Staatsbürger in Uniform

Archaische Kämpfer am Hindukusch Nur noch Zentimeter von Abu Ghraib entfernt

Gemeinhin sind eher die treuen vierbeinigen Kameraden des Menschen dafür bekannt, mit Knochen zu spielen. Nun durfte die Welt erfahren, dass solcherart Verhalten auch unter zweibeinigen Kameraden in den Reihen der Bundeswehr Usus ist. Die Hunde des Krieges, so hatte Frederick Forsyth, vormals jüngster Jet-Pilot der Royal Air Force und später weltbekannter Autor diverser Thriller, eines seiner Werke betitelt. Er schildert darin die Unmenschlichkeit weißer Söldner inmitten eines afrikanischen Bürgerkrieges.

Dass Schützengräben und Schlachtfelder oft früher als später den hauchdünnen Firnis der Zivilisation abbeizen, der den modernen Menschen im Frieden überzieht, erschreckt zwar stets aufs Neue. Hartgesottenen Handwerkern des Krieges hingegen entlockt dies lediglich einen trockenen Kommentar. "Gar keine Frage: Der Zivilisierungsmöglichkeit einer Armee, die einsatzfähig sein soll, sind verhältnismäßig enge Grenzen gesetzt", konstatierte Generalmajor Johann Adolf Graf von Kielmansegg schon 1991 in der Offizierzeitschrift Truppenpraxis. Und erhob daraufhin die wahrlich zukunftsweisende Forderung: "Auf die Kriegstüchtigkeit der Bundeswehr hin ist also alles auszurichten, Ausbildung, Ausrüstung und Struktur."

Derartige Eingebungen von höchster Stelle erweisen sich in doppelter Hinsicht als bedeutsam. Zum einen bezeugt die seit Jahren in der Bundeswehr fortgeschriebene Serie skandalträchtiger "Einzelfälle", die neben Misshandlungen, sexuellen Perversionen jetzt auch die Schändung von Toten umfasst, eine tatsächlich prophetische Gabe des Generals. Zum anderen wird die Bundeswehr seit Ende des Kalten Krieges - das soeben veröffentlichte "Weißbuch der Bundesregierung" dokumentiert es Schwarz auf Weiß - von einer Armee, deren Auftrag ursprünglich auf Abschreckung und Verteidigung lautete, zu einer weltweit kämpfenden Interventionstruppe "transformiert", die sich notfalls auch an völkerrechtswidrigen Angriffskriegen beteiligt. Der vormals hoch gelobte "Staatsbürger in Uniform" gerät unter diesen Umständen zum hinderlichen Anachronismus.

Exemplarisch brachte dies ein Heeresinspekteur wie Generalleutnant Hans-Otto Budde auf den Punkt, als er unumwunden für den Typ des "archaischen Kämpfers" warb, den "wir uns wohl vorstellen müssen als einen Kolonialkrieger, der fern der Heimat bei dieser Existenz in Gefahr steht, nach eigenen Gesetzen zu handeln." Wie jene Kämpfer und Krieger sich in der Realität darstellen, offenbaren die Fotostrecken aus Afghanistan. Gleichwohl besteht der eigentliche Skandal darin, dass in der Armee Platz ist für die zitierte Spezies im Generalsrock, weniger darin, dass einige Landser deren Latrinenparolen allzu wörtlich genommen haben.

Verantwortung für die deutlich zutage tretenden sittlichen Entgleisungen in den Streitkräften trägt freilich auch deren Generalinspekteur Wolfgang Schneiderhan. Der hatte schon zu Zeiten des Irak-Krieges im Frühjahr 2003 die strategische Zielsetzung der so genannten "Transformation der Bundeswehr" in die Worte gefasst: "Wir müssen so etwas anbieten, was die Briten mit den USA im Irak gemacht haben." Im Klartext: Die deutsche Armee müsse bereit und fähig sein, den Vereinigten Staaten auch dann beizustehen, wenn deren imperiale Hybris in Verbrechen gegen das Völkerrecht mündet. Damit zeigte sich Schneiderhan jener rot-grünen Bundesregierung verbunden, die den US-Streitkräften die erbetene Unterstützung für ihre Aggression gegen Bagdad vorbehaltlos gewährt hatte. Das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig fällte später ein so eindeutiges wie vernichtendes Urteil über diese Politik des Völkerrechtsbruchs: "Die Beteiligung an einem völkerrechtlichen Delikt ist selbst ein völkerrechtliches Delikt", hieß es da.

Wenn allerdings von den politischen Eliten dieser Republik fundamentale Normen des Völkerrechts und der Verfassung gebrochen werden und eine bedenkenlos gefolgsbereite Bundeswehrgeneralität demonstriert, dass für die Befehlsgewalt in den Streitkräften geltendes Recht nicht mehr der alleinige Maßstab ist, darf man sich nicht wundern, wenn auch bei einigen unteren Rängen der Militärhierarchie die Dämme brechen.

Wie das angesichts der perversen Selbstinszenierungen seiner Afghanistan-Soldaten medienwirksam vorgetragene Lamento des Generalinspekteurs zu bewerten ist, erschließt ein Blick in die "Weisung für die Ausbildung", die er selbst erst im August erlassen hat. Über die jetzt in aller Munde geführten Themen "Politische Bildung" sowie "Ethisch-moralische Unterrichtung" wird in der brandneuen Ausbildungsweisung kein Wort verloren. Statt dessen legt General Schneiderhan besonderen Wert auf die "körperliche Leistungsfähigkeit" seiner Kämpfer im Flecktarndress - eine Truppe mit gestählten Muskeln, aber ohne Hirn und Herz? Jenem so archaischen wie antiquierten Kämpferkult, der immer mehr um sich zu greifen scheint, hatte einst Wolf Graf von Baudissin ein Konzept der Inneren Führung mit dem Leitbild des demokratischen Staatsbürgers in Uniform entgegengesetzt. Erneut zeigt sich heute, wie Recht er hatte, auf einer "Entmilitarisierung des soldatischen Selbstverständnisses" - sprich: einer Zivilisierung des Militärs - zu bestehen. Völlig unbeeindruckt hiervon haben dieselben Politiker und Generäle, die sich nun scheinheilig über den moralisch entgleisten Landser aus der militärischen Unterschicht erregen, die Armee an jenen Ort geführt, wo sie heute steht: Nur noch Zentimeter entfernt von Abu Ghraib.

Dipl. Päd. Jürgen Rose ist Oberstleutnant der Bundeswehr. Er vertritt in diesem Beitrag nur seine persönlichen Auffassungen.


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00:00 03.11.2006

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