Sprühregen

Badener Abende Kolumne

Die Sommerfrische ist ein Phänomen, das man ja nur aus Berichten über Paris kennt: Im Sommer sei die Stadt ausgestorben, weil ihre Bewohner der Hitze entflöhen und die warmen Monate generell auf dem Land verbrächten, wird da behauptet.

Was in der Seine-Metropole gang und gäbe ist, kann auch für Spree-Athener nicht verkehrt sein dachte ich und bin in den Südwesten gefahren. Raus aus grauer Städte Mauern, weg von Berliner Traufhöhen-Tristesse in die oberrheinische Tiefebene ins schöne Baden.

Dort war die Sommerfrische dieses Jahr allerdings viel frischer als sonst, es regnete viel, und statt der erwarteten Freuden wie Baggersee-Hopping und Chillen am Altrhein, schließlich nennt man Baden ja das Kalifornien Deutschlands, sah man sich als Sommerfrischler gezwungen, so genannte Oma-Ausflüge zu unternehmen.

Ein Oma-Ausflug geht so: Mit dem Auto ins Gebirge fahren, irgendwo an der Schwarzwaldhochstraße kurz aussteigen, eine Runde in Sprühregen und Hochnebel um den Mummelsee oder unter die Wolfsschlucht gehen, dann sofort das nächste Café ansteuern, ein Kännchen Kaffee und ein Stück Schwarzwälder Kirschtorte bestellen und im Bindfadenregen wieder nach Hause fahren.

So gehen die Regentage dahin. Die Abende sind schwieriger, der Fernseher ist ein Freund und der Wetterbericht wird zum Höhepunkt.

Die ganze Wetterkarte ist mit grauen Wolken verhangen, nur unten links im Badischen, grinst einem eine wolkenbedeckte Sonne entgegen und utopische Temperaturen von 26 Grad werden für die nächsten Tage versprochen. Und so sitzt man an diesen frischen Augustabenden in fremden Möbeln und wehrt sich gegen negative Stimmungen.

Wer abends etwas erleben will und ein Auto hat, fährt weg aus dem Dorf, die einheimische Jugend unter 18 trifft sich gern in einer Holzbaracke namens Europool mit den schon jugendlichen Kindern der neu zugezogenen Spätaussiedler, im Dorf auch liebevoll "Russenmafia" genannt.

Das ist immer ein großes Hallo und freundliches Rumgeschubse, und man hält sich nicht mit der Bestellung von Einzelgetränken auf, sondern ordert gleich ganze "Bretter". Ein Brett ist ein ein Meter langes Sperrholzstück mit sechs großen und sechs kleinen sauber ausgesägten Löchern. In das große Loch passt ein Bier ins kleine passt ein Schnapsglas. Im "10.000-Volt-Brett" stehen zum Beispiel sechs Pils, fünf Maracuja-Likör, fünf Grüne Banane und ein Piña-Colada (2 cl). Beliebt ist aber auch das "Schluckspecht-Brett", berüchtigt das "Absturzbrett". Bier wird grundsätzlich meterweise bestellt. Der Sinn dieser Bretter ist natürlich das Heben der Stimmung und der Laune und tatsächlich bringt diese Trinkkultur Bewegung und Stimmung in das eher triste Ambiente des Europool.

Trotz aller ethnographischen Studien, trotz Grillen und Altrheinfest bleiben die Abende in der Sommerfrische ein wenig glanzlos, kulturell ist in der Sommerfrische traditionell wenig geboten, dafür sind die Einkaufsmöglichkeiten tagsüber gut.

Einheimische Frauen um die 30 bringen hier ihre Freizeit nicht mit Milchkaffee trinken und Aufmunterungskäufen bei H oder in Schuhgeschäften zu, sie sind eher bei Fliesenshows und in der Laminat-Abteilung der Baumärkte anzutreffen.

Auch in der Provinz hat die Globalisierung zugeschlagen: Am Erländer-See, zuvor ein Badesee mit einfachem Kioskbetrieb, gibt es jetzt die "Moskito-Bar": Latte Macchiato, Finger Food und Chicken Wings zu Berlin-Mitte-Preisen, statt Straßburger Wurstsalat und Vesperplatte.

In Baden-Baden sind die Auswirkungen einer überalterten Gesellschaft schön zu studieren. Kaum vorwärts kommt man in dem symphatischen Weltbad, ständig schlendern agile 90-Jährige in Goldsandaletten - von hinten Lyzeum von vorne Museum - vor einem her. Bei Sonnenschein werden die Designertaschen ausgeführt und auf den Stühlen der vielen italienischen Eiscafés, zwischen blühenden Oleanderbäumen, die der Stadt ein südliches Flair geben, abgestellt. Selbst die Obdachlosen sitzen gut gelaunt und manierlich gekleidet mit originellen Jägerhüten in den gepflegten Parkanlagen und singen fröhliche Lieder.

Die Freundlichkeit der Bedienungen treibt einem das Wasser in die Augen. In Baden-Baden ist der Milchkaffee schon fast ausgetrunken und bezahlt, da hätte man in Berlin noch nicht einmal Blickkontakt aufgenommen, säße vielleicht noch in der leicht gebückten Demutshaltung am Tisch, leise winselnd: "Entschuldigung könnte ich vielleicht ... bitte ..?"

Aber gerade in solchen Situationen stellt sich bei dem Sommerfrischler dann wieder das Heimweh ein: Heimweh nach der stinkenden Stadt, der lieb gewonnenen Servicewüste, den grantigen Leuten. Dann ist es Zeit Abschied zu nehmen von der Sommerfrische.


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00:00 19.08.2005

Ausgabe 39/2020

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