Spul’ mir das Lied vom Tod

Surrender Mythos Wer braucht in der digitalen Ära noch ­Filmvorführer? Unser Autor hat zwei leidenschaftlichen Verfechtern des Metiers über die Schulter geschaut

Es ist stickig im Vorführraum der Essener Lichtburg. Im Regal liegen Filmrollen und zerkratzte Blechdosen, DVDs ohne Hüllen, vergilbte Aktenordner, lose Kabel und verstaubte Objektive. In der Mitte drehen zwei waagerecht liegende Teller mit einem Durchmesser von zwei Metern langsam ihre Runden. Die 35 Millimeter breite Filmrolle ist eingelegt, es rattert und knirscht. Colin Firths Worte aus The King’s Speech klingen hier im Raum abgehackt. „Man gewöhnt sich daran“, sagt Andreas Nitsch. Er ist seit sechs Jahren Vorführer in einem der bedeutendsten Kinos der Republik. Früher hat er als Einzelhandelskaufmann gearbeitet. Sein Haar ist kurz gescheitelt, Hose, Schuhe und Hemd sind schwarz.

Hunderte von Zahnrädern sind in Bewegung, Wärmeschutzfilter und Druckluftkühlung sorgen für die richtige Temperatur. Alles ist echte Handarbeit in Nitschs Metier, vom ersten Knopfdruck bis zum Ölwechsel. Erst durch die Projektion von Licht werden Bilder auf die Leinwand gebracht. „Kinoprojektoren sind die einzigen Maschinen, die Emotionen erzeugen“, sagt Nitsch. Bald wird es sie wohl nicht mehr geben.

Filme werden immer häufiger auf Festplatten und DVDs geliefert. Ein paar Knopfdrücke genügen, um den Beamer mit den geforderten Bildern zu versorgen. Niemand muss darauf achten, dass der Film korrekt zusammengeklebt ist, das Bild nicht schräg über den Rand läuft und der Ton nicht im allgemeinen Rauschen untergeht. Wer braucht dann noch den Filmvorführer?

Langsame digitale Revolution

„Das Publikum bekommt von dem, was ich tue, sowieso wenig mit“, sagt Nitsch ziemlich nüchtern. Letztlich sei es egal, ob die Bilder über den 35 Millimeter-Projektor rattern oder vom Beamer an die Leinwand geworfen werden, findet der Mittdreißiger. Die meisten Zuschauer würden sich nicht für Technik interessieren. Es scheint, als hätte er sich mit dem Sterben seiner Zunft bereits abgefunden.

Dabei zieht die digitale Revolution in der modern ausgestatteten Lichtburg eher langsam ein. Ende 2008 hat sich das Kino einen digitalen Projektor angeschafft, noch vor dem Multiplex-Riesen Cinemaxx. Das Publikum sollte 3D-Filme sehen können: Ice Age oder Avatar. „Wir haben unsere Palette erweitert, mehr nicht“, erklärt Bernhard Wilmer, Leiter der Essener Lichtburg. Filmvorführer seien für ihn die „Seele des Kinos“, und die möchte er bewahren. 35-Millimeter-Rollen gehören daher weiter zum Standard, auch 70 Millimeter könnten abgespielt werden. Theoretisch. Denn der Breitbandfilm ist längst ein Stück für das Filmmuseum, auch in der Lichtburg. Die 35 Millimeter könnten bald folgen. Die Stammkunden aber sind süchtig danach – trotz der Nebenwirkungen: Ähnlich wie Musikliebhaber das Knacken ihrer Vinyl-Platten brauchen echte Cineasten das Rattern der Projektoren und den sanften Ausdruck der Bilder. Der Kinosaal als Fluchtpunkt aus einer durchtechnologisierten Welt.

Die Lichtburg ist solch eine Oase. Der mehr als 80-jährige Filmpalast im Zentrum des Ruhrgebiets ist ein mythischer Ort des deutschen Kinos. In dem denkmalgeschützten Gebäude befindet sich der größte Kinosaal der Republik – er wirkt eher wie ein opulentes Theater. Bis zu 1.250 Besucher finden Platz auf den roten Samtsesseln mit beigen Rahmen. Es riecht etwas verstaubt, wie früher beim Herrenausstatter. Die ovalen Leuchter an der Wand werfen schummriges Licht in den Raum. Ein kreisförmiges Deckenrelief und ein wellenförmiger Balkon verweisen auf die späten zwanziger Jahre.

Filmvorführer sind selber

Leinwandhelden

Ein nostalgisches Ambiente und zugleich das passende Dekor für große Premieren: Gary Cooper und Romy Schneider saßen in Frack und Cocktailkleid in der Loge. Wim Wenders und Margarethe von Trotta feierten hier Uraufführungen, vor Kurzem war Premiere von Wim Wenders Pina, Die Klitschkos oder Eine Insel namens Udo mit Kurt Krömer. Die Filme werden aus einem kleinen Raum in der zweiten Etage auf die Leinwand geworfen.

Mitunter tauchten Filmvorführer selber als Akteure auf der Leinwand auf. Giuseppe Tornatores Cinema Paradiso von 1988 etwa erzählt die Geschichte des alten Filmvorführers Alfredo und des kleinen Jungen Salvatore, der ihm begeistert zuschaut und später selbst ein berühmter Regisseur wird. Es ist eine Hommage an das traditionelle Kino, an eine Zeit, in der Erwachsene und Kinder sich vor der Leinwand versammelten und träumten.

Auch im wahren Leben entdeckten Filmemacher ihre Passion, indem sie Filmvorführern über die Schultern schauten – wie beispielsweise Tom Tykwer oder Quentin Tarantino. In dessen Film Inglourious Basterds wird das Kino zum Ort der Erlösung. Die versammelte Führungsriege um Hitler wird ins Jenseits befördert, als das Pariser Lichtspielhaus „Le Gammar“ während der Premiere des Nazi-Propagandastreifens Stolz der Nation in Flammen aufgeht. Es ist die persönliche Rache von Shosanna Dreyfuss, deren jüdische Familie vom SS-Standartenführer Hans Landa umgebracht worden war. Im Augenblick der Vergeltung lässt sie den Filmvorführer Omar das komplette Filmarchiv anzünden; die Rollen aus Nitroglycerin sind brennbar. Shosanna Dreyfuss und ihr Vorführer Omar überleben das nicht.

Die reale Kinowelt verändert sich schleichender. In den kommenden zwei Jahren möchte die UCI-Kinowelt an allen 23 Standorten die Säle komplett digital umrüsten. Ein teures Unterfangen: Bis zu 80.000 Euro kostet ein Digitalprojektor. Doch steigende Einnahmen machen den Modernisierungsschub möglich – obwohl die Kinos bundesweit einen Besucherrückgang von 18 Prozent hinnehmen mussten. Die Rettung heißt 3D: Drei Euro Aufschlag pro Eintrittskarte plus ein oder zwei Euro für die Brille gleichen die Verluste aus. Das Publikum ist bereit, für den technischen Fortschritt zu zahlen. So schätzt man bei UCI, dass bis Ende 2012 der letzte 35-Millimeter-Projektor aus den Kinos verschwunden sein wird. Und mit den Projektoren werden dort auch die Filmvorführer in den Vorruhestand geschickt – eine Zäsur.

Andrea Gollnow ist Geschäftsführerin der Bochumer Endstation, das kleine Programmkino hat 1988 eröffnet. Seit fast 20 Jahren zeigt Gollnow dort Filme. Die 43-Jährige sitzt an einem runden Tisch im kleinen Café der Endstation, sie trägt ein schwarzes Kleid und eine Brille – eine direkte Folge der Abende im Vorführraum. „Der kostspielige Umstieg auf den digitalen Standard wird für viele Kinos das Aus bedeuten“, glaubt auch sie. Die Rolle mit den Trailern ist eingelegt, bis zur nächsten Vorstellung sind es etwa 20 Minuten. Doch selbst Filme wie Howl oder Black Swan, die in der Originaltonspur laufen, locken derzeit kaum Leute ins Kino. „Im Jahr haben wir etwa 16.000 Gäste“, sagt Gollnow. Bei sechs Euro Eintritt bleibt da wenig übrig. Würde das Kino für sein engagiertes Programm nicht regelmäßig mit Preisen ausgezeichnet – zuletzt gab es 20.000 Euro von der Filmstiftung NRW –, könnte sie dicht machen. „Die Leute schauen sich die Filme heute lieber zu Hause an“, sagt Gollnow.

Ein 16-Millimeter-Relikt

Filmexperten gehen davon aus, dass in naher Zukunft die Filme direkt per Satellit oder Netz auf die Festplatten gesendet werden. Filmdaten könnten so direkt in die Wohnzimmer strömen.

Filmvorführer ist schon seit 30 Jahren kein Ausbildungsberuf mehr, sechs Wochen Anlernphase genügen, dann können die Vorführer die Projektoren allein bedienen.

„Vor zehn Jahren haben uns die Leute noch die Bude eingerannt, um als Vorführer neben ihrem Studium noch etwas zu verdienen. Heute weiß kaum einer, dass es den Job überhaupt noch gibt“, sagt Gollnow.

Sie geht zwei Türen weiter in den Vorführraum, der Film Brighton Rock beginnt gleich, im Originalton. Die Kabine ist winzig, knapp 15 Quadratmeter. Unter die Decke passen gerade zwei 35-Millimeter-Projektoren. Daneben steht ein altes 16-Millimeter-Gerät, ein Relikt aus der Zeit, als das Kino gerade erfunden war. Der Projektor ist vielleicht zweimal pro Jahr im Einsatz, bei Sondervorführungen von Filmstudenten oder Festivals. „Wenn wir uns tatsächlich einen Beamer anschaffen sollten, werden wir uns von den 16 Millimetern trennen müssen“, meint Gollnow.

Aber noch ist das tägliche Vorführen ein Ritual: Die Filme werden in Einzelteilen geliefert, sechs oder sieben Rollen, mit je 20 Minuten Spielzeit. Sie werden nacheinander auf die beiden Projektoren gespult. Wenn sie sich dem Ende nähern, beginnt Gollnows eigentlicher Job: Ein Balken am rechten Bildrand der Leinwand gibt das Signal zum Überblenden. Das Zeichen ist als Aufkleber oder Loch auf der Filmkopie angebracht.

Bei der ersten Markierung startet Gollnow den zweiten Projektor, bei der zweiten wird überblendet. Ihre Handgriffe sind routiniert. Der richtige Zeitpunkt zum Überblenden wird mittlerweile durch eine Schablone festgelegt. Ihn abzupassen, ist die wahre Kunst. „Es hat etwas Magisches, wie bei einer Zeremonie“, schwärmt Gollnow. Eine Zeremonie, die seit mehr als 100 Jahren vollzogen wird und die hier noch immer zu Hause ist. Die digitale Revolution hat die Endstation und deren Mitarbeiter bislang verschont. Ein Kino in Zeitlupe.

Holger Pauler lebt als freier Autor und Journalist in Bochum. Er ist selber Fan des analogen Kinos und weigert sich bislang, 3D-Filme zu schauen

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15:00 30.07.2011

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