Spinnenfäden

Auschwitz als Hintergrund In "Lenas Liebe" von Judith Kuckart werden Fragen gestellt

Ein Puzzle. Das Buch setzt sich aus lauter kleinen, bizarr umrissenen Teilen zusammen. Irgendwie fügen sie sich, aber einige scheinen nicht zu passen. Sie sind so etwas wie ein zufälliges, irgendwie hinein ragendes Teil, das herumliegt, Winkel besetzt, kontakariert. Lenas Liebe von Judith Kuckart versucht Generationen mit ihrem Geschichtsverständnis neben einander zu setzen und eine Beziehung zur Liebe zu finden. Dabei liefern die ganz Jungen, die in der Geschichte herumtappen wie in einem fremden Land, den Vorwand. Ein bisschen amüsiert geben sie sich, ein bisschen schockiert. Sie fühlen sich von dem Besuch in Auschwitz eher gestört als aufgeklärt.
Eine deutsche Jugendfußballmannschaft war zu einem Freundschaftsspiel dorthin gefahren, eine Schauspielerin mit Ambition zum Schreiben fährt hinterher. Um zu schreiben, meint der Leser. Um sich mit dem Grauen aus deutscher Vergangenheit auseinander zu setzen. Aber das findet, anders als das Fußballspiel, real nicht statt. Gedanken wabern eher, hängen wie Spinnenfäden in der Luft, ab und an streicht einer übers Gesicht. Erst wenn er haftet, wird er unangenehm.
Die Jugendlichen verlieren ihr Spiel, absolvieren den Besuch im ehemaligen Konzentrationslager pflichtgemäß aber völlig unvorbereitet, Museen können gräuliche Dinge zeigen. Schauder wie bei Hexenverbrennungen. Lena, die Schauspielerin, wird nicht schreiben. Eine andere Erinnerungskultur, sagt der deutsche, in Oswiécim (Auschwitz) arbeitende Priester, will sie. Das Haar gehört doch "den Toten, man muss es ihnen zurückgeben". Ein Gedanke, der mehrere Male auftaucht. Wie dann erinnern? Die Frage ist viel zu direkt. Das Buch kommt darauf nicht zurück. Es verfolgt erst einmal eine andere Geschichte. Dahlmann besucht den in Polen arbeitenden Priester. Allerdings nur, um mit Lena zurück zu fahren. Keine Konfrontation mit der Vergangenheit. Kein Wort jedenfalls. Irgendwann erfährt der Leser, es gibt eine Beziehung zwischen den dreien, zum Priester eher flüchtig, zwischen Dahlmann und Lenas Mutter eine sehr innige, Liebe auf eine seltsame, unkörperliche Art. Dahlmanns Familie hatte die kleinen Verhältnisse eines unbedeutenden süddeutschen Örtchens mit dem Leben in einer Villa in Auschwitz vertauscht. Aufseher"glück". Als der Sohn einen mehrarmigen Leuchter aufstöbert und ins Fenster stellt, bricht die Brutalität des väterlichen "Berufs" in die Familie. Mutter und Kinder gehen zurück nach Süddeutschland, der Vater taucht nicht mehr auf. Stille. Auch der Sohn ist ein unsympathischer Typ, zunächst. Er aber hat Lena überredet, der Jugendmannschaft hinterher zu fahren. Sie ist seine Untermieterin, wegen der lebenslangen Freundschaft zur Mutter, die im gleichen süddeutschen Örtchen lebte und die Hand über ihn hielt. Warum? Das Buch lässt es offen.
Der deutsche Priester aus Auschwitz, Dahlmann und Lena fahren durch Polen, alle mit sich beschäftigt. So entsteht das Puzzle. Professionell werden Erzählebenen und Perspektiven geändert, Zeiten ineinander geschoben, eine Einheit entsteht nicht. Soll nicht entstehen. "Wer erzählt, hat Fragen". Das ist es, was das Buch transportiert, Fragen. Verknüpft mit dem Faschismus, einige jedenfalls, es sind unsichere Fragen. Von einer Generation, die nichts zu verantworten hat an eine Generation, die noch beteiligt war aber wenig spricht. Irgendwann wird der Priester ausgeblendet. Stattdessen kommen eine junge Polin hinzu, die in Deutschland ihr Glück suchen will, und die Geschichte von Ludwig, auch Priester, in Deutschland. Mittlere Generation wie Lena. Jugendfreund, dann Liebhaber. Das Priesteramt hat er an den Nagel gehängt. Irgendwann wachte er auf und konnte nicht mehr glauben. Mit Auschwitz hat das nichts zu tun. Auch nicht mit der Liebe, die kam später. Ihm fährt Lena entgegen, was sie nicht hindert, mit Adrian, dem Leiter der Jugendmannschaft zu schlafen. Liebe ist vielseitig. Sie kann eine lebenslange Vorstellung sein, ideal, großartig. Heftig oder episodisch. Das Paar ist ständig auf dem Weg zu ihr. Die realen Begegnungen stören eher. Ludwig hat mit Dahlmann und dem Fußballverein nichts zu tun. Unbefangen ist Ludwig nicht. "Vielleicht gelingt es ihrem Ludwig nicht, sich selbst bis an den Rand seiner Möglichkeiten zu drängen..., bis dahin, wo sich eine zweite Wirklichkeit öffnet". Dazu braucht einer Talent. Ludwig hat es nicht, Lena hat es nicht, und andere haben es auch nicht.
Die zweite Wirklichkeit bleibt in Lenas Liebe Vision. Immer wieder landet sie bei der ersten. Suche schließt Entdecken und Passend-machen ein. Das Leben der kleinen Leute will keine großen Erschütterungen. Nur der Anspruch bleibt, manchmal. Und so ist das Buch denn auch eine kleine Täuschung. Lenas Liebe und die verhinderte von Dahlmann und Gisela, Lenas Mutter, sind Vorwände, Suchanzeigen, die dem Leben dahinter gelten.
Auschwitz als Besonderheit für eine Liebesgeschichte, die sonst ganz gewöhnlich wäre? "Die Haare zurückgeben" ,heißt auch, den Lebenden Ruhe gönnen, eine Ruhe, die sie sich in Lenas Liebe in der Mehrheit sowieso nehmen. Das aber kommt bedenklich nahe an Walsers Rede vom Ende der "Auschwitzkeule".

Judith Kuckart: Lenas Liebe, Roman, DuMont-Verlag Köln, 320 Seiten, 22,90 EUR


00:00 31.05.2002

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