dem Kampf auszusteigen. Dass die Rolle der Bösen den Kommunisten übertragen wird, ist eher eine Frage der Perspektive, als eine unumstößliche ideologische Prämisse. Die Wertedifferenz, auf der die Konfrontation der Blöcke im Kalten Krieg beruht, fällt nicht notwendig zu Gunsten des Westens aus. Der Kommunismus wird zwar prinzipiell als Irrglaube diskreditiert, ihm eignet mitunter aber doch die Noblesse eines zerronnenen Idealismus´.

Obwohl die westliche Gesellschaftsordnung als die überlegenere erscheint, verkörpern ihre Repräsentanten im Geheimdienst deren ethische Aushöhlung. Kaum je legen sich die Vorgesetzten Rechenschaft ab über die moralische Zulässigkeit ihres Handelns. Über jene Agenten, die noch nicht vollends zynisch geworden sind, ist der Schuldspruch der Hilflosigkeit und Vergeblichkeit verhängt; gegen die erdrückende Maschinerie können sie ihr Gerechtigkeitsgefühl nicht behaupten.

Die Le Carré-Verfilmungen konstatieren einen engen inneren Zusammenhang zwischen individueller Verzweiflung und der Existenz totalitärer Regimes; die Helden von Das Russland Haus und Der Schneider von Panama tragen leichter an ihrer Melancholie. Der ewige Gärtner schildert einen Reifungsprozess, bei dem Quayle sein privates wie politisches Phlegma aufgibt und Tessas Engagement nach ihrem Tod als ein Mandat annimmt.

Zwangsläufig spiegeln Le Carrés Romane und ihre Adaptionen die Legitimationskrise des Genres nach dem Ende des Kalten Krieges wieder. Der Eindruck einer gewissen Verlegenheit auf der Suche nach Themen lässt sich nicht verleugnen. Schon die kommerziell erfolgreichen Politthriller der siebziger Jahre fanden zwar bereits andere Schauplätze und Konflikte - Der Schakal handelt von einem Attentatsversuch enttäuschter Algerienveteranen auf de Gaulle, Die drei Tage des Condor stellt vor dem Hintergrund der Ölkrise die Frage, ob gewisse Abteilungen des CIA nicht auf eigene Rechnung arbeiten -, Spannung und Brisanz der Intrigen waren jedoch insgeheim in der übergreifenden Konfrontation von Ost und West grundiert. Die Verfilmungen der Tom Clancy-Bestseller der neunziger Jahre wirkten wie konservative Nachgefechte, obwohl sie mit der IRA (Die Stunde des Patrioten) oder lateinamerikanischen Drogenbossen (Das Kartell) für den CIA neue Gegner gefunden hatten. Ihnen gebricht es allerdings an jener Ebenbürtigkeit, die einem Protagonisten heroische Statur verleiht.

Der ewige Gärtner trägt zwar dem Umstand Rechnung, dass das Spielfeld unübersichtlicher geworden ist. (Berlin erscheint beispielsweise nicht mehr als der Brennpunkt, der die Stadt in den Filmen der sechziger Jahre war, sondern als austauschbarer Schauplatz.) Quayles Kampf gegen einen übermächtigen, skrupellosen Pharmakonzern lehnt sich freilich an die bewährten Muster des Paranoia- und Entlarvungsthrillers an.

Der Anachronismus der britischen Spielart der Spionage, deren Realitätsverlust Le Carré seit jeher konstatierte, löst sich nun ins Fabelhafte auf. Schon zum Selbsterhalt ist der Apparat empfänglich für falsche Fährten. Den Prozess der britischen Ankopplung an die USA (deren Geheimdienstler stets entschlossener und effizienter erscheinen und die Briten weniger abgebrüht aussehen lässt) verfolgt Le Carré mit gebotenen Spott. Das eigentlich ausstehende Thema des Genres, wie eine Welt mit nur einer selbstbewussten Supermacht aussieht, muss in seinem Werk allerdings noch die angemessen bedrohlichen Konturen bekommen.


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00:00 13.01.2006

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