Spuk unterm Riesenrad

Vergnügungspark Der traditionsreiche Vergnügungspark im Berliner Plänterwald ist endgültig pleite

Nicht Hexe, Riese und Rumpelstiel animieren Polizisten zu einer hilflosen Verfolgungsjagd. Die Spreepark GmbH, die seit Anfang der neunziger Jahre den traditionellen Vergnügungspark Plänterwald in Berlin-Treptow betreibt, hat den Erbbaurechtsvertrag mit dem Land Berlin gekündigt und hinterlässt Schulden in zweistelliger Millionenhöhe. Der Vergnügungspark wird ein weiteres Loch in die ohnehin klamme Berliner Landeskasse reißen, denn die Verträge waren so gestrickt, dass die öffentliche Hand das Risiko trägt. Riesenbahn, Achterbahn und Kaffeekarussell werden sich in diesem Jahr wohl nicht mehr im Plänterwald drehen.

"Mit mir wird es keine neue Saison im Spreepark geben," sagte Norbert Witte von der Spreepark GmbH vor einiger Zeit den Medien. Und der Mitvierziger mit der schwarzen Tonsur wurde nicht müde, dem Land Berlin die Schuld an seinem Scheitern zu geben. Zu DDR-Zeiten war der 1969 eröffnete Park ein Publikumsmagnet. 1,7 Millionen Besucher pro Jahr zählt die Statistik. Damit besuchte jeder zehnte DDR-Bürger einmal pro Jahr den Rummel. Vor allem Vergnügungssuchende aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen legten auf ihrem jährlichen Trip zur Ostsee einen Zwischenstopp in Berlin ein und drehten in Treptow ein paar Runden Karussell. Nach Angaben der Spreepark GmbH ging die Besucherzahl immer weiter zurück und lag im vergangenen Jahr unter 400.000. Witte kennt dafür nur eine Ursache: die fehlenden Parkplätze. Denn weil das Land Berlin das Areal zum Landschaftsschutzgebiet erklärte, konnte Witte nicht so bauen wie er wollte und hatte nun einen Grund für seine Misere: "Dieses Landschaftsschutzgebiet hat uns das Genick gebrochen", so redet er sich in Rage.

Norbert Witte ist Hamburger. Während der Wende kam er nach Berlin und mietete sich mit zwei "Fahrgeschäften" im damaligen Kulturpark ein. Als die Kulturparkmitarbeiter über die Perspektive ihres Parks und ihrer Arbeitsplätze nachdachten, war ihnen der Wessi willkommen. "Wir hatten ja weder Kapital noch Kontakt zu Banken", erinnert sich Gisela Brederlow, die damalige Kulturparkchefin. Brederlow schrieb ein Parkkonzept, reichte es 1991 beim Senat ein. "Witte kümmerte sich ums Kaufmännische." Sie bekamen unter sieben Bewerbern den Zuschlag. Was Gisela Brederlow und wohl auch die zuständige Senatsverwaltung nicht wussten: Vor dem Mauerfall hatte Norbert Witte, Spross einer Hamburger Schaustellerfamilie, auf deutschen Rummelplätzen nicht viel zu melden. Im August 1981 hatte er, nach einem Urteil des Landgerichtes Hamburg, das größte Unglück auf einem deutschen Rummelplatz in der deutschen Nachkriegsgeschichte verursacht. Sieben Tote und mehr als 20 Verletzte waren die Folge, weil Wittes Teleskopkran bei vollem Fahrbetrieb mit dem Karussell "Skylab" seiner Standnachbarin auf dem Hamburger Rummel "Dom" kollidierte. Das Landgericht Hamburg verurteilte ihn 1985 wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger, zum Teil schwerer, Körperverletzung zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr. Weil sich Witte dem Prozess entzogen hatte, musste er einige Zeit in Untersuchungshaft zubringen. In den Folgejahren war er Angestellter im Fahrgeschäft seiner Frau mit einem mickrigen Einkommen.

Weil ihm deutsche Rummelplätze immer wieder Stellplätze verweigerten, so berichtete die Hamburger Presse, fuhr das Familienunternehmen durch Jugoslawien und Italien. Erst mit der deutschen Einheit hatte Witte im Inland wieder eine Chance, aber er blieb zunächst in der zweiten Reihe. Hinter seiner Frau, der die größten Anteile am Vergnügungspark gehören.

"Norbert Witte wird wohl am deutlichsten durch die Tatsache charakterisiert, dass er seinen Unfallkran 1981 zum Tatzeitpunkt nicht versichert hatte", sagt die Bremer Rechtsanwältin Hannelore Frehse-Hautau, die Witte aus einem früheren Verfahren kennt.

Doch der Berliner Verwaltung waren selten Zweifel gekommen ob der Seriosität der Spreepark GmbH. Obwohl die Firma wiederholt gegen umwelt- und baurechtliche Maßnahmen verstoßen und auch mal ein Fahrgeschäft ohne Genehmigung in Betrieb genommen hatte. Obwohl die Zeitschrift Test 1996 in einem Vergleich europäischer Freizeit- und Erlebnisparks den Spreepark am unteren Ende der Vergleichsskala einordnete und ihm in den Rubriken Grünanlagen, Kulissen und Erlebniszonen nur ein "Mangelhaft" vergab.

1997 schloss das Land Berlin nach jahrelangen Verhandlungen einen Erbbaurechtsvertrag mit der Spreepark GmbH ab. Darin bürgt die öffentliche Hand mit einer Grundschuld von 20 Millionen Mark plus Zinsen und Nebenkosten für die Bankkredite der Spreepark GmbH. 1999 erhöhte die Senatsverwaltung für Finanzen diese Haftung noch einmal eigenmächtig um 4,2 Millionen Mark. Merkwürdig nur: Das Grundstück, das mit mehr als 24 Millionen Mark beliehen wurde, hatte laut Erbbaurechtsvertrag 1997 nur einen Zeitwert zwischen acht und neun Millionen. "Das sieht nach einer Bürgschaft aus, die sich am Bedarf der Firma orientiert und nicht am Gegenwert des Grundstücks", kritisiert die bündnisgrüne Abgeordnete Lisa Paus. "Höchst merkwürdig ist auch, dass die Hausbank der Familie Witte, die nach meinen Recherchen keine Bank mit Sitz in Berlin ist, diesen Kredit auch gewährte."

Ursprünglich, 1996, wollte der Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses dem Erbbaurechtsvertrag nicht zustimmen. Weil dieser Ausschuss vertraulich tagt, ist nur wenig über die Gründe nach außen gedrungen. Ein zu hohes finanzielles Risiko für das Land und ein "zu geringes Eigenkapital" der Spreepark GmbH, sollen eine Rolle gespielt haben, soviel ist immerhin aktenkundig. Dann traf sich der damalige Ausschussvorsitzende, der CDU-Politiker Volker Liepelt, mit dem Spreepark-Management. Danach stimmte der Ausschuss dem umstrittenen Vertrag doch zu. Norbert Witte gehört der CDU an. 1999 steht die Spreepark GmbH mit 51.000 Mark als Großspender in den CDU-Listen. Es könnte durchaus sein, dass der Fall Witte demnächst einen Untersuchungsausschuss beschäftigen wird.

"Der Spreepark ist ein typischer Schausteller-Park," sagt Lisa Paus. "Während andernorts moderne Erlebnisparks durchaus Erfolge verzeichnen können, war der ökonomische Misserfolg einer reinen Rummelplatz-Strategie bei zunehmendem Wettbewerb der Erlebnisangebote durchaus absehbar." Das Land Berlin, das die Fläche verpachtete und mit ihr bürgte, hat jahrelang weggeschaut und bleibt nun auf den Schulden sitzen. Am letzten Wochenende hat sich Witte samt Familie und einigen Fahrgeschäften aus dem Staub gemacht. Er ist, so heißt es, auf dem Weg nach Peru und wird wohl dort ein neues Glück suchen.

00:00 25.01.2002

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