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Auf alte Weise In Berlin tagten tausend Philosophen zum Thema "Kreativität"

Die Dinger sehen aus wie Häkeldeckchen. In pingeligster Feinarbeit haben so genannte "zelluläre Automaten" der Klasse 4 sie gewebt, und zwar mit viel Zeit und Muße und nach einer jeweils bestimmten "Zustandsentwicklungsregel". Zelluläre Automaten sind virtuelle Gebilde im Rechner, und anhand der unvorhersehbaren hübschen Muster, die sie produzieren, will der Berliner Wissenschaftstheoretiker Holm Tetens nachweisen, dass Computer kreativ sein können und - besonderer Clou der Sache - dass sie dazu ungefähr dasselbe brauchen wie schöpferische Menschen: eine Menge Zeit und gute Entwicklungsbedingungen. Man mag dem Erklärungswert virtueller Häkeldeckchen skeptisch gegenüberstehen, Holm Tetens Vortrag gehörte zur einem der besten, die der XX. Deutsche Kongress für Philosophie in der vergangenen Woche in der Berliner Technischen Universität zu bieten hatte. Rhetorisch schön, gedanklich anspruchsvoll und methodisch durchdacht, bestärkte Tetens einerseits den Allgemeinplatz, dass Kreativität Unvorhersehbares hervorbringe und nicht zu zwingen sei, widerlegte aber gleichzeitig die vom Organisator des Kongresses, Günter Abel, ausgegebene Parole, Kreativität sei immer ein Regelbruch. Nichts da, die Automaten folgen klaren Regeln, aber wir können trotzdem nicht vorhersehen, was sie zaubern - Kreativität ist, so Tetens, "ein Emergenzphänomen", sie baut sich aus einfachen Prozessen zu komplexen mit neuer Qualität auf. Auf elegante Weise hat der Wissenschaftstheoretiker damit den unselig-endlosen Ringelreihen um Freiheit versus Determinismus, Mensch versus Maschine, auf eine bessere Ebene gestellt.

Ansonsten galt die Regel: ein Fachkongress ist ein Fachkongress ist ein Fachkongress. Will heißen: er ist langweilig er ist langweilig er ist langweilig. Das Problem dieses alle drei Jahre stattfindenden Großereignisses der Deutschen Gesellschaft für Philosophie ist, dass es von den etablierten historisch oder technisch ausgerichteten Bereichen der akademischen Philosophie bestimmt wird, weshalb man bei rund 250 Vorträgen in 28 Sektionen - ganz unabhängig vom aktuell gewählten Oberthema - schon vorne weiß, was hinten rauskommt. Künstliche Intelligenzforschung, Bioethik, Logik, Staatstheorie, Philosophie des Mittelalters und Ästhetik sind fest verankert im Kongress, Theorien über Globalisierung aber, oder Exotisches wie Postcolonial Studies, kommen nicht vor. Selbst die Feministinnen, die hier eine feste Nische gefunden haben, sind so etabliert, dass sie alles andere als "queer" anmuten. Die big names des Kongresses waren der Komponist Wolfgang Rihm, der gezwungenermaßen zu viel reden musste, und der mittlerweile 73-jährige John Searle, von dem wir nicht wissen wollen, wie oft er den Vortrag What is language? schon gehalten hat.

Doch warum soll immer alles neu sein? Die Sektion "Der Kreativitätsgedanke im interkulturellen Vergleich" erinnerte tröstlich daran, dass in anderen Kulturen, der chinesischen etwa, das Neue keinen Wert an sich darstellt. Konfuzianisch gedacht geht es nicht um Originalität sondern um Sinnschöpfung, darum, die Tradition lebendig zu halten, Quelltexte immer wieder neu zu deuten. Wie man neokonfuzianisch in ein solch fixes System durch die Hintertür und kreativ Immanuel Kant einschleuste, zeigte der Philosoph Stephan Schmidt in einem schönen Vortrag.

Zelluläre Automaten der Klassen 2 und 3 produzieren immer dieselben Muster, die der Klasse 4 stürzen öfter einmal ab oder enden im Chaos - darin sind sie den Philosophen nicht ganz unähnlich. Zum eigentlichen, alles-und-nichts-sagenden Thema "Kreativität" war wenig zu lernen, es fand sich aber Skurriles in den kleinen Verästelungen des Kongresses, zum Beispiel als Daniel von Wachter per Powerpoint-Präsentation Gott als körperlose, allwissende, allmächtige und gute Person deduzierte. Und Erstaunliches war zu erfahren, zum Beispiel, dass es inzwischen ein Wissensgebiet namens "Ecophysics" gibt, in dem mittels physikalischer Modelle versucht wird, Marktgeschehnisse zu berechnen. Ein Aktienhändler verhält sich vermutlich nicht anders als ein Atom, oder? Die Ökonomen aber lieben die Ecophysiker nicht, weil deren abstrakt-theoretische Modelle den Verlauf von Finanzcrashs zwar erklären aber nicht vorhersagen können. Ach, Kreativität hat mehr mit Spiel zu tun als mit zweckdienlichem Handeln, und so lange pragmatische Aktienhändler die Philosophen hassen, wollen wir sie - trotz aller Abstürze - weiter lieben.


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00:00 07.10.2005

Ausgabe 39/2020

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