Spirit on Ice

Sportplatz Kolumne

Skifahren ist ein Sport, Snowboarden ist ein Lebensstil. Eine Weltanschauung. Eine Religion. Ihr Gott heißt Spaß. Frontside 1080, 720, McTwist, Alley Oop, bei den abenteuerlichen Jumps in der Halfpipe, vom Kicker und beim Freeride durch das offene Gelände - für den prickelnden und oft riskanten Kitzel geben die Snowboarder alles. Sie sind eine Gemeinschaft von Gläubigen, die eines verbindet, nämlich die Sucht nach dem nächsten Kick. Und für einen noch besseren Flow hilft, wie man sich hinter vorgehaltener Hand erzählt, auch mal der eine oder andere Joint. Den Snowboarder umweht, jenseits seiner sportlich-artistischen Fähigkeiten, eine spirituelle Aura. So lässig er abseits der Pisten auftritt, vom Snowboarden ist er besessen.

Der Amerikaner Tom Sims, begeisterter Surfer, kam beim Anblick seines verschneiten Gartens Mitte der sechziger Jahre auf die Idee, dass man auch im Schnee surfen könnte. Nach Experimenten mit Türen und Brettern, die er sich mit Gummiseilen an die Füße schnallte, brachte Sims fünf Jahre später das Ursnowboard unter dem aus Snow und Surfen zusammengesetzten Namen "Snurfer" auf den Markt, 15 Dollar kostete das Stück. Der Snurfer verkaufte sich eine Million Mal und ging Mitte der siebziger Jahre unter dem Namen "Snowboard" in den USA in Serie. Zehn Jahre später schwappte die Begeisterung nach Europa. Seit die Liftbetreiber unter dem Druck neu gegründeter Snowboard-Verbände die meist jugendlichen Snowboarder mitnehmen, tummeln sich mittlerweile fast ebensoviele Menschen auf Ein-Brettern wie auf Skiern auf den Pisten.

Nach den Burton European Open im schweizerischen Laax Mitte Januar und den Nippon Open in der letzten Februarwoche in Bandai, Japan, bedeuten die Wettkämpfe, die in Stratton, USA, vom 14. bis 20. März stattfinden, den Abschluss und Höhepunkt der Snowboard-Saison. Die US-Open in Stratton sind die ältesten und renommiertesten Snowboardwettkämpfe. Seit 1982 treffen sich hier jedes Jahr im März die Giganten der Szene zum US-Open. Auch wenn seit 1987/88 Wettkämpfe im Rahmen des internationalen Skiverbandes ausgetragen werden und Snowboarden seit 1998 Olympia-Disziplin ist, zählen für Insider inoffizielle Wettkämpfe wie in Stratton wesentlich mehr als alle Medaillen. Solche Wettkämpfe werden in der Regel nicht von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern übertragen - wohl deshalb, weil dem Snowboarden immer noch ein Insider-Flair anhaftet und ein Name wie Marc-Andre Tarte in der Öffentlichkeit unbekannt ist. Tarte, Spitzname "Monkeyman", gelang immerhin als erstem ein 1260°-Sprung, ein Sprung mit dreiundeinhalbfacher Drehung.

Der Spaß abseits vom professionellen alpinen Skizirkus soll weiterhin im Vordergrund stehen, heißt es, aber auch das Flair von Freiheit und Abenteuer lässt sich gut vermarkten, und der Spaß ist teuer. Ein Einstiegsset mit Schuhen, Board und Bindung kostet heutzutage etwa 450 Euro, ein Topboard bis zu 800. Die Wettkampfveranstalter und Produzenten, die wie in Laax Mitveranstalter sind, verdienen gut. Die Spitzenfahrer machen ihr Geld mit Werbefotos.

Neuerdings aber stagnieren die Verkaufszahlen. Bei den Weltmeisterschaften im Januar in dem als schneesicher geltenden Whistler machte tagelanger Regen den Fahrern das Leben schwer. In Laax gab es zu viel Schnee und zu viel Wind. In Stratton kann man vor Überraschungen noch nicht sicher sein. Der Anstieg der Durchschnittstemperatur von 0,7 Grad im letzten Jahrhundert zeigt deutliche Spuren: schmelzende Gletscher, bröckelnde Felsen, die bisher vom Permafrost zusammengehalten wurden, und ausbleibender Schnee. Steigt die Temperatur bis Mitte des Jahrhunderts tatsächlich um weitere zwei Grad an - die Planspiele der Zeitschrift Nature vom Januar, die von einer Steigerung von 10,5 Grad ausgehen, sind vielleicht übertrieben - bleiben von den heute 195 als schneesicher geltenden Skigebieten der Schweiz nur noch etwa 144. Der Schnee wird rarer, die Skisaison kürzer. Der wie selbstverständlich eingesetzte Kunstschnee ist keine Alternative: immense Kosten, zusätzliche Schädigung aufgrund des hohen Eisanteils im Kunstschnee - und auch der schmilzt, wenn es zu warm ist. Für die Wettkampffahrer können neben der Halfpipe auch noch die Pisten präpariert werden. Bei tagelangem Regen hilft das allerdings auch nicht mehr. Außerhalb der Wettkämpfe ist der Aufwand ohnehin unmöglich, ganz zu schweigen von den Hängen, die die Freerider fahren. Weitere Alternativen sind nicht in Sicht. "Die Verlagerung der Skigebiete in höhere Lagen bedeutet traumhaften Schnee, aber dann macht der starke Wind das Fahren unmöglich. Es bleibt nur, den Wintersport grundsätzlich umzustellen", heißt es aus dem Geografischen Institut der Universität Zürich. Schon werden Skianlagen zurück- und Wellnessangebote ausgebaut. Wenn sich in Stratton dicker, weißer Pulverschnee wieder in Matsch verwandelt, muss man sich vielleicht auf seine Wurzeln besinnen und wieder auf das Wellenreiten im Wasser umsteigen. Hawaii statt Stratton.


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00:00 04.03.2005

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