Städte in der Marsch, voran!

Kommentar Globale Klimapolitik darf nicht nur der großen Politik überlassen bleiben

Als ich im Dezember 2006 mit dem Hubschrauber über die größten Gletscher in den Alpen im Berner Oberland flog, war ich geschockt: Überall Zerfall. Selbst jetzt, im Winter war bis etwa 2.000 Meter Höhe kein Neuschnee gefallen, so dass die Sterbenden noch immer nackt da lagen. Auf dem unteren Grindelwald-Gletscher in circa 1.500 Meter Höhe gelandet, sah ich, dass kleine Schmelzwasserbächlein der nächsten Spalte zuflossen, und der seit August 2005 mitten im Gletscher entstandene See das Tal der Lütschine bedrohte. Der den Kanton Bern beratende Geologe malte uns nüchtern die im See schlummernden Gefahren aus.

Aber von den Emotionen zurück zur Physik. Geht man davon aus, dass eine Temperaturzunahme von nur einem Grad Celsius die Schneefallgrenze um circa 150 Meter anhebt und die Winter in den Alpen seit 1900 um ein bis zwei Grad wärmer geworden sind, fehlt den unteren Lagen der großen Gletscher ein Teil der Winterschneeauflage, die sie bis in den Sommer hinein vor Abschmelzung schützte. Da die wärmeren und trockeneren Sommer außerdem keinen neuen Schneeschutz bringen, schwindet die Eismasse seit 25 Jahren immer rascher. Auf die gesamte Gletscherfläche umgerechnet, hat allein der heiße Sommer 2003 in der Schweiz zu drei Meter Eisverlust geführt. Selbst wenn es nicht wärmer würde, gingen die großen Alpengletscher weiter zurück und viele der kleineren Gletscher verschwänden. Und da die globale Erwärmung auch bei verstärkter Klimaschutzpolitik programmiert ist, werden noch vor 2100 die Alpengipfel unter 3.500 Meter überwiegend gletscherfrei sein.

Viele Menschen haben jedoch weit existenziellere Sorgen mit dem Klimawandel als Skitouristen und Bergsteiger in den Alpen. Erste Inselstaaten gehen unter; Kleinbauern in den semi-ariden Tropen und Subtropen verlieren Teile ihrer Ernte und viele müssen fliehen; den Wäldern machen die heißen und trockenen Sommer zu schaffen; viele Tier- und Pflanzenarten sterben aus, weil ihre Lebensräume wie das sommerliche Meer-Eis verschwinden oder sich Trockensavannen in Halbwüsten wandeln.

Wir stecken, daran lassen die Klimaberichte keinen Zweifel, mitten im Klimawandel, den überwiegend der Mensch, und zwar durch Verbrennen, verursacht hat. In einem Jahr verjubeln wir, meist in den Industrieländern, in Motoren, Industrieanlagen und Wohnungen, was in einer Million Jahren als Kohle, Erdöl und Erdgas gespeichert wurde, und machen dabei die Atmosphäre zur Müllhalde. Aber auch vieles, was an der Erdoberfläche wuchs, zünden wir an, vor allem in Entwicklungsländern. Also wissen wir genau, was zu tun wäre: Weniger verbrennen und erneuerbare Energieträger nutzen.

Warum geht das nicht ausreichend schnell? Weil viele am Raubbau natürlicher Ressourcen sehr gut verdienen, wie beispielsweise die Automobilindustrie und die Mineralölhändler. Der anthropogene Klimawandel, erklärte Sir Nicholas Stern 2006 in seinem Bericht an die britische Regierung, ist das größte bekannte Marktversagen. In anderen Worten: Solange die Emission von Treibhausgasen nichts oder fast nichts kostet, wird sich Wesentliches nicht ändern. Deswegen sind der Emissionshandel der Europäischen Union seit 2005 und die Festlegungen des Kyoto-Protokolls das bislang vernünftigste Handeln - allerdings mit der Angst befrachtet, im Wettbewerb gegenüber jenen zu verlieren, die sich der Verpflichtung noch entziehen. Deshalb hat auch die deutsche Regierung energieintensive Energien zum Teil ausgenommen.

Globaler Klimaschutz hat bis 2009 drei Dinge anzupacken. Den erneuerbaren Energien, voran der Sonnenenergie, ist Vorrang einzuräumen. Die nach wie vor 300 Milliarden Euro betragenden Subventionen für fossile Energieträger müssen möglichst bald abgebaut werden, so dass sich der CO2-Ausstoß verteuert. Und neben den Industrieländern müssen die Schwellenländer in die Reduktionsverpflichtungen integriert werden. Soll das EU-Ziel, die Erwärmung im 21. Jahrhundert im Vergleich zum Beginn der Industrialisierung unter zwei Grad zu halten, erreicht werden, muss bis 2050 die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen weggespart und müssen die Industrienationen aus den fossilen Brennstoffen ausgestiegen sein.

Da Klimaschutz weit billiger ist als die Anpassungskosten, die häufigere und neue Wetterextreme ohne Klimaschutz mit sich bringen, wäre weiteres Zögern auch unverständlich. Das setzt eine gemeinsame EU-Führung voraus, ohne die das Abschmelzen großer Teile des grönländischen Inland-Eises in den kommenden Jahrhunderten wahrscheinlich nicht mehr zu verhindern ist. Vor allem die Städte in Marschniederungen sollten in einer weltweiten Allianz Druck auf ihre Regierungen ausüben, sich für effektiven Klimaschutz einzusetzen und selbst beispielhaft voranzugehen.


Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe, ehemaliger Direktor des UN-Weltklima-Forschungsprogramms


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00:00 09.03.2007

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