Stadt ohne Engel

Bildband Christian Werner zeigt Los Angeles frei von Kitsch und Klischees. Ohne Menschen, ohne Schrift. Die steuert Tom Kummer bei. Eine gute Mischung

Christian Werner hat vor jeder Anreise nach Los Angeles Angst. Angst, wegen des langen Fluges, wegen des Jetlags und des grellen Lichts. Und die Stadt macht ihm Angst, weil der Druck, sich neu erfinden zu müssen, bei jeder Ankunft groß ist. Im Jahr 2015 war er das erste Mal dort, mittlerweile hat er sich neun weitere Male in den Flieger gesetzt, weil ihn die Stadt angefasst hat wie keine andere zuvor, sagt er. Mit der Haltung des Flaneurs hat er sich die Stadt erschlossen, um die 4.000 Fotos sind in dieser Zeit entstanden. 18 Monate hat er das Material gesichtet, Bilder ausgewählt, geordnet und verworfen, jetzt erscheint im Korbinian Verlag sein Buch Los Angeles.

Eigentlich sind es gleich zwei Bücher in einem. Da ist das Fotobuch, 103 Bilder, frei von Kitsch, Klischees und Menschen. Und da ist ein Interviewband von Tom Kummer, fünf Gespräche mit fünf Bewohnern dieser Stadt, voller Erwartbarkeiten, Überheblichkeit und Lebensdruck. Jedes kann für sich stehen, zusammen funktionieren sie wie zwei passende Puzzleteile, sie fügen sich ineinander.

Tom Kummer ist der Schweizer Journalist, der lange vor dem Spiegel-Redakteur Claas Relotius wegen Fälschungen einen Medienskandal ausgelöst hat. Damals, im Jahr 2000, kam heraus, dass Kummer Interviews mit Hollywoodstars gefälscht hatte. Er montierte oder erfand gleich ganz, etwa Gespräche mit Brad Pitt und Pamela Anderson. Wie jetzt bei Relotius, der Reportagen aus Kriegsgebieten wie Kurzgeschichten behandelte, hätte schon früher auffallen können, dass Ereignisse, Personen und Worte immer etwas zu gut saßen. Jetzt sollte Kummer tatsächlich Interviews erfinden, und viel besser hätte er sie sich erneut nicht ausdenken können.

Dieses Mal lässt er nicht Hollywoodstars sprechen, sondern Menschen, die als Dienstleister das System Hollywood aufrechterhalten. Jorge ist Limousinenfahrer, Dr. John ist Life Coach, Julie Kay fliegt Polizeihubschrauber, Kim ist die Tochter einer Star-Stylistin und Tomas ist Paddle-Tennis-Trainer. Sie hauchen den Bildern von Christian Werner das Leben ein, das ihnen durch die Abwesenheit der Menschen abhandenkommt, sie sind es, die Los Angeles so gesehen haben könnten.

Jorge, der Limousinenfahrer, sitzt täglich durchschnittlich zehn Stunden in seinem Wagen, sechs davon verbringt er wartend. Er schaut aus dem Fenster. Was er da sehe, fragt ihn der Reporter. „Was man halt so sieht, wenn man durch die Windschutzscheibe glotzt. (...) Kleine Details, die mir sonst niemals auffallen würden. Es gibt viel zu sehen in Los Angeles.“

In der Stadt kennt Jorge sich gut aus, deshalb bleibt ihm im Straßenverkehr viel Zeit für Beobachtungen, er glaubt, ein Talent entwickelt zu haben, das er dem Reporter beschreibt: „Mir fallen in der Außenwelt Dinge auf, die sonst den Leuten, meinen Freunden und Familienmitgliedern nicht so auffallen. Farben, Formen, Bewegungen, Objekte.“ Beim Fotografieren hat sich Christian Werner selbst Regeln auferlegt, um Klischees, um den Blick des Touristen von vornherein auszuklammern. Ihm fallen als Fotograf die Dinge auf, die banal und trist daherkommen. Plastikgeschirr, die eingedellte Beifahrertür eines Sportwagens, in Plastik eingewickeltes Obst, von Wänden und Autos abblätternde Farbe, Staubsauger für den Pool.

Eine Regel lautete: kein Bild mit Schrift. Auch wegen des berühmten Schriftzuges in den Hollywood Hills. Von Beginn an war er skeptisch: Was kann man, was kann er überhaupt selbst noch zu Los Angeles machen? Ein Blick in das soziale Fotonetzwerk Instagram genügt, Los Angeles ist im Ranking unter den Top 10 der meistfotografierten Städte der Welt. Warum also überhaupt den Versuch unternehmen?

Überraschung! Reingelegt!

Los Angeles ist symbolisch aufgeladen wie kaum eine andere Stadt. In Los Angeles lässt sich der amerikanische Traum verwirklichen, hier kann der Traum aber genauso schnell zum Albtraum werden. Werner nutzt die Stadt als Kulisse für ein Gedankenspiel: Wie sieht das Ende der westlichen Zivilisation aus?

Nüchtern und sachlich breitet er sein Schreckensszenario aus, er konzentriert sich auf Stillleben und Oberflächen, auf Natur in der Stadt und die Stadt in der Natur. Werner bewegt sich zwischen der amerikanischen New Color Photography der 1970er von William Eggleston und Stephen Shore und dystopischen Filmen und Serien wie The Walking Dead und Bird Box. Das Angenehme: Bei Werner brennt nichts, keiner rennt und schreit und stirbt, weil einfach niemand mehr da ist. Er setzt nicht auf Spektakel und Panik, er seziert Los Angeles wie einen Tatort, distanziert und unbeteiligt. Vielleicht passt hier, was Walter Benjamin über Eugène Atget, auch so ein Flaneur, schrieb. Der habe die Pariser Straßen um 1900 in ihren menschenleeren Aspekten wie einen Tatort festgehalten und so der Fotografie ihren Kultwert ausgetrieben.

Beim Blättern stellt sich schnell ein Gefühl der Beklemmung ein, das erst verschwindet, wenn der Fotograf Werner an den Autor Kummer übergibt. Der wirkt nun, als würde er aus einem Karton hüpfen und rufen: „Überraschung! Reingelegt! Wir feiern!“ Und dann ist plötzlich alles wie immer. Dr. John, der Life Coach und Heilsbringer aus Santa Monica, kümmert sich um die Schönen und Reichen, die nicht alleine sein können, die nach Mitteln suchen, Stress und Lebensdruck abzubauen. „Das ist alles, was sie obsessiv interessiert“, sagt er. „Sie brauchen jemanden, der sie von ihrem Hirndreck säubert.“

Und das ist natürlich er, er verordnet Schlaf oder verschreibt Marihuana, die Psychopharmaka lässt er unter den Tisch fallen. Wie er seinen inneren Frieden findet, will der Reporter von ihm wissen. Er antwortet unter anderem: „Ich starre manchmal einfach auf die Pooloberfläche. Dort bewegt sich mein Poolstaubsauger. Sein Anblick beruhigt mich.“ Den stellt er übrigens nie ab, weil er keinen Dreck im Pool mag.

Das Buch endet auf der Rückseite mit noch einem Foto von einem Säuberungsroboter in einem Pool. Aber natürlich sind es nicht der Schmutz und der Dreck, sondern der absurde Konsum, worüber geredet werden müsste. Am nicht ganz so zaghaften Fingerzeig könnte man sich bei diesem Buch über Los Angelesvielleicht stören, aber nun gut, es stimmt ja.

Info

Los Angeles Christian Werner Mit Interviews von Tom Kummer, Korbinian 2019, 144 S., 30 €

06:00 05.03.2019
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