Spirale der Gewalt

Naher Osten Der kalte Krieg zwischen Iran und Israel droht zu eskalieren und die Gefahr, dass Atomwaffen zum Einsatz kommen, wächst. Ein Ausweg wäre eine kernwaffenfreie Zone

Kurz vor seinem Besuch im Weißen Haus, war in israelischen Zeitungen zu lesen, habe sich Premier Benjamin Netanyahu mehrmals mit hochrangigen Militärs getroffen und sei „freudig überrascht“ gewesen, wie erschöpfend ein Schlag gegen iranische Militärobjekte bereits vorbereitet sei. Postwendend konterte Ayatollah Salihi, Oberbefehlshaber der iranischen Armee: „Sollten wir angegriffen werden, glaube ich nicht, dass wir mehr als elf Tage brauchen, die Existenz Israels auszulöschen.“ Wie real bleibt die Gefahr eines Krieges um Atomwaffen im Nahen Osten wirklich?

Zwar ist die Existenz von israelischen Nuklearwaffen längst kein Geheimnis mehr, trotzdem wurde in Jerusalem oder Tel Aviv der Besitz nie offiziell zugegeben. Während eines Deutschland-Besuchs Ende 2006 nannte der damalige Premier Ehud Olmert in einem Fernsehinterview Israel in einem Atemzug mit den Atommächten USA, Frankreich und Russland, was als indirekte Bestätigung eines eigenen Arsenals empfunden wurde. Für einen Paukenschlag sorgte indes erst vor wenigen Tagen die amerikanische Diplomatin Rose Gottemoeller auf einer Konferenz in New York, die den Kernwaffensperrvertrag zu überprüfen hatte. Indem sie Israel in einem Atemzug mit Indien, Pakistan und Nordkorea aufforderte diesem Abkommen beizutreten, ließ erstmals die offizielle Vertreterin einer US-Regierung keinen Zweifel an der Existenz israelischer Atomwaffen.

Schurke oder Unschuldslamm

Seit der Staatsgründung von 1947 wird Israel von der Angst beherrscht, es würde mit seiner Bevölkerung von sechs Millionen den über 200 Millionen Arabern und Moslems in der Region unterliegen. Aus israelischer Sicht schien nukleare Abschreckung wegen der fehlenden strategischen Tiefe des Landes die einzige Möglichkeit, die Existenz zu sichern. Das demographische und territoriale Ungleichgewicht sollte mit Atomwaffen kompensiert werden, was dem Wettrüsten in der Region einen gehörigen Schub verschaffte. Heute will Jerusalem einen weiteren Atomwaffenstaat in seiner Nachbarschaft um keinen Preis dulden. Bereits zwei Mal bombardierte seine Luftwaffe deshalb Nuklearkomplexe im Irak und in Syrien. Für einen angedrohten Militärschlag im Iran kämen mehr als ein Dutzend Ziele in Betracht, darunter die Atomanlagen in Natanz, Isfahan und Arak. Doch mit welcher Begründung?

Die internationale Atomenergieagentur (IAEA) kommt nach ihren bisherigen Inspektionen zu zwiespältigen Schlussfolgerungen. Einerseits habe der Iran jahrelang heimlich Forschungsarbeiten an der Anreicherungstechnik betrieben, statt sie wie gefordert der IAEA zu melden. Zudem fanden Inspektoren in Gas-Ultra-Zentrifugen Spuren hoch angereicherten Urans, was die Iraner mit Verunreinigungen importierter Elemente (vermutlich aus Pakistan) erklären und mit der Zusicherung versehen, selber niemals hochgradig angereichertes Uran produziert zu haben. Trotzdem hat dieser Fund waffenfähigen Urans weltweit Misstrauen erzeugt. Die IAEA kritisiert: „Der Iran hat nicht alle notwendigen Informationen geliefert und der Agentur auch den Zugang zu Dokumenten und Personen verwehrt.“ Andererseits hätten die Inspektoren „keine Beweise dafür gefunden“, dass Iran „derzeit versucht, sein Nuklearprogramm für militärische Zwecke zu nutzen“. Präsident Ahmadinedschad gab kürzlich bekannt, sein Land beherrsche nun die Technik für den gesamten nuklearen Kreislauf, von der Urananreicherung bis zur Herstellung von Brennstäben. Als nächsten Schritt werde man ganze Kernkraftwerke ohne Hilfe aus dem Ausland bauen.

Nach Informationen der IAEA arbeiten heute 5.500 Anreicherungszentrifugen auf Hochtouren, von denen genug Material kommt, um jährlich zwei Atombomben herzustellen. Ob es die je gibt, weiß niemand. Feststeht, dass die Schahab-3-Rakete bereits getestet wird und mit einer Reichweite von 2.000 Kilometern Israel mühelos erreichen könnte.

Dort wird mit aller Macht reagiert. Anfang Januar haben israelische Kampfjets einen für die Hamas im Gazastreifen bestimmten Waffentransport in der sudanesischen Wüste bombardiert und zerstört. Das Angriffsziel lag mit rund 1.200 Kilometern etwa soweit von Israel entfernt wie die Atomanlagen im Iran. Sollten die attackiert werden, tönt es aus Teheran, würden Tausende Raketen zum sofortigen Gegenschlag auf Jerusalem, Tel Aviv und die atomare Waffenschmiede Dimona bereit stehen. Nun hat die israelische Luftwaffe kürzlich drei AWACS-Radarflugzeuge bekommen und erfolgreich ein Raketenabwehrsystem getestet, mit dem mögliche iranische Geschosse noch in der Luft eliminiert werden sollen. Unter dem Codenamen Juniper Cobra sind weitere Raketenabwehrübungen mit den USA geplant. Mögen die gegenseitigen Drohungen auch größtenteils propagandistisch geprägt sein, die Gefahr ist real, dass jemand die Nerven verliert, auf den Knopf drückt und die gesamte Region in ein Flammenmeer verwandelt.

Gewalt wäre Wahnsinn

IAEA-Generaldirektor El Baradei hält die bisherige Iranpolitik für verfehlt und kontraproduktiv. Er ist davon überzeugt, angesichts der von den iranischen Technikern inzwischen erworbenen Fähigkeiten sei es zu spät, Teheran die völlige Aufgabe der Urananreicherung abzuringen. „Jeder Einsatz von Gewalt wäre Wahnsinn!“ Stattdessen gehe es jetzt darum, dass der Iran nicht aus dem Atomwaffensperrvertrag austritt. Auch US-Außenministerin Clinton hat den von der Bush-Administration verfolgten Kurs, den Iran international zu isolieren, für gescheitert erklärt. Möglicherweise wäre eine kernwaffenfreien Zone in Nahost der Aus- und Königsweg, wenn ihn die Amerikaner als Paten der Israelis tatsächlich wollen und durchsetzen.

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05:00 28.05.2009

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