Sprengt das "Indianerding" seine Ketten?

Boliviens unendliche Krise Entweder das Land wird zerrissen oder eine radikaldemokratische Revolution bringt die Rettung

Gerade im Zeitalter der Auflösung nationalstaatlicher Souveränitätsformen ist die Forderung nach einem "natürlichen" Verhältnis zu Nation und Vaterland eine reaktionäre, unhistorische, zumindest zynische Formel. Der Anspruch auf ein nationales Wir-Gefühl steht in der Gegenwart für eine konservative "Versöhnung" sozialer Widersprüche, er erscheint wie ein kompensatorischer Balanceakt in der verschärften Krise des Neoliberalismus.

Um diese Krise zu beherrschen, berufen sich nicht nur Angela Merkel oder Edmund Stoiber gern auf die "Liebe zum Vaterland". Auch Nationalisten aller Couleur wie der gerade einen Monat amtierende bolivianische Präsident Eduardo Rodríguez. Kürzlich verlangte er, um die Probleme des "Vaterlandes" zu lindern, eine Rückbesinnung auf "unsere schöne und reiche Geographie", die allen Bolivianern guten Willens, egal ob arm oder reich, einen Platz für Geborgenheit und Wohlstand bieten könne.

Boliviens Geschichte des 20. und 21. Jahrhunderts ist reich an solch patriotischen Mahnungen. Hierin offenbart sich eine besonders krasse Form von nationalistischem Pathos, zumal die historischen Bedingungen bürgerlich-nationaler Identitätsbildung - ein organisches Verhältnis von Binnenmarkt, Nationalstaat und repräsentativer Demokratie - bis heute unvollendet sind. Daraus folgen nicht nur ökonomische Rückständigkeit und eine zyklisch wiederkehrende institutionelle Labilität, sondern auch Tendenzen zu regionalen Abspaltungen und sozial-ethnischen Konflikten.

Dabei meint die kompensatorische "Vaterlandsliebe" nicht die "schmutzigen und heimtückischen" Indios. Der Rassismus der Herrschenden erinnert bis heute an Jahrhunderte, in denen die Indios als "unbeseelte Arbeitstiere" galten, die gut mit der "Natur" harmonierten, mit Bergen, Bäumen und mit diesem zoologischen "Drumherum".

"Sie fühlten sich als Herren des Landes, das sie gleichzeitig verachteten", schrieb der bolivianische Schriftsteller Sergio Almaraz (1928-1968) in seiner posthum erschienenen Essaysammlung Requiem für eine Republik (1969). Gemeint war die provinzielle Oligarchie, die Inkarnation der unglücklich Herrschenden, die sich groß träumt, das Vaterlandsobjekt abgöttisch liebt, aber dann vor sich selbst kapituliert, weil dank ihrer historischen Entfremdungen von der räumlichen Realität des "Vaterlandes" dasselbe in ihren Köpfen nur als sublime Abstraktion existiert. Dabei zeigte sich diese Oligarchie im Lichte einer Klassenspaltung, die in anderen südamerikanischen Ländern - etwa in Argentinien oder Chile - eher republikanisch erfolgte, in Bolivien freilich eine sozialdarwinistische Dimension annahm. Im bürgerlichen Gewand, aber noch feudal determiniert, äußerte sich der oligarchische Realitätsverlust nicht nur in den vermessenen "Vaterlandsgrenzen", auch darüber hinaus.

Das große Trauma der Oligarchie

Als Anfang 1879 die Invasion der einstigen bolivianischen Küstenstädte Antofagasta und Calama durch Chiles Truppen einsetzt, lässt sich die bolivianische Regierung bei der Karnevalsfeier nicht stören. Die "im Geiste Bolívars geschulte, heldenhafte, unbesiegbare Armee" werde die "Rotos" (Lumpen), wie die Chilenen genannt werden, schon rechtzeitig zurückdrängen, lautet die Meldung des Generalstabs aus La Paz. In Chile lacht sich das Bürgertum ins Fäustchen - in Bolivien erkennt man im Feiertaumel den Ernst der Lage nicht. Währenddessen leisten die Indios vor Ort vergeblich Widerstand gegen den Aggressor. Die Oligarchie hingegen will noch den Aschermittwoch abwarten, an dem für sie tatsächlich "alles vorbei" sein wird. Als Chile die Küste okkupiert hat, lässt sich die bolivianisch-peruanische Niederlage nicht mehr abwenden. Der verlorene "Salpeter-Krieg" schneidet Bolivien vom Meer ab. Das erste große Trauma der Oligarchie ist besiegelt.

53 Jahre später, während des Chaco-Kriegs gegen Paraguay (1932-1935), schickt die bolivianische Regierung eine reguläre Armee von an Kälte gewohnten Andenindios ins südöstliche, tropische Chaco-Gebiet. Die Soldaten kämpfen in ihren dicken Uniformen eher gegen Hitze und Durst als gegen die beweglichen paraguayischen Partisanen, die das spärliche Wasser in den unterirdischen Brunnen vergiftet haben. Paraguays so simple wie wirksame Kriegführung geht auf: 250.000 - zumeist indianische - Bolivianer sterben in diesem ersten, sinnlosen Ölkrieg, den der bolivianische Schriftsteller Adolfo Costa Du Rels (1891-1980) in seinem Roman Der Brunnen (1939) eindrucksvoll schildert.

Der verlorene Chaco-Krieg erschüttert die provinzielle Oligarchie erneut auf das heftigste. Während Argentinien oder Chile in dieser Zeit, Mitte der dreißiger Jahre, ihre nationale Identität bürgerlich definieren, bleibt Bolivien an die feudale Scholle gebunden. Nur in den traditionellen Minenregionen (La Paz, Oruro, Potosi) wird verstärkt kapitalistisch produziert. Aus den feudal verknechteten Indio-Bauern wird ein schlagkräftiges Proletariat - ein Staat im Staate und eine Kraft, die mit Hilfe radikalisierter, "revolutionärer" weißer Nationalisten, die April-Revolution von 1952 beginnt. Politisch emanzipiert, scheint das "kolonialisierte Indianerding" seine Ketten zu sprengen. Das erkämpfte allgemeine Wahlrecht, verstaatlichte Minen und die radikalste Bodenreform, die Lateinamerika je gesehen hat, leiten eine radikal-bürgerliche Entwicklung ein, die nicht zuletzt eine Transformation der herrschenden Schichten erzwingt. Doch keiner der seit 1952 auf den linksliberalen Präsidenten Hernán Siles Suazo folgenden Regierungen gelingt es, eine Antwort auf die noch anstehenden, drängenden sozialen Fragen Boliviens zu finden. Die Rebellion gärt weiter. Auch 1967, als Ernesto Ché Guevaras Guerilla gescheitert ist.

Ausgerechnet die "Arbeitstiere"

Der neoliberalen Politik des Internationalen Währungsfonds - Motto: "nach außen hörig, nach innen herrisch" - folgend, reprivatisiert Boliviens Regierung 1986 die Bergwerke. Ein Exodus von mehr als 25.000 Mineros von den Anden in die Täler (Cochabamba, dem umliegenden Chapare-Gebiet) und in die prosperierende, subtropische Öl-Metropole Santa Cruz de la Sierra setzt ein. Die vormals organisierten Minenarbeiter wandern zur Landwirtschaft zurück, werden oft "Cocaleros" (Koka-Bauern) oder bilden überall im Lande ein Heer von Kleinhändlern. So verknüpfen die Indios die "schöne und reiche Geographie", die bisher nur die Oligarchie zum Gegenstand frommer Wünsche erkoren hat. Ausgerechnet die "Arbeitstiere" lösen die nationalen Fragen des Landes.

Anfang der neunziger Jahre wird zusätzlich die Gas- und Ölwirtschaft privatisiert, wovon nur die multinationalen Konzerne profitieren - und plötzlich ist die Krise nicht mehr aufzuhalten. Mit den zumeist von der indianischen Bevölkerung ausgelösten Protestwellen bricht der - bis heute nicht beendete - "Gaskrieg" aus und zieht weiteren Aufruhr nach sich, so den "Wasserkrieg", 2000 in Cochabamba, der zur Enteignung des US-Konzerns Bechtel führt.

Im Juli 2005 nun erinnert vieles an die Aprilrevolution von 1952. Nach dem Rücktritt des Liberalen Carlos Mesa am 9. Juni, der den Forderungen nach Wahlen, sofortiger Verstaatlichung der Gasressourcen und einer radikalen Verfassungsreform nicht mehr gewachsen ist, besteht kein Zweifel, dass auch der provisorische Präsident Rodríguez, bisher Vorsitzender des Obersten Gerichtshofs in Sucre, im Amt nicht viel Freude haben wird. Bereits das Ende der Präsidentschaft von Gonzalo Sánchez de Lozada im Oktober 2003 hat gezeigt, wie stark, entschlossen und erfolgreich die Opposition von MAS (Movimiento al Socialismo), MIP (Movimiento Indígena Pachakuti), Gewerkschaften und den starken, zumeist regionalen Bürgerbewegungen sein kann.

Die nach wie vor auf der Tagesordnung stehenden Reformen betreffen die Institutionen des Staates, wenn es etwa um Rücknahme von Steuergesetzen geht, mit denen die einfache Bevölkerung benachteiligt wird. Das entscheidende Thema aber, mit dem sich auch nationalpopulistisch punkten lässt, bleibt das Erdgas.

Das große Trauma der Opposition

Allerdings ist die bolivianische Linke trotz ihrer politischen Schlagkraft noch immer regional und ethnisch gespalten. Während der MAS von Evo Morales die Quechua-Indios in Cochabamba, Sucre und Santa Cruz repräsentiert, vertritt der MIP die Aymara-Bevölkerung, besonders in La Paz, Oruro und Potosi. Aber nicht nur ethnische Barrieren trennen MAS, MIP und Gewerkschaften - auch ihr "nationales Verständnis". Gerade hat der radikale Indioführer Felipe Quispe (MIP) Evo Morales des Vaterlandsverrats bezichtigt, weil er der provisorischen Regierung eine Kampfpause zugestanden hat. In der Tat verzichtet der MAS zur Zeit auf die Straßenblockaden, die Präsident Carlos Mesa zur Kapitulation zwangen.

Evo Morales habe sich durch seine Konzessionen der Oligarchie und den transnationalen Konzernen verkauft, heißt es. Er verhandele - als wäre er schon Präsident Boliviens - mit Subimperialisten wie dem argentinischen Staatschef Néstor Kirchner. Morales entgegnet - trotz seiner Bereitschaft, eine möglichst breite Allianz für die nächsten Wahlen zu schmieden -, Felipe Quispe habe sich vom Vaterland abgewandt, vertrete eine Sekte, die nicht Bolivien diene, sondern sich nur der reaktionären Restauration des Inka-Reichs verschrieben habe. Man sieht, der Nationalismus bleibt auch im linken Lager eine Last, die nicht allein von der Geschichte aufgebürdet wird.

So schleppt sich das inzwischen fast gelähmte Land dahin, vorbei an einem nicht mehr repräsentativen Parlament, einem nicht legitimierten Präsidenten, den Separationsgelüsten des regionalisierten Bürgertums (vor allem in Santa Cruz und der Südwest-Provinz Tarija) und der Ankündigung erneuter Straßenblockaden. Die Alternative lautet: Entweder wird Bolivien von seinen Widersprüchen zerrissen oder eine sozial repräsentative Radikaldemokratie bringt zu guter Letzt die Rettung. Letzteres scheint eher unwahrscheinlich. Denn die Ungleichzeitigkeit von Geschichte, Ökonomie und politischer Vorstellungskraft - der Geisel eines kompensatorischen Nationalismus - bestimmt auch weiterhin das Handeln der gesamten Opposition.

Die Befreier

Hier wächst der Baum

des Sturmwinds, des Volkes Baum.

Seine Helden gehen aus der Erde hervor

wie aus dem Saft der Blätter.

Der Wind aber zerstiebt das Laub

der wogenden Menge,

bis daß des Brotes Saatkorn

Wieder fällt auf die Erde.

Und im Gezweig der Mensch, er sammelte

ein die gehärteten Blütenkronen,

reichte sie von Hand zu Hand,

wie Magnolien oder Granatapfelblüten,

und jählings sprengten sie das Erdreich

und wuchsen auf bis an die Sterne.

Aus: Pablo Neruda, Canto General

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00:00 08.07.2005

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