Sprung durchs Feuer

Russland Auf der Insel Sachalin im Fernen Osten werden Sonnenwendfeiern als Zeichen einer slawischen Wiedergeburt und heidnischer Bräuche zelebriert
Alexandre Sladkevich | Ausgabe 25/2016 2

Gewöhnlich bezeichnet man eine Gruppe von Völkern, die eine der slawischen Sprachen sprechen, als Slawen. Zu ihnen gehören die Russen, von denen sich viele wieder mehr als Slawen verstehen. Das heißt, sie sehen sich nicht als orthodoxe Christen, sondern als Heiden, feiern Feste aus tiefster Vergangenheit und kleiden sich, wie man es nur von Figuren aus alten Märchenfilmen kennt. Sie tragen Amulette, deren Bedeutung kaum noch jemand zu dechiffrieren weiß. Und sie beten Götter an, deren Namen in Geschichtsbüchern dort auftauchen, wo von den Anfängen Russlands oder der Rus die Rede ist.

Diese Menschen streben danach, eine vorchristliche Naturreligion wiederzubeleben, berufen sich auf die Glaubenswelt, auf Kultur und Mythologie der Slawen. Neuheiden genannt, organisieren sie sich in Stämmen und erlernen ein altes Handwerk.

Auch Jelena und Eduard Losinski, beide Mitte 40, aus der 30.000-Einwohner-Stadt Korsakow an der Südküste der Insel Sachalin fühlen sich zu den Vorfahren hingezogen. Eduard fastet zuweilen mehrere Tage, an denen er zugleich keinen Alkohol trinkt. Das falle ihm nicht schwer. In seiner Küche hängt ein Blatt mit dem altkyrillischen Alphabet, auf dem jeder Buchstabe seinen traditionellen Namen trägt. Jelena erklärt: „Die Slawen hatten ein Alphabet, das eine universelle Botschaft in sich barg. Die Christen haben es leider durch ihr ABC ersetzt, so ging die Botschaft verloren. Zudem wurde der Gregorianische Kalender eingeführt, und seitdem feierte man die Feste an falschen Tagen und harmonierte nicht mit der Naturenergie.“

Jelena und Eduard fahren „zum richtigen Datum“ in den Wald, um mit Gleichgesinnten den „Tag des Iwan Kupala“ zu begehen, die heidnische Feier der Sommersonnenwende. Am Lagerfeuer sitzen etwa 15 Menschen, die drei Tage lang feiern, wobei nur kommen darf, wer das rituelle gelbe Stirnband besitzt. „Davon gibt es nicht viele auf Sachalin“, meint Jelena. „Man sieht bei den Feiern nicht nur Russen, auch Koreaner. Jeder, dem der wahre und ursprüngliche Glaube am Herzen liegt, ist willkommen.“ Bei der Sonnenwendfeier hören die Menschen Nadeja Titowa aufmerksam zu, die als eine Art Guru angesehen wird. Sie nimmt diverse Wörter auseinander und decodiert sie mit der Matrix der Ursprache. „Gott hat die Welt erschaffen und gab den Menschen die altslawische Sprache als Mittel der Bindung und zum Schutz.“ Mit ihren Unterweisungen leitet Nadeja den Verlauf der Feier. Der runde Platz um die Feuerstelle in der Mitte ist mit Birkenstämmen und Zweigen begrenzt.

Im Inneren stehen drei Pfähle mit den eingeritzten Namen der drei slawischen Götter: Svarog, Perun und Veles. Auf einem der Pfähle steckt ein Tierschädel. „Die Vandalen fühlen hier eine große Energie, dadurch seien wir geschützt“, sagt ein Mann lächelnd, der die Gemeinde in Korsakow für eine Sekte hält. Ihre Mitglieder würden ihm vehement widersprechen.

Entzündet werden die Lagerfeuer am heiligen Hain. Wenn die Flammen lodern, wirft man Zettel hinein, auf denen Untugenden vermerkt sind, die man bekämpfen will. Dann werden Schwüre laut. Jelena wird gepriesen, weil sie erfolgreich ihre Untugenden bekämpft und sich seit der Feier vor einem Jahr spirituell weiterentwickelt hat. Sie darf nun die Farbe ihres Stirnbands ändern. Bei den verschiedenen Stufen kommt nur das Spektrum des Regenbogens in Betracht.

Kerzen im Fluss

Bald wird ein Kreis um das Feuer gebildet und gesungen: „Der helle Glaube keimt in der Rus – wir preisen unsere Götter! Ruhm sei dem Stamm!“ Die Ersten springen durch das Feuer. Nun wird ein anderes Lied angestimmt, dessen Refrain in Russland sehr populär ist, hat es doch die Jahrhunderte überdauert: „Brenne, brenne hell und erlösche nicht!“ Das „nicht“ wird betont. Jelena erläutert, warum das geschieht: Das „nicht“ habe eine negative Bedeutung, „die verbrennen muss“. Später, als die Flammen an Kraft verlieren, lässt man Kerzen im Fluss treiben. Schließlich schwimmt die Hälfte der Anbeter dieser Sonnenwende durchs kalte Wasser.

Den Höhepunkt bildet die überlieferte Farnsuche. Man glaubt, dass in eben dieser Nacht die Farne blühen. Wer eine Farnblume findet, der darf für das kommende Jahr mit magischen Kräften rechnen. Es wird erzählt, Swetlana Scherstobitowa, einer Journalistin aus Komsomolsk am Amur, sei das widerfahren. Sie habe an einer Iwan-Kupala-Feier teilgenommen und sei von der Magie des Augenblicks so überwältigt gewesen, dass sie über glühende Holzscheite lief und offenkundig keinen Schmerz verspürte. Swetlana Scherstobitowa soll zu einem Stamm gehören, der den Gott Veles anbetet, was im Übrigen auch Stämme aus der Ukraine und Weißrussland so halten.

Zusammen mit der Sommersonnenwende wird auf Sachalin das heidnische Fest zu Ehren des Gottes Svarog begangen. Es fällt leider auf einen Tag, an dem es stark regnet, und soll deshalb auf das hoffentlich sonnige Wochenende verschoben werden, doch das stößt auf Widerspruch. Zu guter Letzt feiern vier Unentwegte im heiligen Hain. Das Fest beginnt damit, dass Igor Fackeln am Zugang zum Hain entzündet und Swetosar die Schamanenpauke schlägt. Anton begleitet ihn auf der Maultrommel. Welimir bläst sein Tierhorn in alle Himmelsrichtungen. Dann verbeugen sich alle und betreten den Festplatz. Der Regen peitscht, das Feuer qualmt und zischt mehr, als es brennt. Die vier Männer umkreisen es dennoch und singen Lieder, mit denen die Ahnen, die Mutter Erde und der Gott Svarog, der den Himmel geschmiedet hat, gepriesen werden. Sie strecken die Hände gen Himmel. „Ruhm der russischen Erde, Ruhm der Rus! Ruhm den Stämmen, den Stammesangehörigen, die aufrecht leben, Ruhm den Slawen!“ Igor gießt Kwas, ein Getränk, das durch Gärung aus Brot hergestellt wird, in eine Holzschale, aus der alle trinken. Schließlich verbeugen sie sich tief vor dem Feuer, füttern es mit Holz und verlassen nach gut einer Stunde den Hain.

Für Swetosar ist das slawische Heidentum eine heimische Kultur, die es verdiene, erinnert zu werden. „Die Wolchwy, das sind unsere geistlichen Führer, studieren die slawischen Altertümer. Von ihnen erfahren wir, wie man heidnische Gottesdienste abhält. Doch besteht Heidentum aus keinem Regelwerk, das man einhalten muss, sondern ist die Seele des Volks. Diese ändert sich und fließt dahin wie ein Fluss. Wenn man den Fluss in ein Flussbett zwingt, wird er zum Sumpf.“ Wer denkt ebenso, wer schließt sich an? Ist die heidnische eine Massenbewegung? Swetosar meint, man sei zunächst einmal traditionsbewusst und außerdem apolitisch. „Zum Iwan-Kupala-Tag versammeln sich oft Tausende. Da ist es schwer zu überblicken, wer kommt. Deshalb gibt es ein Gesetz: Keine politischen Gespräche und keine Hetze.“ Er räumt ein, dass es auch Neo-nazis gibt, die sich auf das Slawentum berufen. Welimir, ein Opferpriester, der im Heiligen Hain als Einziger nicht barfuß herumläuft, fügt hinzu: „Es gibt weder heilige Schriften noch Vorschriften, wie man sich an Gott wendet.“

Den Namen wechseln

Heute kann man in manchen Städten Russlands slawische Bekleidung, Kunstgegenstände oder Bücher kaufen. Auf Sachalin freilich sind die Gewänder der Männer zumeist von deren Frauen geschneidert. Anton sagt: „Ich gebe Kurse, wie man auf zwei Holzbrettchen Stoffe webt, lehre zugleich rituelle Spiele. Das Wissen darüber habe ich aus ethnografischem Material. Lange stand ich den Heiden skeptisch gegenüber. Aber als meine Heimatstadt vor Jahren überflutet wurde, brauchte man freiwillige Helfer. Das waren junge Männer, die Sandsäcke füllen und stapeln konnten. Da begriff ich, dass diese Jungs ihre Heimat verteidigen und schloss mich ihnen an.“

Anton fügt hinzu, er erwäge, einen neuen slawischen Namen anzunehmen. Sollte es demnächst so weit sein, sei ein Ritual nötig, um ihm den künftigen Namen zu übertragen. Auch Igor hat lange nach seinen Wurzeln gesucht: „Jeder tastet nach einem Weg. So erging es auch mir, bis ich zufällig auf das slawische Heidentum gestoßen bin. Das sind Wurzeln, von denen sich loszureißen, unmöglich ist.“ Laut Atlas der Religionen bezeichneten sich derzeit mehr als zwei Millionen Menschen in Russland als Heiden. Sie bewahren die traditionelle Religion ihrer Urväter, beten heidnische Götter und Kräfte der Natur an, denen sie sich anvertrauen möchten.

Alexandre Sladkevich stammt aus Jekaterinburg. Er arbeitet als freiberuflicher Fotodesigner und Journalist

06:00 06.07.2016

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