Sprachverwirrungen

Berliner Abende Wenn den Lokalredakteuren überhaupt nichts mehr einfällt, teilen sie uns mit, dass Berlin mehr Brücken habe als Venedig. Das Ganze wird mit ...

Wenn den Lokalredakteuren überhaupt nichts mehr einfällt, teilen sie uns mit, dass Berlin mehr Brücken habe als Venedig. Das Ganze wird mit irgendeiner nicht nachprüfbaren Zahl untermauert. Vielleicht denken die Schreiberseelen bei derlei Mitteilung, der geneigte Leser sei nun überzeugt, dass Berlin schöner ist als die Stadt an der Lagune.

Übrigens wurde dieser lächerliche Vergleich schon zu DDR-Zeiten verkündet, was insofern logischer war, weil sowieso kein Mensch durch eine Reise nach Venedig das Gegenteil erfahren konnte. Aber Schwamm drüber.

Womöglich hat Berlin ja auch mehr Tunnel und Schlupflöcher als die Tora-Bora-Höhlen. Doch davon war leider bis jetzt noch nichts zu lesen. Dabei könnte es die U-Bahn, die nun bald 100 Jahre unter Berlin dahinrumpelt, durchaus an Länge mit den afghanischen Bunkersystemen aufnehmen. Eines der hässlichsten Monster dieser Art ist der Verbindungsgang zwischen der sogenannten Kellerbahn (sic!) und der U-Bahnlinie 6 am Bahnhof Friedrichstraße. Früher gehörte der in schmutzig-orange geflieste Durchgang zu den Katakomben der Grenzkontrolle am Tränenpalast, heute ist er eine Rennstrecke für Fahrgäste, die nicht nur deshalb so flitzen, weil sie sehen wollen, wie ihnen der Anschlusszug vor der Nase wegfährt, sondern weil auch heute, zwölf Jahre nach dem Mauerfall, dort noch immer der Fluchtinstinkt zuhause ist.

Umso erstaunlicher kommt uns jener sanfte, ziemlich abgelederte junge Mensch vor, der dort tagein, tagaus herumliegt und die Vorübereilenden mit der Frage empfängt. "Ham Sie noch ein wenig Kleingeld über?" Dieser Satz verfolgte mich schon einige Tage, bis ich anhielt und dem Mann zwei Mark reichte. Jedoch nicht ohne philologische Belehrung: "Hier haben Sie das Geld, aber sagen Sie nicht immer über. Es heißt übrig. Über ist eine rheinländische Verballhornung. Geld hat man nicht über, sondern übrig.". Er nahm meinen Sermon kommentarlos entgegen. Später fiel mir ein, dass man aus der Sache doch einen flotten Werbespruch hätte machen können, einen besseren jedenfalls als den mit den idiotischen Schlafmünzen. "Haben Sie noch Kleingeld über?", hätten uns die Prominenten von Wickert bis Weizsäcker fragen können. Und in unserer Antwort hätte beiderlei Sinn liegen können:" Wir haben noch ein bisschen Kleines. Aber wann kommt denn endlich der Euro, denn wir haben die D-Mark über und nochmals über!" Verpasste Chance.

"Du wirst dit nich glooben, aba im Knast konnste dir die beste Tüte aus´n Neuen Deutschland drehn", sagt der grauhaarige Büchsenbiersäufer in dem Lädchen, wo ich sonntags meine Zeitung kaufe. Was für eine genuine Verbindung von Wort und Tat! Das ND als Rothändle. Hätte man sich denken können. Sicher stecken Erich Honecker, Gregor Gysi und der Intendant vom Friedrichstadtpalast dahinter. Das Theater der Freundschaft nicht zu vergessen, das ein eifernder Kommentator - war es Tagesspiegel, war es FAZ? - neulich in Theater der Jugend umbenannte. Wurde gern Tedefre genannt und nicht Tedeju. Aber wer empört ist, hat keine Zeit für Recherche. Weshalb auch lustig in der Süddeutschen zu lesen war, der designierte Kultursenator Flierl, der mir übrigens mal mit seinem Trabi über eine neue Ledertasche gefahren ist (also echter Wutgrund), habe Werbung an der Berliner Nikolaikirche verhindert und den dortigen Pastor gegen sich aufgebracht. Echt gespenstisch, denn in Sankt Nikolai ist seit 1944 keiner mehr auf die Kanzel gestiegen, gemeint war wohl die Marienkirche, geschätzter Bußprediger von der SZ. Aber derlei Kleingeld zählt nicht, das hat man schnell über. Hauptsache, die Linie stimmt.

Bei soviel Blättergeschäume über Rot-Rot fallen einem andere Petitessen des Sprachgebrauchs kaum mehr auf. Oder haben Sie schon das kleine "e" bemerkt, das sich seit Neuestem so anheimelnd und nett in die Adjektive schleicht. Gruselig, ekelig, wackelig usw. Gefällt mir nicht. Wahrscheinlich, weil ich so gesterig bin. Weshalb mir auch nach zehn Jahren partout das Wort Flieger nicht über die Lippen will, es sei denn, ich treffe irgendwann einen Piloten. Vielleicht sage ich auch deshalb Flugzeug zum Flieger, weil ich meist einen Bahner nehme oder einen Taxer. Ist kleinkariert, ich weiß. Halt so Gedanken, die man zwischen an Silvester und an Neujahr so hat.

In der U6 Richtung Alt-Mariendorf verkauft mir eine entsetzlich magere Frau auf einem Blatt Papier eigene Texte. Reflexionen über ihr Leben, das Fernsehen und die Welt an sich. Ihre Stimme klingt schrill und anklagend. Die Fahrgäste verstecken sich hinter erfreulich großformatigen Zeitungen. Wer keine hat, schaut aus dem Fenster ins Nichts. Nächste Station: Kochstraße, verkündet der Fahrer. Viele Leute steigen aus, auch die Texterin. Sie wechselt in den nächsten Wagen ...

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00:00 18.01.2002

Ausgabe 38/2020

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