Stadt, Land, Tier

Griechenland Zurück aufs Land, heißt die Devise. Auf vielen Ägäis-Inseln wird mit großem Erfolg die Krise abgewehrt – durch eine konsequente Rückkehr zur Naturalwirtschaft
Stadt, Land, Tier
Foto: Richard Fraunberger

Armenspeisung, Kleiderkollekte, dazu Obdachlose und Bettler, die mittlerweile in Athen fast an jeder Straßenecke stehen – so liest sich normalerweise die Berichterstattung über die Folgen der Krise in diesem Land. Sie bezieht sich fast immer auf Thessaloniki und den Großraum Athen, wo die Hälfte der Bevölkerung lebt. Doch es existiert noch ein anderes Griechenland, in dem es weder Obdachlose noch Bettler gibt – es geht um die pastorale Provinz. Dorthin führen zumeist holprige Straßen, vorbei an windschiefen Strommasten, Ziegen und Schafherden, hinein in Dörfer, aus denen Menschen noch in den achtziger Jahren flüchteten, um in der Großstadt zu finden, was sie auf dem Land vermissten – Wohlstand, Aufstieg, Konsum, ein besseres Leben. Euböa, Griechenlands zweitgrößte Insel mit 220.000 Einwohnern, war ein solcher Ort, den man verlassen wollte.

Pantelis Kalfas, 38 Jahre alt und Vater dreier Kinder, sitzt im verschmierten Monteuranzug auf seinem Gabelstapler und entlädt Rohre für den väterlichen Galvanisierungs-Betrieb. „Seit Monaten kommen wir mit der Arbeit nicht nach“, klagt er. In den Hallen schweißen Arbeiter, steuern Kräne und tauchen riesige Metallrahmen in elektrolytische Bäder. Die vollen Auftragsbücher verdanken die Kalfas einem Staatsprogramm zur Förderung von Fotovoltaik-Anlagen. Die hohen Stromtarife des halbstaatlichen Elektrizitätsversorgers DEI lösten einen Boom aus. Derzeit beschäftigt Pantelis Kalfas 140 Mitarbeiter, 80 mehr als vor der Krise. Viele davon junge Griechen, die nach dem Schulabschluss plötzlich nicht mehr nach Athen wollen, sondern in ihrer Heimatstadt Aliveri bleiben.

Haus, Feld, Oliven

Doch die gute Auftragslage bei Kalfas täuscht. Weil der Elektrizitätsversorger DEI den eingekauften Strom, wenn überhaupt, nur noch verspätet bezahlt, können auch die Fotovoltaik-Unternehmen ihren Aufträgen nur verspätet nachkommen. Das wiederum hat zur Folge, dass die Familie Kalfas Kredite, die sie zum Einkauf von Rohstoffen in Belgien benötigt, nicht termingerecht bedienen kann. Dadurch werden Löhne verspätet ausgezahlt. „Immerhin, noch zirkuliert Geld, noch gibt es Arbeit“, meint Pantelis Kalfas. Nach dem Arbeitstag in seinem Unternehmen fährt er im Pritschenwagen zum Stall, wo er Ziegen, Hasen und Hühner füttert. Mit seiner Frau Panajota baut er zudem Gemüse und Kartoffeln an – sie haben zehn Hektar Land und 200 Olivenbäume. Gut 400 Liter Öl hat die Ernte im Herbst eingebracht. Finanziell sind die Kalfas nicht darauf angewiesen. „Aber es beruhigt zu wissen, dass die Familie im Notfall versorgt ist“, sagt Panajota.

Nahezu alle Einwohner auf Euböa besitzen mindestens Häuser, Land und Olivenhaine. Nahezu jeder ist Selbstversorger. Auch wenn Griechenland kein traditionelles Agrarland mehr ist, spielt Subsistenzwirtschaft bis heute eine Rolle. Mit der Landflucht nach dem Bürgerkrieg in den späten vierziger Jahren verwilderten die Felder. Niemand kümmerte sich mehr um braches Land. Es waren nur wenige, die blieben – Bauern, Handwerker oder Pensionäre – und weiter die Erde pflügten, auf der sie lebten.

Seit Ausbruch der Finanzkrise jedoch gewinnt Naturalwirtschaft wieder an Wert. Wo noch vor drei Jahren Macchia wuchs, stehen heute Gewächshäuser. An Wochenenden fahren manche Athener aufs Land, um ihren Olivenhain, den sie jahrelang vernachlässigt haben, zu pflegen und abzuernten. Es ist, als habe jemand die Zeit zurückgedreht. Man lebt wieder in den siebziger Jahren, als die Felder noch überall bewirtschaftet waren und die Supermärkte noch nicht überquollen von Sonderangeboten ägyptischer Kartoffeln, spanischer Tomaten und holländischer Gurken.

Dimitris Kaskaris (51), Klempner, Elektriker und Betreiber eines Geschäfts in der 400-Seelen-Gemeinde Krieza, hat diesen Winter ein Mutterschaf und drei Lämmer gekauft, obwohl er nie, wie seine Eltern, Schafe halten wollte. Aber seit es mit der Bauwirtschaft und seinem Klempnergeschäft bergab geht, greifen er und seine vierköpfige Familie zu ungewohnten Mitteln. Er steht vor dem Kaffeehaus. Es ist an einem Wochentag gegen 13 Uhr, und das Etablissement ist überfüllt. Kaskaris zuckt mit den Schultern. „Es gibt kaum Arbeit. Sollen die Leute mit Depressionen zu Hause sitzen? Wenigstens geht es uns besser als den Athenern. Keiner hungert, keiner muss auf der Straße schlafen.“

Dimitris Vater Jorgos, gerade 85 Jahre alt geworden, hat jahrzehntelang in den Stollen der Lignit-Minen rund um Aliveri gearbeitet. Er ist fast taub und kann kaum noch gehen. Er sei zufrieden mit seinem Leben, das ihm 1.300 Euro Rente beschert habe. Mit der Pension seiner Frau käme er auf 1.650 Euro pro Monat. Genug, um die Enkelkinder und seinen zweiten, inzwischen arbeitslosen Sohn in Athen zu unterstützen. Wie die meisten auf dem Land haben auch die Kaskaris stets Geld zurückgelegt, wann immer sie konnten. Eine Mentalität, die in der Großstadt – bedingt durch den Lebensstil und materiellen Nachholbedarf der vom Land Zugezogenen – verloren ging. Nirgends ist die Verschuldung privater Haushalte so groß wie in Athen oder Piräus. Kreditkarten, die von den Banken wie Werbebroschüren vergeben wurden, ohne ernsthaft die Zahlungsfähigkeit eines Klienten zu überprüfen, befeuerten den Konsum. Auf dem Land hingegen haben sich Kreditkarten beim Einkauf im Supermarkt kaum je durchgesetzt.

Weide, Schafe, Stall

So geht es Geschäftsinhabern in kleinen Orten besser als in den Metropolen. Keines der gut ein Dutzend Geschäfte in Krieza musste schließen, obwohl alle Eigentümer mit den sinkenden Umsätzen gerade mal die laufenden Kosten decken können. Aber alle Läden sind Familienbetriebe, fast niemand zahlt Miete. In den Kleinstädten dagegen – in Aliveri, Kimi oder Karystos – stehen viele Kleinunternehmen kurz vor dem Aus, egal ob Druckereien, Glasereien oder andere Handwerksbetriebe. Jahrelang haben sie Aufträge für ihre Kommunen erledigt, die bis heute bestenfalls teilweise bezahlt wurden. „Aber die Steuern wollen sie pünktlich haben“, raunt ein Glasermeister. „So treibt der Staat kleine Geschäftsleute an den Rand des Ruins.“

Auch die Viehzüchter auf Euböa klagen. Gestiegene Ausgaben für Futter bei gleichzeitig fallenden Fleischpreisn kappen ihren Gewinn. Aber niemand muss seinen Betrieb schließen. Vasilis Michas (46), ein drahtiger, hoch aufgeschossener Mann aus Drossia, einem Weiler mit 50 Einwohnern, spürt von der Krise „überhaupt nichts“, wie er erzählt. Im Gegenteil, er konnte seinen Reingewinn sogar noch steigern. „Das Erfolgsrezept ist einfach! Eine gute Schafrasse und viel, viel Weideland, um kein Futter kaufen zu müssen.“ Vasilis hat vor acht Jahren 40 Tiere aus Frankreich gekauft, ausnahmslos die Rasse Lacaune, ein robustes, genügsames Milchschaf mit wenig Wolle und einer Leistung von bis zu drei Litern pro Tag. Inzwischen ist die Herde auf 350 Tiere angewachsen. Um sie füttern zu können, hat er 30 Hektar Weideland gepachtet. Das heißt, er muss keinen Mais wie die anderen Züchter kaufen.

Gemolken wird bei Vasilis mit Melkmaschinen, von denen die Bauern behaupten, sie würden das Euter verletzen. Verglichen mit den teils mittelalterlichen Methoden der meisten Viehzüchter auf Euböa, ist Vasilis Michas geradezu ein Revolutionär. „Es könnte den Bauern besser gehen, würden sie endlich aufhören, zu wirtschaften wie ihre Urahnen“, meint er. Man müsse sich eben verändern, seine Frau Maria versuche sich im Moment an der Schneckenzucht. „Sie hofft, die aus Kreta importierten Weinbergschnecken ins Ausland verkaufen zu können. Dazu braucht sie die entsprechenden Papiere vom Finanzamt in Kimi. Doch diese Ämter schließen auf dem Land gerade reihenweise. Nun muss sie in die 80 Kilometer entfernte Inselhauptstadt Chalkida fahren, um sich ihr Formular zu holen.“

Bedingt durch die jüngsten Sparmaßnahmen schließen neuerdings auf der Insel nicht nur Ämter, sondern auch Hospitäler in Karystos, Kimi und Aliveri. Wer sich das Schlüsselbein bricht oder mit einer tiefen Schnittwunde zu kämpfen hat, muss Stunden mit dem Auto fahren, um behandelt zu werden. Ambulanzen gibt es kaum. Nicht eben selten schickt man Patienten weiter nach Athen, weil die nötigen medizinischen Geräte fehlen, um helfen zu können. Seit Jahren schon bringen die Frauen auf Euböa ihre Kinder nur noch in Athener Privatkliniken zur Welt. Wie den Hospitälern ergeht es den Schulen: überall undichte Fenster, in den Toiletten zertrümmerte Waschbecken, dazu Heizungen, die so selten funktionieren, dass sich in den Klassenräumen niemand die Jacke auszieht. Auch an Schulbüchern mangelt es, an Projektoren, intakten Computern, so vielem mehr.

Würde es nach der Spar-Troika aus EU-Kommission, EZB und IWF gehen, würde man vermutlich auch Schulen in Kleinstädten aufgeben. Möglichst für immer. Einer griechischen Zeitung zufolge wurde im Herbst erwogen, die Bewohner aller Inseln mit weniger als 150 Menschen aus Kostengründen umzusiedeln. Ein Sturm der Entrüstung brach los. »Wir sind bereit, uns mit Waffen zu verteidigen«, lautete die Antwort der Insulaner.

Richard Fraunberger berichtet regelmäßig für den Freitag aus Griechenland

 

AUSGABE

Dieser Artikel erschien in Ausgabe 8/13 vom 21.02.20013

09:00 25.02.2013

Kommentare 7