Stadt, Strand, Sünde

Krimi „Suburra. Schwarzes Herz von Rom“ klingt düster, ist düster und liest sich unbehaglich leicht
Thomas Wörtche | Ausgabe 10/2015

Rom, Sommer bis Winter 2011, Eurokrise, Berlusconi dämmert, und mit ihm sein ganzes Netzwerk aus Korruption, Gier und Medienmacht. Wenn er fällt, dann werden die Karten neu gemischt werden, die Verteilungskämpfe im Staat und in der Stadt Rom beginnen. Das ist die Ausgangslage von Giancarlo De Cataldos neuem Roman Suburra. Schwarzes Herz von Rom, den er zusammen mit dem Journalisten und Drehbuchautor Carlo Bonini verfasst hat. De Cataldo, im bürgerlichen Beruf Richter, ist einer der besten Köpfe der italienischen Kriminalliteratur, berühmt geworden durch das großartige Buch Romanzo Criminale. Bonini ist der Chronist der Suburra und der einschlägigen Gegenden von Rom, um die es im Roman geht.

Die Suburra ist Roms zentral gelegenes Unterweltsviertel, das antike subura, das wir in Petronius Arbiters Satyricon, bei Juvenal und Martial und anderen Autoren der Zeit erwähnt finden. Damals wie heute ist die Suburra Schnittstelle zwischen dem offiziellen und dem inoffiziellen Rom, dort, wo die Deals ausgehandelt werden, wer welche profitträchtigen legalen, halblegalen oder illegalen Geschäfte und Aktivitäten in welchem Viertel durchziehen darf, ohne allzu große Reibungsverluste bei Revierkriegen. Alle spielen mit: Politiker, Richter, Staatsanwälte, Polizisten, hohe Kirchenmänner, die lokalen Repräsentanten von Mafia, Camorra und ’Ndrangheta, einheimische Banden, Kredithaie, Dealer, Menschenhändler, Zuhälter, Medienleute, Militärs. Die herrschende und die kriminelle Klasse bilden eine ziemlich große und ziemlich widerwärtige Schnittmenge.

Sie sind alle gerade ein bisschen nervös, denn bevor die Berlusconi-Blase platzt, will man noch einen Gigadeal unter Dach und Fach bringen. Unter dem Vorwand „sozialer Wohnungsbau“, aber natürlich nur zu Nutz und Frommen des Profits der Investoren, soll Roms seaside, also die Gegend um Ostia, in eine riesige Betonwüste verwandelt werden. Ein Gigadeal, Einzelinteressen wie persönliche Fehden, Hegemonialkämpfe innerhalb einzelner Organisationen, Revierkämpfe um Drogen, Bordelle und andere Einkommensquellen sollten eigentlich gegenüber dem Big Business zurückstehen.

Einfach nur Polizeiarbeit

De Cataldo und Bonini erfinden eine Figur namens Samurai, einen hochintelligenten Machiavellisten, der aus dem faschistischen Milieu kommt, sich aber mit allerlei Japonaiserien, prätentiösen Zensprüchen und knallharten Tötungsmethoden zum heimlichen Paten aufschwingen möchte, der die Fäden in der Hand hält. Eine Figur, die bizarr, lächerlich und furchteinflößend ist – und ein parodistischer Reflex auf die von Alain Delon ikonografierte Samurai-Figur in Jean-Pierre Melvilles gleichnamigem Film. Samurais direkter Gegenspieler, der Polizist Marco Malatesta, hat denselben politischen Hintergrund und die Affinität zur Roma (also zum AS Rom), kann aber angesichts der neuen ideologischen Unübersichtlichkeit in Italien nichts mehr mit den Begriffen „links“ und „rechts“ anfangen und möchte eigentlich nur gute Polizeiarbeit machen.

Weder kann Samurai die diversen Banden und Clans daran hindern, sich gegenseitig hinmetzeln, noch kann Malatesta mit rechtsstaatlichen Mitteln gegen das Töten, gegen die tägliche Gewalt, gegen den brutalen Rassismus und Sexismus auf den Straßen irgendetwas Entscheidendes unternehmen. Trotzdem werden die beiden sich nicht verbünden, sie werden nicht gemeinsame Sache machen. Das wäre zwar eine naheliegende Konstellation, die die beiden Autoren aber bewusst vermeiden, um sehr komplexe Situationen nicht als Kompromiss zwischen Gut und Böse didaktisch aufzulösen. Sie dirigieren souverän ein riesiges Figurenensemble, switchen geschickt und schnell zwischen Panorama und Nahaufnahme. Und sie vergessen vor allem nicht, dass sie kein Sachbuch über das organisierte Verbrechen in Rom schreiben, sondern dass sie mit den Mitteln eines Thrillers sehr genau die Befindlichkeit einer heillos zerrütteten Gesellschaft erfassen können, deren „tausendjährige Ansteckung“ zu einer „nicht rückgängig zu machenden genetischen Mutation“ geworden ist – wobei die Ansteckung, wenn wir sie schon im Satyricon finden, mindestens doppelt so alt ist.

Samurai und Malatesta agieren in einer Welt, die von Brutalität und Gewalt dominiert ist, von Ausbeutung, Menschenhandel und Sklaverei, von Gleichgültigkeit, Abstumpfung und Gier, von Zynismus und Bedürfnisbefriedigung zu jedem Preis. Und es ist, sosehr die „Unterwelt“ eine Rolle spielt, keine andere Welt, sondern die, in der wir leben. Das „Schwarze Herz von Rom“ mit seiner sozialpatriotischen Rhetorik und seinem scheindemokratischen Pathos ist nicht nur Metapher. Die Szenerie ist das Spielfeld für einen knallharten Gangster- und Polizeiroman, der zugleich ein brillanter politischer Kriminalroman ist, der mit seiner Action, seinen Figuren und Figurenkonstellationen, mit seinen Plots und Subplots das reale Spiel der Kräfte sichtbar macht. Nackt und blutig, auf den Punkt gebracht, atemberaubend dynamisch und unterhaltend auch. Und mit ein paar Spuren Menschlichkeit, Anstand, Empathie, Courage und Liebe, die sich Literatur leisten soll und kann (schließlich impliziert Literatur zumindest einen Hauch von Utopie).

Suburra ist ein weiterer Beleg für die unbehagliche Vermutung, dass Gesellschaften im Krisenmodus die bessere, seriösere Kriminalliteratur hervorbringen als allzu saturierte.

Info

Suburra. Schwarzes Herz von Rom Giancarlo De Cataldo, Carlo Bonini Karin Fleischanderl (Übers.), Folio 2015, 415 S., 22,90 €

06:00 10.03.2015

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