Stadt der toten Augen

Zerborstene Pfeiler L’Aquila pendelt drei Monate nach dem Beben zwischen Hoffnung, Frust und Enttäuschung

Die vom Erdbeben am 6. April schwer gezeichnete Innenstadt von L’Aquila ist zwar noch immer eine an vielen Stellen von Gebirgsjägern in Tarnuniform und mit Federhut bewachte „rote Zone“, die ohne Bewohner auskommt. Doch sieht man vor dem G8-Gipfel wenigstens ein paar Journalisten, die mit Bauarbeiterhelmen geschützt in den von Schuttbergen gesäumten Straßen unterwegs sind, um sich davon zu überzeugen, dass ein solch prächtiges Bauwerk wie die Kirche Santa Maria di Collemaggio zumindest von außen ohne sichtbare Schäden geblieben ist. Ansonsten breitet sich ringsherum die bizarre Kulisse der Fäulnis und des Verfalls. Fensterhöhlen wie tote Augen, kein Duft von frischem Kaffee oder Hörnchen, keine Musik und allenthalben wenig Vertrauen in die Regierung Berlusconi, auch wenn sie den G8-Gipfel nach L’Aquila holt.

„Alles nur Versprechen“, winkt Roberto Simongini ab. „Wir haben noch kein Geld für die Rekonstruktion unseres Hauses erhalten. Niemand hat etwas bekommen, mal abgesehen von denen, die über Beziehungen verfügen.“ Simongini sagt das nicht besonders aufgebracht. Er sei zu oft enttäuscht worden, um noch die Kraft für Zorn und Wut aufzubringen.

Doch kraftlos wirkt der Mittvierziger keineswegs. Er kann immerhin seinen Zeitungsstand weiter führen, der dank des Bebens in eine 1a-Lage geraten ist. Weil die Innenstadt gesperrt bleibt, wird die Peripherie rund um den Kiosk zum urbanen Zentrum. Die Post hat einen mobilen Stand aufgebaut, auf der Baubrache gegenüber wird ein Markt abgehalten. „Es läuft einigermaßen, aber viele alte Kunden kommen nicht mehr, weil sie noch an der Küste oder in den Zeltlagern untergebracht sind. Dafür kommen andere. Es reicht zum Überleben“, meint Simongini, der bis auf weiteres in einem alten Wohnwagen lebt – wie Roberto Paolucci, dessen provisorisches Obdach direkt neben seinem Haus im Vorort Pettino steht.

Vögel in allen Tonlagen

Sein ehemaliges Domizil darf Paolucci nicht betreten, die Kommission für Gebäudesicherheit hat es verboten, doch hält ihn nichts davon ab, in seine einstigen Wohnräume zu gehen, wann er will. Dort jemals wieder einzuziehen, kann er sich nicht vorstellen. „Ich habe Angst, der 6. April kehrt zurück. Während des Bebens fühlte ich mich wie in einer riesigen Waschmaschine. Ein höllischer Krach. Alles flog durcheinander, als befände es sich in einer Schleuder.“ Ihre Mahlzeiten bereiten die Paoluccis in der zur Küche umgewidmeten Garage zu. „Wir leben hier wie in einem Garten Eden“, sagt Roberto vor dem Menü unter freiem Himmel. Tatsächlich könnte hier das Paradies sein. Es ist still, kein Motor dröhnt. Das Gras im Garten ist saftig grün. Rosen und Geranien blühen, Vögel gibt es in allen Tonlagen.

Einige Mehrfamilienhäuser im Quartier der Paoluccis hat das Beben regelrecht amputiert. Stützpfeiler, die einst ganze Stockwerke trugen, sind geborsten und haben die Häuser mehrere Meter in die Tiefe krachen lassen und Garagen samt Fahrzeuge beerdigt. Diese Ruinen müssten allesamt abgerissen werden, bestätigt ein Feuerwehrmann auf Streife. Auch die Bauten hinter dem Garten der Paoluccis würden irgendwann der Abrissbirne weichen.

Ein Viertel der insgesamt 47.130 Gebäude von L‘Aquila sei verloren, weniger als in der ersten Zeit nach dem Desaster befürchtet, meint Giacomo di Pasquale, Koordinator der Kommission, die sich um die Schadensbilanz kümmert. Doch wann die Bürger, deren Häuser als wieder bewohnbar eingestuft sind, wirklich zurückkehren können, weiß auch er nicht.

„Wir haben noch Probleme mit der Gasversorgung, aber das Elektrizitäts- und Wassernetz ist immerhin in Ordnung“, erklärt Polizeipräfekt Gabrielli, im Winter müsse „niemand mehr im Zelt übernachten“. Eine tröstliche Auskunft, denn gewöhnlich schneit es dann in L’Aquila. Am 20. Juni eröffnet Gabrielli die Piazza Duomo wieder für alle Bürger, doch lassen sich mit solch symbolischen Gesten allein die Folgen des Bebens nicht beseitigen. Kommunalpolitiker fordern Nachbesserungen am Hilfspaket. Vor allem die Regel, dass nur Fördersummen für die Rekonstruktion des Erstwohnsitzes ausgegeben werden, bringt Bürger und Bürgermeister in Rage. Für Eigentümer mehrerer Immobilien in der Innenstadt erscheint dadurch ein Wiederaufbau wenig erstrebenswert, so dass der Stadt ein andauernder ruinöser Zustand droht.

Plastikplane mit Frau

Augenblicklich zeichnet sich ein Kampf der vom Beben heimgesuchten Region um die „Ressource“ Schüler ab: „Die Kommunen an der Adriaküste, in denen viele Flüchtlinge untergekommen sind, wollen, dass die Kinder dort im Herbst weiter zur Schule gehen. Sie können damit ihr Lehrpersonal behalten. In L’Aquila müssten hingegen Lehrer entlassen werden“, erzählt Rita Paolucci, die provisorischen Unterricht in einem der Zeltcamps gibt. Ihr Mann Roberto starrt währenddessen auf ein Bild, das er 1991 gemalt hat. Damals war er aus den Abruzzen ins apulische Brindisi gefahren und hatte die Ankunft albanischer Flüchtlinge an der Adriaküste miterlebt. Deren Schicksal hatte ihn so ergriffen, dass er eine unter einer Plastikplane kauernde Frau auf die Leinwand brachte. „Jetzt sind wir in dieser Lage.“

Für wie lange dieser Vergleich berechtigt bleibt, ist ungewiss. In der früheren Schule der Guardia di Finanza, dem Hauptquartier von Rettungskräften und Zivilregierung, munkeln die Soldaten, dass ihnen ihre Ausbildungsstätte frühestens 2014 wieder zur Verfügung stehen könnte. Für so lange zeichnet sich die eine oder andere Form von Krisenverwaltung ab. Der in ihrer Schule ab 8. Juli veranstaltete G8-Gipfel wird dann längst vergessen sein. „Alles nur ein Show-Event, nicht mehr“, meint Roberto Paolucci. „Alles, was L’Aquila hilft, ist gut“, glaubt hingegen ein Feuerwehrmann. „Aber Besuche von Präsidenten und Ministern behindern nur unsere Arbeit.“

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17:28 02.07.2009

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