Spione im heimischen PC

Medientagebuch Im Internet werden Informationen getauscht - häufig auch ohne das Wissen der Beteiligten

Wer sich gewohnheitsmäßig mit MP3-Dateien aus dem Internet versorgt, braucht auf Nebenwirkungen nicht lange zu warten. Mit seinem File-Sharing-Programm hat er sich nicht nur kostenlose Musik besorgt, sondern wahrscheinlich auch eine ganze Reihe anderer Komponenten wie zum Beispiel Spyware. Spyware sind kleine Programme, die unaufgefordert, unerwünscht und heimlich auf der Festplatte abgelegt werden, wo sie Informationen sammeln, Bewegungen registrieren und als Wissen weiterverfrachten. Im besten Fall bemerkt man davon nichts, im schlechtesten funktioniert der Rechner nicht mehr so gut.
Jeder PC-Ärger bringt inzwischen aber auch die Mittel zu seiner Bekämpfung hervor. An dieser Stelle kommt Adaware ins Spiel. Auch Adaware ist kostenlos und stellt fest, wo Spyware ist und kann sie auf Wunsch entfernen. Schon nach wenigen Sekunden stößt man auf Namen wie Cydoor, Brilliant Digital oder Sextracker, die mir vorher bereits in Artikeln zum Thema begegnet waren. Die Firmen hinter diesen Namen sind bekannt dafür, dass sie sich auf unseren Festplatten weitestgehende Freiheiten herausnehmen. Spyware bricht, metaphorisch gesprochen, nicht nur in die fremde Wohnung ein, sondern baut dort eigene Türen mit Schlössern ein, zu denen sie allein die Schlüssel hat. Adaware zeigt, wie weit das alles schon geht und wo es sich abspielt.
Ein weiteres Ergebnis dieses Checks ist, sehr direkt mit den tiefgründigen Verästelungen des Systems konfrontiert zu werden, vor dem ich täglich immerhin einige Stunden verbringe und die ich freiwillig kaum betreten würde. Die geheimnisvolle Registry, das sensible Windows/System oder Windows/Cookies und Windows/Temporary Internet Files mit ihren hunderttausend Dateien, denen eines gemeinsam ist: Sie haben irgendwie etwas mit Internet zu tun. Nach Name, Dateityp, Datum, Uhrzeit unterschieden ist dort abgelegt, was auch ein Old-School-Tagebuch mit Inhalt füllen könnte: Die lückenlosen Belege der eigenen Aktivitäten als schlichte Liste der oft redundanten Rädchen, die ich online gedreht habe.
Mit der sprachlich anspruchsvollen und von der ersten Person Singular dominierten Textgattung haben diese Listen natürlich nichts zu tun. Das Register beschränkt sich auf ein schlichtes Was, Wo, Wann und Wie-lange. Die Ökonomie der Wünsche und Selbsttäuschungen bleibt unerfasst, sie rückt vielmehr zwischen die Zeilen, wo auch alles das enthalten ist, was man einem Tagebuch vielleicht vorenthalten würde.
Was ich selbst nicht immer so genau wissen will, kann für andere allerdings hochinteressant sein. Hinter der grenzüberschreitenden Neugier der Spyware steckt die Annahme, dass ich das bin, was ich im Internet tue. Die Firmen, die sich dieser Mittel bedienen, um Customer Relation Management zu betreiben, scheinen mit diesen Daten jedenfalls gut auszukommen.
Nur ein Romantiker wird sich gegen den Gedanken sträuben, dass sich politische, charakterliche und sexuelle Profile eines Internet-Nutzers ziemlich leicht ermitteln lassen. Schwerer wiegt da wohl, dass ein Logbuch, das maschinell ohne mein Wissen angelegt und von Zweiten und Dritten ebenfalls ohne mein Wissen genutzt werden kann, ganz einfach den guten alten Tatbestand der Überwachung erfüllt. Es handelt sich dabei zwar um eine des unscheinbaren, kommerziellen und dezentralen Typs, geht aber trotzdem ziemlich weit. Das unwohle und auch unheimliche Gefühl, das die Kaskaden von Pop-up-Werbung auslösen, die immer häufiger auf einen eindreschen, stellt sich daher nicht ganz grundlos ein.
Wer sich im letzten Jahr MP3s mit AudioGalaxy beschafft hat, wird wahrscheinlich eine vx2.dll im Windowsverzeichnis finden. Diese Dynamic Linked Library ist ein Teil des VX2-Transponders, der diese dynamische Verlinkung besonders aggressiv auslegt. VX2 erfasst Wörter, die ich tippe, merkt sich die Websites, auf denen ich war, meinen Namen und meine E-Mail-Adresse und gibt das alles für weitere Verwertungen frei. Auch Yahoo hat sich inzwischen den Ruf erworben, hinter seinen Kunden und den Betreibern der Abertausende von Club- und Community-Angeboten hinterher zu schnüffeln, die im Herrschaftsbereich des Online-Dienstes aufgezogen wurden. Zusammen mit dem Werbepartner Doubleclick setzt man auf web beacons, unsichtbare Bilddateien, die nur aus einem Pixel bestehen, aber effektive Verfolger von Daten- und Personenspuren sind. Die Argumente für den Einsatz solcher Mittel hören sich immer gleich an: Wir machen das Internet komfortabler und geben Ihnen nur mehr von dem, was Sie ohnehin ständig anfordern.
Mit dem augenblicklich gängigsten Peer-to-peer-Programm KaZaA kommen nicht nur über sechzig Sonden auf die Festplatte, hier wird aus der Unverschämtheit eine besondere Tugend gemacht. KaZaA steht im Verdacht, die Ressourcen und die Bandbreite der Nutzer sowohl als Ein-, wie Ausfalltor von Werbung zu benutzen.
Das passt insofern ins Bild, als Sharman Networks, der KaZaA-Betreiber, zusammen mit Brilliant Digital, deren Einträge man nach der Adaware-Recherche immer unter den ersten drei findet, einen Service namens Altnet aufbauen wollen. "The world is full of unused computing power": Viele Computerbesitzer verfügen über große private System- und Bandbreitenreserven, sie gewähren Altnet Zugriff darauf, das alle Rechner zu einem gigantischen Netz bündelt, um dessen Leistung an Großkunden weiterzuvermieten. In dieser Vermischung der Nutzung brachliegender Hardware und jener Ressourcen, die in der Privatsphäre schlummern, scheint sich gespiegelt zu wiederholen, was auch bei den Tauschbörsen abgeht.
So zeigt sich die Geschichte von ihrer ironischen Seite. Seit seiner Durchsetzung in den neunziger Jahren gilt das Internet als Medium der gleichberechtigten Beteiligung. Diese Vorstellung wird durch Neuerungen wie P2P immer wieder aktualisiert. Die Eleganz der Tauschidee besteht ja darin, dass sich Anbieter und Abnehmer auf gleicher Höhe gegenüberstehen. Durch P2P scheint die Sechziger-Jahre-Medientheorie der neobrechtischen Prägung Wirklichkeit geworden zu sein, die im Rückkanal beim Fernsehen oder Radio das Instrument der Sozialisierung der Medien und damit der gesellschaftlichen Emanzipation sahen.
Das Gegenteil scheint aber nicht weniger zuzutreffen. Zwar hat das Internet viele neue Zugänge, Verhaltens- und Kommunikationsformen hervorgebracht, aber der zum Standard gewordene Rückkanal führt in erster Linie zu einem stark verfeinerten Konsumismus und neuen Barrieren. Das Internet hat eine sehr spezifische Sammelwut und Gier hervorgebracht, eine unerschöpfliche Lust auf kostenlose Musik, Programme, Bilder und Filme. Durch diesen leichten Austausch haben sich die Besitzverhältnisse aber nicht verändert, sondern lediglich in eine neue Form von Intransparenz verschoben. Auch wenn sich der Konsument gelegentlich als politischer Aktivist fühlt und es KaZaA seit einiger Zeit in einer gehackten, weniger vorwitzigen Leichtversion gibt, wird der Verteilungskampf im Internet hart und härter geführt.

00:00 09.08.2002

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