Sprache als Waffe

Literatur Ben Lerners „Topeka Schule“ ist eine kluge Erzählung über weiße Privilegien. Sie endet bei Trump

Irgendwo in einer Kleinstadt in den USA, ungefähr zu der Zeit, als Tupacs Album All Eyez On Me erschienen ist, treiben in der Nacht zwei Teenager in einem Boot auf einem künstlichen See. Adam und Amber trinken Whiskey aus der Flasche. Es ist der Vorabend eines Debattierwettbewerbs, Adam wird als Favorit gehandelt. Er redet ziemlich viel. Dann ist Amber verschwunden, er kann sich nicht erklären, wie das passiert ist. War sie überhaupt jemals da? Kann man diesem Erzähler trauen? Adam steuert ans Ufer, denn mittlerweile muss er dringend pinkeln. Über die Terrassentür geht er in das Haus, das er für das von Ambers Eltern hält. Erst als er im Bad ist, stellt er fest, dass er unter den Einfamilienhäusern rund um den See das falsche betreten hat. Er hat das Gefühl, er wäre „gleichzeitig in sämtlichen Häusern am See“, und er spüre „das Erhabene identischer Grundrisse“. Er findet sein Auto wieder, dreht Tupac auf, fährt nach Hause. Aber wer spricht hier, der Teenager, der sich in der Wohngegend dem Erhabenen nahe wähnt, oder der Erzähler der Rahmenhandlung, der über 20 Jahre später fest im Brooklyn der Gegenwart vertäut ist?

Gelandet wie ein Ufo

Der Lyriker und Romanautor Ben Lerner wird gerne mit seinen Figuren verwechselt. Das liegt daran, dass sie seiner Biografie so oft ähneln. Lerner ist 1979 in Topeka, Kansas, geboren, genau wie die Protagonisten seiner Romane. Im ersten, Abschied von Atocha (2011), geht es um den jungen Lyriker Adam Gordon, der mit einem Stipendium in Madrid weilt. Aber statt wie geplant an einem Langgedicht zu arbeiten, schlendert er durch den Prado. Dort beobachtet er einen Mann, der vor den Hauptwerken des Museums in Tränen ausbricht, bis sich die Aufseher genötigt sehen, ihn nach draußen zu bitten. Der junge Dichter fragt sich, warum ihm so eine intensive Erfahrung verwehrt bleibt und ob er je in der Lage sein wird, so etwas hervorzurufen. 22:04, der zweite Roman, kreist um den Versuch eines Autors, den zweiten Roman zu schreiben, zunächst im New York der frühen 2010er, während der Occupy-Bewegung, schließlich in Marfa, Texas, während eines Residenzstipendiums. Die neurotisch selbstreflexiven Dichter, die zögern, ihre Arbeit verweigern, neu beginnen, verleiten Kritiker dazu, Lerners Texten das Etikett Autofiktion anzuheften, jenes Genre, das Memoir und Ausgedachtes vermischt und die Autor*innen bei der Arbeit subjektiv in Szene setzt.

Die Topeka Schule erzählt aber aus verschiedenen Perspektiven. Für einen Moment glaubt man, Adam, also Lerners Alter Ego, hätte unter ihnen die Autorität. Stimmt aber nicht. Er ist aufgespalten in den 17-jährigen und den erwachsenen Autor. Später kommt Adams Vater, Psychotherapeut, zu Wort, dann seine Mutter, Psychologin und feministische Bestsellerautorin. Außerdem sein ehemaliger Mitschüler Darren, das Gegenbild zu Adam. Tagsüber hängt Darren in einem Laden für Überschussware aus Armeebeständen ab. Er repräsentiert jene, die sich selbst für Überschuss der Gesellschaft halten. Nachts versucht er, Anschluss bei den coolen Kids zu finden.

Die Topeka Schule ist ein Adoleszenzroman, aber auch eine Geschichte der Provinz, mit Gewalt und Sprache in den Hauptrollen. Wahrscheinlich könnte man sagen: ein Erziehungsroman. „Es gibt viele Topeka-Schulen“, sagte Lerner in einem Gespräch mit dem Schriftsteller Ocean Vuong. Von allen lernt Adam: den „bullies“ an der High School, ihrer Obsession mit Hip-Hop, seinem rechten Mentor im Debattierklub, dem linken, intellektuellen Umfeld seiner Eltern an der Foundation, einem psychiatrischen Institut. Das ist in der Kleinstadt gelandet wie ein Ufo, das Psychologen und Analytiker, Intellektuelle aus den Städten der Ost- und Westküste sowie Emigranten aus Europa aufs Land gebracht hat. Es erzählt die Vorgeschichte von so vielem.

Foto: Bob Sacha/Getty Images

Anfang der 1970er fanden sich in Topeka junge Leute ein, die glaubten, eine Blaupause fürs gute Leben zu haben. Darunter auch Adams Eltern, aus New York hergezogen, um an der Foundation ihre Doktorarbeit abzuschließen und experimentelle Therapieformen auszuprobieren. „Die Einheimischen begegneten uns eher mit Neugier als mit Argwohn, und obwohl ich ein langhaariger jüdischer Hippie aus New York war, verstand ich mich darauf, die Leute aus der Reserve zu locken“, sagt Jonathan, Adams Vater. Nach einer Weile wünschten er und Jane sich Kinder. Sie blieben. Aus dem Glauben an eine Revolution wird einer an die heilsame Kraft von Sprache, schließlich glauben sie nur noch an die normalisierende Wirkung von Therapie.

Wie eine kleine Allegorie darauf webt Lerner in all die Referenzen zu eigenen und fremden Texten eine Erzählung, nämlich ein Märchen von Hermann Hesse. Da geht es um einen Mann, der im Museum die magische Pille eines Alchemisten findet, sie schluckt und daraufhin die Sprache der Tiere versteht. Im Zoo hört er sie über Menschen sprechen, mit unerwartetem Spott und großer Weisheit. Der Therapeut Jonathan ist ganz besessen davon und dreht einen verwackelten Kurzfilm darüber. Die Kollegen, der Postbote, Krankenschwestern und Nachbarn machen mit. An anderer Stelle erklärt er sein Ziel als Therapeut: „eine Möglichkeit zu finden, Menschen, besonders wortkarge Jungs und Männer des Mittleren Westens, zum Reden zu bringen“. Jonathan ist Spezialist für „lost boys“. Man bräuchte nur die magische Pille, um ihre Sprache zu sprechen. Was aber, wenn er seine Lieblingsfabel missverstanden hat?

Fundamentale Christen

Mittlerweile: die 90er. Es sah aus, als hätte die liberale Demokratie gesiegt und als wäre die Geschichte wohlgefällig an ihr Ende gekommen. Dabei wurden längst die Weichen neu gestellt, für den Kulturkampf der 2010er, für die weiße Unterschicht, die sich abgehängt fühlt, für Trump. Der weiße Mann ist wütend. Diagnosen wie diese sind fast zum Klischee geronnen, so auch jene, dass die historische Dialektik zum Stillstand gekommen ist, wie einst der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama behauptete. Beides gehört in Topeka, Lerners politischem und kulturellem Labor, zusammen.

Der Roman liefert eine Taxonomie von aggressiver Sprache. Sie findet sich bei den Männern, die Adams Mutter anrufen und die Feministin bedrohen, und bei den schwulenhassenden fundamentalen Christen. Sie findet sich auch an der High School, wo Adam der Debatten-Champion ist. Dort dominiert eine Form des Sprechens, die „the spread“ genannt wird. Ziel ist es, den Gegner mit Argumenten in höchster Frequenz zu überziehen und dabei auf alles zu verzichten, was Zuhörer*innen erlaubt, zu folgen. Denn ein unbeantwortetes Argument gilt als verlorener Punkt. Das Ergebnis: ein für Außenstehende unverständliches Stottern. Sprache als Überwältigung, als Waffe. Die Debatten sind aber auch ein Trainingscamp für künftige rechte Populisten, in den Startlöchern für ihre politischen Karrieren.

Um nicht als völliger Nerd zu gelten, rappt Adam – „Ich bin das Gedicht, das du aber verschweigst / das du nie einem zeigst / weil du’s immer vergeigst“ –, und Rap öffnet die Tür zur Lyrik. Für die anderen weißen Teenager sind die aggressiven Gesten des Hip-Hop leere Hüllen. Sie eignen sie sich an, aber verstehen den Kontext nicht, da können sie noch so viele Gang-Zeichen mit den Händen formen.

„Das ist ein Buch übers Weißsein, und es konzentriert sich darauf, wie rassistische (und andere Formen von) Gewalt das Vakuum füllen, das im Herzen des weißen männlichen Privilegs entsteht“, sagt Lerner zu seinem Kollegen Vuong, und: „Weißsein stellt eine radikale Armut der Vorstellungskraft dar. Aber ich tue nicht so, als hätte ich das richtig hinbekommen.“

Im Zentrum dieses Vakuums ist Darren das schweigsame Gegenstück zu Adams Eloquenz. Er möchte zu den anderen Teenagern gehören, und seine Quälgeister sind zugleich seine Beschützer, er ist ihr heiliger Idiot. Lerner lässt ihn zu Wort kommen, und seine Sprache ist wirr und fremd, die spärlichen Verben ächzen unter dem Gewicht der protokollierten Details. Er glaubt, er kann Autos zum Überschlagen bringen, allein mit der Kraft seiner Gedanken. Worten traut er nicht. Er trägt stets eine Schusswaffe bei sich. Zwei Jahrzehnte später wird er, eine rote Kappe auf dem Kopf, ein Transparent bei einer Trump-Kundgebung halten. Adam hat die Kleinstadt längst verlassen, so wie seine Freundin Amber in jener Nacht lautlos und ohne Erklärung das Boot verlassen hat.

Info

Die Topeka Schule Ben Lerner Nikolaus Stingl (Übers.), Suhrkamp 2020, 395 S., 24 €

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