Stadtleben

Kehrseite Vier Mal in der Woche kommt der Müll in ihre Träume. Die Männer greifen das ganze Haus ab. Einer von ihnen legt seine Hand auf das Klingelbrett und ...

Vier Mal in der Woche kommt der Müll in ihre Träume. Die Männer greifen das ganze Haus ab. Einer von ihnen legt seine Hand auf das Klingelbrett und brüllt dabei: Müllabfuhr.

Und wenn jemand die Tür öffnet: Danke.

Dann ist sie wach und bewegt vorsichtig das rechte Bein. Der Teufel soll euch holen und alle Ärzte dazu, sagt sie. Vier Mal in der Woche. Mit 76 hat man Schmerzen in der Hüfte und Gewohnheiten. Sonst halten die Leute einen für verrückt.

Sie stellt das linke Bein auf den Boden.

Päckchen, schreit der Postbote und arbeitet sich im Hausflur mit den Augen nach oben. Scheiße, sagt er und stellt den rechten Fuß auf die erste Stufe. Es riecht nach alten Leuten, und ich bin der Postbote mit lauter guten Nachrichten. Päckchen, ruft er resigniert und nimmt die zweite Stufe. Ganz oben wohnen die Krankheiten. Ab fünfzig Stufen aufwärts. Arthrose, Sklerose, künstliche Hüftgelenke, Rheuma, Herz-Kreislaufschwächen, Taubheit, Demenz.

Kommen Sie ruhig rauf junger Mann, zittert eine Stimme.

Ah, sagt der Postbote. Ich komme, ruft er.

Vorsichtig packt der Bestattungsunternehmer einen Karton aus. Grottengrün, genau wie es die Leute mögen. Graue Asche in grottengrünen Urnen. 300 Euro das Stück, aber das ist denen einerlei. Ins Fenster damit, ohne Preisschild. Preise werden erst später genannt. Schrill klingelt die Straßenbahn einen Radfahrer von der Piste. Uhmf, stöhnt der Mann und lässt die Urne fallen. Auf den Fuß. Sie rollt ein Stück nach links. Der Radfahrer weicht aus. Auf zwei Wagen verteilt rast "Wohnen im Grünen, wohnen bei uns" an ihm vorbei. Eine vollbesetzte Angebotsstraßenbahn. Der Mann setzt sich und zieht den Schuh aus. Den Strumpf hinterher. Darunter kommt rot und geschwollen sein Fuß zum Vorschein. Ein Schulanfänger mit knallgelbem ADAC-Basecap bleibt vor dem Schaufenster stehen und sieht zu, wie der Mann vorsichtig seine Zehen bewegt. Dann hüpft er auf und davon wie ein Softtennisball.

Ihre Hüfte hat es bis zur Küche geschafft und keinen Schritt weiter. Aber es ist Einkaufstag. H-Milch, schreibt sie auf einen karierten Zettel, Brot, Rama, Kaffee, Eier, Kartoffeln. Die werden mir den Rest geben, die Kartoffeln. Schaff ich noch aus dem Laden und bis zur Haustür, aber nicht rauf. Muss ich wieder parterre bei diesem Pinsel klingeln und mich taub und blöd stellen, damit er mich anschreien kann: Na Oma, sind die Kinder nicht zum Einkaufen gekommen? Muss ich wieder Ne, Ne sagen und dumm grinsen und ihm die Hand tätscheln, weil er sich Omas so vorstellt. Dass sie einen Hüftschaden haben und dumm grinsen und immer das Gleiche erzählen und vergessen haben, was ein Mann in der Hose hat. In den meisten Fällen Schiss, kichert sie laut gegen die Küchenwand.

57 Stufen, murmelt der Postbote, kann noch nicht todkrank sein. Quelle, sagt er in das runzlige Gesicht an der Tür. Ein Päckchen von Quelle für Sie. Hier unterschreiben bitte. Ach, knarrt das faltige Wesen, kommen Sie rein, muss gucken, ob es das Richtige ist.

Diesmal bestimmt. Ist doch der fünfte Versuch. Muss richtig sein, so viel Fehler kann Quelle nicht machen.

Gucken, sagt die Schrumplige bockig. Er folgt in die Küche. Sie reißt das Papier auf. Er setzt sich auf einen Stuhl. Sie holt die Brille. Er schaut aus dem Fenster. Sie liest die Rechnung. Er seufzt und schielt. Sie schiebt das Papier beiseite. Er schließt die Augen. Ein hellblaues Negligé mit rosaroten Rosen drauf.

Ne, sagt sie. Ist nicht das Richtige.

Mann, Mann, Mann, flüstert der Postbote. Das glaub ich ja nun auch. Was bestellen Sie denn immer für ein Zeug?

Müssen Sie noch mal kommen, krächzt das Wesen. Bin immer da. Nur klingeln. Wollnse Kaffee?

Muss weiter, sagt der Postbote. Eine Treppe höher, lügt er. Zu dem Hüftschaden, denkt er. Packen Sie es wieder ein und hier unterschreiben. Was sollte denn drin sein, im Päckchen? Die blassen Augeninseln im Faltengesicht werden leer. Nageln ihn an die Wand.

Ist schon gut. Ist doch egal, was drin sein sollte. Hauptsache, ich komm klingeln. 57 Stufen. Bin ja wohl der einzige, der kommt.

Ein bisschen Buchführung kann der Mann mit dem kaputten Fuß machen. Gleich vorn im Beratungsraum. Von da sieht er die Straßenbahnen und die potenziellen Kunden. Jeder ist potenzieller Kunde.

Ich bin der Platzhirsch unter den Dienstleistern, skandiert der Bestattungsunternehmer leise und wippt mit dem gesunden Fuß. Er schaltet den Computer an. Die Tür geht auf und wieder zu.

Tach, sagt der Postbote. Bist heute der letzte in meiner Runde. Feierabend. Zwei Sendungen nur. Klein und fein. Vielleicht ein himmelblaues Negligé mit rosaroten Rosen drauf?

Bei mir darfst du nur sterben, nicht verrückt werden, sagt der Bestattungsunternehmer. Kaffee?

Jaha, trillert der Postbote. Wenn du nichts zu tun hast. Ich war gerade bei einer potentiellen Kundin von dir. 57 Stufen über der Erde. Aber niemand wird kommen und dich fragen, ob du sie beerdigen kannst. Nur Quelle und ich wissen, dass sie noch lebt.

Setz dich, sagt der Bestattungsunternehmer und hör auf zu zappeln. Guck raus. Was siehst du da?

Menschen, zwitschert der Postbote und knallt seine leere Tasche auf den Boden. Autos, Straßenbahnen, kleine hüpfende Nervensägen mit ADAC-Käppchen auf dem Kopf, Müllfahrer, die so intellektuell aussehen, wie die Werbung es verspricht, schon wieder ein Ausverkauf gegenüber, du bringst dem Mittelstand kein Glück mein Lieber, ah, eine schöne junge blonde Maid, zwei alte Tratschweiber. Was willst du wissen, wenn du durch meine Augen siehst, du Philosoph des Todes?

Man muss Geduld haben. Man muss warten können, sagt der Bestattungsunternehmer. Die Konkurrenz ist groß, aber der Tod ist größer. Ich kann nichts tun für mein Geschäft. Nur warten bis sie kommen.

Was hast du gestern gelesen, fragt der Postbote, dass es so menschelt in deinem Kopf. Deine Visitenkarten liegen in allen Krankenhäusern dieser Stadt. Das nenn ich warten. Wir könnten einen Vertrag schließen, wir beide. Ich sage dir, wo der Sensenmann vor der Tür steht und du steckst deine Kärtchen in die Briefkästen.

Bin ich ein Zyniker wie du, fragt der Bestattungsunternehmer.

Zu dir kommen die Kranken erst, wenn sie tot sind. Mir leiden sie vor den Augen und reißen ihre Betriebskostenabrechnungen mit dieser Hoffnung im Blick auf. Könnte ja eine persönliche Ansprache sein, ein an sie adressierter Brief. Und immer treff ich sie schon unten an den Briefkästen. Wenn sie laufen können. Guten Tag, sagen sie und haben Sie was für mich, fragen sie. Krieg ich so ein idiotisches Zwitschern in die Stimme. Vielleicht morgen Frau ..., sag ich. Kann mir die Namen nicht merken, nur die Krankheiten.

Geh aufs Land, sagt der Bestattungsunternehmer, da stehen sie ebenerdig hinter den Fenstern, um auf dich zu warten.

Bin ein Stadtmensch, knurrt der Postbote. Und in die Dachgeschosse zieht die Jugend ein. Können Arteriosklerose nicht buchstabieren und kaufen nicht bei Quelle. Hab ich bald keine Last mehr, wenn du die Alten alle beerdigt hast.

68 Stufen nach unten hat sie gut geschafft. Es gibt einen Trick, das Bein seitlich wegzurollen beim Treppensteigen. Funktioniert prächtig. Portemonnaie in der Manteltasche. Ist sicherer. Zettel vergessen, aber bitte, H-Milch, Brot, Rama, Kaffee, Eier, Kartoffeln. Für Alzheimer bin ich schon zu alt. Eine Fernsehzeitung für die Alte unter ihr. Schafft die Treppen gar nicht mehr. Hatte Besuch vom Postboten, sagt sie. Na wer´s glaubt. Der wird Besseres zu tun haben, als so ne verwirrte Alte zu besuchen.

Höllenlärm auf der Straße, kleine Wuselwesen mit gelben Käppchen auf dem Kopf. Schulanfang, murmelt sie und umkreist mit dem rechten Bein einen Haufen Hundescheiße. Könnte die Kartoffeln morgen kaufen. Wäre ein denkbarer Kompromiss. Ess ich heute Abend Reste aus dem Kühlfach. Sind noch zwei eingefrorene Mahlzeiten drin. Und kaufe morgen Kartoffeln. Bitte. Wer sagts denn. Alter ist kreativ.

Auf`m Land, sagt der Bestattungsunternehmer, ist unsereins noch eine Institution. Wenn wir durchs Dorf fahren, grüßen die Leute. Und sie wissen auch immer, wohin wir fahren. Da machen sie noch richtig große Beerdigungen. Geben den Jugendlichen ein paar Mark in die Hand, damit der Trauerzug größer wird, wenn´s sein muss. Kochen und backen, mieten die Dorfkneipe und tragen Schwarz. Sind sich zum Heulen nicht zu fein und jeder hat was über den Toten zu erzählen. Ich sag´s dir. Jeder. Hier hab ich letzte Woche allein rumgestanden. Der einzige Anverwandte stand im Stau. Hatte alles telefonisch organisiert. Einfacher Sarg, keine Rede, haltbarer Kranz. So ein Ding, das sie noch in tausend Jahren finden würden, wenn sie danach suchten. In tiefer Trauer steht auf der Schleife. Dafür werden sie uns aus der Umlaufbahn schmeißen, wenn sie das finden. In tausend Jahren. Dann hat er mich gefragt, warum ich nicht gewartet hätte. Sei ja schließlich dafür bezahlt, auf ihn zu warten. Junger Mann, hab ich gesagt, der Tote da hat wahrscheinlich auf sie gewartet. Als er noch lebte.

Jetzt muss sie über die Straße. Rüber zu Netto. Kein Problem, wenn sie nur im Rhythmus bleibt. Ein Bein gerade vor, ein Bein wegrollen. Wenn sie kleine Beutel Kartoffeln haben, werd ich doch welche kaufen. Dann kann ich morgen in der Wohnung bleiben. Wie sich das gehört für Scheintote, knurrt sie.

Die kriegt nie Briefe, sagt der Postbote und nickt mit dem Kopf in Richtung Straße. Hüftschaden. Potenzielle Kundin.

Bist ein wandelndes Einwohnermeldeamt. Der Bestattungsunternehmer grinst und reibt sich den Fuß.

Sie hat alles im Blick. Um die Zeit ist der Verkehr nicht mehr so schlimm. Also über die Straße. Ah. Falsche Bewegung.

Die Straßenbahn, murmelt der Bestattungsunternehmer. Hätte mir heute fast einen Radfahrer beschert.

Die sollte losmachen, sagt der Postbote.

Pause machen. Kurze Pause. Die blöde Hüfte muss erst wieder einrasten. Kartoffeln adé.

Ist die auch blind, brüllt der Bestattungsunternehmer.

Nur ne Hüfte, kickst der Postbote und erhebt sich vom Stuhl. Ist nur ne Hüfte. Was da von rechts kommt, sieht nicht gut aus. Sie sollte jetzt wirklich in Schwung kommen.

So ne Straßenbahn, sagt der Bestattungsunternehmer, hat doch Bremsen.

Das will ich nicht sehen, ruft der Postbote.

Macht keinen Sinn, denkt sie. Hüfte blockiert. Gucken wie beim Hund. Dann bleiben vielleicht auch Straßenbahnen stehen.

Der Bestattungsunternehmer fuchtelt mit den Armen und stellt den verletzten Fuß auf den Boden.

Die Straßenbahn fängt an zu kreischen.

Keine frische Unterwäsche an, denkt die alte Frau.

Scheiße, sagt der Postbote.

Gebrochen der Fuß, fühlt der Bestattungsunternehmer.

Die Straßenbahn bleibt stehen. Zwei Meter vor der alten Frau.

Der Postbote setzt sich. Der Bestattungsunternehmer grinst ihn dumm an.

Die alte Frau wird vom Straßenbahnfahrer beschimpft.

Muss er aufs Land gehen, murmelt der Postbote. Da passiert ihm das nicht. Und siehst du, sagt er. Alles potenzielle Kunden hier. Haben keinen, der ihnen über die Straße hilft. Du musst nur warten. Wie die Spinne im Netz. Sitzen und warten.

Bist du blöd, sagt der Bestattungsunternehmer. Und, scheiß Stadt, sagt er. Die sollen im Bett sterben, nicht auf der Straße. Ich will sie nur begraben. Nicht sterben sehen.

Ach, im Bett sterben, sagt der Postbote und geht zur Tür. Ist hier auch kein Vergnügen. Nachher findet sie noch so einer wie ich. Mit einem himmelblauen Negligé mit rosaroten Rosen drauf im Gepäck.

00:00 12.04.2002

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