Stadt auf Scherben

Kriegskrüppel und Kriegsgewinnler Belgrad drei Jahre nach den Luftangriffen der NATO im Frühjahr 1999

Ein dumpfer Stoß geht durch den Bus, der sich eben noch durch verstopfte Straßen quälte, vorbei an grauen Häuserreihen, spiegelnden Glas-Stahl-Gebäuden und einem zerbombtem Betonsilo; der Bus kommt an den schildkrötenförmigen Hallen des World Trade Center Beograd an. Die Insassen nehmen den dumpfen Stoß gelassen, blicken nicht verwundert, sondern wissend, einige drängeln sogleich zum Ausgang. Ruhig lenkt der Fahrer sein Gefährt an den Straßenrand, die Passagiere strömen heraus, werden wieder zu Passanten. Mein suchender Blick, bis ich den zerplatzten Reifen sehe, macht mich als Fremden kenntlich. Das Gebrauchte, Zerschlissene prägt den Alltag dieser Stadt, in diesem Land - Wirtschaftskrisen, Kriege, Sanktionen zermürben viele, Tausende wandern aus, kehren verheerender Armut und kriminellem Reichtum den Rücken.
Büro türmt sich über Büro - der hochschießende Betonklotz war Parteizentrale der Sozialisten, Schaltzentrale von Slobodan Milosevic, die NATO wollte diesen Zeigefinger der Macht brechen. Ausgebrannt, ausgehöhlt, demoliert erhebt er sich noch immer; ein wirres Drahtgeflecht windet sich auf dem Dach der Hochhausruine. Im Schuttgebirge rings herum balgt und bespringt sich eine Meute herrenloser Straßenköter. Verkehr rauscht mehrspurig vorbei, nah der Ampel bettelt ein junger Einbeiniger. Bei Rot schwingt er sich mit seinen Holzkrücken behende von Auto zu Auto, ab und zu wird eine Zigarette aus dem Fenster gereicht. Dahinter strahlt in der Abendsonne die kubisch geformte Spiegelfassade des neuen HYATT-Hotels, aus dem Männer in Dreiteilern neben Frauen in langen Abendkleinern kommen. Daneben lockt McDonalds. Belgrad ist in hohem Maße unfassbar grau und wandelbar von Augenblick zu Augenblick - eine Stadt auf Scherben. Archäologische Grabungen enthüllen Jahrhunderte von Aufbau und Zerstörung, Besatzung und Kampf. Wegen der strategischen Lage am Zusammenfluss von Donau und Save war dieses Gemeinwesen länger römisch, byzantinisch, bulgarisch, ungarisch und osmanisch beherrscht als serbisch. Dennoch, kaum ein Haus ist älter als 100 Jahre. 40 mal soll Belgrad zerstört worden sein, erstmalig gab der Hunnenkönig Attila einen Vernichtungsbefehl, das war im 5. Jahrhundert, vorläufig letztmalig Hitler am 6. April 1941. Doch dann fielen im Frühjahr 1999 noch einmal Bomben.
In diesen kalten Märztagen denkt man unwillkürlich an Brecht: von diesen Städten wird bleiben: der durch sie hindurchging, der Wind.

Azir Hadzifejzovic ist Gewerkschafter im Motorenwerk 21. Mai. Mit anderen gründete er hier die unabhängige Gewerkschaft Nezavismost, die in vorderster Reihe für den Sturz Milosevics kämpfte. Das Werk ist Vorzeigebetrieb und hat bisher keine Zukunft. Azir, übrigens ein Moslem, erläutert den Niedergang: "5.100 arbeiteten im Jahr 1990 hier - heute sind es um die 2.500." Wir gehen durch riesige, fast menschenleere Hallen - nur vereinzelt transportieren die Förderbänder etwas. Mit einer Schubkarre, so scheint es, wäre es auch getan.
An der Qualität liegt es nicht, was auch kleine Aufträge von Opel beweisen, aber nach Krieg und Sanktionen haben andere ihre Märkte übernommen. Azir: "Früher lebten und produzierten wir besser als unsere italienischen Kollegen, und heute haben die Rumänen mehr Aufträge."
Gesucht wird - wie überall in der Stadt - der "neue Investor". Nach dem eben verabschiedeten Privatisierungsgesetz darf dieser anfangs nur 70 Prozent der Geschäftsanteile haben. 30 Prozent bleiben den Arbeitern. Der Belegschaftsanteil verringert sich jedoch, je länger die Verhandlungen gehen. Auch die Gewerkschafter - obwohl viele der jugoslawischen Arbeiterselbstverwaltung nachtrauern - sind für die Privatisierung.
An glasschneidenden Arbeitern gehen wir vorbei, da bricht Azir mitten im Satz ab, zeigt auf die riesige gläserne Dachkonstruktion. "Alle Scheiben waren gesprungen, als die NATO die Umgebung bombardiert hat. Wir haben bis heute kein Geld, um von einer Glaserei alles reparieren zu lassen. Wir haben uns von Milosevics Polizei schikanieren lassen, dennoch wurden wir bombardiert. Auch die neue Regierung von Djindic übrigens hat schon Polizei gegen Gewerkschafter eingesetzt. Ist das eigentlich im Westen bekannt?" - Ohne auf Antwort zu warten, fährt er mit seinen Erklärungen fort. Wenn die Eigentumsfrage gelöst sei - so hoffe er - werde der neue Besitzer das Werk reorganisieren, vor allem den Weggang von jungen Facharbeitern stoppen. "Gerade die verlassen nicht nur das Unternehmen, sondern oft auch das Land."
Viele Belgrader können weder auswandern noch von den kargen Löhnen leben, so arbeiten sie auf den halb legalen Märkten oder eröffnen einen der vielen, die Straßen verschandelnden Kioske, wo der Verkäufer - eingeschlossen wie ein Gefangener - Zigaretten, Billigspielzeug und Getränke feilbietet. Das Angebot dieser expandierenden Straßenbasare reicht von westlichem Haarshampoo, in Ungarn billig eingekauft, bis zu kopierten Jeans von Levis und selbst gebrannten CDs - Qualität und Nippes, Gebrauchtes und Selbstgemachtes. An den Buchständen liegen Shakespeares Dramen neben Hitlers Mein Kampf. Letzteres herausgegeben vom serbischen Rechtsradikalen Radomir Smiljanic. Che-Guevara-T-Shirts hängen neben solchen mit dem Bild von Radovan Karadzic, der als serbisches Idol gepriesen wird. Schamlose Transformation des alten rigiden Nationalismus in ein Pop-Phänomen?

Milos Nikolic (Jahrgang 1926) lebt in einer kleinen Wohnung, vollgestopft mit Büchern - jugoslawischen, deutschen, englischen, italienischen. In jungen Jahren kämpfte er als Partisan gegen die Nazis. Danach lehrte er jahrzehntelang Philosophie an der Universität von Novi Sad, war Herausgeber der Monatsschrift Socialism in the world (1974 -89), in der er Sozialdemokraten und Kommunisten zusammenbrachte, Dritte-Welt-Theoretiker mit westeuropäischen Linken. Während des blutigen Zerfalls Jugoslawiens arbeitete er als Gastprofessor in Göteborg, Paris, Berlin, York, Mexiko-Stadt. Soeben hat Nikolic sein Buch über den Aufstieg und Fall des Slobodan Milosevic beendet. Es erscheint auf englisch, einen deutschen Verlag hat er auch schon, einen serbischen noch nicht. "Noch immer spielt der Nationalismus eine große Rolle, drängt andere Fragen zurück, allein die Widersprüche bleiben", meint der überzeugte Marxist, der Einwände gegen Premier Djindic hat und ihn dennoch unterstützt, weil er kein Nationalist sei wie Präsident Kostunica, der zu sehr auf Staat und Armee vertraue. Beide seien zwei extrem unterschiedliche Charaktere mit gegensätzlichen Konzeptionen. "Man muss den Unterschied zwischen Kapital und Kapitalismus beachten! Keine kapitalistische Gesellschaft beruht auf der bloßen Logik des Kapitals. Es bedarf der Vermittlung durch die Demokratie. Man kann heute nicht das Kapital direkt angreifen, wir brauchen es für die Modernisierung, aber die Linke sollte die politischen Vermittlungsinstanzen stärken. Vieles, was eine kapitalistische Gesellschaft braucht, geschieht gegen die Logik des Kapitals. Das ist der Widerspruch, und das ist die Chance der Linken - auch in Westeuropa."
Dort sei schon immer über das Kapital modernisiert worden, in Osteuropa dagegen über den Staat. Deshalb spielten im Osten die Intellektuellen eine so große Rolle. Jetzt schlage in Serbien die Stunde für eine westliche Modernisierung. - Er will mir einen dritten großen Raki einschenken. Als ich zögere, fragt er, ob ich lieber Whisky trinken würde.

Das Pulverfass von Dejan Dukovski (Jahrgang 1969), das Stück des Krieges, wurde auch zum Theaterereignis des Nachkrieges. Mittlerweile erfolgreich verfilmt, war es sogar für einen Oscar nominiert. Seit Jahren nehmen die Belgrader Bühnen diese Parabel nicht von ihrem Spielplan. Von der Dramaturgie her lassen sich Anleihen bei Arthur Schnitzlers Reigen kaum übersehen, nur sind bei Dukovski Szenen der Liebe durch Szenen der Gewalt ersetzt.
Slavica Mitrovic, Studentin und Mitarbeiterin der Gewerkschaft Nezavismost, ist empört darüber, dass dieses Stück so völlig ohne Hoffnung sei. Wir gehen an einer schier endlosen Reihe von Mülltonnen vorbei, die mit EU-Flaggen beklebt sind. In einem Behälter kramt ein zerlumpter alter Mann. Slavica meint, die Belgrader, die sich eine Theaterkarte leisten könnten, würden in solchen Stücken den Niedergang genießen - "der Moloch Balkan als Apokalypse ohne Ende". Man brauche sich nur Dukovskis jüngstes Drama Der Balkan ist nicht tot anzusehen, dort erschaffe er eine Welt endloser blinder ethnischer und sexueller Exzesse - diesmal in die Agonie des Osmanischen Reiches projiziert.
"Somit ist der ›Balkan‹ auf dem Balkan selbst ein negativ besetztes Thema, aber generell auf den Anderen anwendbar, der primitiver als ›wir‹ zu sein scheint", schreibt Rada Ivekovic in ihrer Autopsie des Balkans. Ein aufregender Essay, der psycho-politische Tiefenstrukturen offen legen will, die so schwer fassbar sind wie Belgrad in seiner zermürbenden Not und seinem obszönen Reichtum, seiner europäischen und orientalischen Kultur, mit seinen Kriegskrüppeln und Kriegsgewinnlern, den Anti-Westlern und Westlern, die aufeinandertreffen oder sich aus dem Weg gehen.
Manchmal glaubt man, in einer Hafenstadt zu sein. Die zusammenfließenden Wasser der beiden großen Flüsse Donau und Save spiegeln zu manchen Tageszeiten den Himmel, als würde Belgrad am Meer liegen.

00:00 22.03.2002

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