Spur der Scherben

Ukraine In Kiew ist vom Krieg im Donbass wenig zu spüren. Odessa trägt noch die Narben des Brandanschlags von 2014
Alexandre Sladkevich | Ausgabe 12/2017 2

Der Chreschtschatyk, Kiews Prachtboulevard, der stellenweise bis zu hundert Meter in die Breite geht, verleugnet den Zuckerbäckerstil aus Sowjetzeiten so wenig wie heutiges Business. In den wuchtigen Gebäuden haben sich teure Boutiquen und Magazine, dazu Bistros und Restaurants eingenistet. Von den explosiven Verhältnissen im Osten ist hier wenig zu spüren. Die glitzernden Auslagen der Modeateliers bekannter westeuropäischer Marken werden von Stalin-Gotik gerahmt und verkünden den Sieg des Kapitalismus. Manche Läden muten an wie Einschusslöcher im Architekturensemble postsowjetischen Zuschnitts.

Über den Chreschtschatyk flanieren Einheimische wie Touristen, elegant gekleidete Frauen verabreden sich mit gut angezogenen Männern. Überall stehen kleine Kioske, die Kaffee brühen oder Tee mit frischen Kräutern und gezuckerten Beeren zubereiten. Für umgerechnet einen Euro kann man die Getränke genießen oder man muss drei Euro aufbieten, um zusätzlich ukrainische Küche kennenzulernen. Die Imbisskette „Pusata Chata“, was sich mit „bauchige Hütte“ übersetzen ließe, bietet auf dem Chreschtschatyk Kiewer Kotelett, Pelmeni, Borschtsch, Soljanka, Specksuppe und mehr. Durch den steten Fall des ukrainischen Hrywnja werden Reisen nach Kiew für Ausländer immer preiswerter.

Die Himmlischen Hundert

An einer Stelle führt der Boulevard an einem beschmierten Postament vorbei, auf dem bis zum Februar 2014 ein Lenin-Denkmal stand, und quert bald darauf den Majdan Nesaleschnosti, den Unabhängigkeitsplatz, der vor drei Jahren als Belagerungs- und Protestort weltweit Berühmtheit erlangte. Auf den Majdan schaut das Hotel Ukraine herab, von dem aus damals Scharfschützen in die Menschenmenge schossen, was bis heute nicht aufgeklärt ist.

Auf dem Majdan ist das Echo des Krieges im Osten stärker vernehmbar als anderswo in Kiew. Ein Mann stellt sich als Soldat des Freiwilligenbataillons Ajdar vor, zeigt kurz seinen Ausweis und sagt auf Russisch: „Ich sammle Geld für die Verwundeten. Würden Sie etwas kaufen oder hätten Sie eine Spende?“ Er präsentiert handgeflochtene Armbänder in Blau-Gelb, den Farben der ukrainischen Nation, ebenso rot-schwarze Schleifen, die man mit der nationalistischen Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) aus der Zeit des Zweiten Weltkrieges in Verbindung bringt, als dieses Korps mit der deutschen Besatzungsmacht kollaborierte. Schließlich holt er eine Geschosshülse aus seiner Jacke. „Die Amerikaner kaufen solche Hülsen gern und haben nie Probleme mit dem Zoll!“ Er schiebt seine Sturmhaube ins Genick und weist auf eine kleine Gedenktafel mit dem Wappen des Bataillons Ajdar. Auf Ukrainisch steht da: „Gott mit uns“.

Hinter dem Majdan beginnt die „Allee der Helden der Himmlischen Hundert“, wie die Opfer der Majdan-Unruhen genannt werden. Man stößt allenthalben auf Relikte aus den Tagen der brennenden Reifen und des schwarzen Rauchs im Januar 2014 – Fackelreste, Pflastersteine, Helme, Tschechenigel, Stacheldraht. Viele Passanten biegen ab, ohne diesem Repertoire der Erinnerung einen Blick zu schenken. Auf dem Mittelstreifen der Allee steckt in einem Haufen Pflastersteine ein Bild, das den weißrussischen Politaktivisten Michail Schysneuski zeigt, einen der Heroen der „Himmlischen Hundert“. Zwei uniformierte Männer versuchen lange, die Flaggen der Ukraine und Weißrusslands dort zu befestigen. Starke Windböen reißen den Fahnenstoff immer wieder weg. Helfen will ihnen niemand.

Vom Chreschtschatyk aus kann man mit dem Taxi für umgerechnet zweieinhalb Euro die Sehenswürdigkeiten der Kiewer City abfahren. Der Chauffeur merkt an: „Nach zwei Revolutionen geht es uns so schlecht wie nie zuvor. Das Volk ist bitterarm geworden, am meisten leiden die Rentner. Wenn sich in Kürze nichts ändert, kommt es zum Bürgerkrieg.“ Das Taxi hält unweit des gut 60 Meter hohen Mutter-Heimat-Monuments, das auf einem 40-Meter-Sockel emporragt und als Kolossalstatue das Museum über die Ukraine im Zweiten Weltkrieg beherrscht. Ganz in der Nähe, am Ufer des Dnjepr, liegt das Kiewer Höhlenkloster mit unterirdischen Kavernen. Sie dienten einst als Wohnstätte, dann als Lager, auch als Bestattungsort verstorbener Mönche. Hinter dem im 11. Jahrhundert gegründeten sakralen Ort passiert man den „Park des ewigen Ruhms“, wo der im Zweiten Weltkrieg gefallenen Soldaten wie der Opfer des Holodomors, der Hungersnot von 1932/33, gedacht wird.

Bitterarmes Volk

Je weiter man sich vom Chreschtschatyk entfernt, desto mehr verblasst der Glanz der Hauptstraße, desto niedriger werden die Preise in den Geschäften neben Plattenbauten, rekonstruierten älteren Gebäuden und Kirchen. Diana Mesen (32) lebt mit zwei Hunden in dieser zurückgenommenen Gegend, in der es Häuser gibt, die im Erdgeschoss mit einer roten Aufschrift – „Schutzbunker“ – versehen sind. „Die Zugänge wurden für den Fall eingerichtet, dass Moskau uns bombardiert. Nicht jeder weiß, wo er dann eine sichere Zuflucht findet“, erklärt Diana, für die der Krieg im Donbass alles andere als weit entfernt ist. Ganz im Gegenteil. „Wer von dort als Verwundeter zurückkehrt, wird gut vom Staat versorgt. Aber das reicht nicht, deshalb werden Spenden gebraucht. Wenn also Soldaten auf dem Majdan Geld sammeln, tun sie das für die Kriegsversehrten. Tauchen aber welche mit der Sammelbüchse in der U-Bahn auf, sollten Sie denen nichts geben. Das sind oft Betrüger.“ Später in der Metro bettelt ein versehrter Mann in Uniform zusammen mit einem steinalten Straßenmusikanten, der einen kosakischen Zopf trägt und die Bandura spielt, eine ukrainische Zither. Wie soll man sich verhalten?

Diana spricht russisch, wobei sie gelegentlich das eine oder andere ukrainische Wort einbaut. „Obwohl ich den Kommunismus ablehne, finde ich es doch schade, dass sie das Lenin-Denkmal am Chreschtschatyk abgerissen haben. Es war klein und schön und passte visuell sehr gut. Man zerstört eben all das, was mit der Sowjetukraine von einst zu tun hat. Wenigstens werden die Kriegsdenkmäler nicht abgerissen. Das war schließlich unser gemeinsamer Sieg.“ Gemeint ist der Sieg der Sowjetunion über Hitler. Ohnehin sieht man in Kiew nach wie vor Sowjet-Plastiken, die völlig unbeschädigt sind.

Anders sieht es in Odessa am Schwarzen Meer aus, wo vom Marschall-Malinowski-Denkmal nur ein Torso blieb. „Seine Schuld bestand darin, dass er Odessa von der deutschen Okkupation befreit hat“, sagt die 54-jährige Milena Borodsjuk. Milena und ihr Mann Kostja (56) sind in Odessa verliebt und davon besessen, die Stimmungen der Stadt – besonders die in den Hinterhöfen – zu fotografieren. Obwohl die urbane Architektur zum Teil an eine Diva in Grau erinnert, ist die 1794 durch die deutschstämmige Zarin Katharina die Große gegründete Stadt bis heute Kulturmetropole geblieben. Sie wurde von Dichtern geadelt, die sich im 20. Jahrhundert hier niederließen, wie Isaak Babel und Anna Achmatowa oder Valentin Katajew und Konstantin Paustowski. Sie schätzten „das weiche Stimmengewirr in den Straßen Odessas“ (Paustowski). Stets wirkte die ethnische Topografie inspirierend; ein Drittel Russen und ein Drittel Ukrainer beherbergte die Stadt, dazu Moldawier und Griechen, eine alteingesessene jüdische Gemeinde.

Die Ausläufer des Majdan erreichten Odessa im April 2014. Es gab Zusammenstöße mit proukrainischen Aktivisten, als Teile der russischen Community den Machtwechsel in Kiew nicht anerkennen wollten. Der neue Präsident Petro Poroschenko ernannte schließlich Georgiens Ex-Staatschef Michail Saakaschwili zum Gouverneur Odessas. Er sollte befrieden und dem Augiasstall der öffentlichen Verwaltung zu Leibe rücken. Im November 2016 gab Saakaschwili auf. Es fehle am Willen der Behörden, die Korruption tatsächlich einzudämmen, so sein Fazit.

Die Exkursion mit Milena und Kostja führt über den Starokonka, den berühmten Flohmarkt, der sich über mehrere Straßen erstreckt. Man stößt unerwartet auf eine Kollektion großer Soldatenfotos. Die Ausstellung hat den Titel Verteidigt von der ukrainischen Armee und wird von zwei uniformierten Ukrainerinnen mit grell lackierten Fingernägeln erklärt, die sich als Militärangehörige vorstellen. Sie hätten gerade ihren Fahneneid geleistet, dürften aber nicht verraten, zu welcher Waffengattung und welcher Einheit sie gehörten. „Das bleibt ein Geheimnis“, meint eine von beiden, die sich als Marija und ihre Freundin als Lisa vorstellt.

Milena und Kostja Borodsjuk führen zum tragisch berühmten Gewerkschaftshaus, das am 1. Mai 2014 nach einem Tag der Straßenkämpfe von ukrainischen Nationalisten belagert und in Brand gesetzt wurde. Seinerzeit starben in diesem Inferno 42 Menschen. Auch die Borodsjuks waren in der Nähe. „Ich werde nie die Menschen vergessen, die mit Armierungseisen wie mit Metallspeeren über die Straße rannten und dabei wild herumschrien“, erinnert sich Kostja. „Ich habe junge Frauen, die Molotow-Cocktails abfüllten, vergebens gebeten, sie sollten damit aufhören. Ich fragte sie, ob sie wirklich jemanden töten könnten.“

Das Gewerkschaftshaus ist seit Monaten abgesperrt. Am Zaun hängen Zettel mit den Namen der Toten und mit Gedichten zu ihrem Gedenken. Nachts werden die Zettel abgerissen, tags darauf wieder erneuert, ebenso Kerzen, Ikonen und Blumen. Klettert man über den Zaun, sieht man noch die Spuren der Katastrophe.

Abends stehen im Zentrum Menschen vor einem Jazz-Klub oder warten vor einem Kino auf Einlass. Einige sind angetrunken. Man hört Musik, sieht lachende Gesichter. Das Gewerkschaftshaus mit seinen leeren Fenstern scheint weit weg zu sein, in einer anderen Stadt und einer anderen Welt.

Alexandre Sladkevich arbeitet als Journalist und freiberuflicher Fotodesigner

06:00 05.04.2017

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