Spross der kargen Furche

Matthias Platzeck Der Ministerpräsident herrscht in Brandenburg wie ein Sonnenkönig. Dabei ging eigentlich alles, was er anpackte, am Ende schief

Matthias Platzeck ist der Mao Tse-Tung Brandenburgs. Zwar geht in seinem Reich die Sonne doch am Abend hinter dem Örtchen Werder unter – aber nur, um am Morgen um so prächtiger über Kleinmachnow wieder aufzugehen. Auch gibt es keine Platzeck-Bibel. Zitatenwürdiges aus seinem Munde, das uns durch die Zeiten tragen könnte, ist nicht überliefert. Er hat viel zu viel zu tun, um was zu sagen. Doch öffnet er die Lippen, um freiweg und fürbaß zu formulieren, so kommt schrecklicher Kitsch dabei heraus. Dann raunt er von der Schönheit und dem respektablen Alter Brandenburger Alleen, den Falten im Antlitz der Fenchelbäuerin, dann schmeckt er die sandige Krume nach, jauchzt in Erinnerung an die erotische Erfahrung, die ihm Hebungen und Senkungen der Uckermark bereiteten oder preist die Einfalt der landesüblichen Küche. Mehr nicht. Aber das macht nichts, denn „Lasst tausend Blumen blühen!“ – das könnte glatt von ihm sein.

Aber den großen Platzeck-Gesang, den gibt es! Noch kein Potsdamer Polizeiorchester hat ihn intoniert, und doch singt er und summt er in unseren Herzen, in den Koronargefäßen der vor rund zwei Jahrzehnten Zwangsbrandenburgisierten, die von Westberlin aus gesehen immer noch nichts anderes als Umlandbewohner, eigentlich doch kurzatmige DDR-Reste auf krummen Beinen sind. Wie Mao China war, so ist Matthias Platzeck Brandenburg.

Ohne ihn gäbe es nur lauter Einzelteile – Spreewald und Braunkohle, Eberswalder Zoo und Teltower Rübchen, aufgepäppelte Dorfkirchen und das friederizianische Glockenspiel: Alles Platzeck. Sollte er einmal dahingehen wie ein gewöhnlicher Sterblicher – dann wäre die Heimat, ratz batz, verschwunden. Dann wäre sie wieder Umland. Während sich der wendewillige Märker für Papa Stolpe doch immer ein wenig genierte, weil die Siegermacht ihn unablässig auf dem Kieker hatte, ist der Matthias ein Spross aus unserer kargen Furche, ganz nach unserem Gardemaß: gerade gewachsen, immer sauber und gestutzt, gesellig, aber Gott sei Dank frei von Ironie (die verstehen wir nicht), von unbezähmbarem Knuddel- und Kuscheldrang. Einer, der uns durch lange, dunkle Winternächte trägt, dem lieben Gott auf zarte Art verbunden (denn vielleicht gibt’s ja doch einen), jedoch nicht frömmelnd, intellektuell, aber nicht so sehr, dass man es merkt, hart in der Sache, aber in der selben Sache wiederum ganz weich. Er kann mit allen, mit Schönbohm, dem Tiefenversteher ostdeutscher Mütter, genauso wie mit dem Altkommunisten Vietze oder der ätherischen Wanka oder der beflissen regierungstauglichen Frau Kaiser.

Wir lieben ihn, den großen Steuermann mit dem 1,5-Tage-Bart! Er braucht nicht für uns den Jangtse zu durchschwimmen, denn er hat vor unser aller feuchten Augen die furchtbaren Gewalten der Oder bezwungen und sich – breitbeinig auf der Deichkrone postiert – vor laufender Kamera in eine freche Reporterin vom Dorffernsehen verliebt. Das werden wir ihm nie vergessen. Er hat in Erdhöhlen gehaust, und ihm sind Gladiolen aus den Gummistiefeln gewachsen – bis der schreckliche Feind besiegt und Stolpes „kleine DDR“ trockengelegt war. Eine Partisanenvita! Seitdem hüten sich die Gewässer, es mit ihm aufzunehmen. Er hat uns gezeigt, wie man durch die Zeiten kommt – die DDR geliebt und ausreichend gehasst, vom Bürgerrechtler zum Bürgermeister, vom Deichgrafen zum Kronprinzen zum Sonnenkönig – so wird’s gemacht.

Gewiss – alles, was er anpackte, ging schief, nicht nur fast alles. Man kann die Großprojekte singen. Anders gesagt: Er hat eine ausgesprochen glückliche Hand fürs Misslingen. China auf dem Großen Sprung: Zum Schluss war Brandenburg das gefragteste Billiglohnland der westlichen Hemisphäre, und es blieben nur noch Inseln übrig, so viel wie Finger an einer Hand, über denen Platzecks Sonne schien. Das hat uns gefallen – es gibt nichts Schöneres für den Brandenburger, als in der Fläche Opfer zu sein.

Auch die SPD hat er nicht gerettet. Das hat ihm viel Anerkennung eingetragen, denn so was wie die SPD rettet man nicht. Wenn er im Wahlkampf Hartz IV wie ein adrettes Kinderzimmer an den Himmel über den Marktplätzen malte, sagten die Leute: Mühe gibt er sich ja! Er weiß, dass sein Reich bei den über 40-Jährigen zu 80 Prozent aus heimlichen, aus sehr heimlichen Kommunisten besteht, die in revolutionärer List oft SPD wählen. Er weiß, dass wir nur ihm zuliebe sein Potemkinsches Dorf bevölkern. Er weiß, dass er im Grunde mit seinen Windhunden Joop und Jauch ziemlich alleine in der Residenz haust. Deshalb gibt er nun, wie einst der schlaganfällige Mao, den großen Versöhnler über den Kriegsparteien – die sozialistische Menschengemeinschaft, Platzecks reifes Alterswerk. Es ist ja wahr: Er braucht keine Parteien mehr.

Er ist nun beinahe schon so lange unser großer Führer, wie Mao Häuptling der Chinesen war. Viele heute erwachsene Brandenburger haben schon im Kindergarten seinen Namen gehört. In Interviews beginnt er jetzt immer öfter seine Antwort mit der Floskel: „Ich bin so’n Mensch, der ...“. Er sieht sich schon als Epoche. Man sollte unterm Brauhaus-Berg anstelle einer Schwimmhalle ihm vorsorglich ein Mausoleum errichten.

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15:35 05.11.2009

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steinmain | Community