Stadtmusik und Lärmgenuss

Klangplatz Es gibt Momente, in denen man im weichen, leisen Nichts versinken möchte, in vollkommener Ruhe. ...

Es gibt Momente, in denen man im weichen, leisen Nichts versinken möchte, in vollkommener Ruhe.

An der Technischen Universität in Berlin gibt es einen schalltoten Raum. Wer ihn betritt, geht nicht auf dem Boden, sondern balanciert auf einem Netz das den Raum in der Horizontalen teilt. Alle Seitenwände sowie Boden und Decke sind mit Schaumstoffkeilen ausgekleidet, die den Schall schlucken. Die Stimmung ist beklemmend, die Kulisse unwirklich, wenn man dort auf dem Netz schwebt.

Aber still ist es hier nicht. Im Gegenteil, es surrt und pocht. Man hört das eigene Blut und den Herzschlag und fühlt sich unangenehm eingenommen und belebt. Stiller als schalltot gibt es nicht, also gibt es keine Stille. Oder der Mensch kann sie nicht hören, weil er sich selbst immer mithört. Wenn er sich nicht mehr hört, ist er meistens tot. Was wir als Stille bezeichnen, bleibt durchsetzt von unkontrollierbaren Lebensgeräuschen, die in uns ein Eigenleben führen. Kann man da ein Recht auf Ruhe fordern?

John Cage hat Geräusche geliebt. Er wohnte mitten in New York und hat den Straßenlärm genossen, das Telefon nie leise gestellt. Als einmal seine Freunde einen Tisch für das Abendessen durch den Raum schoben, stürzte er beglückt herein und fragte "Was war da eben für ein schöner Klang?"

John Cages Vater war Erfinder. Er sagte seinem Sohn, "dass der Satz ›das kann ich nicht‹ einem zeigt, was zu tun ist" und Cage junior setzte sich freundlich aber bestimmt über die europäisch-traditionellen Grundprinzipien von Musik hinweg. Am 29. August 1952 gab er zusammen mit dem Pianisten David Tudor ein Wohltätigkeitskonzert in der Maverick Concert Hall von Woodstock. Das vorletzte Stück auf dem Programm war eine Komposition von John Cage, die Tudor präsentierte: Er drückte eine Stoppuhr, setzte sich ans Klavier, schloss den Klavierdeckel und führte 4´33´´ Stille - Nicht-Stille - vor. Es war eine Stille, die intendierte, kontrollierte Klänge ausschloss und die konkrete Geräuschkulisse der Aufführungssituation zur Musik machte. Jedes zufällige Räuspern, Stuhlrücken oder Zähneknirschen war als ästhetische Realisation der Komposition willkommen - 4´33´´ wurde zum berühmtesten Stück John Cages.

Seine Liebe zu Geräuschen lässt sich mindestens bis 1935 zurückverfolgen. In diesem Jahr schloss er Bekanntschaft mit Oscar Fischinger, der abstrakte Filme zu Musik produzierte. Cage wurde sein mitgestaltender Assistent, nicht nur musikalisch: "Ich bewegte verschiedenfarbige an Drähten aufgehängte Pappkartons. Ich hatte eine lange Stange mit einer Hühnerfeder, die ich bewegte und dann wieder still hielt". Fischinger traf Cages Faible für Experimente. Einer seiner zentralen Sätze war: "Alles in der Welt hat seinen eigenen Geist, und dieser Geist wird hörbar, wenn man ihn in Schwingung versetzt", und Cage machte sich auf, die klingende Welt zu erkunden. Er gründete ein Laien-Schlagzeugensemble, die meisten Mitglieder waren Buchbinder. Instrumente fanden sich kostengünstig auf Schrottplätzen oder in Trödelläden. Jeder Gegenstand wurde zum potentiellen Klangkörper. Er wollte seine Kunst aus dem Leben schöpfen und nicht isoliert begreifen. Und er wollte Neues schaffen, sich weder abgrenzend noch weiter entwickelnd an der europäischen Tradition orientieren. Diese Tradition hatte sich bisher kaum auf zufällige Geräusche eingelassen, also nahm Cage sich ihrer an. Sie entpuppten sich für ihn als Quelle einer permanenten, bisher vernachlässigten Alltagsmusik. Genauso verhielt es sich mit der Stille. Traditionell wurde ihr nur dramaturgische Funktion zugestanden. Cage machte sie zum unabhängigen Bestandteil seiner Musik.

Ob man ihn als Komponisten bezeichnen mochte oder seine Musik als Musik, das war John Cage im Grunde genommen herzlich egal, schließlich war er auch bildender Künstler, Schriftsteller und ausgewiesener Pilzexperte - als Kandidat in einer italienischen Quizshow wurde er dadurch zum nationalen Star. Unbestritten ist, dass er einer der wichtigsten und einflussreichsten Komponisten des 20. Jahrhunderts gewesen ist und den Begriff davon, was Musik sei, entschieden umgekrempelt hat.

Wenn uns also Straßen-, Baby- und sonstiger Lärm über den Kopf wächst, sollten wir an den Berufs-Optimisten John Cage denken, der viel und laut gelacht hat, sollten uns 4´33´´ Zeit nehmen und genießen, dass es um uns herum so bunt tönt und lebt.


00:00 21.05.2004

Ihnen gefällt der Artikel?

Dann lesen Sie noch mehr Beiträge und testen Sie die nächsten drei Ausgaben des Freitag kostenlos:

Abobreaker Startseite 3NOP plus Verl. ZU Baumwolltasche

Kommentare