Staatstragendes Amphibium

Sachlich richtig Erhard Schütz outet sich als Sprachflegel und fordert ein Amt für Herfried Münkler
Staatstragendes Amphibium
In Zeiten, in denen ein Teil des Staatsvolkes mit dem Staat auseinandergerät, ist es nicht abwegig, nach Staatserzählungen zu suchen

Foto: imago/Ulli Winkler

Geschichte ist das, was wir aus der Vergangenheit machen. Valentin Groebner ist in die Vergangenheit gereist. „Die Reise an entfernte Orte verspricht, auf geheimnisvolle Weise die Zeit stillzustellen, während man unterwegs ist, und eigene verlorene Lebenszeit wiederzubeschaffen.“ Urlaub ist das Versprechen auf wiedergefundene Zeit, „die Reise in ein Früher, das auf magische Weise konserviert wurde“, so sieht er es – und reist als Mediävist vor allem dem Mittelalter nach. Genauer: historischen Reenactments, wie wir endemischen Sprachflegel es zu nennen pflegen. Die erste Station führt nach Piemont zu den Sacri Monti, wo im Mittelalter die Passionsgeschichte Christi das biblische Geschehen lebensgroß zur Besichtigung bot. An Paris zeigt er, wie zu Zeiten seiner städtebaulich rabiaten Modernisierung (und Boulevardisierung) das romantisierte Mittelalterliche touristischer Kult wurde. Tradition ist nicht schon immer und nach und nach da, sondern unentwegte Dekorationsarbeit. In Sri Lanka, auch der Mediävist bedarf der Ayurveda-Kur, entdeckt er das perfektionierte Paradies, die Kombination von Exotik und mitgebrachter kommunikativer Heimat. Groebner ist nicht nur klug, sondern auch sprachgewandt, das macht sein Buch zu einem intelligenten Vergnügen – selbst wenn er seine Touren etwas einseitig wählt. Denn zum einen tourt man heute auch in die vergangenen Höllen, die des Krieges etwa oder der Lager, zum anderen unternimmt man seit je Reisen in die Zukunft: In der letzten Vergangenheit waren das Chicago und New York, heute sind es Doha, Hongkong, Tokio oder Seoul.

Wohin reisen wir aber, wenn wir in den November ’18 reisen wollen, an den Ursprung der – Weimarer – Republik? Gibt es in Berlin geführte Touren zum Westbalkon des Reichstags und in den Lustgarten vorm Retro-Schloss? Die Münchner November-Ereignisse wurden bereits Anfang des Jahres buchmäßig durchgefeiert, die Berliner scheinen eher unter dem Fluch des Endes zu stehen, alleweil in einer sich aufdrängenden Teleologie der Rutschbahn ins Verderben – düster in den „letzten Winter der Republik“, zu den Totengräbern. Das sind titelbildlich neben Hitler und Goebbels von Papen und von Schleicher. Kommt noch von Hindenburg hinzu. Und los geht es, praktisch Tag für Tag vom 17. November 1932 bis zum ominösen 30. Januar 1933. Aus Erinnerungen von Protagonisten wie betrachtenden Zeitgenossen kompilieren die Autoren einen Parcours durch die letzten Tage der bereits verröchelten Republik, durch kulturelle Events wie politische Verschwörungen. Das ist streckenweise fast so turbulent, wie die Zeit wohl war. Doch fühlt man sich bald weniger unterhalten zugequirlt wie von weiland Wochenschauen. Mag sein, dass es den Zeitgenossen auch so ging. Unsereins hätte gerne auch ein paar Belege gehabt.

Das Mantra, dass Bonn nicht Weimar sei, ist durch die Frage ans Orakel abgelöst, ob aus Berlin wieder Weimar werde. Darauf sucht ein Band über Staatserzählungen nach Antworten. Laut Marxens Einleitung 1859 zu seiner Kritik der politischen Ökonomie, zu der Wilfried Nippel hier einen klugen Aufsatz im Blick auf deren fatale geschichtsphilosophische Fehldeutungen vorlegt, stellt die Menschheit sich nur Aufgaben, die sie lösen kann. Also: Wir schaffen das. In Zeiten, in denen der selbst ernannte „wahre“ Volksteil des Staatsvolks mit dem Staat auseinandergerät, ist es nicht abwegig, nach Staatserzählungen zu suchen, in denen wir die Lösungen erklärt oder gar geschafft bekommen. Nun, die versammelten Beiträge bleiben am Ende eher ehrlich unberaten. Am deutlichsten Wolfgang Schäuble. Dessen prägnanter Aufsatz zum historischen Verhältnis von Staat und Religion seit der Reformation endet damit, dass wir heute vor einer ganz besonderen Herausforderung stehen. Andere Beiträge – alle lesenswert – rekapitulieren den Wandel des Politikbegriffs im 20. Jahrhundert (F.W. Rüb), widmen sich den Rechtsverhältnissen im Krieg (G. Nolte), den Staatserzählungen westdeutscher Zeithistoriker vom Bonn, das nicht Weimar ist, über die Ankunft im Westen und die Hinzukunft der Konsensdiktatur, Sozialstaat als Lösung und in Auflösung (G. Metzler). Dann die Suche nach transnationalen Europaerzählungen (H. Münkler) und die Geschichte der Elitenkritik (Wassermann/Strassenberger). Am Anfang stehen zwei Schlitzohrigkeiten. Steffen Martus demonstriert, dass die beste Staatserzählung ein Märchen ist – das vom Froschkönig oder dem eisernen Heinrich: die Geschichte von Verlässlichkeit, die die Herrschenden den Untertanen schulden, und der Anhänglichkeit, die diese jenen entgegenbringen. Freilich muss, wie die Grimms es taten, das Märchen an die Verhältnisse angeschmiegt werden. Das ist opportun, weil, wie Jürgen Kaube bemerkt, jede politische Entscheidung „eine solche Menge an Nebenfolgen zu gewärtigen“ hat, dass die Frage, worum es eigentlich geht, offen bleibt. Deshalb haben wir Politikberater. Gut beraten sei die Politik, wenn sie gegenüber den Beratern als vertrauensbildende Maßnahme diese institutionalisierte. Mithin: Gebt Herfried Münkler ein Amt! Dann behielte Marx – siehe oben! – am Ende recht!

Info

Retroland. Geschichtstourismus und die Sehnsucht nach dem Authentischen Valentin Groebner S. Fischer 2018, 224 S., 20 €

Die Totengräber – Der letzte Winter der Republik Rüdiger Barth / Hauke Friederichs S. Fischer 2018, 416 S., 24 €

Staatserzählungen – Die Deutschen und ihre politische Ordnung Herfried Münkler, Jürgen Kaube, Wolfgang Schäuble u.a. Rowohlt Berlin 2018, 320 S., 26 €

06:00 05.01.2019

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