Sprengmeister im Kopf

Simulation "grosser Theorie" Die Hirnforschung entdeckt das Soziale und nebenbei, warum der Marxismus scheitern musste

Es war ein brütend heißer Sommertag im Jahre 1848 nahe der amerikanischen Stadt Cavendish in Vermont, als sich der Trupp Bauarbeiter wieder an die Arbeit machte. Um Schienen für eine neue Bahntraße zu verlegen, mussten zuerst große Felsmassen aus dem hügeligen Gelände gesprengt werden. Der 25-jährige Sprengmeister und Vorarbeiter stopfte den Sprengstoff in ein vorbereitetes Loch, füllte es mit Sand und begann dann mit einer fast zwei Meter langen und sechs Kilogramm schweren Eisenstange, das Loch vorsichtig zu stopfen. Es war eine gefährliche Arbeit und diesmal ging es schief: Durch eine Unachtsamkeit, vielleicht einen Funken, entzündete sich die Sprengladung, und der schwere Eisenstab durchschlug mit ungeheurer Wucht die Wange des Vorarbeiters, durchquerte den vorderen Teil des Gehirns und trat aus dem Schädeldach wieder hinaus, bis sie 30 Meter entfernt zu Boden fiel. Doch der Vorarbeiter überlebte den Unfall: Weder Lähmungen noch sonstige Ausfälle wurden beobachtet und nach zwei Monaten wurde er als gesund entlassen.

Doch hier täuschten sich die Ärzte. Wurde der Sprengmeister vor dem Unfall als tüchtigster und fleißigster Mann des Unternehmens beschrieben, als besonnen, freundlich und ausgeglichen, wirkte er nun vollständig verändert. Er konnte keine vernünftigen Entscheidungen mehr treffen. Soziale Konventionen und moralische Spielregeln schienen nicht mehr zu existieren. Er ließ sich mit zwielichtigen Figuren ein und verlor seine Arbeit. Der Sprengmeister wurde nun als ungeduldig, launisch, wankelmütig und respektlos beschrieben und stieg beruflich und sozial ab. Der Name dieses vielleicht berühmtesten Falles der Hirnforschung ist Phineas Gage. Mit diesem Namen verbindet sich der Beginn der Ansätze, soziales und moralisches Verhalten mit neurowissenschaftlichen Methoden zu untersuchen.

Abschied von Schuld und Sühne

Nachdem die Hirnforschung sich über Jahrzehnte mit Vorliebe auf Ratten und Affen konzentriert hatte, revolutionierte die Entwicklung leistungsfähiger Kernspintomographen vor wenigen Jahren die Neurowissenschaften: Nun war es möglich, direkt und "live" Gehirnvorgänge beim Menschen zu beobachten. Und da man nicht mehr auf Ratten angewiesen war, rückte nun die Untersuchung von bisher nicht vorstellbaren Fragen in greifbare Nähe: Was passiert im Gehirn, wenn man verliebt ist? Was, wenn wir ein bestimmtes Konsumprodukt unbedingt kaufen möchten? Kann man Moral als Gehirnaktivität messen? Oder sogar politische Überzeugungen, gar Präferenzen für einen bestimmen Kanzlerkandidaten? Und wie der Bielefelder Soziologe Niklas Luhmann sich über die Beschreibung von gesellschaftlichen Teilbereichen der Beschreibung der Gesellschaft genähert hat, so scheinen sich auch die Hirnforscher über Neuroökonomie, neuronale Korrelate romantischer Liebe und politischer Einstellungen einer Gesellschaftstheorie zu nähern. Entsprechende Ideen werden bereits vorgestellt. Wie sieht sie nun aus, die Gesellschaftstheorie der Hirnforschung?

Erste Versuche sind schon medienwirksam diskutiert worden. So schließt der Neurobiologe Gerhard Roth aus neuen Erkenntnissen der Hirnforschung, dass der freie Wille eine Illusion sei. Die von ihm verkündete "erneute Kopernikanische Wende" wird auch von Wolf Singer, Direktor des Max-Planck-Institutes für Hirnforschung in Frankfurt, propagiert. Heißt das, man soll Begriffe wie Schuld und Sühne aufgeben? "Ja, ich halte dieses Prinzip für verzichtbar", meint Wolf Singer und fordert eine entsprechende Neugestaltung des Strafrechtes, wie immer die auch aussehen soll. Man ahnt hier schon, dass Singer und Roth kaum nachvollziehbare Übertragungen aus der Physiologie auf Begriffe aus anderen Wissenschaften anwenden, ohne den Horizont dieser Begriffe und Unterschiede zu physiologischen Konzepten zu berücksichtigen.

Aber die Hirnforschung versucht längst auch umfassend eine Gesellschaftstheorie aufzubauen. Ein Beispiel liefert das Neurologenehepaar Antonio und Hannah Damasio. 145 Jahre nach dem Tod des Phineas Gage untersuchten sie den gut erhaltenen Schädel des Sprengmeisters. Mit modernen bildgebenden Verfahren ließ sich genau rekonstruieren, welche Bereiche im Gehirn durch den Unfall zerstört wurden. Es waren Teile im vordersten Bereich des Gehirns. Nach Antonio Damasio sind diese Bereiche für das Einhalten von sozialen Regeln entscheidend. Untersuchungen an Patienten mit vergleichbaren Schäden zeigten ähnliche Fallgeschichten: Obwohl die intellektuellen Fähigkeiten unverändert sind, erscheinen Außenstehenden die Entscheidungen oft unvernünftig. Offenbar ist in diesen Regionen ein soziales Regelwerk verortet, das, wenn es einmal zerstört wird, soziales Verhalten stark behindert.

Ausgehend vom berühmten Fall des Phineas Gage bringt Damasio so Bereiche im vordersten Teil des Gehirns mit sozialem und ethischem Verhalten in Verbindung. Diese Gehirnregionen regulieren unsere Gefühle mit der Aufgabe, unser biologisches Gleichgewicht zu erhalten. Und dazu gehört offenbar auch, sich ethisch und sozial zu verhalten.

Unzulängliche Analogien

Unter der Überschrift Homeostasis and the Governance of Social Life (in seinem 2003 veröffentlichten Buch Looking for Spinoza erklärt Damasio nun von diesen einfachen biologischen Gleichgewichtsmodellen aus die Entstehung von sozialen Konventionen, von Kultur, von Ethik, Religion und Recht bis hin zu Organisationen wie der UNO. Und nebenher werden noch Aufstieg und Fall des Marxismus aus der Sichtweise eines Neurologen beschrieben: So seien zwar die Ziele des Marxismus ehrenhaft, aber dieser musste scheitern, da die neurobiologischen homeostatischen Bedürfnisse des Einzelnen damit nicht in Einklang zu bringen waren.

Nach Damasio sollten Anthropologie, Soziologie und Psychologie mit Erkenntnissen der Neurobiologie kombiniert werden. Während Damasio aber sonst stets die neuesten Theorien zur Funktionsweise des Gehirns vorstellt, zitiert er hier nun Edward O. Wilson. Kein Mensch weiß mehr über Ameisen als Edward O. Wilson. Er beobachtet sie nun schon seit über 50 Jahren. Aber Wilson tut dies auch, um mehr über den Menschen zu erfahren: Wilson kann als Begründer der in den siebziger Jahren aufgekommenen Soziobiologie angesehen werden. Sein fast drei Kilogramm schweres 1975 veröffentlichtes Werk Sociobiology: The new Synthesis zeigte einen Überblick über das Sozialverhalten im Tierreich. Im berühmten letzten Kapitel schrieb Wilson über das Sozialverhalten des Menschen und deutete es rein aus biologischer Perspektive. Für diese allzu einfachen und einseitigen Analogien wurde er damals scharf attackiert und Ansätze der Soziobiologie verloren recht schnell an Attraktivität. Offenbar aber nicht für Damasio, für den Wilsons Theorien ein Modell der Integration von Neurobiologie und Sozialwissenschaften darstellen.

Immerhin weiß Damasio, dass er hier den Boden seiner Wissenschaft verlässt und mehr als einmal weist er in seinem sonst sehr beeindruckenden Buch auch darauf hin. Aber es ist zu befürchten, dass andere Hirnforscher hier sehr viel unvorsichtiger vorgehen und aus vereinfachenden Analogien bestenfalls skurrile Forderungen ableiten. So wie schon heute von sonst renommierten Forschern ernsthaft die Reformierung des Strafrechts und die Abschaffung des Schuldbegriffs gefordert wird.

Ähnlich wie Singer und Roth, die ausschließlich neurowissenschaftliche Literatur heranziehen und andere Wissenschaften ignorieren, macht auch Damasio sich leider nicht die Mühe, sich außerhalb seines Faches umzusehen. Das ist um so bedauerlicher, da es in der Tat vielversprechend wäre, Hirnforschung und avancierte soziologische Theorien zu verknüpfen. Denn die modernen Techniken der Neurowissenschaften können tatsächlich eine spezifisch soziale Sphäre untersuchen und dabei bemerkenswerte Erkenntnisse liefern. So sucht die Engländerin Sarah-Jayne Blakemore nach neuronalen Korrelaten für soziale Interaktionen. An der University of California beobachten Forscher um Marco Iacoboni was im Gehirn passiert, wenn man soziale Interaktionen beobachtet. Andere berichten über Hirnaktivierungen bei Empathie, kooperativem Verhalten oder in Bezug auf Gerechtigkeit. Diese Begriffe könnten tatsächlich Anschlüsse an sozialwissenschaftliche Begriffstraditionen liefern. So hat zum Beispiel der Soziologe Niklas Luhmann seine Konzepte gerne über neurowissenschaftliche oder biologische Beispiele erklärt. Für beide Wissenschaftslinien wäre also eine wechselseitige Kenntnisnahme interessant und vielversprechend.

Maschinenauslastung

Als Niklas Luhmann Angaben über seine geplanten Forschungsaktivitäten machen sollte, gab er als beabsichtigte Dauer seines Forschungsprojektes nicht zwei oder drei, sondern 30 Jahre an. Zur Beruhigung der Universitätsverwaltung wurden die benötigen finanziellen Mittel mit "keine" angegeben. Und Titel dieses Forschungsprojektes war "Theorie der Gesellschaft". Würden die heutigen Hirnforscher diese Anekdote kennen, wären sie sicher sehr erstaunt. Denn in der Hirnforschung scheint das Programm geradezu umgekehrt aufgebaut zu sein: Die beantragten finanziellen Mittel gehen in die Millionen: So gibt die kalifornische Stanford-Universität 500 Millionen Dollar für ein Update ihrer Hirnscanner aus. Und Ergebnisse müssen spätestens in zwei Jahren publiziert sein, so verlangen es die Geldgeber und die Lebensläufe der Wissenschaftler.

Vielleicht hängt es auch mit diesen Rahmenbedingungen zusammen, dass die gesellschaftstheoretischen Ambitionen der Neurowissenschaftler so kurzsichtig sind. Sozialwissenschaftliche Theorien sind mit den Erkenntnissen der Neurowissenschaften wohl kaum überflüssig. Die vereinfachenden auf Hirnforschung und biologischen Modellen aufbauenden Gesellschaftstheorien sind da keine Konkurrenz. Niklas Luhmann hätte sie vielleicht mit der berühmten knappen Bezeichnung "unterkomplex" treffend charakterisiert.

Michael Schaefer ist Assistant Professor an den National Institutes of Health, Bethesda, USA


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00:00 01.04.2005

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