Max Dax und Sebastian Hammelehle
09.12.2009 | 15:57 12

Spielt nie mehr die Herren

Inerview Hamburg, 13.12. Die Vorführung des Debutfilms von Claude Lanzmann findet statt! Warum dies eine Meldung wert ist, zeigt das folgende Gespräch mit dem Regisseur

Fast möche man von einer Provinzposse sprechen, wenn man an die ebenso kindische wie gewaltsame „antizionistische“ Aktion denkt, mit der die linksradikale Gruppierung B5 am 25. Oktober eine Vorführung des Films Warum Israel des französischen Regisseurs Claude Lanzmann (Shoah) verhinderte. Erfolg hatten sie damit auf lange Sicht nicht: Diesen Sonntag holt das B-Movie die Vorführung von Warum Israel nach.

Der Freitag: Monsieur Lanzmann, waren Sie überrascht, als Sie von den Vorfällen, die am 25. Oktober stattgefunden haben, erfuhren?

Claude Lanzmann: Ja. Mehr noch: Ich war schockiert.

Haben Sie so es schon einmal erlebt, dass die Vorführung eines Films von Ihnen auf eine solche Weise gestört wurde?

Nein. Weltweit ist es nicht ein einziges Mal passiert, und in Deutschland schon gar nicht. Es hat einmal einen Vorfall gegeben, als mein Film Tsahal zum ersten Mal in Frankreich aufgeführt wurde. Da gab es eine Tränengas-Attacke auf das Kino. Acht Tage lang konnte man das Kino nicht betreten. Aber dort wurden keine Besucher beschimpft. Von daher fällt Hamburg unter eine andere Kategorie, als dass der Vorfall und die „Schweinejuden“- Rufe eine Eskalation darstellen. Viel schlimmer aber ist, dass lange Zeit keine deutsche

Zeitung darüber berichtete. Das war für mich der noch viel größere Skandal. Schließlich ist ein solcher Vorfall doch im wahrsten Sinne des Wortes etwas, über das berichtet werden muss!

Darum sprechen wir mit Ihnen.

Es war schon geschmacklos, das Kino zu verbarrikadieren mit der Nachbildung eines israelischen Checkpoints und dort mit Nachbildungen von Maschinenpistolen zu patroullieren. Noch geschmackloser war es, die Kinobesucher zu filmen und zu fotografieren. Endgültig wurde die Grenze überschritten, als sie mit antisemitischen Parolen beleidigt wurden und man ihnen gegenüber tätlich wurde. Wurden sie nicht auch als „Schwuchteln“ beschimpft?

So wird es übereinstimmend berichtet. Das Wort „Nazischweine“ fiel wohl ebenfalls.

Wenn am Sonntag, dem 13. Dezember, der erneute Versuch unternommen wird, den Film zu zeigen, wird die Aufführung dieses Mal unter Polizeischutz stattfinden?

Die Veranstalter gehen offenbar davon aus, dass die öffentliche Teilnahme so massiv ausfallen wird, dass ein Polizeischutz nicht vonnöten sein wird.

Was mich irritiert, ist folgendes: Der Vorfall war so ernst, wie er gefährlich war. An der Boykottaktion hatte sich auch eine Tierschutzgruppe beteiligt, die sich gegen die Tötung von Versuchstieren positioniert. Besucher des Films wurden von angeblichen Linken als „Schweinejuden“ und „Nazis“ beschimpft – es ist ebenso grotesk wie absurd! Mich aber beunruhigt die Reaktion der Medien. Es darf nicht passieren, dass sich die Deutschen wieder wie Aristokraten aufspielen und naserümpfend sagen: Die sind nicht von uns, das sind linksextremistische Spinner, die verfügen über keinerlei politische Hausmacht. Dabei ist das Gegenteil der Fall: Nichts ist unwichtig. Auch Hitler ist man damals mit einer solchen aristokratischen Hochnäsigkeit begegnet. Dabei liegt die Sache auf der Hand: Auf eine solche Attacke muss reagiert werden. Und das passierte nicht.

Sind Sie überrascht, dass die Attacke aus der extremen Linken kam und nicht von Neonazis?

Nein, überhaupt nicht. Auch die Baader-Meinhof-Gruppe hat im Zuge der Entführung der Landshut nach Juden und Nichtjuden getrennt. Bereits die RAF war linksextrem und pro-palästinensisch, und ihre Kommandos benahmen sich wie Nazis. Und auch heute wieder lautet eine der Parolen im linksextremen Spektrum, dass die Israelis die neuen Killer wären, ‚die neuen Nazis‘. Leichter kann man sich nicht Pseudoargumente zusammensuchen, um die eigene antisemitische Sichtweise zu verlautbaren. Aber dabei wird immer übersehen, dass diese Parolen schlicht und einfach nicht stimmen. Niemand stellt in Abrede, dass Israel mit extremer Gewalt im letzten Gaza-Feldzug vorgegangen ist. Aber das macht die Israelis noch lange nicht zu den neuen Nazis. Das ist zu einfach. Für mich wird deutlich, dass diese Denke, die sich antizionistisch gibt, im Kern eine antisemitische ist.

Genau dies bestreiten die Antizionisten natürlich.

Der ägyptische Kulturminister Farouk Hosni, der sich für das Amt des UNESCO-Generaldirektors beworben hatte und bereits als durchgewunken galt, musste schließlich seinen Hut nehmen, nachdem Bernard-Henri Lévy, Elie Wiesel und ich aufgrund seiner antisemitischen Äußerungen in der Zeitung Le Monde gegen ihn Stellung bezogen hatten. Der Mann war untragbar: Er behauptete, Juden seien Diebe und hätten nie etwas zur Kultur der Menschheit beigetragen, und er solidarisierte sich mit jenen, die in Ägypten vorschlagen, jüdische Bücher aus der Bibliothek von Alexandria zu entfernen und öffentlich zu verbrennen. Auch Hosni sagte stets, er sei Antizionist, aber kein Antisemit. Jetzt hat die Bulgarin Irina Bokowa den Posten. Positionen wie die Hosnis können nicht akzeptiert werden.

In Hamburg argumentierten die Blockierer des B-Movie-Kinos, dass man nur den Palästinensern zu Gerechtigkeit verhelfen wolle.

Jean-Luc Godard erzählt derzeit verantwortungslos dasselbe, wenn er, in Le Monde vom 11. November 2009, behauptet, dass die „palästinensischen Selbstmordattentäter in Israel ihre Anschläge begehen, um einen Staat zu gründen, nichts anderes tun, als die sechs Millionen Juden, die in den Gaskammern vergast wurden – um ebenfalls mit ihrem Opfergang einen Staat zu gründen.“ Godard hat dies wortwörtlich gesagt. Es ist geradezu obszön.

Godard sagt heute, er sei falsch zitiert worden.

Godard hat offenbar ein riesengroßes Problem mit mir, und zwar, seit 1985 Shoah erschienen ist. Im französischen Fernsehen, in einer Diskussion mit Marguerite Duras, sprach er Shoah ab, ‚irgendetwas zu zeigen‘, weil die Beweisbilder fehlten, woraufhin Duras ihm entgegnete, dass mein Film ‚alles‘ zeigen würde. Auch ich sage: Was ist das Filmbild gegen eine Tatsache? Godard glaubt an das Filmbild, ich an die historische Tatsache. Nach allem, was ich über ihn weiß, kann ich ihn nur für einen Antisemiten halten. Er wollte einen Film mit mir drehen, ich habe die Briefe nicht gezählt, die er mir schickte.

Kommen wir zu den Filmen, die Sie gedreht haben: Warum sollte man in Deutschland Ihren Film Warum Israel ansehen?

Die Frage sollten Sie vielleicht den Freunden der Deutschen Kinemathek stellen, die Pourquoi Israël in ihre Sammlung aufgenommen haben. Aber wenn ich sie beantworte, dann kann ich nur sagen: Weil es ein schöner Film ist. Weil er zwar Vielen bekannt ist, aber noch nicht Millionen. In meinen Augen ist Warum Israel ein Film, der seit seinem Erscheinungsjahr 1973 keine Patina angesetzt hat, der nicht gealtert ist. Weil es sich eben nicht um einen Propagandafilm handelt, sondern um ein Werk.

Warum, glauben Sie, hat Ihr Film keine Patina angesetzt?

Weil ich nichts tue, was Patina ansetzt. Kein Film von mir ist seit seiner Veröffentlichung gealtert. Man kann sich Shoah oder Warum Israel heute mit der gleichen Überraschung anschauen wie vor zwanzig oder dreißig Jahren.

Aber heute beschweren sich Leute darüber, dass in Warum Israel keine Araber zu Wort kommen.

Zunächst einmal stimmt das nicht. Es kommen Araber zu Wort. Zweitens, und viel wichtiger, ist es nicht meine Aufgabe, einen Film über die Sache und das Leid der Araber zu drehen. Das müssen die Araber, die Palästinenser selbst tun. Niemand hält sie davon ab.

Denken Sie, ein solcher Film aus arabischer Perspektive sollte ähnlich wie Shoah oder Warum Israel auf Interviews und der direkten Rede ausgewählter Protagonisten basieren?

Sie sollten es tun und lassen, wie sie es für richtig halten. Dass in Warum Israel kaum Araber zu Wort kommen, hat seine Gründe, und die liegen in der Aufrichtigkeit.

Was meinen Sie genau mit Aufrichtigkeit?

Damit meine ich: Ich bin Jude, ich kann nicht für die Araber und nicht für die Palästinenser sprechen. Ich spreche in meinem Film über das Erstaunen, das eintritt, wenn man realisiert, dass jeder in diesem Land jüdisch ist. Das ist die Aussage meines Films, und zugleich ist es die Frage, die ich mir seinerzeit selbst gestellt habe: Was ist Normalität, was ist Abnormalität? Die Normalität, dass es einen Staat Israel gibt, ist zur gleichen Zeit eine Abnormalität an sich. Mein Film behandelt eine ganz nachvollziehbare Frage. Umso abstoßender ist es, dass eine Aufführung dieser filmischen Studie über eine erzwungene Staatsgründung gerade in Deutschland verhindert wurde. Dass die Aufführung von Warum Israel in Hamburg verhindert wurde, ist für mich ein Ausdruck von Zensur. Die Deutschen, ob linksradikal oder nicht, haben sich wie Herren aufgespielt. Diese Rolle dürfen sie nie wieder spielen

Das Gespräch führten Max Dax und Sebastian Hammelehle

Claude Lanzmann und sein Debutfilm

In dem 1972 gedrehten Warum Israel setzt sich Claude Lanzmann mit der Frage auseinander, ob es so etwas wie eine jüdische Normalität in einem jüdischen Staat geben kann, oder ob nicht die Anormalität eines jüdischen Staates jedes normale Leben ad absurdum führt, so legitim der Wunsch nach Normalität auch sein mag. Der 1925 geborene Lanzmann bezeichnet sich als assimilierter, das europäische Leben gewohnter Jude, dem Religion und Tradition weitgehend fremd gewesen seien. Erst der Antisemitismus habe ihn zum Juden gemacht, nicht sein Jüdischsein. Im Zweiten Weltkrieg schloss sich Lanzmann der Résistance an, überlebte den Krieg und entging im Untergrund der Deportation. Nach Kriegsende studierte er Philosophie in Berlin und begann gemeinsam mit Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, mit der er eine lange Liebesbeziehung hatte, in Paris die linke Zeitschrift Les temps modernes zu veröffentlichen, deren Herausgeber er heute ist. Warum Israel sei, nachdem er ein Buch über das gleiche Thema erfolglos zu schreiben begonnen hatte, sein Versuch gewesen, als dem Judentum entfremdeter Europäer den Staat Israel zu begreifen, der als Fluchtort für alle Juden gelten soll, gleichzeitig als Staat mit normalen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problemen konfrontiert ist. Das Problem Israels sei, dass der Staat zwar über ein Territorium verfüge, aber weder über die Religion, noch über die identitätsstiftende Erfahrung von Auschwitz sein Fortbestehen sichern kann. Lanzmann inszeniert in seinem Film Mehrstimmigkeit, indem er viele Einwohner unterschiedlichster Berufe zu Wort kommen lässt, er bildet die Heterogenität dessen ab, was Leben in Israel Anfang der Siebziger bedeutete. Es gelingt ihm, dass die Dissonanzen dieser Vielstimmigkeit zum Schluss ein geschlossenes Bild ergeben. Vielfach ist Warum Israel als wichtigster Film über Israel bezeichnet worden. Seine Montagetechnik Lanzmann filmt Gespräche, die er mit seinen Protagonisten führt, er zeigt kein Archivmaterial und untermalt seine Bilder nicht mit Musik wurde zur Blaupause für seinen anschließendes Mammutprojekt Shoah. (md)

Kommentare (12)

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eddie-sayyid 12.12.2009 | 14:47

lustig das Lanzmann propagiert es gebe Vorfälle über die "berichtet werden muss!" später aber behauptet: " ...und viel wichtiger, ist es nicht meine Aufgabe, einen Film über die Sache und das Leid der Araber zu drehen. Das müssen die Araber, die Palästinenser selbst tun. Niemand hält sie davon ab."
ACH SO!!
In diesem Rahmen scheint es nicht die aufgabe nicht-jüdischer Zeitungen zu sein über das jüdische Leid zu schreiben oder wie muss ich das verstehen?
Das müssen die Juden, die Israelis selbst tun? Niemand hält sie davon ab? ... so weit kommts noch! welch ein - pardon my french - Bullshit.

Würde sich Lanzmann als Regisseur von
Unterhaltungsfilmen ohne Wahrheitsanspruch und moralischen Hintergrund begreifen, wäre seine Aussage keineswegs paradox.

Als Dokumentarfilmer mit der vermeintlichen Leitdimension "Wahrheit" und nicht etwa politische Motivation (Rechtfertigung der Besatzung) macht er sich stattdessen unglaubwürdig und plump.

Eddie

rudolf07 13.12.2009 | 11:25

Der Unterschied zwischen einem Medium (z.B. "nicht-jüdische Zeitungen", obwohl vor kurzem im Kommentarbereich der ZEIT zu lesen war, dass es die ja gar nicht gibt), welches die Aufgabe hat über Weltereignisse zu schreiben und einem Dokumentarfilmer, der sich sehr wohl thematisch fokussieren darf, müsste ihnen doch klar sein. Lanzmanns Aussage ist keineswegs paradox angesichts der Tatsache, dass von arabischer Seite so gut wie nichts objektives über die Situation der palästinischen Araber, geschweige denn über die der Israelis gedreht wird. Also warum sollte er auch noch deren Arbeit leisten?

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eddie-sayyid 14.12.2009 | 00:33

lieber rudolf07 ...
was genau meinst du mit "objektives über die situation"? Meinst du eine Billigung der Besatzung? oder Verständnis für den einsatz von phosphor-bomben?
Falls das für dich etwas "objektives über die situation" ist, muss ich dir recht geben! es wird von arabischer seite so gut wie nichts objektives über die situation gedreht.
ein unglaublich erkenntisreicher beitrag.
Chapeau, du kluger du.

agathon 14.12.2009 | 01:29

Monsieur Lanzmann ist ein gutes Beispiel dafür, wie schwierig es ist kritisch gegenüber der israelischen Besatzung sein. Oft ist hier die Rede vom 'Antisemitismus der Linken'. Vor einigen Wochen las ich in der Taz ein Interview mit Dirk von Lowtzow (Tocotronic), wo seiner Ansicht nach überall in den Medien und auch in der bürgerlichen Mitte Antisemitismus zu finden ist. Ich habe bisweilen den Eindruck als sei die ganze Welt antisemitisch. In Israel werden selbst israelische Historiker als 'Antisemiten' beschimpft, weil sie offenbar unbequeme Wahrheiten aussprechen.

Deutschland hat zu Recht ein besonderes Verhältnis zu Israel. Nie dürfen die Verbrechen der Nazis des Nationalsozialismus in Vergessenheit geraten. Dies darf aber niemals dazu führen, dass Unrecht unwidersprochen bleibt, ganz unabhängig, wo es begangen wird, sei es im Sudan, in China oder in Israel.

Die Aktion der "linksradikalen Gruppe" gegen den Film von Lanzmann ist natürlich alles andere als vernünftig. Kritik kann man auch anders darstellen. Dabei wäre eine Kritik in einem vernünftigen Rahmen durchaus sinnvoll gewesen. Denn Lanzmann ist offensichtlich - und das zeigt sowohl der Film, als auch dieses Interview - nicht an einem friedlichen Miteinander zwischen Israelis und Palästinenser interessiert.