Spiralblock des Grauens

Tragisch und komisch Wie eine einmalige Live-Performance das Theater mal wieder so richtig ins Gerede brachte

Zwei Wochen ist es her, seit der Schauspieler Thomas Lawinky dem FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier während der Premiere von Eugène Ionescos Das große Massakerspiel den Notizblock entriss und ihm, als er das Theater verließ, "Hau ab, du Arsch!" hinterher rief. Der so beleidigte Journalist konterte mit einem empörten Erfahrungsbericht auf Seite eins des FAZ-Feuilletons und drohte mit einer Strafanzeige; die Oberbürgermeisterin Petra Roth schaltete sich über Nacht ein und forderte die Entlassung Lawinkys; die Intendantin des Frankfurter Schauspiels Elisabeth Schweeger entschuldigte sich geflissentlich. Der Schauspieler ging, der Skandal war perfekt. Zu schade, dass er sich nicht zum Theatertreffen einladen lässt. Denn das Duo Stadelmaier-Lawinky performte ganz ohne Zweifel eines der bemerkenswertesten Theaterereignisse der laufenden Spielzeit.

Schon die Live-Performance hat starke Zeichen gesetzt. Nie wieder werden wir unschuldig "Scheibenwischerbewegungen vor dem Gesicht" vollführen können, ohne an den FAZ-Kritiker Gerhard Stadelmaier zu denken, der Augenzeugen zufolge mit dieser Geste zu Lawinkys "Amoklauf" beigetragen haben soll. Gegen die symbolische Aufladung des "Spiralblocks", den Lawinky Stadelmaier entriss ("Das hat ganz schön weh getan!"), können die pseudoprovokanten Fruchtwasserspiele und Fäkalmasken des Regisseurs Sebastian Hartmann (dem der Kollege Jürgen Gosch schon einmal "peitschende Unbildung und Dummheit und Militanz" attestiert hat) bei weitem nicht anstinken. Und wann immer wir künftig in einer Inszenierung sitzen, in der Thomas Lawinky auftritt, werden die Theaterkritiker unter uns mit eingezogenen Köpfen den Abend durchstehen - betend, dass der Magdeburger nicht vergisst, dass er auf einer Bühne und nicht auf dem Bolzplatz agiert.

Noch spannender aber war das, was auf den Skandal folgte: In der Debatte, Stichwort: Metaebene, äußerten sich nicht nur die üblichen Verdächtigen von Peymann bis Schlingensief. In den Theaterkantinen und Redaktionen, aber auch unter eingefleischten Nichttheatergängern von Zeit bis Bild wurde tagelang das Verhältnis von Freiheit, Kunst und Kritik diskutiert. War Lawinkys Griff nach dem Kritikerblock ein "unverzeihlicher Angriff auf die Pressefreiheit", wie nicht nur der kurzzeitig Beraubte, sondern auch die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth behauptete? Oder war ihr Schrei nach sofortiger Entlassung des Schauspielers ein kaum verzeihlicherer Angriff auf die Freiheit der Kunst? Hatte Stadelmaier in verletzter Eitelkeit überreagiert und sich am verhassten Mitmachtheater gerächt? Oder rächten sich viele, die sofort für Lawinky Partei ergriffen, am konservativen Entertainer der deutschen Theaterkritik? Und was war eigentlich schlimmer: die (vermeintliche) Macht der FAZ oder die Dummheit eines Theaters, das sich selbstgefällig an seinen (vermeintlichen) Tabubrüchen und Grenzüberschreitungen berauscht?

Was aber kann man mehr vom Theater verlangen, als dass es sich komisch und tragisch gebärdet und Fragen stellt, die weit über die Bühne hinaus mitten in die Gesellschaft weisen? Und ist es nicht herrlich, wenn Kunst und Kritik einmal so produktiv zusammen wirken? Doch das Bemerkenswerte hat auch seinen bitteren Beigeschmack. Denn es ist ausgerechnet eine (unfreiwillige) Allianz aus konservativer und linksradikaler Attitüde, die hier ein dickes Theaterfass aufgemacht hat. Was wiederum nur heißen kann, dass unsere schöne, langweilige und linksliberale Theaterlandschaft unbedingt Kräfte wie Stadelmaier und Lawinky benötigt. Jedenfalls, wenn sie mal so richtig bemerkt werden will.


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00:00 03.03.2006

Ausgabe 39/2020

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