Sprachnachrichten

Ä–Z Die Freiheit des Senders kann zur Geißel des Empfängers werden. Wer schon mal Sprachnachrichten in der Öffentlichkeit abhören musste, kennt das. Unser Wochenlexikon

Ä

Äh „Könnten wir uns vielleicht, ähm – also ich hätte da noch, *hust* ...“ Lieben Sie Sprachnachrichten so sehr wie ich? Gibt es eine umständlichere Art, ein Anliegen in Abwesenheit des Gegenübers zu formulieren? Mit der Sprachnachricht kehrt die Störung in ihrer ursprünglichen Form in die Nachrichtenübermittlung zurück: (Logozentrismus) Ähs und Öhs, die sich als Tippfehler und angeblich autokorrigierte Seltsamkeiten einen würdigen Vertreter im getippten Text suchten, können sich wieder unmittelbar äußern. So eine getippte Nachricht in all ihrer körperlichen Distanz könnte genauso gut von einem smarten Bot stammen. Jedes Räuspern dagegen ist der ultimative Beweis im Turing-Test. Da ist ein atmendes, stotterndes Gegenüber. Der Mensch, der spricht, ist so echt wie die Frustration über seine gehüstelte, äh, Nachricht. Marlen Hobrack

B

Butt Call Das Naseweision dröhnte plötzlich wie das frisch restaurierte Glockenspiel an einem Marktplatz. Aufgeschreckt aus der Zeitungslektüre im Kaffeehaus meines Vertrauens, brauchte ich einige endlose Augenblicke – unter den zusehends verständnislosen Blicken meiner Tischnachbarschaft –, bis ich das vermaledeite Kästchen fand. In meiner Hand verstummte der Glockenturm auch schon wieder. Was war geschehen? Die Nummer konnte nicht zugeordnet werden. Stattdessen leuchtete das Zeichen für die Sprachnachrichten auf. Eine Frauenstimme sagte darauf, dass eine Weiterführung der Beziehung keinen Sinn mehr machen würde und bat einen Martin eindringlich, nicht mehr anzurufen. „Mach’s gut.“ Sie muss sich verwählt haben. Marc und Martin liegen schließlich nahe zusammen auf einer Anrufliste, auch wenn ihre Nummer bei mir nicht gespeichert war. Sei’s drum. Wenigstens passte mein Ichfon seine Signale der Dramatik der Botschaft an. Wie und warum auch immer. Marc Ottiker

D

Diebstahl „Sie haben 281 neue Sprachnachrichten.“ Es macht Rupert rasend vor Wut. Soll er die alle abhören? Das kommt nicht in Frage. Es rächt sich, dass er seinem Großvater das Smartphone zum 90. Geburtstag geschenkt hat. Wenn Opa auf etwas stolz ist, dann auf sein Kauderwelsch, das er als junger Werwolf in den letzten Tagen vor dem Sturm auf die Reichskanzlei gelernt hat. Wenn er seinem Enkel etwas mitteilen will, bleibt es beim „Stop“ am Ende jeder Nachricht. Opa hat dem Lieblingsenkel viel mitzuteilen. Seit Oma tot ist, hält ihn das Brüllen von Sprachnachrichten an Rupert bei Laune. „Der Eintopf war unter aller Kanone, stop!“ „Vergiss bitte die Windeln nicht, stop!“ „Hast Du Harald Schmidt gesehen, stop?“ Der hat es ihm angetan. Rupert weiß bis heute nicht, was Opa an dem findet. Eine Wahlverwandtschaft?

Voice ist der heiße Scheiß, hat ihm der Verkäufer vorgeschwärmt. Voice, flucht er vor sich hin. Warum verwandeln sich diese Sprachnachrichten nicht automatisch in eine Textnachricht? (Textify) „Opa, du stiehlst mir die Zeit, stop!“, brüllt Rupert in sein Handy. „Davon hast du mehr als genug, mein Junge, stop!“, schießt die Antwort aufs Handy zurück. Zumindest auf Opas schnelle Antworten ist Verlass. Hans Hütt

J

Jugend „Digger, du fotografierst dein Ohr?“ „Ich telefoniere.“ Woher soll der adoleszente Digital Native (Kulturkritik) das denn wissen? Er hält sich das Smartphone nämlich wie ein Käsebrot vor den Mund, um Monologe in das winzige Mikrofon zu sprechen. Dann starrt er wie gebannt auf das Display und die kleinen Häkchen hinter der abgesendeten Nachricht. Doppelblau heißt gelesen. Die zeitgenössische Erwartung verlangt, dass nur Sekunden später die Statusmeldung anzeigt, dass der Empfänger seinerseits eine Nachricht einspricht – welche dann für alle Umstehenden gut hörbar abgerufen wird. Bei geringster Verzögerung im Antwortverhalten werden schon mal alte Freundschaften oder junge Beziehungen beendet. Einer sagte kürzlich in der S-Bahn zu seinem Kumpel: „Wie mega wäre das, wenn der andere direkt antworten würde.“ „Voll.“ Elke Allenstein

K

Kulturkritik Natürlich sieht das Smartphone vorm Gesicht albern aus. Genauso närrisch war es vor 20 Jahren, sich durch die Öffentlichkeit spazierend Geräte ans Ohr zu halten, um zu telefonieren. Mit dem jetzigen Bashing wiederholt sich bloß diese Kritik – bis sie überholt ist. Weil fast jeder ein Smartphone hat, ist heuer halt wieder so ein Jugendding dran. Sinnloser Maschinensturm und langweilig dazu: Seit der Antike wird die junge Generation für Sittenverfall verantwortlich gemacht. Dabei ist nur der Wandel von Dauer. Tobias Prüwer

L

Logozentrismus Eine Weile sah es so aus, als sei der Logo- und der damit verbundene Phonozentrismus endgültig überwunden. Die digitalen Kommunikationsmedien machten uns zu Vielschreibern und Viellesern. Das Primat der Stimme, die Vorstellung, in ihr könne der Sinn am unmittelbarsten ausgedrückt werden, hatte ein für alle Mal ausgedient. Manch Apologet vermutete in Whatsapp-Chats gar die von Derrida herbeigesehnte zeitlich fragile Artikulationsspur der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Bedeutung. Wie immer kam alles ganz anders, die Stimme drängt mit aller Macht zurück – oder wie es Douglas Adams einmal ausdrückte: „Anything invented after you’re thirty-five is against the natural order of things.“ Tilman Ezra Mühlenberg

M

Mailbox Eine Mailbox-Nachricht erhalten, ist wie ein Einschreiben bekommen. Das kann nix Gutes sein. Wer auf Mailboxen spricht, ist meistens wütend, weil die Kontaktaufnahme anderweitig nicht funktioniert hat. Vorteil: Niemand muss sich schämen, jemandem Aggressives auf die Mailbox gesprochen zu haben, das toxische Gebräu wird sowieso niemals abgehört. Nur Wütende, Verrückte und Alte (Diebstahl) sprechen auf Mailboxen.

Manchmal, wenn es sich aus Gründen überhaupt nicht vermeiden lässt, wird die Mailbox nach Monaten doch mal abgehört und sich bei der Gelegenheit auf Zeitreise begeben. So hört man nach langer Zeit mal wieder die Stimmen von Vater, Schwiegermutter, Steuerberater und Ex-Affäre. Aber meistens gibt’s da gar nichts zu hören. Geistig gesunde Anrufer legen selbstverständlich sofort auf, wenn die Mailbox anspringt. „War nur die Mailbox“, sagen sie dann und zucken mit den Achseln. Nur Verrückte sagen später im persönlichen Gespräch: „Hast du es nicht mitbekommen? Ich habe dir doch auf die Mailbox gesprochen.“ Darauf gibt’s nur eine richtige Antwort: „Ach ja? Hab ich gar nicht mitbekommen.“ Ruth Herzberg

Medienbruch Bevor der Agenturgründer mit seinem Traumprojekt endlich so weit ist, es den Kunden vorzustellen, schärft er der Belegschaft das Grundgesetz ein: „Alles muss dokumentiert werden, der gesamte Workflow, immer gleich automatisch mit der richtigen Jobnummer, dem entstandenen Zeitaufwand und dem Stundensatz für die monatlichen Abrechnungen.“ Alles, was nicht dokumentiert ist, macht das Management blind für Fehler. „Ihr müsst den Automatismus leben, Leute!“ fleht er sein Team an.

Ein Uigure hat das aufgebohrte und tiefergelegte Mailprogramm programmiert. Er schwärmt für „Lotus“ aus Gründen, die nichts mit „Notes“ zu tun haben. Ihr werdet bald auch formatiert träumen, prophezeit der Uigure. Selbst an Sprachnachrichten hat er gedacht und ein kleines Programm geschrieben, das die Zeitfresser durch einen Drachen in Text verwandelt. Dumm nur, wenn eine Sprachnachricht am Tag der automatischen Rechnungsstellung einem Job zugeordnet wird, in dem sie nichts zu suchen hat. „Du hast deinen Laptop in der Sauna gelassen, wann holst du ihn ab, Süßer?“, hat der Drache den Mist transkribiert und falsch zugeordnet. Hans Hütt

O

Odem Der Japan-Airlines-Flug 123 stürzte 1985 in der japanischen Präfektur Gumna ins Gebirge, 524 Menschen starben. Die höchste Anzahl an Toten eines Flugzeugabsturzes mit nur einem beteiligten Flugzeug (mehr gab es nur beim Zusammenstoß zweier Jumbos auf Teneriffa 1977). Nach einer fehlerhaften Reparatur des Druckschotts hatte dieses nachgegeben und durch die Druckentweichung das Seitenleitwerk weggefetzt. Den Piloten stand daraufhin kein hydraulisches Steuerungssystem mehr zur Verfügung. Nur noch mittels des Triebwerksschubs hielten sie die Maschine in der Luft, bis sie an einer Gebirgskette zerschellte.

Vier Personen aus dem hinteren Teil des Flugzeugs überlebten. Von anderen fand man auf Servietten und kleinen Zetteln Abschiedsgrüße an ihre Liebsten. Die Menschen saßen lebend in ihren Sitzen – mit der Gewissheit, sterben zu müssen. Knapp 34 Jahre später verschwindet ein einmotoriges Flugzeug auf dem Weg von Frankreich nach Großbritannien mutmaßlich im Ärmelkanal. Der für 17 Millionen Ablöse wechselnde Fußballspieler Emiliano Sala hinterlässt keinen Zettel, sondern eine Sprachnachricht. Auf der, so schreiben Medien übereinstimmend, er ruhig atmend seine Sorge formuliert, das Flugzeug könne auseinanderbrechen. In dem Moment ist der Ärger über die ganzen anderen Sprachnachrichten vergessen. Jan C. Behmann

T

Textify Ach, gäbe es doch eine Möglichkeit, diese schauderhaften Sprachnachrichten einfach so mir nichts, dir nichts umzuwandeln in Textnachrichten! Aber, oh Wunder, es gibt diese Möglichkeit! Das Werkzeug dazu nennt sich Textify. Sie wollen endlich wieder lesen statt hören? Dann gehen Sie folgendermaßen vor: Öffnen Sie Google auf Ihrem Smartphone, wählen Sie oben rechts das kleine Mikrofon aus. Google duzt Sie nun und fordert Sie auf: „Sag etwas“.

Schlucken Sie Ihren Ärger runter und sprechen Sie – seeehr deutlich – „App Texitify“ ins Mikro. Erscheint nun „App Taxify“ oder „Sex TV“? Dann stoßen Sie ein höhnisches Lachen aus und tippen Sie im Wissen um die große Überlegenheit der Buchstaben „T-E-X-T-I-F-Y“ in die gute alte Tastatur. Das ist sie, die Lösung für all Ihre Sprachnachrichtsprobleme. Die App transkribiert die akustische Folter einfach für Sie. Einziges Problem: Nicht immer erkennt das Programm, was der Sprecher Ihnen sagen wollte. Weisen Sie die Sender von Sprachnachrichten also darauf hin, dass sie seeehr deutlich sprechen müssen, damit Sie deren Nachrichten wie gewohnt lesen können. Marlene Brey

Z

Zaudern Sylvia lag im Hospiz und wartete. Manchmal schrieben, seltener telefonierten wir. Ihr Lebenswille wurde zu winkenden Emojis, zu Liedern, die sie mir nachts auf Whatsapp einsang. Einmal packte es mich, ich wollte ihr sagen: was sie mir bedeutet hat. Äh, bedeutet! (Äh). Wie froh ich bin, dass wir uns kannten. Äh, kennen! Ich sprach eine Nachricht auf. Löschte sie. Noch eine. Löschte wieder. Und so fort. Mit der x-ten Version konnte ich leben. Hatte aber Whatsapp nicht kapiert. Wochen später, auf dem Hospizbett, sagte Sylvia mir: Ich hätte ihr neulich acht Mal dasselbe erzählt! Von wegen: gelöscht. Halb starb ich vor Scham, Sylvia aber lachte: Sie hatte das süß gefunden. Klaus Ungerer

06:00 18.03.2019

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