Sportunterricht

A–Z Günther Jauch fordert sie täglich, Aristoteles wollte dafür sogar Hallen auf der Agora bauen. Aber haben „Leibesübungen“ nicht etwas Soldatisches? „Turnvater“ Jahn ließ einst seine Schüler mit Dolch an der Hüfte trainieren. Unser Lexikon

A

Aristoteles Erst im Achten Buch der Politik, des staatstheoretischen Werks des Stagiriten, stolpert man über das Kapitel „Gymnastik als Erziehungsmittel“. Dort schreibt Aristoteles (384 – 322 v. Chr.), dass die Spartaner ihre Kinder durch übermäßige Anstrengung „tierisch gemacht“ hätten. Dabei sei Tugendhaftigkeit nichts, was man bei den „wildesten“ Völkern beobachte, sondern bei jenen mit einer „sanfteren und löwenartigen Gemütsart“.

Wer denkt, wow, der Typ war ein Avantgardist der antiautoritären Erziehung, ein echter Summerhill-Hippie, der wird wenige Zeilen später enttäuscht: Gleich nach der Jugend sei die Zeit reif für die „anstrengenden Übungen bei zwangsweise geregelter Kost“. Neben Grammatik, Musik und Zeichnen betrachtete Aristoteles „Leibesübungen“ als einen jener Gegenstände, „in denen man gewöhnlich die Jugend zu unterrichten pflegt“ (Turnbeutel). Aber auch die Senioren sollten trainieren, „zur Verschönerung dieses Platzes“ am besten mitten auf der Agora und in einer extra zu diesem Zweck errichteten „Gymnastikanstalt“. Das klingt dann fast wieder schön. Dorian Baganz

D

DDR „Jedermann an jedem Ort: einmal in der Woche Sport“: So lautete die Losung von Walter Ulbricht, dem ehemaligen Chef des SED-Zentralkomitees. Ulbricht demonstrierte selbst, wie das geht. Man konnte ihm im Fernsehen beim Rudern oder Volleyball zuschauen. Sport wurde in der DDR hoch geschätzt. Er wurde schon in Kindergarten und Schule gefördert, später in den Betrieben. Sport-AGs waren kostenlos. Im Jahr 1989 gehörten 3,7 Millionen Menschen dem Deutschen Turn- und Sportbund der DDR an. Die vielen Wettkämpfe sollten Talente ausspucken (Zensuren). Es gab die Kinder- und Jugendspartakiaden, die Bummi-Spartakiade sowie Betriebssportfeste. Es ging um eigene Leistung – und Weltpolitik. DDR-Sportler sollten internationale Medaillen einheimsen. Was klappte. Sie kamen auf Spitzenplätze. Ich sollte in der zweiten Klasse zum Eiskunstlaufen. Ich, die neue Kati Witt? „Nein“, sagte meine Mutter. Immer allein auf dem Eis, in der Kälte und kein Gramm Fett zu viel. Lieber Gitarrenstunden! Maxi Leinkauf

F

Friday Night Lights Football als Schulsport zu bezeichnen, ist ein Sakrileg. Was diese (für europäische Augen bizarre) Mischung aus Kampf- und Ballsport in den USA bedeutet, lässt sich an keiner Fernsehserie so gut ablesen wie an Friday Night Lights. Ausgestrahlt 2006 – 2011, erzählte die von Peter Berg kreierte Show von der fiktiven texanischen Kleinstadt Dillon, ihrer Highschool und vor allem ihrem Highschool-Footballteam, in dem rhizomartig die Lebensadern der Gesellschaft verwuchsen. Als Milieustudie unglaublich präzise, als Drama ungeheuer fesselnd und als Talentschmiede fürs heutige Hollywood – Taylor Kitsch, Jesse Plemons, Michael B. Jordan und viele mehr – schier unerschöpflich. Der Spruch von Coach Taylor (Kyle Chandler) an die Mannschaft vor jedem Spiel, „Clear eyes, full hearts, can’t lose!“, macht mir heute noch Mut. Barbara Schweizerhof

H

Hilfestellung Sportunterricht war für mich in erster Linie die Zeit, in der ich filterlose Parisienne-Zigaretten hinter der Turnhalle geraucht habe. Gleich danach erinnere ich mich besonders ans Bockspringen. Ja genau, ich meine diese faschistoide Turnunterricht-Disziplin, in der man (nicht besonders elegant, dafür aber in Reih und Glied) über dieses Lederdings hüpfen sollte. Mit Anlauf – und vor allen anderen! Ich war nicht besonders sportlich in der Schule (Stubenhocker).

Gut, das lag vielleicht auch an den Zigaretten. Aber das Schlimmste waren nicht die Galoppier-Versuche beim Bockspringen, die natürlich immer mit Gelächter kommentiert wurden.

Das Unangenehmste war die sogenannte „Hilfestellung“ der Sportlehrer. Diese Typen waren manchmal sogar attraktiv, okay, aber halt immer noch Sportlehrer. Und deren Griff unter den Oberschenkel, schön beherzt, ist im Nachhinein astreines #MeToo-Material. Damals fanden wir es einfach kollektiv scheiße. Den Griff musste ich einer weiblich gelesenen Freundin nie beschreiben: Wir kennen ihn alle. Clara von Rauch

J

Jahn Johann Friedrich Ludwig Christoph Jahn, auch „Turnvater Jahn“ genannt, war ein nationalistischer, antisemitischer Publizist und Politiker, Initiator der deutschen Turnbewegung und Gründer der Turnvereine. Wie alle Deutschnationalen des frühen 19. Jahrhunderts erlebte auch Jahn die napoleonische Besetzung als Demütigung und wertete sie als Schwäche der nationalen Widerstandskraft. In Deutsches Volkstum (1810) präsentierte er seine Theorien zur Revitalisierung „deutscher Wehrkraft“. Am 19. Juni 1811 – die Geburtsstunde der Turnbewegung – beginnt er in der Berliner Hasenheide mit öffentlichem, paramilitärischem Turnen. Der Erfinder des Geräteturnens ergänzt Barren, Ringe, Schwebebalken, Pferd und Reck mit Schwimmen, Fechten und Wandern. Nach alter Germanenart: graue Tunika, offener Kragen und Dolch an der Hüfte.

Auf dem Höhepunkt der Turnbewegung, doch enttäuscht von der Restaurationspolitik, wird Jahn beim Wartburgfest im Oktober 1817 mit Burschenschaftlern zum Initiator einer Bücherverbrennung. Es folgt die „Turnsperre“, die bis 1842 andauert. Nach sechsjähriger Haft rehabilitiert, lehnt der Paulskirchen-Politiker Jahn die zunehmend liberalen Turnvereine ab. Helena Neumann

N

Nirvana Was eine Mischung aus Frustration, Langeweile und Rebellion anrichten kann, das lässt sich im Musikvideo von Smells Like Teen Spirit bestaunen: Am 17. August 1991 drehte Nirvana den Clip gemeinsam mit Statisten und Fans in einer Turnhalle. Doch das ist alles Simulation! Das Musikvideo des US-amerikanischen Regisseurs Samuel Bayers wurde in den GMT-Studios im kalifornischen Culver City produziert. Sieht man es heute noch einmal, ist man sofort wieder perplex. Und begeistert: fliegende Haare, Cheerleader mit einem anarchistischen „A“ auf ihren Uniformen, eine vollkommen ekstatische, headbangende Menge junger Leute, die nichts im Sinn hat, außer Dampf abzulassen (Unfall). Teenage Riot, wenn man so will, eine echte „Moshpit-Rebellion“ in düster-dunklen Farben. In dieser Halle wird kein Schulsport getrieben, kein Korb geworfen. Turnlehrer und Rektoren sind unerwünscht. Stattdessen randalierende Cheerleader. Zornige junge Leute machen Dinge, die den Erwachsenen nicht gefallen, und feuern ihnen ein gelangweiltes „Here we are now, entertain us“ entgegen. Und Kurt Cobain beendet den Song mit den legendären, immer wiederholten, ikonischen letzten Zeilen „A denial, a denial, a denial, a denial, a denial, a denial, a denial, a denial, a denial“. Marc Peschke

S

Stubenhocker Leider endete meine Karriere als Jugendfußballer schon vor der Aufnahme in die E-Jugend. An dem Tag, als wir unsere Spielerpässe bekommen sollten, regnete es. Außerdem war ich gerade vom ersten Winnetou-Band gefesselt und schwänzte das Training. Zwar wäre aus mir nie ein bemerkenswerter Dribbler oder Kopfball-Artist geworden, doch wahrscheinlich hätte ich im Schulsport eine weniger klägliche Figur abgegeben. Aber wie die Dinge standen, blieb mir die Erfahrung, bei der Mannschaftswahl übrig zu bleiben, nicht erspart. Als besonders beschämend ist mir eine Handballstunde in der Oberstufe in Erinnerung. Es galt, Fallwürfe aufs Tor vorzuführen. Doch bei mir hieß es: entweder werfen oder fallen! Zack, schon notierte der Lehrer eine glatte Sechs in seinem Notenbüchlein (➝ Zensuren). Das war 1975.

Wenn Günther Jauch nun in einem Zeit-Interview „eine tägliche Sportstunde“ fordert, hat er wohl die motorisch unterentwickelten Handy-Akrobaten im Sinn. Keine schlechte Idee, zumal es im Schulsport heute nicht mehr ausschließlich um Leistung geht. Wer weiß, vielleicht hätte da sogar ich die Chance auf eine wohlmeinende Drei? Joachim Feldmann

T

Turnbeutel Dass der Turnbeutel einmal ein Comeback feiern würde, hätten in den nuller Jahren nur wenige erwartet. Denn der Stoffsack mit Zugschnur galt nicht nur als langweiliges Accessoire von Kindergartenkindern und Grundschülern. „Turnbeutelvergesser“ war damals ein Synonym für „Weichei“ und ähnlich charmant wie „Warmduscher“. Es bezeichnete Menschen, die dem harten Alltag des Sportunterrichts mit all seinen Unfällen entfliehen wollten, indem sie sich im Sportzeugvergessen übten.

Eine nichtrepräsentative Umfrage im Bekanntenkreis bestätigt auch meine eigene Erfahrung: Wer ohne Sportzeug kam, musste halt ohne Sportzeug im Unterricht mitturnen. War doch egal, ob die Alltagsklamotten verschwitzt wurden. Duschen hatten wir ohnehin nicht. Noch böser als der Vergesser wurde der Begriff „Turnbeutelverlierer“ verwendet. Das sollte schwache Männer bezeichnen und sie zudem als „schwul“ markieren. Zum Glück sind wir solchen diskriminierenden Zeiten entwachsen. Wenn ein unpraktisches Tragemittel wie der Turnbeutel – die Kordeln schneiden in die Schultern ein, und es sitzt nie richtig – heute als stilvoll gilt und sogar als Ausweis kreativen Seins, hat die Zivilisation alles richtig gemacht. Solange wenigstens das richtige Logo auf dem überteuerten Stück Stoff prangt. Tobias Prüwer

U

Unfälle Ein Drittel aller Schulunfälle 2020 ereignete sich im Sportunterricht. Das geht aus einer Statistik der Gesetzlichen Unfallversicherung hervor. Wobei zu bedenken ist, dass der Hauptteil anderer „Unterrichtsunfälle“ in der Tagesbetreuung stattfand, nicht wirklich im Unterricht. Gezählt wurden alle Unfälle, bei denen eine ärztliche Behandlung notwendig wurde. Schuld daran ist vor allem das Runde, das ins Eckige muss: Gut 40 Prozent aller Sportunfälle finden bei Ballspielen statt. Erst mit großem Abstand folgen Geräte- und Bodenturnen, Wintersport und dann Leichtathletik.

Denkt man an Bockspringen und Barrenschwünge (und die dabei teilweise hemdsärmelige Hilfestellung durch Mitschüler), mag das erstaunen. Aber man knickt schnell um, wenn man dem Ball hinterherrennt. Die Lehrenden stellen Unfälle vor besondere Herausforderungen, weil sie vor dem Unterricht keine Gesundheitschecks durchführen können. Sie wissen ja nicht einmal, ob die Schüler was gefrühstückt haben! Gute Unfallprävention ist übrigens einfach: intensives Aufwärmen und Fair Play. Tobias Prüwer

Z

Zensuren Hin und wieder werden Zweifel laut – kürzlich bei Richard David Precht –, ob Zensuren die beste Methode zur Leistungsbewertung sind. Aber Schulsport wird in seiner Wertigkeit anderen Fächern gleichgestellt. Der Tatsache, dass es sportliche und unsportliche Kinder gibt, kann man entgegenhalten, dass Begabungen etwa für Sprachen auch unterschiedlich sind. Dass diesbezügliche Leistungen eingeschätzt werden können, ist für den Einstieg ins Arbeitsleben unerlässlich. Warum aber ist Sport mit einem solchen Druck behaftet? Das liegt nicht nur am traditionellen Verhältnis zwischen Staat und Spitzensport. Sportunterricht diente immer auch der Einübung soldatischer Fähigkeiten (➝ Aristoteles). Im Sport die Schulnoten abzuschaffen, das wäre mal ein Signal! Irmtraud Gutschke

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