Staatsfeind Nr. 1

Schwarze Minuten Albert Ostermaier besingt auf den Mannheimer Schillertagen Ehre, Außenseitertum und die "Bestie Mensch"

Zumindest eine Gemeinsamkeit hat der Dichter Albert Ostermaier mit dem Dichter Friedrich Schiller: einen gewissen Hang zum Pathos. Während der Ältere eine Ode an die Freude schrieb, verfasste der Nachgeborene kürzlich eine Ode für den Fußballspieler Mehmet Scholl. Das ist löblich, wenngleich thematisch eher eine Treppe tiefer angesiedelt.

Beide Herren waren als Hausautoren beim Mannheimer Nationaltheater unter Vertrag, wo Ostermaier jetzt Schillers Verbrecher aus verlorener Ehre für die Schillertage auffrisiert hat. Und das heißt: dem Alten mal so richtig einen Kick in Richtung großmäuliger Coolness verpassen. Aus Schillers starrsinnigem Wilderer, der den Nebenbuhler erschießt und an der bösen Welt zu Grunde geht (und sich daraus natürlich ein Gewissen macht), wird flugs ein Siebziger-Jahre-Gangster, der Mutters Wirtschaft zum Edelpuff umbauen will, Schulden bei einem Immobilienhai hat und schließlich eben diesen mafiosen Konkurrenten um die Gunst des schönen Hannchens (hier: "Jeanne" - Moreau??) zur Strecke bringt.

Das hat Folgen auch für den Sprachgestus. Wo Schillers Erzählung noch den psychologischen Einzelfall zu didaktischen Zwecken aufbereitete, da gibt sich der an Ernst Toller geschulte Ostermaier mit expressionistisch geblähten Metaphern ganz als Ekstatiker im Hier und Jetzt. Zwar beschreibt auch er raunend die "schwarzen Minuten" (so heißt das Stück) vor jenem Schuss, mit dem man zum Mörder wird und das Schicksal sich wendet, aber bei ihm ist die Sympathie mit den Entrechteten und Beleidigten dominant. Im Programmheft ist nachzulesen, wo Ostermaier sich munitioniert hat: beim französischen Film Noir, vorzugsweise Melville, bei Michel Foucault und aparterweise bei sich selber (Polar heißt der Gedichtband). Aus dem historisch belegten Räuberhauptmann Friedrich Schwan wird also ein Staatsfeind Nr.1, dem nietzscheanisch philosophierenden Pariser Killer und Ausbrecherkönig Jacques Mesrine nachempfunden, der 1979 von der Polizei erschossen wurde. Und aus Schillers Gastwirt Christian Wolf (Mitte des 19.Jahrhunderts von Hermann Kurz übrigens als "Sonnenwirt", Sonnenwirtle in die schwäbische Volksdichtung eingemeindet) wird bei Ostermeier ein sehr heutiger Underdog mit Alain-Delon-Mantel und gegelten Posen. Zwecks besserer Übersicht wird er sogar aufgespalten in zwei Figuren: der ergraute Ältere, Swan, also Schwan, erzählt im Gefängnis innere Monologe, Tagebuchartiges, manchmal auch Schiller-Text; der Jüngere, Loup, also Wolf, agiert die ausweglose Verbrecherkarriere.

In Mannheim laufen alle Mitarbeiter der Schiller-Tage in possierlichen schwarzen T-Shirts mit der Aufschrift "Bestie Mensch" herum - die will man auf dem Festival untersuchen. Also: wie viel Mensch, wie viel Tier sind wir? Regisseur Burkhard C. Kosminki hat da keine Antwort - seine Inszenierung liest sich über weite Strecken wie eine langatmige Familienaufstellung auf schräger Ebene, in der die Figuren brechtisch umeinandergruppiert werden: hier die fordernde Geliebte, die fremdgeht und zur Nutte wird, dort der mafiose Nebenbuhler, den Swan ermordet und der (bei Ostermaier) später den korrupten Richter geben darf; hier die verhärmte Mutter, dort der von Ostermaier ins Stück eingefügte Sturm-und-Drang-Rebell Christian Friedrich Daniel Schubart, der ja auch zwischen Mannheim und Stuttgart im Knast saß, auf dem Hohenasperg.

Von dort ist es dann nicht weit bis Stammheim - jedenfalls ist die Technik-Kabine, von der aus die Aufführung gesteuert wird, wie die Überwachungs-Zentrale des RAF-Gefängnisses eingesetzt. Auch die Fahndungsmethoden sind ganz up to date, Speichelprobe inklusive. Allerdings muss Ostermaier den Abscheu vor der guten Gesellschaft immer wieder mit einer überkandidelten Sprache aufmotzen, die bisweilen in schiefe Bilder kippt und, in der Nachfolge von Jean Genet, die Seligsprechung des Außenseiters betreibt. "Wenn sie meinen Speichel wollen, bekommen sie nur die Spucke ins Gesicht", spricht, oder vielmehr: geifert Swan. "Mein genetischer Fingerabdruck ist ein Labyrinth, in dessen Mitte ein Ungeheuer lacht". Das klingt großartig - aber genetische Fingerabdrücke sind nun mal keine Labyrinthe, und in Ostermaiers Satz lacht höchstens das Ungeheuer des lyrischen Kitsches. Leider sind solche Konstruktionen ziemlich typisch für ihn.

Bei Schiller ist "die Ehre" eindeutig von außen beschnitten: die Gesellschaft stößt den Wilddieb aus, der immer tiefer in den Strudel der Verfehlungen gerät und schließlich zum Mörder und Gang-Chef wird. Bei Ostermaier ist die Verletzung eher eine narzisstische Kränkung - charakteristischerweise jener Kränkung ähnlich, die Islamisten immer beklagen, wenn sie von ihrer verletzten Ehre erzählen. So wird der Gastwirt Friedrich Schwan in Mannheim zuerst zum Ehrenmörder und dann zum Staatsfeind, der sich wollüstig im Bösen, im Verworfenen suhlt. Des Autors Sympathie kann er sich immer gewiss sein.

Die Inszenierung kommt da, mangels emotionaler Möglichkeiten des Ensembles, nicht recht mit: es wirkt alles gestellt und, nun ja, blutleer, obwohl Kosminski seinen Außenseiter zum Volksredner macht und krawallig ins Megaphon bellen lässt. Die inszenatorische Ödnis versucht man durch Wiederbelebung des RAF-Mythos zu übertünchen: Loup, der Outcast, wird in Isolationshaft mit Elektroschocks behandelt und am Ende von einem Wärter ermordet, der ihm die eigenen Tagebuchseiten in den Schlund stopft. Stirbt er gar an der Literatur? Oder stirbt doch eher die Literatur auf dem Theater? Ostermaier will eine Art Friedrich Schiller in Lederjacke sein; die Inszenierung des Burkhard Kosminski dagegen kommt, trotz aller von Alain Delon entliehenen Regenmantel-Coolness, eher im Aschenputtel-Look daher. Diese Mixtur ist nicht gerade explosiv - das Publikum bleibt ermattet zurück.


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00:00 22.06.2007

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