Kampf dem Pazifismus

Linkspartei Einige Reformer in der Partei wollen auf SPD und Grüne zugehen. Sie schließen Militäreinsätze nicht mehr generell aus. Dies kann sich bei der nächsten Wahl rächen
Kampf dem Pazifismus
Illustration: Otto

Es ist eine Krux mit dem Pazifismus der Linkspartei. Sollte man alle Kriege ablehnen? Für die einen ist es eine unumstößliche politische Überzeugung und ein Alleinstellungsmerkmal der Partei, für die anderen blinder Dogmatismus und ein zentrales Hindernis auf dem Weg zu einer möglichen Regierungsbeteiligung mit SPD und Grünen. Die Sozialdemokraten sind bereits dabei, sich zu öffnen: In einem symbolischen Schwenk wollen sie auf ihrem Leipziger Parteitag beschließen, künftige Koalitionen mit der Linken nicht mehr grundsätzlich abzulehnen.

Nun sorgt in der Linken ein Buch für Unruhe – sowohl innerhalb der Partei als auch in der Friedensbewegung, die bislang große Hoffnungen in die Linkspartei gesetzt hat. Schon seit Jahren beäugen sich die Außenpolitiker der Linkspartei misstrauisch, wenn es um die Haltung zu Auslandseinsätzen, zur UNO, zu Kriegen geht. Nun wagen sich einige aus der Deckung. Die Waffe in ihrem Kampf ist 128 Seiten dick und kostet 9,90 Euro: Linke Außenpolitik – Reformperspektiven heißt der Sammelband, herausgegeben vom Bundestagsabgeordneten Stefan Liebich und dem Parteivorstandsmitglied Gerry Woop. Beide lassen sich dem sogenannten Reformerflügel der Partei zuordnen.

Um zu verstehen, welchen Sprengstoff das Buch liefert, lohnt ein Blick in das Parteiprogramm. Die Linke fordert die Abschaffung der NATO und ein Ende aller Beteiligungen an Auslandseinsätzen. Darauf hat sich die Partei geeinigt. Nur: Mit diesen Positionen ist eine rot-rot-grüne Koalition praktisch unmöglich. Will die Linke mitregieren, wird sie dafür ihre Haltung zumindest teilweise aufgeben müssen.

Kein generelles Nein zu Militäreinsätzen

In dem Sammelband wird auch gleich vorgeschlagen, die NATO nicht aufzulösen, sondern stattdessen zu reformieren. „Die NATO braucht dringend ein einleuchtendes strategisches und politisches Konzept, das wirklich den zunehmend nicht militärischen Herausforderungen gerecht wird und einen möglichen Platz der NATO bei Problemlösungen angemessen beschreibt“, heißt es in einem Beitrag von Gerry Woop und dem ehemaligen stellvertretenden Außenminister der DDR, Ernst Krabatsch. „Eine realistische Analyse sollte […] davon ausgehen, dass diese Militärorganisation noch eine längere Perspektive hat.“

Auch der ehemalige verteidigungspolitische Sprecher Paul Schäfer, gerade aus dem Bundestag ausgeschieden, gehört zu den Autoren. Er bezeichnet sich selber zwar als Pazifist, fordert in dem Buch aber, dass Militäreinsätze mit einem Mandat der Vereinten Nationen unter Umständen auch befürwortet werden sollten. „Könnte es nicht sein, dass solche Einsätze durchaus von bestimmten Interessen der Kapitalverwertung und politischen Einflusserweiterung geleitet sind und dennoch zur Versorgung und Rückkehr von Flüchtlingen, zur Rettung Hunderttausender Menschenleben und zur Deeskalation von Gewalt beitragen?“

Alle Buchbeiträge gehen in eine ähnliche Richtung: Die Autoren sind unzufrieden mit der aktuellen deutschen Außenpolitik, aber auch mit der Position ihrer Partei. Der Fraktionsvorsitzende Gregor Gysi bleibt im Vorwort sehr diplomatisch: „Es sind interessante grundsätzliche Überlegungen sowie streitbare und innerparteilich umstrittene Ansätze dabei.“

Automatisch nach rechts

Weniger zurückhaltend in ihrer Kritik ist die friedenspolitische Sprecherin, Christine Buchholz. Sie teilt zwar die Forderung, dass die Linke nicht einfach wegsehen dürfe, wenn in anderen Ländern Unrecht geschehe (was im Buch an mehreren Stellen als Vorwurf formuliert wird). „Die Grundannahme, in der UNO würden die dominierenden Staaten im Einklang miteinander über die Einhaltung der Menschenrechte wachen, ist aber einfach nicht richtig.“ Echte Solidarität mit den Menschen in Krisengebieten könne man nur durch soziale Bewegungen, Menschenrechts- und Hilfsorganisationen zeigen, sagt Buchholz.

Sie warnt vor einem Aufweichen der bestehenden Parteipositionen: „Kampfeinsätze wie in Afghanistan, Ausbildungseinsätze wie in Mali oder Beobachtermissionen wie in Sudan sind alle nur ein Teil des Umbaus der Bundeswehr zu einer internationalen Interventionsarmee.“ Der mittlerweile schon mehr als zehn Jahre dauernde NATO-Krieg in Afghanistan habe gezeigt, welch fatale Folgen die „interventionistischen“ Positionen von SPD und Grünen hätten.

Um den Streit in der Linkspartei zu verstehen, muss man auch die Hintergründe der Politiker kennen, die in der Bundestagsfraktion aufeinandertreffen. Buchholz etwa ist in der Friedensbewegung aktiv, wie auch einige andere Abgeordnete. Sie wollen nicht, dass ihre Partei den Weg geht, den die Grünen in der Sicherheitspolitik gegangen sind: „Es gibt keinen Automatismus, dass eine Partei im Laufe ihrer Existenz nach rechts rutscht“, meint Buchholz.

Kampf der Reformer

Stefan Liebich hingegen, einer der beiden Herausgeber des Buchs, ist Mitglied der „Atlantik-Brücke“. Das ist eine Organisation, die laut Eigendarstellung „deutsche und amerikanische Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Politik, den Streitkräften, der Wissenschaft, den Medien und der Kultur“ zusammenbringt und „einen Rahmen für vertrauliche Gespräche“ bietet. Zum Vorstand gehören etwa der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, und der Vorsitzende der Jungen Union, Philipp Mißfelder, aber auch Wolfgang Ischinger, Leiter der jährlichen Münchner Sicherheitskonferenz, bei der sich Militärs und Vertreter der Rüstungsindustrie treffen.

Können sich Liebich und die anderen Reformer in der Linkspartei durchsetzen? Wenn es tatsächlich in vier Jahren zu rot-rot-grünen Koalitionsverhandlungen kommen sollte, spricht vieles dafür, dass die Linke in der Außenpolitik große Zugeständnisse machen wird. Die ersten Anzeichen gibt es schon heute: Gregor Gysi beispielsweise hat im ZDF-Sommerinterview über eine mögliche Koalition mit SPD und Grünen gesagt, die Abschaffung der NATO sei ein Punkt, da wisse er, „dass wir den jetzt nicht durchbekommen“.

Auch wird es bei anderen Themen leichter sein, einen Kompromiss zu finden und den gegenüber den Wählern als Erfolg zu verkaufen: Mindestlohn und Hartz-IV-Satz werden erhöht – vielleicht nicht auf das von der Linken geforderte Niveau, aber immerhin. Wer will dagegen schon etwas sagen? In der Außenpolitik ist es anders: Entweder stimmt die Linkspartei einem Auslandseinsatz zu oder nicht. In einer Koalition mit SPD und Grünen ist eher ein Ja zu erwarten.

Die Rache der Wähler

Deswegen halten Pazifisten wie Buchholz auch nicht viel von Gesprächen mit Sozialdemokraten und Grünen. „Das Einzige, was in solchen Verhandlungen unter die Räder zu kommen droht, ist unsere eigene prinzipielle Haltung gegen jede Form militärischer Auslandsinterventionen.“

Momentan ist die Linke die einzige Partei, die sich konsequent gegen deutsche Militäreinsätze und Rüstungsexporte einsetzt. Wo SPD und Grüne ihre Glaubwürdigkeit in dem Bereich spätestens unter der Regierung Schröder-Fischer verloren haben, kann die Linke bei den Wählern punkten. Sollte sie ihre friedenspolitischen Grundsätze aufgeben, könnte sich das bei der darauffolgenden Wahl möglicherweise rächen. Auch wenn die Sicherheitspolitik für viele Wähler nicht ausschlaggebend ist: Hier kann sich die Linke klar als Alternative zu den anderen Parteien präsentieren – mit Positionen, die von einem Großteil der Bevölkerung geteilt werden.

Michael Schulze von Glaßer ist freier Journalist und Experte für Sicherheitspolitik


AUSGABE

06:00 18.11.2013

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