Ulrich Breitbach
09.03.2011 | 11:20

Stadt mit Tunnelblick

Loveparade Sieben Monate nach der Katastrophe ist Duisburg zerissen zwischen dem Wunsch nach Alltag und dem Drang nach Aufklärung. Und die Parteien im Stadtrat? Schweigen sich aus

Zwischen dem Duisburger City-Palais mit seinem Spielkasino und den schicken Geschäften des Forums, über dem sich als Symbol einer aufstrebenden Stadt eine vergoldete Leiter 34 Meter über Dachhöhe erhebt, pulsiert der Einkaufsbetrieb. Zwei Kilometer entfernt haben Unbekannte eine Gedenkstätte improvisiert: Kreuze, Fotos und Grablichter verteilen sich am Fuß jener Rampe, an der am 24. Juli des vergangenen Jahres 21 Menschen starben.

Zwei Szenen, ein Ort. Duisburg ist sieben Monate nach der Katastrophe eine geteilte Stadt. Armin Schneider, Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Duisburg und der politischen Parteinahme unverdächtig, meint, viele seien des Themas überdrüssig, „wollen es nun gut sein lassen“. Ein anderer Teil der Bevölkerung sei aber nach wie vor entsetzt darüber, dass „niemand bereit ist, die politische Verantwortung für die Ereignisse zu übernehmen“. Wer die Verantwortung zu tragen hat, das lässt er offen.

Ketchup überm Anzug

„So lange dieser Oberbürgermeister dran ist, wird es nicht zur Befriedung der Situation kommen“, sagt dagegen Thomas Keuer. Der Verdi-Gewerkschaftssekretär erinnert an eine Personalversammlung der Stadtverwaltung im Dezember. Auf der gab es lauten Protest, als Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) jede Verantwortung für die Loveparade von sich wies. In der Verwaltung ist die Sorge groß, dass untergeordnete Mitarbeiter zur Rechenschaft gezogen werden, die Chefs aber ungeschoren davonkommen.

Das Stadtoberhaupt selbst übt sich derweil in Normalität und wahrt die Contenance, wenn ihm bei einem öffentlichen Auftritt ein empörter Bürger Ketchup über den Anzug kippt. Wo er, wie beim Neujahrsempfang der Stadt, um das Thema nicht herumkommt, ist Peinlichkeit nahe. „Die Tragödie hat uns unvergleichlich weh getan“, hat er da tatsächlich gesagt. So als zähle er höchstpersönlich zu den Opfern und als habe es ihn schlimmer getroffen als alle anderen. „Duisburg muss seinen aufrechten Gang wiederfinden“, so seine Schlussfolgerung. Der Bauunternehmer und Mäzen des Fußballvereins MSV, Hans-Walter Hellmich, sekundierte: „Wir müssen wieder zum Alltag übergehen.“

Hybris und Mutwillen

Genau das will Lothar Evers verhindern. Der Alltag soll die Suche nach Ursachen und politischen wie strafrechtlichen Verantwortlichkeiten nicht unter sich begraben. Deshalb betreibt der Journalist Evers unter docunews.org eine investigative Internet-Plattform, er hat sich akribisch in das verfügbare Loveparade-Material eingearbeitet. An einem „Runden Tisch“ mit ausgewiesenen Experten wie dem früheren Bundesinnenminister Gerhart Baum und Loveparade-Geschädigten hat er unlängst seine Erkenntnisse präsentiert. Folgt man Evers, ergibt sich das Bild einer programmierten Katastrophe, verursacht durch Hybris, Fahrlässigkeit und Mutwillen.

Evers bewies unter anderem eine manipulative Festlegung der Grenzen des Veranstaltungsgeländes. Tunnel und Rampe, die gleichzeitig als einziger regulärer Zu- und Ausgang fungieren sollten, wurden einfach nicht dazu gezählt. Das für Events dieser Art zuständige Baurecht konnte so umgangen werden. Warum war das nötig? Weil ein einziger Zugang, der zudem noch Ausgang sein sollte, allen geltenden Regeln widersprochen hat. Und weil damit „nach den gesetzlichen Bestimmungen die Loveparade nicht genehmigungsfähig war“, schlussfolgert Evers. Er deckte darüber hinaus Widersprüche in der Berechnung der Kapazität des Eingangsbereichs auf. In der Spitze rechnete man, so zeigen Unterlagen, mit bis zu 90.000 Zu- und 55.000 Abgängen in der Stunde. Der Tunnel hatte aber lediglich eine Kapazität von 60.000 Personen in der Stunde. Und schließlich zeigte Evers an Hand von Listen des Veranstalters Lopavent, dass 40 Prozent der gemeldeten Ordner am Veranstaltungstag ihren Dienst nicht antraten.

Drei gravierende, mit Dokumenten untermauerte Umstände, die die Stadt und den Veranstalter der Loveparade schwer belasten, wenn auch die konkrete personelle Zuordnung von Entscheidungen noch nicht möglich ist.

Nirgendwo Bedenken

Am Ausgangspunkt des Desasters habe, so vermutet Evers, eine Stadtspitze, eine damals noch von CDU und FDP gebildete Landesregierung und ein Management der Kulturhauptstadt 2010 gestanden, die ganz hoch hinauswollten. Duisburg und das Ruhrgebiet sollten in der öffentlichen Wahrnehmung endlich das Grau der Montan-Zeit ablegen und sich der lichten Zukunft von Dienstleistung und Tourismus zuwenden. „Duisburg im Zentrum Europas“, hat es CDU-Ordnungsdezernent Wolfgang Rabe am Vortag der Loveparade auf den Punkt gebracht. „Wir haben nicht eine einzige Person gefunden, die während der Vorbereitung der Loveparade Bedenken geäußert hätte“, sagt Lothar Evers und vermutet, dass die übergeordneten Instanzen in Stadt und Land ein Klima schufen, in dem nachgeordnete Behörden und Personen auf der Hand liegende Bedenken nicht zu äußern wagten. Sicher: Nichts ist endgültig bewiesen. Eine journalistische Recherche ist kein rechtskräftiges Urteil. Aber was Evers zutage förderte, muss jeden in der Stadt elektrisieren. Sollte man meinen. Tut es aber nicht. Der „Runde Tisch“ war nur mäßig besucht, die großen Duisburger Parteien nahmen erst gar keine Notiz von ihm. Und der Stadtrat, konstatiert Evers knapp, „ist merkwürdig abgetaucht“.

Dass man bei der Duisburger CDU auf das laufende staatsanwaltschaftliche Ermittlungsverfahren verweist und sich damit der Notwendigkeit weiteren Handelns enthoben wähnt, wundert nicht. Doch auch bei SPD und Grünen wird eine Initiative, die sich auf die neuen Erkenntnisse stützt, nicht erwogen. Selbst Hermann Dierkes, Fraktionsvorsitzender der Linken im Rat, hält es „für fraglich, ob auf der Ratsebene noch etwas möglich ist“.

Thyssenkrupp stiftet das Mahnmal

Schon wahr: Ein Antrag von SPD, Linken und FDP zur Einleitung eines Abwahlverfahrens gegen Sauerland erhielt im Herbst nicht die erforderliche Zweidrittel-Mehrheit. Hat der Rat damit seine Schuldigkeit getan, oder versteht sich in Duisburg „niemand als Opposition“, wie Evers mutmaßt? Grund dafür könnten personelle Verflechtungen sein, etwa die Tatsache, dass der seinerzeit zuständige Baudezernent das SPD-Parteibuch hat. Und der Stadtdirektor das der Grünen, deren Fraktion sich nur zum Teil dem Abwahlantrag anschließen mochte. Vielleicht bremst auch die Tatsache, dass vor einem Jahr alle Fraktionen in einem einstimmigen Ratsbeschluss die Loveparade begrüßten, woran sich heute nur die Linken selbstkritisch erinnern.

Die improvisierte Gedenkstätte an der Rampe zum Loveparade-Gelände soll bald durch ein Mahnmal ersetzt werden. Duisburger Bürger haben dafür Geld gesammelt, die Stadt hat sich nicht beteiligt. Altoberbürgermeister Josef Krings (SPD) hat als Juryvorsitzender zusammen mit Angehörigen von Opfern an der Auswahl eines Entwurfs mitgewirkt. Der Stahlkonzern Thyssenkrupp will das Mahnmal stiften, die von den Bürgern zusammengekratzten 26.300 Euro könnten anderweitig verwendet werden.

Krings war in den letzten Monaten die moralische Instanz, die in der offiziellen Politik der Stadt nicht zu erkennen war. „Ich glaube nicht, dass Normalität ist“, hat er bei der Vorstellung des Mahnmals erklärt. „Die Bevölkerung hat nicht vergessen. Die Appelle aus dem politischen Raum, jetzt nach vorne zu schauen, sind Geschwafel.“

Der Historiker und Journalist Ulrich Breitbach lebt und arbeitet im Ruhrgebiet