Spielt, trinkt

Serie „Das Damengambit“ stellt weibliches Genie heraus und setzt es gleichzeitig schachmatt
Spielt, trinkt
Ein Zug auf dem Brett, ein Schluck aus dem Glas

Foto: Phil Bray/Netflix

„Mein Hirn muss sich vernebeln, damit ich klar denken kann“, sagt Beth Harmon (Anya Taylor-Joy) irgendwann. Etwas später kommt es folgerichtig zum nächsten Absturz – und Harmon verliert einen wichtigen Wettkampf. Denn manche Menschen werden erst genial, wenn sie high sind. Und Harmon braucht kreative Genialität, um professionell Schach zu spielen.

Gezeichnet vom Kindheitstrauma des erweiterten Suizidversuchs ihrer Mutter, den nur das Mädchen überlebte, wächst Harmon in einem katholischen Waisenhaus auf. Durch Zufall lernt sie dort das Schachspiel als Möglichkeit, der Deprivation des stumpfen Ora-et-Labora-Alltags zu entkommen: Nach einer Begegnung im Keller, Rückzugsort des Schach spielenden Hausmeisters Mr. Shaibel (Bill Camp), zeigt der reservierte Mann der achtjährigen Beth (Isla Johnston) das Spiel der Könige – und sie macht es zu einem Spiel der Königin. Sie ist ein Ausnahmetalent, eine designierte Großmeisterin, die ihr strategischer Verstand sukzessive aus dem Waisenhaus, aus Kentucky, aus den USA hinaus und an die Spitze der Schachwelt führen wird.

Seit seinem Erscheinen 1983 gab es mehrere Adaptionsversuche des zugrunde liegenden Stoffs, Walter Tevis’ Roman The Queen’s Gambit. Erst die Drehbuchautoren Allan Scott und Scott Frank vollendeten die Idee für Netflix. Das Damengambit ist benannt nach den Zügen, mit denen Harmon ihre Spiele gern eröffnet: Der weiße Bauer geht von d2 auf d4. Doch die Serie dreht sich – natürlich – um mehr: Scott und Frank erzählen von einer jungen Frau, die nicht nur den Unterschied zwischen Spiel und Leben begreifen muss, sondern vor allem, dass nicht alle Menschen Gegenspieler sind.

Anya Taylor-Joy, die ab der zweiten Folge die Protagonistin darstellt, ist eine wunderbare Schachkönigin: Mit surreal großen Augen, anmutigen Bewegungen und irritierenden Reaktionen gleitet sie durch die Folgen wie eine huldvolle Adlige, die aus der Gosse kommt. Sie wird von einem Ehepaar adoptiert, wobei der Mann alsbald seine Frau Alma (Marielle Heller) mit der neuen Teentochter allein lässt. So finden die beiden Frauen ihren eigenen Weg durch die konservativen frühen 60er: Harmon spielt Schach, und Alma, eine elegant aufgemachte Sickergrube für Bier und Gibson Martinis, spielt die Erziehungsberechtigte. Die Preisgelder teilt man später im grotesk-appetitlichen Vorstadthaus, das für beide einst die perfekte Welt repräsentierte. Und so entsteht zwischen den Einsamen eine Freundschaft – auch wenn Alma nichts von Harmons Genius und die Adoptivtochter nichts von Almas Sehnsüchten begreift.

Weibliche Figuren sind für Harmon ansonsten in der Realität ebenso rar wie auf dem Schachbrett. Im Waisenhaus gab es zwar eine Freundin, die schwarze Jolene (Moses Ingram), die Harmon die allabendlich an die Kinder verteilten Tranquilizer erklärt: „Du musst sie zum Schlafen nehmen, dann knallen sie richtig“. (Die grünen Pillen bilden die Grundlage für Harmons Drogensucht.) Doch darüber hinaus zieht Harmon solitär ihre Kreise, lernt Schachspieler kennen und besiegt sie; entdeckt ihre Leidenschaft für Mode; erweitert den Pillen-Turn um Alkohol; wird weltberühmt – und bleibt, bis auf die zeitlich begrenzte Beziehung zu Alma, allein.

Emotional ausgebremst

Trotz der komplett überzeugenden Darsteller*innen, zu denen auch der schlaksige Thomas Brodie-Sangster als Harmons Opponent und Part-Time-Lover Benny gehört, trotz eines opulenten Bühnenbilds, dem passenden 60s-Soundtrack und der zum Anbeißen swingenden Kostüme verflacht die Serie jedoch zusehends: Ein knalliges 60er-Hotel-Set, in dem Harmon spielt und trinkt und Alma zuschaut und trinkt, jagt das andere; nach Las Vegas kommt Mexiko und Paris, und in der Ferne winkt Moskau – nur wer die schachaffinen Russen besiegt, ist ein echter Champion.

Dass Harmon sich dabei kein bisschen entwickelt, passt zwar zu ihrer Sucht, denn genau das passiert bei Drogensüchtigen: Sie treten emotional, intellektuell, psychisch auf der Stelle. Doch für einen dramaturgischen Bogen ist es langweilig. Das Interesse an Harmon wird mehr und mehr vom Interesse an der Inneneinrichtung verdrängt, mit dem man sich durch die Folgen hangelt, während Harmon wieder jemanden glorreich schachmatt setzt, Schachnerds trifft und etwas einwirft.

Die bittere Dunkelheit, die in ihr und mit ihren Schwächen angelegt ist und die mit Gender und Gesellschaft zu tun hat, haben die Serienmacher nicht ausgebaut, Handlungslücken füllen sie mit Bildern der betrunken tanzenden Harmon und lassen die Kamera dabei auf Hinternhöhe folgen. Dass zudem sämtliche weiblichen Nebenfiguren (außer Jolene und Alma) zu geistlos für Harmons Intellektualität sind, kann nicht mit dem Stichwort „Schach = Männerwelt“ entschuldigt werden: Es gibt (außer vielleicht im Männerknast und auf der Bohrinsel) keine Männerwelt, es gibt nur die Entscheidung, fast ausschließlich von Männern (und einer Frau) zu erzählen. Mit dieser Konstellation und mit dem Beharren auf Harmons exzeptionellem Talent untermauert die Serie genau die Vorstellung einer intellektuellen männlichen Überlegenheit, die sie zerstören wollte.

So zeigt sich Das Damengambit zwar als visuell eindrucksvolle Hommage an die Spannung von Schachspielen. Zudem ist sie zu Anfang und am Ende, als wieder ordentlich Zug in die Bude kommt, ein großes Vergnügen, und dank Anya Taylor-Joy und Harmons Vorliebe für Courrèges ein Augenschmaus – vielleicht hätte die Handlung eine Spielfilmlänge passabel ausgefüllt. Doch für eine echte Auseinandersetzung mit den Themen Feminismus, Drogensucht und Genius verharrt die Serie zu sehr an der Oberfläche.

Info

Das Damengambit Scott Frank, Allan Scott USA 2020, Miniserie mit 7 Folgen, Netflix

Liebe Leserin, lieber Leser,

dieser Artikel ist für Sie kostenlos.
Unabhängiger und kritischer Journalismus braucht aber auch in diesen Zeiten Unterstützung. Wir freuen uns daher, wenn Sie den Freitag hier abonnieren oder 3 Ausgaben gratis testen. Dafür bedanken wir uns schon jetzt bei Ihnen!

Ihre Freitag-Redaktion

06:00 22.11.2020

Ausgabe 48/2020

Hier finden Sie alle Inhalte der aktuellen Ausgabe

3 Ausgaben kostenlos lesen

Der Freitag ist eine Wochenzeitung, die für mutigen und unabhängigen Journalismus steht. Wir berichten über Politik, Kultur und Wirtschaft anders als die übrigen Medien. Überzeugen Sie sich selbst, und testen Sie den Freitag 3 Wochen kostenlos!

Kommentare 10