Stadt der Träume

Würdelos und grandios Dimiter Gotscheffs "Volpone" rief bei der Premiere im Deutschen Theater einen Sturm der Begeisterung und der Entrüstung hervor

William Shakespeare den Spitzenplatz als wichtigster Dramatiker aller Zeiten streitig machen kann wohl nur zweierlei: Erstens die Hypothese, dass es diesen Mann nie gegeben und der Name anderen nur als Pseudonym gedient hat, und zweitens sein Zeitgenosse, Freund und Kollege Ben Jonson.

Beide waren zu ihrer Zeit führende Vertreter eines "Volkstheaters", das in Ermangelung anderer "Medien" der Unterhaltung ebenso diente wie dem politischen Diskurs, in dem sich eine Gesellschaft öffentlich ihrer selbst versicherte - und gegebenenfalls verunsicherte. Anders als Shakespeare, dessen überbordende Fantasie Begründungszusammenhänge verzichtbar machte, hat Jonson die zweite Aufgabe des Theaters stets wichtiger genommen und in seinen Stücken Alltagsmenschen und ihr Verhalten schonungslos seziert. Gut möglich, dass er deshalb seit 400 Jahren im Schlagschatten Shakespeares steht, denn damals wie heute bilden solche Alltagsmenschen nun einmal das Publikum.

Von Jonsons umfangreichem Werk hat es nur Volpone in die Spielpläne der Gegenwart gebracht, eine, so Stefan Zweig, "lieblose Komödie", deren Unversöhnlichkeit schon aus den Namen der Figuren spricht: Volpone ist der Fuchs, der ein höchst makaberes Spiel ausheckt und mit Hilfe seines Dieners Mosca, einer Schmeißfliege, in Szene setzt: Er stellt sich todkrank und verspricht sein üppiges Erbe dem, der es sich durch entsprechende Wohltaten verdient. So überbietet sich die männliche Gesellschaft Venedigs in der Erweisung ihrer Gunst und händigt Volpone willig Schmuck, Geld und selbst die Ehefrau aus.

Durch den roten Vorhang im Deutschen Theater zu Berlin schieben sich zwei Hände, langsam folgen ein Gesicht, ein Oberkörper und schließlich ein Mann im schwarzen Anzug. Auf sein Fingerzeig hin setzt Musik ein, die auf dasselbe unscheinbare Zeichen hin verstummt, wenn er die Rampe erreicht. In die Stille hinein, regungslos und mit verschränkten Händen, lobpreist der Mann Gold und Geld, die sein unheilvoller Plan mehren soll. Mimik und Stimme genügen Samuel Finzi, um Volpones zynische Arroganz herauszuarbeiten und damit zugleich den Grundton für die folgenden gut zwei Stunden zu legen. Denn auch darin ist Jonson unerbittlich, dass sein dichterisches Skalpell niemanden ungeschoren lässt.

Der erste Schnitt erfolgt, sobald Volpone den Anzug abgelegt und sich mit Hilfe Moscas (Wolfram Koch) und allerlei Verbänden zum Sterbenden ummontiert hat. Jetzt erst öffnet sich der Vorhang und legt einen schwarzen Raum frei (Stefan Heyne), in dessen Zentrum ein Wasserbett steht. Im Hintergrund sorgt eine Drehtür für die Verbindung mit Venedig, von einem Chor im Parkett elegisch als "Stadt der Träume" besungen.

Mehr von handfesten ökonomischen Interessen als von Träumen geleitet, kommen die Erbschleicher durch die Drehtür. Der Erste ist der Geier Voltore (Sebastian Blomberg), dessen Geschenk, eine kostbare Etagere, aus dem Bühnenboden auffährt. Dem korrupten Anwalt folgt der Rabe Corbaccio (Margit Bendokat), ein alt gewordener Ehrenmann, der einen Rollstuhl vor sich herschiebt. Kaum auf der Bühne, springt er wie vom Blitz getroffen hinein und mutiert zum senilen Greis, der sich mit Volpone ein Rollstuhlrennen liefert. Der Sack voll Geld, mit dem er sich in beste Erinnerung bringen will, entfällt ihm eher beiläufig. Dritter im Bunde ist die Krähe Corvino (Alexander Simon), ein junger Kaufmann, der seine Eignung als Erbe mit einem Diamantring belegen will. Dass der noch am Finger einer abgehackten Hand steckt, ist keinem eine Erwähnung wert. Schamhaft totgeschwiegen wird hingegen, dass sich Corvino aus Vorfreude auf die Erbschaft in die weiße Anzughose pisst.

Nicht durch die Drehtür, sondern aus dem Parkett kommt schließlich Lady Would-be (Almut Zilcher), eine englische Touristin, deren Ambitionen nicht auf Materielles gerichtet sind. Was diese Frau Möchtegern, so ihr deutscher Name, begehrt, macht ein zehnminütiges Solo überdeutlich, das inhaltlich vulgär und schauspielerisch brillant gerät.

Doch gilt Letzteres für alle Spieler - und vor allem für das Zusammenspiel. Eine Ensembleleistung wie an diesem Abend ist ein rares Gut und vielleicht die größte Leistung des Regisseurs Dimiter Gotscheff. Ein Gutteil seiner Arbeit muss darin bestanden haben, die Spieler zu ermutigen, mit einer ehernen Regel des Theaters zu brechen. Die sieht vor, dass noch den erbärmlichsten Figuren ein Hauch von Würde mitzugeben ist. Nur weil der Abend ihnen das verweigert, kann er die Mechanik bloßlegen, nach der die Figuren - mit ihnen die Gesellschaft funktioniert. Und die ist, auch wenn sie viele Lacher produziert, gnadenlos brutal.

Das zeigt sich am deutlichsten an Cervinos Gattin Celia (Valery Tscheplanowa). Von ihrem Ruf als schönste Frau Italiens angelockt, brennt Volpone darauf, sie zu erobern. Im Stück bedient er sich dafür einer List, die ihn vor ihr Fenster führt. Auf der Bühne kann er sich den Umweg sparen, weil sie am Ende einer gehetzten, verbal-orgiastischen Rede direkt vor ihm steht. Nicht nur hier setzt die Inszenierung geschickt Striche, die die Handlung raffen und zugleich zuspitzen. Denn so stellt der eifersüchtige Corvino Celia zwar zur Rede, doch zu Wort kommen lässt er sie nicht. Erst als er von ihr verlangt, sich um der Erbschaft willen Volpone hinzugeben, entfährt ihr ein Stoßgebet, in dem sie beklagt, dass Scham und Schicklichkeit entflohen seien - "für Geld", setzt sie leise hinzu.

Wofür denn sonst? Denn zwar befreit Corbaccios Sohn Bonario (Alexander Khuon) Celia aus ihrer misslichen Lage, doch treiben ihn nicht hehre Motive, sondern nur die Angst um sein eigenes Erbe in Volpones Haus. Längst hat die Gier nach Gold und Geld alles untergraben, was einst "Grundstein des Lebens" war. Und weil das gesellschaftliche Fundament seit 1605 nicht stärker geworden ist, fällt auch der Schluss 2006 anders als bei Jonson aus. Zwar inszeniert Volpone als Höhepunkt seines makabren Spiels den eigenen Tod, die Strafe der Verbannung bleibt ihm jedoch erspart. Stattdessen tritt der Fuchs als Pfau gekleidet vor den Chor im Parkett. Der dient nun als Gericht, das Volpones Fall zwar verhandelt, aber kein Urteil spricht.

Das übernehmen 3.000 Jahre Geschichte, die in Gestalt von Celia durch die Drehtür treten. In einem champagnerfarbenen Kleid spricht sie die letzten Worte aus Heiner Mülllers Hamletmaschine, in denen sich Ophelia im Namen der geschundenen Elektra zu Wort meldet. Ihr blutiger Racheschwur verebbt im chorischen Gackern der venezianischen Gesellschaft. Doch klangen die tierischen Laute nicht wie die Salve eines Maschinengewehrs?

Nach der Premiere brach im Parkett und auf den Rängen ein Sturm los, in dem sich Begeisterung und Empörung die Waage hielten. Letztere ist sicher damit zu erklären, dass Volpone Alltagsmenschen und ihr Verhalten schonungslos seziert. Und die bilden nun einmal das Publikum. So ist nicht auszuschließen, dass die Inszenierung zum wirtschaftlichen Flop wird: Wen zieht es zum unbekannten, unbequemen Jonson, wenn im selben Haus oder gleich ums Eck Shakespeare als leichte Kost zu haben ist? Künstlerisch gesehen, kommt dieser Volpone jedoch genau zur rechten Zeit: 50 Jahre nach Brechts Tod weist er dem Theater einen Weg, auf dem es im 21. Jahrhundert politisch bleiben kann, ohne sich in Ideologie und Besserwisserei zu verstricken. Und dass die Premiere mit Benno Bessons Tod zusammenfiel, ist deshalb eine so bittere wie tröstliche Koinzidenz.


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00:00 03.03.2006

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