Sprengstoff und verwesendes Fleisch

Falludscha, geschleiftes Leben Eine Geisterstadt ruft nach Hilfe

Der Mann kam in der vergangenen Nacht mit seinen Kindern zu mir, und ich hörte immer wieder die gleiche Frage: "Haben Sie wirklich keine Ahnung, wo man noch Lebensmittel bekommen kann?" Sie wüssten nicht mehr, wie sie sich helfen sollten. Offenbar irrten sie seit Tagen durch die Stadt, sie hatten ihr Haus, sie hatten vor allem den Boden unter den Füßen verloren.

Was sollte ich dem Mann sagen? Dass er Falludscha hätte verlassen sollen, bevor es zu spät war? Zusammen mit den anderen, die ahnten, was passieren würde? Als ich mehr beiläufig erwähnte, Yassir Arafat sei gestorben, war der Mann schockiert. "Das ist doch eine Verschwörung", regte er sich auf. "Sie haben Arafat umgebracht, damit sie nur über seinen Tod berichten müssen in den Nachrichten. Und über uns, über unser Schicksal können sie schweigen."

Jedes Zeitgefühl eingebüßt

Wer in Falludscha blieb, ist bis auf weiteres ein Gefangener. Noch vor ein paar Tagen schien es möglich, die Stadt zu verlassen. Im Augenblick die Feuerlinien passieren zu wollen, wäre ein tödliches Risiko.

Weil viele der in Falludscha Zurückgebliebenen das Gefühl haben, die Welt interessiere sich nicht mehr dafür, was mit ihnen geschieht, fragen sie mich, ob die Medien noch auf der Höhe der Zeit sind. Ein Vater, der zwei Kinder durch einen Bombenangriff verloren hat, will wissen, ob ich über das, was er mir aus der vergangenen Woche alles erzählt hat, tatsächlich berichten werde. Er schaut mich fragend an. Was immer ich ihm antworte - er wird es kaum glauben. Weil seit Tagen keine Konvois aus Bagdad mit frischen Nahrungsmitteln in die Stadt dürfen, sind viele Menschen so geschwächt wie er.

In Falludscha riecht es überall nach Sprengstoff und verwesendem Fleisch. Eine Geisterstadt, deren Anblick man vermutlich nie vergessen wird. Zwischen den Gefechten gibt es Augenblicke absoluter Stille - bis sich wieder Detonationswellen durch die Mauern der Häuser und Ruinen fräsen. Da Zehntausende geflohen sind, bleiben die Straßen leer - gespenstisch leer.

Für alle, die nicht aufgeben wollen und in Falludscha ausharren, sind die verlassenen Häuser wenigstens ein Versteck, falls die eigene Wohnungen verloren ging oder unter heftigem Beschuss liegt. Das geschieht oft mehrfach innerhalb weniger Stunden.

Die Nacht gehört den anderen

Ich habe inzwischen jedes Zeitgefühl eingebüßt und musste mich heute fragen, welchen Wochentag wir eigentlich haben. Selbst den Feiertag am Freitag hätte ich gestern fast vergessen. Selbstverständlich lief ich zur Moschee, auch wenn das der pure Wahnsinn und lebensgefährlich war. Jedes Gotteshaus in Falludscha kann jetzt ein Angriffsziel sein. Eine Moschee wird erobert und wieder verloren - von den Kämpfern des Widerstandes und von den Amerikanern.

Soweit ich das beurteilen kann, haben die US-Soldaten tagsüber große Teile von Falludscha unter ihrer Kontrolle - die Nacht aber gehört weiter den anderen. Im Schutze der Dunkelheit formieren sich die Kämpfer immer wieder neu und scheinen auch in der Lage zu sein, sich aus ihren versteckten Depots mit Waffen und Munition zu versorgen. Für die Amerikaner sind sie schwer auszumachen. Deshalb wird in der Dunkelheit auf alles geschossen, was sich bewegt. Die Iraker nehmen jeden ins Visier, den sie für einen Amerikaner halten, und die Amerikaner, die es in der Nacht nur riskieren, einige wenige Soldaten auf Patrouille zu schicken, töten jeden, den sie für einen feindlichen Kämpfer halten.

Der Autor ist Journalist in Falludscha.


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00:00 19.11.2004

Ausgabe 38/2020

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