Spuk auf der Burg

Buchmesse Spezial Jörg-Uwe Albig lacht in seinem Roman „Zornfried“ über Rechtsextreme und über uns

Kommt einem bekannt vor? Junge Männer, die als Wiedergänger des Buchstabenballets anno 1967 auf dem Ku’damm –„ALBERTZ ABTRETEN“ – öffentliche Veranstaltungen stören. Heute stört man gern auch Gesprächsrunden, in denen die vielbeschworene „Zivilgesellschaft“ den Ernst der Lage („Gefahr von Rechts“) diskutiert. Solches Provozieren hieß früher „Épater la bourgeoisie“, man wollte das Establishment schocken.

Jörg-Uwe Albigs Held Jan Brock wird Zeuge einer Aktion dieser jungen Männer, deren Zeichen ein wespengelbes W ist. „W“ für Waldgänger, Wölfe (vielleicht aber auch „Wichser“). Ein Vers, an die Wand gesprüht, „VERSKLAVT NICHT VON DER HEUCHLER FEIGER ZUNGE“, bringt den Reporter auf die rechte Spur. Denn er stammt aus der obskuren Schrift „eiserne ernte“eines gewissen Storm Linné. Das in RAF-typische Kleinbuchstaben gesetzte Werkchen verrät schon viel über die Mentalität der W-Leute. Die Schrift ist auch fast die Stefan Georges, als dessen Adept sich der raunende Naturlyriker erweist, nämlich als einer von gestern – und von heute. Denn zwischen militanter 70ies-Gegenkultur und verquast Ewiggestrigem bewegen sich die ganz realen Rechten und die von Albig parodierten Rechten, sie kommen daher wie eine komische Mischung aus George und RAF.

Brock lässt sich die „eiserne ernte“ kommen und schreibt über das, was da an unheimlichem Ungeist aus einem noch warmen Schoß kriecht. Das klickt im Netz wie Sau und bringt neben der Aufmerksamkeit einer Trollarmee mit Rängen wie waldgaenger510 und freyschaerler auch die des Schlossherren Schierling, der in der titelgebenden Burg Zornfried wohnt. Schierling ist einer, der seine Frau siezt, den W-Jünglingen eine Heimstatt bietet, wo sie Turnvater Jahn-mäßig Leibesertüchtigung mit Gemeinschaftspathos mischen. Er ist einer, der sehr gerne im Wald Ernst Jünger-Reenactments performt. Auf Zornfried residiert im Schierlingschen Schloss aber auch der spiritus rector des rechten Spuks, Storm Linné selbst.

Brock, die große Story witternd, macht sich auf in den Spessart. Was folgt, sind Gespräche, über Dinge, die vielleicht nicht nur Rechte sagen würden („hört der Stammbaum auf, wenn die Eltern im Altersheim sind?“) und Dinge, die nur völlig durchgeknallte Rechte sagen würden („Der Krieg ist die Notwehr der Natur.“). Es gibt Mittagessen, bei denen Speisen aus heimischem Anbau von Töchtern, die Walburga heißen, aufgetragen werden.

Ein gewöhnlicher Kauz

Irgendwann dann die Begegnung mit dem Dichter, der zunächst enttäuscht, so ein gewöhnlicher Kauz ist er dann doch. Brocks Angstlust und Besessenheit aber treiben ihn weiter. Des Lesers Erkenntnis: die Berichterstattung und der Hype über dieses neu-alt-rechte Biotop im tiefsten deutschen Wald lockt nicht nur andere hungrige Reporter, sondern auch solche, die anfällig sind für den Spuk auf der Burg und jetzt erst recht neugierig werden. Der Journalist ist unfreiwillig ein Multiplikator, für moderne Geisterjäger und neue Anhänger.

Zu den amüsantesten Passagen in Zornfried zählt die Beschreibung des Antifa-Protests, der sich, durch Brocks Video-Berichterstattung alarmiert, formiert: „NAZIS RAUS AUS UNSEREN WÄLDERN.“ Deutscher war die Antifa nie.

Amüsant sind auch die Gedichte, die Albig selbst verfasst hat. Manchmal bleibt einem das Schmunzeln auch im Halse stecken, etwa wenn Albig „für“ Linné das ethnopluralistische Dogma der neuen Rechten mit Anklang an „Absaufen“-skandierende Wutbürger in Verse fasst: „Der mürbes leben ins gesunde zwingt/Und meeres fläche zur walstatt macht/Der muss vergehn. Denn sünd ist seine fahrt/ Gegen das nass das scholl von scholle trennt.“

Dass Albigs Roman der erste ist, der sich dem Syndrom der Schnellroda-Stories widmet, verwundert eigentlich, lesen sich doch Berichte etlicher Journalisten und Journalistinnen über die bekannten Akteure der Szene schon beinahe wie Real-Satiren. Wie es dazu kam, darüber spekuliert Zornfried klug, was den kurzen Roman nicht nur amüsant, sondern auch erhellend macht.

Info

Zornfried Jörg-Uwe Albig Klett Cotta Verlag 2019, 159 S., 20 €

Wie Tati

Geboren und aufgewachsen in Rumänien, lebt und arbeitet die Illustratorin und Grafikdesignerin Andreea Dobrin Dinu heute in Hamburg. In ihrem Studio Summerkid entstehen die lustigen Zeichnungen, bei deren Betrachtung man stets ein gewitztes Detail findet, das stutzig macht, das Szenen des Alltags auf den Kopf stellt.

Die Künstlerin sagt, die Bilder sollen den Betrachter an den joie de vivre erinnern, den wir vielleicht noch aus den Sommern erinnern, als wir Kinder waren. Und tatsächlich, ihr Humor erinnert an lustige Ferien mit Monsieur Hulot.

Dinu studierte Grafikdesign in Bukarest, Illustration und Typographie in Leipzig. Im Jahr 2018 erhielt sie den britischen World Illustration Award Talent.

06:00 14.03.2019
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