Harald Schmid
08.11.2002 | 00:00

Sprachstreit im Novemberland

"Reichsscherbenwoche" Datum, Deutung und Erinnerung des Novemberpogroms von 1938

Wo war Ihr Herr Vater am 9. November 1938, nachts?" "Wie ›nachts‹? Was war damals nachts?" Dieser Wortwechsel aus Christian Geisslers Roman Anfrage (1960) steht in charakteristischer Weise für die Auseinandersetzung um ein deutsches Datum, das dieses Land nach 1945 nie wirklich losgelassen hat. War doch der kalendarische Erinnerungsort "9. November 1938" in den letzten Jahrzehnten ein Zentrum generationeller Gewissenserforschung und öffentlicher Vergangenheitsklärung, das die Schuld- und Verantwortungsfrage konkret stellt.

Was soll erinnert werden?

Hier geschah das Verbrechen nicht im von Gerüchten umrankten "Osten", sondern vor Ort, oft unmittelbar in der Nachbarschaft: der häufig mit Gewaltorgien verbundene Überfall auf die Juden, von denen zunächst knapp einhundert ermordet wurden; die Verhaftung von über 26.000 Männern, wovon über tausend die Wochen und Monate in der barbarischen Lagerwelt nicht überlebten; die Zerstörung und Plünderung eines Großteils der sozialkulturellen Infrastruktur jüdischen Lebens: Synagogen, Geschäfte, Friedhöfe, Wohnungen, Schulen, Alters- und Waisenheime. Gerade aufgrund der Öffentlichkeit dieser brachialen Gewalt wurde das Novemberpogrom schon bald als Schlüsseldatum zur Interpretation der gesamten NS-Judenverfolgung und des Verhaltens der Bevölkerung verstanden.

Doch die Erinnerung an das Geschehen vor nun 64 Jahren wirft Fragen an das öffentliche Geschichtsbild und die Geschichtspolitik auf. Welche Ereignisse gehören in den unmittelbaren Zusammenhang des Pogroms und damit des Gedenkens: Auch das vorhergehende Attentat des verzweifelten Herschel Grynszpans auf Ernst vom Rath, den Legationssekretär an der deutschen Botschaft in Paris? Auch die den Anschlag auslösende Massendeportation von etwa 17.000 polnischstämmigen Juden? Und welches Datum soll erinnert werden: nur der 9. November, auch der folgende Tag oder gar die drei Tage vom 8. bis zum 10. November? Schließlich: Welcher Eigenname soll das Geschehen bezeichnen: "Reichskristallnacht"?

Antworten auf diese Fragen beschreiben den komplexen geschichtskulturellen Zusammenhang von Ereignis, dessen Benennung und Datierung, seiner historisch-politischen Deutung und öffentlichen Vergegenwärtigung. Im verkürzenden Gedenken gehen diese Verbindungen aber oft wieder verloren. An der Entwicklung der Sprache, einem der wichtigsten Orte der Konstruktion von Geschichte, lässt sich zeigen., wie ursprünglich bloß abkürzende Überschriften im Laufe der Zeit zu Inhalten gerinnen. Beispielsweise die schon seit der Nachkriegszeit verbreitete Wendung "als die Synagogen brannten". Obgleich eines der bedeutsamsten Ereignisse des Pogroms transportierend, ist hier von der Gewalt gegen Menschen, von den Morden und Tätern keine Rede. So trug der Topos mit dazu bei, ein insbesondere moralisch verkürztes Bild scheinbar anonym entzündeter Synagogen im kollektiven Gedächtnis zu festigen. Das sarkastische Diktum des Historikers Jörg Friedrich, wonach der "Schleier über der Tat der Preis der Humanisierung der Täter" gewesen sei, ist folglich auch sprachgeschichtlich zu bedenken - wenn man nicht vergisst, daß es anfangs lebensgefährlich sein konnte, das Verbrechen offen als solches zu benennen.

Naziwort oder Oppositionsbegriff?

Sind die Begriffe "Kristallnacht" und "Reichskristallnacht" zeitgenössischen Ursprungs? Sind sie Teil der Lingua Tertii Imperii oder ein Niederschlag der verdeckten Kritik der Bevölkerung an den Pogromen? Gerade die populäre Annahme, sie entstammten dem "Jargon der Mörder" (so Willy Brandt in einer Gedenkrede zum 44. Jahrestag), sorgt für regelmäßige Kritik an ihrer unreflektierten Verwendung. Schon die Wörter gelten vielen als zu gefährlich und deren Gebrauch als Zeichen der Verdrängung des eigentlichen Geschehens. Die Gegenposition vertritt freilich mit ebensolchem Nachdruck die Überzeugung, "Reichskristallnacht" sei keinesfalls ein "Naziwort, sondern ein Begriff der Opposition" (Günther Gillessen) gewesen.

Während die Auffassung, der Berliner Volksmund habe schon im November 1938 infolge der mit Scherben der zerstörten Schaufenster übersäten Straßen den Ausdruck "Reichskristallnacht" geprägt, nie belegt werden konnte, ist die Gegenthese inzwischen besser fundiert. Denn im Deutschen Rundfunkarchiv lagert ein Tondokument, worin ein NS-Funktionär am 24. Juni 1939 in einer Rede auf dem Gautag des Gaus Hannover-Ost der NSDAP in Lüneburg den verstümmelten, aber aussagekräftigen Satz formuliert: "Nach der Reichskristallnacht voriges Jahr, am 11. November [sic], sehen Sie, also die Sache geht als Reichskristallnacht in die Geschichte ein (Beifall, Gelächter), Sie sehn, das ist humoristisch erhoben, nicht wahr, schön." Nur wenige Tage später erwähnte ein Zeitgenosse unter dem Datum des 4. Juli 1939 in seinem Tagebuch die "schwarzen Novembertage 1938, die Reichsscherbenwoche".

Zwei Prägungen fast zur selben Zeit. Damit ist zwar nachgewiesen, dass der Begriff in der Funktionärsriege öffentlich benutzt wurde (und vielleicht den "Volksmund" instrumentalisierte); gleichzeitig spricht viel für die parallele, regimeferne Suche nach treffenden Ausdrücken. Tatsächlich verweisen alle Belege auf eine Vielfalt von Begriffsbildungen, die unter dem Eindruck der Verfolgungen seit dem November 1938 entstanden und die sich bis in die ersten Nachkriegsjahre behaupten konnten. So finden sich in den Quellen verschiedene, an die jeweilige soziale Gruppe und deren Perspektive gebundene Begriffe. Die Täter und NS-Dienststellen benutzten propagandistisch gefärbte Ausdrücke wie Judenaktion, Novemberaktion, Vergeltungsaktion, Sonderaktion und (Protest-)Kundgebungen. In den Konzentrationslagern, in die die verhafteten Juden verschleppt wurden, sprach man unter Aufnahme des vorausgehenden Attentats von der "Rathaktion", und aufgrund der exzessiven Gewalt gegen die eingelieferten Juden von einer "Mordwoche". Sowohl die Deutschland-Berichte der Exil-SPD als auch das KPD-Blatt Die Rote Fahne verwandten den historisch bekannten, unmissverständlichen Begriff "Judenpogrome". In Tagebüchern ist unmittelbar nach dem Angriff auf die Juden von "Grünspan-Affäre" (Victor Klemperer) oder von "Bartholomäusnacht" (Walter Tausk) die Rede.

Viele Augenzeugen der Judenverfolgung erinnerten sich aber auch an andere damals umlaufende Begriffe, etwa Glasnacht, Gläserner Donnerstag, Nacht der langen Messer, Zehnter November. In Texten der ersten Nachkriegsjahre finden sich Ausdrücke wie Tag der (deutschen) Scherbe, Reichsscherbenwoche, (Reichs-)Kristallwoche, Judennacht, Pogromnacht, Novemberpogrom, Synagogensturm, Synagogenbrand, Reichstrümmertag, Reichskristalltag, Verfolgungswoche, Novembernacht, Synagogenstürmernacht.

Dass ein reichsweites Ereignis eine solche Bezeichnungsvielfalt nach sich zog, ist auch eine bezeichnende Vielfalt und zeigt: dass es von sehr vielen Menschen als ein außerordentliches, zu besonderer Benennung drängendes Geschehen wahrgenommen wurde. Häufig wird das Ereignis auf die eine Nacht begrenzt, worin sich zum einen ein realer Aspekt der Verfolgungswelle niederschlägt, zum anderen aber auch eine moralische Ausweichbewegung erkennbar wird. Verschiedentlich wurde ein ganzer Tag, mitunter gar eine ganze Woche erinnert - dass die Verfolgungen mancherorts schon am 7. November einsetzten, ihren zentral gesteuerten und reichsweiten Höhepunkt in den frühen Morgenstunden des 10. November erreichten und dann teilweise noch tagelang andauerten, ist belegt. In den Komposita mit "Reich" spiegelt sich die Ausdehnung des Terrors auf das gesamte Staatsgebiet. In der Lesart subversiver Intention begegnete der Begriff damit der offiziellen Behauptung, in der Nacht habe sich der "spontane Volkszorn" entladen und persiflierte - für zeitgenössische Ohren kaum überhörbar - die auftrumpfende NS-Propagandasprache. Eher selten und nur andeutungsweise wurden die angegriffene soziale Gruppe und die gegen sie ausgeübte mörderische Gewalt direkt erwähnt.

Prozess vorsätzlicher Selbsttäuschung

"Kristallnacht" musste sich auf seinem Weg zu einem der Signalwörter der Erinnerungskultur jedoch nicht nur gegen die anfängliche Begriffsvielfalt, sondern auch gegen eine kontinuierliche Begriffskritik behaupten. Schon am zehnten Jahrestag 1948 kritisierte die "Notgemeinschaft der durch die Nürnberger Gesetze Betroffenen" (eine heute in der Öffentlichkeit fast vergessene Verfolgtenorganisation): "Ehe es soweit ist, dass sich dieses falsche Wort im allgemeinen Sprachgebrauch so eingebürgert hat, dass es nicht mehr wegzubringen ist, möchten wir darauf hinweisen, welche Entstellung mit der Benutzung dieses Wortes verbunden ist. Das Wort ›Kristallnacht‹ ist nicht von den früher Verfolgten erdacht und in den Sprachgebrauch gebracht worden." Für die Betroffenen und Mitfühlenden von damals "bedeutet dieses Wort eine Verkleinerung, ja Verniedlichung des Geschehens", denn hinter den allgemein in Erinnerung gebliebenen Geräuschen zerborstenen Glases "stand doch (...) das unheimliche Knistern der brennenden Synagogen, das Weinen und Schreien der Misshandelten und das vergossene Blut". Fünf Jahre später schrieb die FAZ, der Begriff sei "selbst ein Bestandteil in jenem Prozess vorsätzlicher Selbsttäuschung" gewesen, "der ein ganzes Volk jahrelang betäubte".

Die tradierten euphemistischen Implikationen von "Reichskristallnacht" zeigten durchaus Wirkung. Wie anders ist es zu erklären, wenn beispielsweise in Rudolf Weber-Fas´ Buch Das kleine Staatslexikon (1995) - vor zwei Jahren als Taschenbuch bei Suhrkamp nochmals mit dem expliziten Ziel aufgelegt, "das Gedächtnis auffrischen und Klarheit schaffen" zu wollen - das Stichwort "Kristallnacht" nur als eine "von Goebbels als ›spontane Kundgebung‹ veranlasste Pogromnacht" erläutert wird, "wobei NS-Trupps u.a. die Fensterscheiben und Lampen zahlreicher jüdischer Geschäfts- und Wohnhäuser zerstörten". Fensterscheiben und Lampen! Das zerstörte Leben der Juden hat sich hier ins "unter anderem" verflüchtigt.

Freilich gehörte die distanzierende Verwendung des Ausdrucks in Gedenkreden und Zeitungsartikeln vor allem seit den siebziger Jahren nicht nur zum guten Ton, man wusste durchaus um die Problematik - Geschichte in Anführungszeichen. Seit dem 40. Jahrestag 1978, dem ersten wirklich gesellschaftsweit zelebrierten Jahrestag, war deshalb in begriffskritischer Absicht und zum Zwecke politischer Korrektheit zunehmend auch von "Reichspogromnacht" die Rede, zehn Jahre später so häufig, dass der Ausdruck 1988 zu einem der "Wörter des Jahres" bestimmt wurde. Manche sahen darin freilich eher ein "Unwort", komme es doch einer gutgemeinten "Verschlimmbesserung" gleich. Durchaus spiegelbildlich und zeitgleich zu diesem westdeutschen Neologismus bemühte sich die DDR-Propaganda mit ihrer Sprachregelung von der "faschistischen Pogromnacht" um semantisch-ideologische Eindeutigkeit.

Gewiss, in politischer Hinsicht bleibt "Reichskristallnacht" dubios: Versteht man den Begriff als Bestandteil des "Wörterbuchs des Unmenschen", so verbietet sich eine distanzlose Übernahme ohnehin; nimmt man ihn als historischen Ausdruck, der er ja tatsächlich ist, so ist er zwar wissenschaftlich unverzichtbar, doch stellt sich das Problem, dass er jedenfalls für Nachlebende das Ereignis selbst eher verdeckt. Doch das Wort bleibt auch ein nützlicher sprachlicher Stolperstein. Denn die scheinbar bloß etymologische und semantische Kontroverse führt geradewegs zum Gespräch über die ganze NS-Vergangenheit, den kritischen Umgang mit ihr und das Bemühen um moralische Genauigkeit - auch in der heutigen Benennung politischer Verbrechen. So wird uns dieser Sprachstreit im "Novemberland" (Günter Grass) weiter begleiten.

Harald Schmid ist Politologe in Hamburg und Lehrbeauftragter an der Universität Hamburg. Zuletzt erschien von ihm Erinnern an den "Tag der Schuld". Das Novemberpogrom von 1938 in der deutschen Geschichtspolitik, Ergebnisse-Verlag, Hamburg 2001